Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit

Welche Auswirkungen können Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf die Gesundheit eines Menschen und den Zugang zum Gesundheitssystem haben? Welche niedrigschwelligen Angebote gesundheitlicher Hilfe gibt es für die Zielgruppe wohnungs- und obdachloser Menschen in Hamburg und wie schätzen Sie diese “Ausstattung” ein?
 

Studierendenbeiträge:

Wer arm ist, ist häufiger krank und umgekehrt. Dieser Teufelskreis wird noch dadurch verschärft, dass Sucht, psychische, akute und chronische Erkrankungen häufig zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit führen und andererseitsdie Wohnungs- und Obdachlosigkeit negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Häufig geht der Krankenversicherungsschutz verloren, somit geht der Anspruch auf Behandlung sowie Medikamente verloren, die medizinische Versorgung muss außerhalb des Regelsystems stattfinden, chronische Erkrankungen vermehren sich, psychische Probleme treten vermehrt auf oder verstärken sich, dasselbe gilt für die Suchtproblematiken.

Wenn die Personen keinen Krankenversicherungsschutz genießen, ihre KV-Karte verloren haben oder aus individuellen Grünen das Regelsystem nicht in Anspruch nehmen wollen, weil sie sich beispielsweise nicht für „wartezimmerfähig“ halten (also sich für nicht vorzeigbar halten oder schon so lange auf der Straße leben, dass die Wartezimmersituation sie überfordert), sind alternative niedrigschwellige medizinische Angebote wichtig. Diese umfassen in Hamburg eine Reihe mobiler bzw. ambulanter Anbieter (Liste s. Vortrag), die sich auf hausärztliche, psychische, zahnärztliche, suchtbezogene Belange spezialisiert haben. Die Angebote bieten einen niedrigschwellen, hürdenfreien Zugang und einen Bezug zu der Lebenswelt der Zielgruppe. Es wird auf eine alltagsbasierte Kommunikation geachtet und die Öffnungszeiten an die Zielgruppe angepasst. Auch die Erreichbarkeit wird durch Mobilität oder zentral gelegene Standorte erhöht.

Zwar scheinen die meisten Angebote in Hamburg in annehmbarer Zahl vertreten, jedoch wird das Zahnmobil noch viel häufiger gebraucht, da lediglich ein Bruchteil der Bedürftigen behandelt werden kann, da es einen immensen Materialverbrauch gibt, der auch viel kostenintensiver ist als in anderen medizinischen Bereichen. Auch andere besonders teure medizinische Bedürfnisse (im Vortrag anhand des Beispiels eines künstlichen Darmausgangs) können nicht dauerhaft gedeckelt werden, hier ist eindeutig eine Verantwortlichkeit von staatlicher Seite zu fordern. Weiterhin wird bemängelt, dass die medizinischen Angebote losgelöst sind von der Sozialarbeit, letztere also nicht wirklich in die Angebote integriert ist, obwohl durch die Niedrigschwelligkeit eine gute Gelegenheit auch zur weiteren Hilfe über medizinische Bedürfnisse hinaus geboten ist. Außerdem kann nur durch nachhaltige Hilfe auch im sozialen Bereich, also eine Beendigung der Wohnungs- und Obdachlosigkeit, die medizinische Versorgung im Sinne einer stabilen Gesundheit der Betroffenen gewährleistet werden.

(Beitrag von M.W.)

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Meiner Meinung nach hat Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit einen erheblichen Einfluss auf den gesundheitlichen Zustand eines Menschen, da eine „normale“ medizinische Versorgung aufgrund des geringen, niedrigschwelligen Angebots nicht gewährleistet werden kann. Der Zugang zum Gesundheitssystem ist somit immens erschwert und wird zudem dadurch beeinflusst, dass einige obdach- bzw. wohnungslose Menschen sind nicht in die Obhut von niedrigschwelligen medizinischen Angeboten geben möchten bzw. können aufgrund von psychischen Erkrankungen. Die niedrigschwelligen Angebote haben sich meiner Meinung nach schon verbessert, da es immer mehr mobile medizinische Versorgungsstationen gibt, wodurch die von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen nicht nur eine Anlaufstelle haben, sondern mehrere. Trotzdem sind die mobilen Versorgungsstationen (wie zum Beispiel der mobile Zahnarztwagen) noch nicht ausgereift bzw. genügend vorhanden, um allen Obdach- und/ oder Wohnungslosen gerecht werden zu können, was aber höchstwahrscheinlich auch an den mangelnden Kapazitäten wie Zeit, medizinische Ausstattung sowie Arbeitskraft liegt.

