Chaos in der Kleiderkammer

Es ist Freitag gegen 16:30 Uhr, ich beeile mich. Vor einer Tür auf einer abgelegenen Straße stehen Menschen in einer Schlange. Wie an jedem Freitag treffen wir uns, um uns im Winternotprogramm freiwillig für obdachlose Menschen zu engagieren. Seit knapp einem Semester kommen wir jede Woche, und jedes Mal haben wir den Eindruck, dass wir hier von den Mitarbeiter/innen nicht erwünscht sind. ,,Ach wieder diese Studenten,“ denken sie bestimmt. Jedes Mal müssen wir uns kurz vorstellen und erzählen, warum wir dort sind. Dann gibt es irritierte Blicke. ,,Jetzt muss man die auch noch unterbringen“ sagt einer.

Einweisung in die Kleiderkammer

“Wir machen immer die Kleiderkammer“ flüstert einer von uns. ,,Ach cool!“ Sofort sind alle begeistert. In der Kleiderkammer herrscht totales Chaos. Der Raum ist ziemlich klein und ohne Konzept eingerichtet. Er ist voll mit Säcken voller Spenden. ,,Tja, in der Kleiderkammer mag keiner arbeiten, deswegen sieht es hier so aus“, grinst der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Wir sind fassungslos – letzte Woche sah alles anders aus – wo fangen wir am besten an. Schuhe? Hosen? T-Shirts? Bevor wir in die Kleiderkammer dürfen, werden wir erst mal belehrt, wie wir uns zu verhalten haben.

Wir dürfen nicht alleine sein, nur zu zweit und müssen am besten immer ein ,,Walky-talky“ dabei haben. Die Obdachlosen sollen vor der Tür warten und uns sagen, was sie brauchen, wir suchen dann passende Kleidungsstücke und geben sie ihnen. Ist das eine Unterkunft für Obdachlose oder ein Hochsicherheitstrakt? Warum versuchen die Mitarbeiter/innen uns Angst zu machen? Wir haben unterschiedliche Antworten/Argumente, von ,,So sind wahrscheinlich die Vorschriften“ bis ,,Sie haben mehr Erfahrung.“

Rote Handschuhe und Adidasschuhe

Neulich hatten wir eine ,,Kundin“. Sie kam aus dem slavischsprachigen Raum, war Mitte 40 und sehr schick angezogen. Die Dame meinte, sie brauche neue Stiefel. Erstmal hat sie alles angeguckt, hat sich die schönsten ausgesucht und gefragt, ob diese aus echtem Leder seien. Wir schüttelten den Kopf. Sie legte die Stiefel wieder zurück. Leicht unzufrieden fragte sie, ob wir rote Handschuhe aus Leder oder einen roten Schal hätten. Nachdem sie alles angeschaut hatte, meinte sie, nichts davon, was wir ihr gezeigt haben, passe zu ihrer neuen Handtasche. Als sie gegangen war, kam ein Bewohner. Er wollte auch Schuhe haben – Turnschuhe und zwar nur von Adidas.

Wir haben darüber diskutiert, wie korrekt es wäre, Ansprüche zu stellen, wo man doch alles geschenkt bekommt. Am Ende sind wir zu dem Schluss gekommen, dass jede/r, auch wenn sie/er auf der Straße lebt, das Recht hat sich auszusuchen, was sie/er trägt. Wir tragen auch nicht alles und nehmen auch nicht alle Geschenke an – wir suchen es uns auch aus. Diese Menschen sind genauso wie wir – einfach mit mehr Schicksalsschlägen.

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