Ein Bericht aus dem Winternotprogramm im Schaarsteinweg

Einige meiner Kommiliton*innen engagieren sich in der „Friese” – so nennen die Mitarbeiter*innen der Winternotprogramms die andere Einrichtung in der Friesenstraße. Ich hingegen bin in der Einrichtung im Schaarsteinweg aktiv, aber hier ist nach diesem Winter Schluss. Der Standort wird aufgegeben. Einen alternativen Standort für den nächsten Winter gibt es (meines Wissens) noch nicht. Klar ist nur, die „Friese” reicht längst nicht aus… man benötigt deutlich mehr Betten als dort vorhanden sind.

Noch ist es hier aber belebt. Und so ist wieder Sonntag, halb fünf. Draußen ist es fast dunkel und ich sehe schon bei meiner Ankunft eine lange Schlange vor der Tür des Winternotprogramms. Kalt ist es. Und es kommt mir komisch vor, an den wartenden Menschen vorbei zu gehen und herzlich von den bekannten Gesichtern des Sicherheitsdienstes begrüßt und sofort hereingelassen zu werden. Die Sozialarbeiter*innen, die heute Dienst haben, kenne ich schon. So können wir uns zeitig besprechen, denn in einigen Minuten gehen die Türen auf.

Eine klare Rollenverteilung ist wichtig.

Es gibt eine klare Aufteilung: Eine Person gibt Bettkarten und Essensmarken raus, die andere markiert die ankommenden Personen in einer Liste und die dritte Person gibt Hygieneartikel oder auch mal ein Paar Handschuhe raus, sofern welche da sind. Heute gibt es fast keine Bettwäsche mehr, denn die Wäscherei kommt mit der Reinigung nicht hinterher. Jede*r neue Bewohner*in bekommt ein frisches Set, aber was machen nun die Menschen, die ihre erste Nacht im Winternotprogramm verbringen? Wissen wir momentan auch nicht, vermutlich müssen wir sie ohne Bettwäsche auf die Zimmer schicken. So wird es dann auch sein. Morgen bekommen sie dann Lacken und Deckenbezug. Hoffentlich.

Ein geheizter Wartebereich wäre doch wenigstens möglich!

Die Türen gehen auf, und die ersten zwei Personen werden hereingelassen. Mehr sind es nicht, egal wie kalt es draußen ist – die anderen Menschen müssen vor der Tür warten. Sonst wird es schnell zu unübersichtlich in der Aufnahme. Ich kann es irgendwie nachvollziehen: Für den Aufnahmeprozess wäre ein überfüllter, lauter Vorraum sicher nicht förderlich. Aber ich ärgere mich über die Politik. Schließlich sind unsere Politiker*innen in der Verantwortung. Dann muss man halt einen warmen, separaten Aufenthaltsort schaffen, an dem die Menschen warten können, bis Sie ihre Bettkarte bekommen. Oder das Winternotprogramm einfach auch tagsüber öffnen. Oder Wohnraum für alle Menschen bereitstellen…

Reich genug ist die Stadt ja. Schließlich habe wir auch Geld für einen G20-Gipfel. Ich denke darüber nach, wie die Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft stundenlang (das kann in der Tat passieren!) vor der Tür des Winternotprogramms ohne wirklich warme Jacke stehen (oder ohne Schuhe, auch das habe ich an einem anderen Sonntag hier erlebt), um sich eine Bettkarte für ein Mehrstockbett in einem Acht-Personen Zimmer abzuholen, nachdem Sie tagsüber hungrig und halb erfroren zwischen Wärmestube, Hauptbahnhof und Reeperbahn hin und her gewandert sind. Aber was träume ich… Dafür ist gerade keine Zeit.

Namenslisten, Bettkarten, Essensmarken…

Es läuft gut in den ersten 30 Minuten. Die Bewohner*innen können uns alle fix mitteilen, in welchem Zimmer und in welchem Bett sie schlafen. Wir können ihre Ankunft in der Liste notieren, Bettkarten und Essensmarken verteilen, ab und an eine Frage beantworten und freuen uns, als ein Bewohner mitteilt, dass es seine letzte Nacht sei, da er ab morgen eine Unterkunft hat.

Wir verlieren dann aber viel Zeit, denn ein Mensch hat einige Tage nicht im Winternotprogramm übernachtet und sein Bett wurde geräumt. Alleine das herauszufinden hat mindestens 10 Minuten gedauert. Seine „Habe” (also die persönlichen Dinge, die er auf dem Zimmer gelassen hat), liegen im „Habekeller“. Ich suche dort die Tüte mit seinen Sachen, kann Sie aber nicht finden. Der Aufkleber mit seinem Namen hat sich gelöst, eine Kollegin hilft und wir finden schlussendlich die für ihn so wertvollen Sachen. Ein paar Hosen, ein paar Zettel und Stifte.

Erst ab 20 Uhr wird´s ruhiger.

Ich kenne den Mann. Seitdem das Seminar und damit auch das Engagement im Winternotprogramm begonnen hat, übernachtet er im Schaarsteinweg. Der Mann ist vermutlich Ende 30 und gezeichnet von dem Leben auf der Straße. Ich denke darüber nach, wie sehr er körperlich und psychisch abgebaut hat in den letzten Monaten. Er wirkt – im Vergleich zum Herbst – abgemagerter und noch erschöpfter als er damals eh schon war. Zeit zum Nachdenken bleibt aber nicht, denn Bettkarten müssen weiter ausgeteilt werden. Erst ab 20 Uhr wird´s ruhiger. Die Schlange vor der Tür hat sich aufgelöst und vereinzelt kommen noch Menschen, die ihre Bettkarte abholen wollen oder ein Handtuch benötigen oder oder oder. Wir atmen durch.

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