(Beitrag von Aliza Jensen)

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Im Folgenden wird die Vorlesung vom 27.11.2017 zum Thema „Armut und Gesundheit: Medizinische Hilfe für Obdachlose“ hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit reflektiert.

Die Referenten Andrea Hniopek, Leiterin der Abteilung Existenzsicherung der Caritas Hamburg, und Thorsten Eikmeier, Leiter der Krankenstube für Obdachlose des Caritasverbandes Hamburg, berichten in ihrem Vortrag zum einen von ihren eigenen Erfahrungen mit erkrankten Obdachlosen, die zum Beispiel kostenlos in der Krankenstube behandelt werden können, und zum anderen erläutern sie, inwiefern der Zugang zum regulären Gesundheitssystem für wohnungs- und obdachlose Menschen besteht und welche anderen niedrigschwelligen Angebote Möglichkeiten zur Gesundheitskontrolle, Behandlung und Pflege außerhalb des Systems bieten.

Hniopek macht deutlich, dass die drei Komponenten Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit, Armut und Krankheit sich meist gegenseitig bedingen. Die Gründe für Obdach- und Wohnungslosigkeit beruhen vielfach auf mehrdimensionalen Problemlagen, die sowohl familiäre Gründe, individuelle körperliche und psychische Ursachen, als auch fehlende bzw. unzureichende Hilfen vom Staat beinhalten. Armut bedeutet in diesem Fall nicht nur einen Mangel an finanziellen Mitteln, sondern auch ein fehlendes soziales Netzwerk, einen mangelnden Zugang zu Bildung und Ausbildung, sowie  prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeitslosigkeit oder Mietschulden. Ebenso kann der Mangel an Selbstwertgefühl, an medizinischer Versorgung, an ausreichend Wohnraum und an gesunder Ernährung dazu gezählt werden. Armut ist somit ein bedeutender Faktor, der Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedingt. Zeitgleich können Menschen, die auf der Straße leben müssen oder keine eigene Wohnung besitzen, dieser Armut selten entfliehen. Aufgrund der schwierigen Lebens- und Wohnverhältnisse  werden  viele  wohnungs-  und  obdachlose  Menschen  psychisch  oder körperlich krank. Auch die häufig entwickelte Alkoholsucht, ist laut Hniopek der Versuch, die Bedingungen auf der Straße aushalten zu können. Die Betroffenen befinden sich in komplexen, mehrfach-problematischen Lebenslagen, die die Bereiche Finanzierung, Arbeit, Wohnen bzw. Unterbringung und Gesundheit umfassen. Das Leben ohne eine eigene Wohnung ist von Stress, Angst, Überlebenskampf, Stigmatisierung, Schutzlosigkeit und Ausgrenzung geprägt. So kommen Aspekte wie eine negative Schufa, fehlende Papiere, Überschuldung, unsichere Arbeitsbedingungen, Niedriglohnsektor und Armutsprostitution zusammen mit unzumutbaren Wohnverhältnissen und Obdachlosigkeit. Oft fehlt der Krankenversicherungsschutz und es besteht kein Anspruch auf eine medizinische Behandlung und Medikamente. Trotzdem benötigen die wohnungs- und obdachlosen Menschen Hilfe, um chronische und psychische Erkrankungen, sowie Suchtprobleme bewältigen zu können. Es handelt sich um eine Spirale, aus der die Betroffenen oftmals alleine keinen Ausweg sehen (vgl. Hniopek/ Eikmeier 2017, S. 1-13).

Hniopek hebt hervor, dass obdachlose und wohnungslose Menschen nicht nur einen niedrigschwelligen Zugang zu medizinischen Behandlungen brauchen, sondern besonders aufgrund der komplexen Problemlagen auf Beratung, Pflege und Unterstützung angewiesen sind. Es fehlen aber ausreichende Hilfen des Staates, die Menschen, welche einen schlechten Zugang zum regulären Gesundheitssystem haben, dabei unterstützen können den oben genannten Kreislauf zu durchbrechen. Im Krankenhaus findet oft nur eine Notversorgung statt, wenn ein alarmierender Zustand vorliegt. Nach der Behandlung werden die Menschen allerdings wieder entlassen und viele von ihnen müssen zu ihrer vorherigen Unterbringung, wozu auch das Leben auf der Straße zählt, zurückkehren. Ebenso besteht die Problematik, dass viele der betroffenen Menschen das reguläre Gesundheitssystem nicht nutzen wollen oder können, weil ein Mangel an Krankenversicherungsschutz vorliegt, die Krankenversicherungskarte fehlt oder individuelle Gründe vorliegen, wie zum Beispiel nicht wartezimmerfähig zu sein (vgl. ebd., S. 12).

