Das Leben kann sich innerhalb von wenigen Minuten ändern.

Das Leben kann sich innerhalb von wenigen Minuten ändern. Plötzlich hat man gar nichts, all das, was noch selbstverständlich erschien, ist jetzt nicht mehr greifbar. Dann stehst du da mit allem und nichts. Überfordert und ratlos, denn sowas ist dir fremd, sowas hättest du nicht erwartet. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt in deinem Leben, vielleicht wird es mit der Zeit leichter, vielleicht ist nicht für immer.

Ständig begegnen wir Menschen, denen etwas Ähnliches oder genau das gleiche passiert ist. Wir treffen sie auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg nach Hause zu unseren Familien oder beim Einkaufen, doch nehmen wir ihre Existenz nicht wahr bzw. nur für diesen einen Moment und vergessen sie spätestens an der nächsten Straßenecke wieder. Doch gerade in den kalten Jahreszeiten sollten wir uns mehr mit ihnen beschäftigen, denn es könnte uns allen passieren. Unsere Hand zu reichen und etwas tun, auch wenn es nur eine Spende ist, oder etwas Warmes kaufen, alles wäre mehr als genug. Wir alle kennen die Vorurteile und die Klischees, die Vorwürfe und die Feindseligkeit, die viele an den Tag legen, trotzdem schauen viele lieber weg oder haben Ausreden, weshalb sie nicht helfen können. Wir alle können uns in gewissen Momenten mit denen identifizieren, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Aber das sollte sich im vergangenen Winter ändern, denn ich habe mir zu Aufgabe genommen, dieses Milieu besser kennenzulernen, es anzutasten.

Also habe ich mich fürs ehrenamtliche Winternotprogramm der Stadt Hamburg angemeldet, welches in dem Zeitraum von 01.11.19 bis 31.04.2020 läuft. Es handelt sich hierbei um ein Angebot mit niedrigschwelligem Zugang, welches kostenlos ist. Es gibt 780 Schlafplätze für Obdachlose und Menschen, die keine andere Übernachtungsmöglichkeit haben. Neben dem Schlafplatz haben die Menschen Zugang zu Verpflegung, die durch Spenden von Privatpersonen, ehrenamtlichen Gruppen und der Hamburger Tafel gestellt werden, da die Behörden und der Staat keine Hilfe anbieten. Ebenfalls haben sie die Möglichkeit mit Sozialarbeitern zu sprechen, damit es ihnen gelingt aus ihrer jetzigen Situation herauszukommen. Für diejenigen unter ihnen, die aus gesetzlichen Gründen nicht in Deutschland bleiben dürfen und zurück in ihre Heimat müssen, wird auch gesorgt, meistens wird ihnen das Rückreiseticket ausgestellt.

Zu meinen Aufgaben dort gehörte das Stempeln und Ausgeben der Bettkarten, wenn nötig das Ausstellen von Ersatzbettkarten. Und das Ausgeben von Bettrollen. Aus Sicherheits- und Datenschutzgründen durfte ich leider nicht mehr machen, denn das ganze Programm baut auf Anonymität auf. Dennoch habe ich viel sehen dürfen. Ich habe Menschen mit unterschiedlichen Herkünften, Sozialem Background und Gründen kennen gelernt. Die Diversität war erstaunlich, ich konnte mich mit Menschen aus der BiPOC Community sowie der LGBT Community unterhalten. Wenn so viele Kulturen und Sichtweisen aufeinandertreffen, sind Konflikte leider keine Seltenheit. Dennoch hatte ich mir einen anderen Umgang mit Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung gegenüber den Minderheiten gewünscht. Gerade bei einem Safe Space sollte man darauf achten, dass die Richtlinien eingehalten werden und dass alle, die dort hinkommen, sich sicher und geschützt fühlen. Natürlich kann man nicht alles auf Anhieb sehen oder regeln, aber genau deshalb sollte man eine Atmosphäre erschaffen, in der sich die Suchenden aufgehoben genug fühlen, um ihre Schwierigkeiten mit den anderen den Helfer*innen mitzuteilen. Gerade bei Menschen, die sich sowieso schon vom Staat und von der Menschheit verlassen fühlen, würde das Gefühl des Verstehens Wunder bewirken. Unabhängig von der Lage, fühlt sich jeder Mensch sicherer, wenn er weiß, er kann seine Gefühle und Probleme ohne Schwierigkeiten ausdrücken. Man darf bei all dem nicht vergessen, die sind auch nur Menschen, bei dem einen oder anderen Punkt haben sie dieselben Bedürfnisse wie wir auch. Weil wir das so schnell vergessen, finde ich es gerade so wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und zu beschäftigen.

