Engagiert im WNP. Zwischen Karten stempeln und Heiratsanträgen

Ein Bericht über mein freiwilliges Engagement im Winternotprogramm (WNP) 2019/2020. Von E.

Während die meisten von uns sich bei Nässe und Kälte in den eigenen vier Wänden verbarrikadieren, sich eine Netflix-Serie anschmeißen und eine große Tasse Tee trinken, ist uns oft nicht bewusst, dass nicht jeder Mensch das Glück hat, sich in einer so komfortablen Lage zu befinden. Und da rede ich nicht einmal von dem Netflix-Abo, das man im besten Falle monatlich selber zahlt oder von dem überteuerten Bio-Tee, der so toll gegen Schlaflosigkeit helfen soll – ich rede von den eigenen vier Wänden.

Wie viele Menschen in Hamburg von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen sind, lässt sich nur schätzen. Eine Befragung im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration ergab 2018 eine Zahl von 1910. Im Jahre 2009 handelte es sich noch um 1029 Wohnungs- und Obdachlose – eine klare Steigerung also, und die Dunkelziffer liegt womöglich noch viel höher.

Wenn die Tage kürzer werden und das Wetter immer schlechter – was passiert dann mit den Betroffenen? Wo gehen sie hin? Und wie kann man helfen?

Im Folgenden möchte ich euch einen Einblick in das Winternotprogramm der Stadt Hamburg geben und euch zeigen, worum es geht, was meine Erfahrungen waren und wie ihr euch selbst dort engagieren könnt.

Es handelt sich hierbei um „den niedrigschwelligen Zugang zu Übernachtungsplätzen und Beratungsmöglichkeiten für obdachlose Menschen […], um sie vor Kälte und Erfrierung zu schützen und Perspektiven zu klären“ (Abschlussbericht zum WNP 2017/18). Das Projekt besteht seit 1992 und bietet seit jeher vom 01. November bis zum 31. März, jeden Tag von 17 Uhr abends bis 09:30 Uhr morgens, eine Unterkunft für Wohnungs- und Obdachlose. Ohne Anmeldung. Kostenlos. Und auf Wunsch anonym.

Aktuell handelt es sich um etwa 650 Schlafplätze, verteilt auf 2 Standorte: In der Friesenstraße 22 in Hammerbrook mit etwa 400 Plätzen und in der Kollaustraße 15 in Lokstedt mit etwa 250 Plätzen.

Neben einem Bett erhalten die NutzerInnen des Winternotprogramms kostenfrei die dazugehörige Bettwäsche, Hygieneprodukte und auch Bekleidung. Bei letzterer gilt jedoch immer auf die Kleiderkammern zu verweisen – die Bekleidung, die das Winternotprogramm zur Verfügung stellt, sollen eher der Notfallversorgung dienen. Außerdem gibt es jeden Abend von 19 bis 20 Uhr eine warme Mahlzeit – ebenfalls kostenfrei. Finanziert wird das Ganze aus Lebensmittelspenden des Fördervereins. Tee, Kaffee und Wasser stehen ansonsten rund um die Uhr zur Verfügung.

Mein Engagement beschränkte sich auf den Aufnahmebereich.

Das klingt erst einmal verwirrend, wenn zuvor erwähnt wurde, dass es keine Anmeldung für die NutzerInnen gibt, lässt sich aber leicht erklären:

Damit eine Person beim Eintreffen nicht immer wieder nach einem Bett fragen muss und das Team des WNPs den Überblick behält, wie viele Betten zur Verfügung stehen, wird jeder Person eine Zimmer- und eine Bettnummer zugeteilt. So kann eine Person, die jeden Abend wiederkommt, immer wieder im ihr zugewiesenen Bett schlafen. Und damit es dabei keine Missverständnisse und Streitigkeiten gibt, werden Bettkarten ausgeteilt, auf denen die Zimmer- und Bettnummer stehen. Und diese Kärtchen bekommen die NutzerInnen im Aufnahmebereich.

An regnerischen und besonders kalten Tagen bemerkt man, dass die Wartezeit bis zur Aufnahme einen erheblichen Einfluss auf die Stimmung im Aufenthaltsraum nimmt. Dauert es zu lange, kommt es auch mal zu Auseinandersetzungen zwischen den Wohnungs- und Obdachlosen, aber auch zu lautstarken Beschwerden gegenüber den MitarbeiterInnen.

Mein Job bestand also darin, die Karten zu stempeln und die Namen in der Zimmerliste abzuhaken. Weiterhin fanden hier auch die Neuaufnahmen statt, und hier wurden Bettwäschen, Hygieneprodukte und Kleidung ausgegeben.

In der Aufnahme wird immer im Team gearbeitet – also mindestens zwei und maximal vier Personen, die dafür sorgen, dass alles rund läuft.

Ergänzt wird das Team von der Security, die im Notfall eingreift und von SozialarbeiterInnen, die sich in separaten Räumlichkeiten um die Beratung der NutzerInnen kümmern. Unterstützt werden die SozialarbeiterInnen von DolmetscherInnen.

Im Aufnahmebereich auszuhelfen, klingt für viele vielleicht erst einmal langweilig – Karten stempeln ist, um ehrlich zu sein, auch nicht die anspruchsvollste Aufgabe – aber man steht hier im kontinuierlichen Kontakt mit den NutzerInnen des WNPs und bekommt ein Gefühl für die Menschen und ihre Problemlagen. Man bemerkt recht schnell, dass man einer Person Obdach- und Wohnungslosigkeit prinzipiell nicht ansehen kann. Von Personen, die ihre letzte Kleidung am Leib tragen, bis hin zu denen in Anzügen, habe ich hier alles sehen können, und das gab mir zu denken, wie vielen Personen ich in meinem Alltag wohl über den Weg laufe, die kein Obdach haben und die im Straßenbild nicht auffallen.

Doch auch wenn es hier manchmal drunter und drüber gehen kann und man nie weiß, was einen im Dienst erwartet, gibt es immer wieder schöne, sehr menschliche Momente,

die eine Routinearbeit wie Karten zu stempeln zu etwas Besonderem machen können. Das fängt dabei an, dass die NutzerInnen des WNP einen in den Feierabend verabschieden und nachfragen, wann man wieder im Dienst ist. Dass man sich wieder auf der Straße erkennt und grüßt. Oder dass man gefragt wird, ob man zur S-Bahn begleitet werden möchte, damit man um 22 Uhr zum Schichtende keine Angst haben muss, im Dunkeln nach Hause zu kommen. Und endet manchmal auch in absurden Geschichten wie einem Heiratsantrag und dem Versprechen, dass man sich das nächste Mal nicht unter den Umständen des WNPs wiedersieht.

Zu wünschen wäre es den Menschen natürlich – aber wir müssen gemeinsam daran arbeiten, Projekte wie das WNP aufrecht zu erhalten, zu verbessern und zu ergänzen, um Wohnungs- und Obdachlosen einen guten Start in den weiteren Verlauf ihres Lebens geben zu können.

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