Die Caritas Hamburg versucht aus diesem Grund Angebote zu schaffen, die auch von dieser großen Gruppe in Armut lebender Menschen angenommen werden können. Die Angebote richten sich somit nicht nur an arme, wohnungs- und obdachlose Menschen, sondern auch an geflohene oder illegalisierte Menschen, Migranten, Menschen ohne Versicherung sowie den verarmten Mittelstand, bei dem keine Krankenversicherung besteht. Hervorzuheben ist, dass jeder Mensch, der zu einer Einrichtung oder einer der mobilen Stationen kommt und Hilfe benötigt, behandelt wird. Die Angebote richten sich somit allgemein an alle Menschen, die einen schlechten Zugang zum regulären Gesundheitssystem haben und existenzunterstützende Hilfe benötigen (vgl. ebd., S. 14f.).

Die Caritas Hamburg bietet medizinische Behandlungen und Pflege in festen Einrichtungen wie der Krankenstube oder der Praxis ohne Grenzen an. Ebenso gibt es eine Vielzahl an mobilen Behandlungsstationen wie das Arztmobil oder das Zahnmobil, welche medizinische Untersuchungen und medikamentöse Behandlungen durchführen. Hniopek betont die Wichtigkeit niedrigschwelliger Hilfe in diesem Bereich. Das bedeutet, dass der Zugang zu den Angeboten hürdenfrei und somit unabhängig von Einkommen, Geschlecht, Familienstand, körperlichen und psychischen Einschränkungen, Aufenthalt-Status, Sprache oder sexueller Ausrichtung sein sollte. Ebenso bedeutend ist die räumliche Erreichbarkeit, Mobilität und der Zielgruppe angepasste Öffnungszeiten. In vielen Fällen handelt es sich um aufsuchende Arbeit, das bedeutet, dass die Sozialarbeiter zu den Betroffenen gehen oder eine mobile Station räumlich orientiert nahe der Zielgruppe aufgebaut wird. Dabei wird versucht zielgruppenorientiert zu arbeiten und einen Lebensweltbezug herzustellen. Die Sozialarbeiter beachten die geringe Verbindlichkeit der Adressaten ebenso wie eine alltagsbasierte Kommunikation. Die Struktur der Angebote beruht auf einem vernetzten Hilfesystem, oft können die Sozialarbeiter aber nur verweisend beraten und die Betroffenen zu geeigneteren Stellen weiterleiten (vgl. ebd., S. 13-17).

Neben der medikamentösen Behandlungen, welche oft ehrenamtlich von Ärzten durchgeführt werden, liegt die Schwerpunktpraxis aus Sicht der sozialen Arbeit in dem Verweis an Einrichtungen und Institutionen, in der Beratung und Informationsweitergabe über das vorhandene Hilfesystem, der Organisation und Koordinierung von Terminen, der Beratung und Unterstützung bei Fragen zu fehlender Krankenversicherung und fehlendem Leistungsbezug, der Organisation und Beschaffung von Hilfsmitteln wie Spenden, sowie der Organisation von Sprachkompetenz. Besonders wichtig ist die Vermittlung in Unterkünfte, damit die wohnungs- und obdachlosen Menschen nach ihrer körperlichen Gesundung nicht mehr dem psychischen Stress ausgesetzt sind, der entsteht, wenn Menschen auf der Straße leben müssen, und eventuell so eine positive Struktur in ihrem Alltag zu entwickeln. Dies ist ein wichtiger Schritt, um aus dem Kreislauf aus Krankheit, Wohnungslosigkeit und Armut ausbrechen zu können (vgl. ebd., S. 32). Hniopek und Thiele (2017) beschreiben den Zusammenhang so:

Bei allen Überlegungen und Erwägungen muss klar und deutlich gesagt werden, in Wahrheit ist es so, dass physische und psychische Gesundung eine sicher(sic!) Wohnung oder mindestens gesicherte menschenwürdige Unterkunft voraussetzt! (ebd., S. 36)

Nach der Darlegung des Zusammenhangs vom sozioökonomischen Status und Gesundheit bzw. Zugang zum Gesundheitssystem, wird abschließend die Ausstattung der niedrigschwelligen Angebote gesundheitlicher Hilfen persönlich eingeschätzt.