Wie schon erwähnt, könnte es jede*n von uns aus unterschiedlichen Gründen treffen und lieber sind wir darauf vorbereitet als vollkommen hilflos der Situation unterworfen zu sein. Ebenfalls hilft diese Auseinandersetzung uns dabei unsere Vorurteile zu bedenken und uns von ihnen zu lösen, denn es nur zu hören ist was anderes als es hautnah zu erleben, als es persönlich von den Menschen zu hören, den Kampf mit zu begleiten. Auch bin ich mir sicher, dass wir durch die Erfahrungen unseren Horizont erweitern und generell als Menschen wachsen. Es sind Erfahrungen, die uns prägen werden und unsere Sicht auf viele Dinge, sowie auf Menschen verändern werden. Unser Umgang mit anderen wird anders, wir fangen an öfters nachzudenken, bevor wir bestimmte Dinge sagen oder machen. Es hilft uns zu erkennen, wie wichtig Menschlichkeit ist, mit manchen hat man sogar mehr Gemeinsamkeiten als man sich denken kann. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen und es ist schön und lehrreich diese zu hören, denn die Erfahrungen und Fehler anderer Menschen können uns bei unserem Weg helfen, leiten und vor allem zeigen, worauf wir zu achten haben.

Jeder Mensch geht anders mit den Bildern um, das darf man nicht vergessen. Genau so wenig kann man davon ausgehen, dass jeder es aushalten wird oder zuhause sich davon lösen, jedoch kann man sich rantasten und schauen, wie viel man ertragen kann. Manchen wird es helfen und manche realisieren dadurch erst ihr Glück und fangen an die Dinge zu schätzen, welche sie sonst als selbstverständlich sahen. Doch am wichtigsten: die Menschen haben jemanden, der ihnen zuhört, sie haben die Möglichkeit ihre Sicht zu teilen, ohne mundtot gemacht zu werden. Das Gefühl der Geborgenheit und ein Teil von etwas zu sein ist für viele wohl das allerbeste. Es gibt da Menschen, denen es wirklich wichtig ist, dass es einem gut geht und dass man alles Nötige hat.

Es gab auch Momente, bei denen ich gerne mehr machen wollte als mir erlaubt war, doch auch diese Momente haben mich gelehrt einfach ruhig zu bleiben und zu versuchen andere Weg zu finden, wie ich helfen kann, ohne mich oder andere zu gefährden. Auch wenn mein Vorhaben nichts Gefährliches an sich ist, haben wir bestimmte Aufgaben und Regeln, an die man sich zu halten hat, unabhängig davon, wie sehr es einem fällt. Nicht mehr machen zu können ist kein Misserfolg, schon allein da zu sein ist mehr als man sich vorstellen kann. Man darf sich nicht von Misserfolgen herunterziehen lassen, jeder Tag bringt etwas Neues mit sich und gibt einem die eine neue Gelegenheit Erfolge zu feiern und die gestrigen Misserfolge zu vergessen.

Anfangs ist einem nicht bewusst, wie viel man schon mit dem Stempeln und der Ausgabe tut. Denn dadurch geben wir an der Anmeldung den Sozialarbeitern die Möglichkeit die anderen großen Aufgaben zu erledigen, denn sie werden entlastet und haben Helfer, auf die sie sich verlassen können. Solch eine Harmonie ist besonders wichtig bei diesem Programm und für alle Beteiligten auch.

von Bobette Moké

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