Hniopek und Eikmeier zählen in ihrem Vortrag eine Vielzahl an Einrichtungen und mobilen Stationen auf, die medizinische Hilfe und Pflege anbieten. Viele Ärzte arbeiten ehrenamtlich zum Beispiel inm Zahnmobil, der Zahnambulanz und dem Krankenmobil, um nur einige zu nennen. In der Krankenstube und der Schwerpunktpraxis werden zusätzlich Sozialarbeiter beratend tätig und unterstützen die wohnungs- und obdachlosen Menschen über die medikamentöse Behandlung hinaus auch in den Bereichen Unterbringung, Leistungsbezug und Arbeit. Trotzdem ist oft nur eine verweisende Beratung möglich und schon dafür fehlen zusätzliche Räumlichkeiten.

Ich finde es besonders wichtig, dass die Beratung und strukturelle Unterstützung der wohnungs- und obdachlosen Menschen weiter ausgebaut wird. Die medizinische Behandlung hat einen ebenso großen Stellenwert, aber dort schätze ich die Ausstattung relativ gut ein. Wie Hniopek berichtet, sind die mobilen Stationen sehr gut besucht. Zwar können oft gar nicht alle Betroffenen behandelt werden, aber in ihrem Vortrag ist auch deutlich geworden, dass die komplexen Mehrfachproblemlagen nicht nur  durch eine medizinische Behandlung gelöst werden können. Ich kann mir vorstellen, dass viele wohnungs- und obdachlose Menschen das Vertrauen in die staatliche Hilfe verloren haben und somit mutlos sind, neue Schritte in Richtung Wohnung und Arbeit zu gehen. Deswegen ist es meiner Meinung nach wichtig, diesen Menschen Hilfe anzubieten, sie in dem Wiederaufbau eines geregelten Alltags abseits der Straße zu unterstützen. Aus diesem Grund sollte neben den Sozialarbeitern auch vermehrt psychologische Hilfen ausgebaut werden, es müssten zusätzliche Räumlichkeiten für Beratungen eingerichtet werden und die Möglichkeit,  dass Anträge für  Leistungsbezüge gemeinsam von den Betroffenen mit geschulten Sozialarbeitern ausgefüllt werden können.

Eine große Herausforderung stellt die Finanzierung dieser strukturellen Weiterentwicklung in der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe dar. Um Räume für Beratungen zu schaffen, wäre es vielleicht eine Möglichkeit, wenn vorhandene Büros, Praxen oder Einrichtungen für einige Stunden in der Woche einen Teil oder die gesamte Etage des Gebäudes für solche Zwecke zur Verfügung stellen. Eventuell ist es möglich, dass diese Räume genutzt werden können, anstatt dass sie nach Arbeitsschluss ab 18:00 Uhr leer stehen. Dort könnten dann zum Beispiel für zwei Stunden Sozialarbeiter beratend tätig werden oder bei dem Ausfüllen von Anträgen behilflich sein.

Meiner Meinung nach hat die Caritas bereits ein sehr starkes, durchdachtes Angebot geschaffen und ich denke dieses wird stetig anhand der aktuellen Bedingungen weiterentwickelt. Wie in einigen anderen Vorträgen der Ringvorlesung gehört, werden zur Zeit verschiedene Experimente zu Unterbringungsmöglichkeiten von Obdachlosen durchgeführt, wie zum Beispiel ein Haus, in dem Wohngemeinschaften von Studenten und obdachlosen Menschen gebildet werden, und es werden Befragungen durchgeführt, aus welchen Gründen die Betroffenen das reguläre Gesundheitssystem nicht nutzen können oder wollen. Diese Informationen und Erfahrungen werden dann zeitnah ausgewertet und es wird versucht passende Angebote und Projekte ins Leben zu rufen.

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass meiner Meinung nach schon sehr viele, gut funktionierende Projekte für wohnungs- und obdachlose Menschen, für Migranten und Menschen ohne Krankenversicherungsschutz umgesetzt werden. Weiterhin glaube ich, dass eine stetige Weiterentwicklung möglich ist und bereits von einigen Stellen, zum Beispiel von der Caritas Hamburg, angegangen wird. Ich würde mir wünschen, dass all die engagierten und ehrenamtlich tätigen Menschen nicht nur personell, sondern auch finanziell, zum Beispiel vom Staat oder großen Firmen, unterstützt werden.

(Beitrag von C.R.)

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