Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit

Welche Auswirkungen können Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf die Gesundheit eines Menschen und den Zugang zum Gesundheitssystem haben? Welche niedrigschwelligen Angebote gesundheitlicher Hilfe gibt es für die Zielgruppe wohnungs- und obdachloser Menschen in Hamburg und wie schätzen Sie dieses Angebot ein?

„Allem voran geht es um die Wahrung der Menschenwürde. Nur wer sich sicher fühlt und physisch und psychisch ‚normal‘ leben kann, der kann gesund bleiben bzw. schneller genesen.“

Durch Wohnungs- und Obdachlosigkeit haben Menschen schlechten bis gar keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Insbesondere diejenigen Menschen, die auf der Straße leben müssen und keine Unterkunft zum Schlafen, zum Aufwärmen (insbesondere in der kalten Jahreszeit) und für Hygienemaßnahmen haben, sind gesundheitlichen Risiken Tag für Tag ausgesetzt. Des Weiteren ist unumstritten, dass wohnungs- und obdachlose Menschen zumeist keinen Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung mehr haben. Ursachen können dafür persönliche Risikofaktoren sein. Darunter fallen beispielsweise Trennung, Gewalt, Sucht oder psychische Situationen.

Erkrankt oder verunfallt nun ein wohnungs- oder obdachloser Mensch, so ist die Scheu groß, einen Arzt aufzusuchen. Einerseits schämen sich viele der Menschen für ihre Situation, andererseits stoßen sie stellenweise auf Widerstand und werden sozusagen „vor die Tür gesetzt“. Außerdem fehlt es vielen der betroffenen Menschen an Wissen über ihre rechtlichen Ansprüche.

Die im Vortrag angesprochene Untersuchung von Todesfällen von Wohnungslosen in Hamburg (Asseln, 2018) zeigt in diesem Zusammenhang, dass vielen dieser Menschen hätte geholfen werden können, hätten sie einen Zugang zum Gesundheitssystem gehabt und wären sie untersucht worden. Denn viele der Krankheiten hätten gut behandelt werden können.

Im Zuge des Vortrags von Thorsten Eikmeier und Sören Kindt von der Caritas werden weiterhin niedrigschwellige Angebote für wohnungs- und obdachlose Menschen aufgezeigt. Diese sollten so gestaltet sein, dass ein hürdenfreier Zugang geschaffen ist. Außerdem sollten die Hilfen gut erreichbar sein und entsprechende Öffnungszeiten haben oder durch Aufsuchen der Betroffenen vorangetrieben werden. Wichtig ist im Generellen das Zusammenwirken von Medizin, Pflege und sozialer Arbeit. Eine Verlässlichkeit sollte auf beiden Seiten vorhanden sein, dennoch muss berücksichtigt werden, dass die zu behandelnde Person nicht gleich alleine gelassen wird, sollte sie beispielsweise mal einen Termin – beispielsweise für einen Verbandwechsel – nicht wahrgenommen haben.

Für den Raum Hamburg gibt es unterschiedliche, vielfältige Angebote für Obdachlose. Unter anderem das Gyn-Mobil für gynäkologische Probleme, das Krankenmobil und die Krankenstube, das Arztmobil, die Praxis ohne Grenzen und viele mehr. Alle Angebote sind meines Erachtens nach wichtig und sollten als Hilfe für Obdachlose zur Verfügung stehen. Probleme sind dahingehend vorzufinden, dass die Finanzierung dieser Angebote häufig problematisch ist. Daraus folgt, dass eine mangelnde Ausstattung eine angestrebte Versorgung teilweise nicht realisierbar macht. Da ein großes Ausmaß an Wohnungs- und Obdachlosigkeit vorherrscht, sollte es umso mehr im Verantwortungsbereich aller liegen, solche Hilfen zu gewähren. Wie zum Ende des Vortrages so schön erwähnt wurde, sollte an die Menschenwürde gedacht werden. Nur wer sich sicher fühlt und physisch und psychisch „normal“ leben kann, der kann gesund bleiben bzw. schneller genesen.

– von Isabelle –

“Die Stigmatisierung der Betroffenen findet auch im Wartezimmer einer Arztpraxis statt.”

Wohnungs- und Obdachlosigkeit umfasst eine Lebenswelt, die sowohl körperlich als auch psychisch belastend auf die Betroffenen wirkt. So berichtet Nina Asseln, dass die Auswertung in ihrer Doktorarbeit ergeben hat, dass eine obdachlose Person im Durchschnitt nur 49 Jahre alt wird. Die berechnete Lebenserwartung der durchschnittlichen Bevölkerung liegt etwa 30 Jahre höher.

Der Mangel an Stabilität und Privatsphäre spielen hierbei eine große Rolle für die psychische Gesundheit. Sie sind aufgrund der Stigmatisierung oft sozial isoliert und müssen zudem mit prekären Lebenssituationen klarkommen. Obdachlose sind öfter Opfer von Gewalt und sind tagtäglich damit konfrontiert, sich etwas einfallen zu lassen, um nicht attackiert oder ausgeraubt zu werden. Sei es die Vermeidung von Tiefschlafphasen, das Schlafen in Gruppen oder alleine an abgelegeneren Orten – oder das Verstecken der eigenen Besitztümer. All das sind Alltagssituationen, die auf die Psyche Einfluss nehmen.

Weitere Problematiken sind der fehlende Schutz vor Witterung, unzureichende Möglichkeiten ihrer Hygiene nachzugehen und eine ungesunde bzw. unzureichende Ernährungsweise.

Dass Obdachlosigkeit krankmacht, lässt sich sowohl anhand von Aspekten auf der Mikro- als auch der Makroebene erklären. Einerseits sehen wir auf der Makroebene, dass Obdachlose teilweise durch das Raster des Gesundheitssystems fallen und somit keine Regelversorgung geleistet wird. Gründe hierfür sind bspw. ein mangelnder Krankenversicherungsschutz, das Fehlen einer Krankenkassenkarte oder mangelndes Wissen um die rechtlichen Ansprüche. Des Weiteren haben Personen aus Nicht-EU-Ländern oftmals gar keinen Leistungsanspruch.

Auf der Mikroebene kommen individuelle Gefühlslagen hinzu, die den Gang in eine Arztpraxis erschweren, auch wenn man krankenversichert ist. So macht die Stigmatisierung der Betroffenen auch keinen Halt vor dem Wartezimmer einer Arztpraxis. Die Hilfesuchenden sind auch hier den Blicken anderer ausgesetzt, sei es das Personal selbst oder die wartenden Patient*innen. Gefühle wie Scham, Angst und/ oder eine fehlende Wartezimmerfähigkeit aufgrund einer Suchterkrankung sind Problematiken, mit denen Obdachlose sich oft auseinandersetzen müssen und aufgrund derer sie den Weg zum Arzt teilweise bewusst meiden.

Um Betroffene dennoch in das Hilfesystem einzugliedern, wurden niederschwellige Hilfen entwickelt. Der Fokus liegt immer auf der Niedrigschwelligkeit der Angebote. Betroffene sollen dadurch eine Hilfe finden, die nicht von ihrem Einkommen, dem Geschlecht, Familienstand, einer Behinderung, dem Aufenthaltsstatus, ihrer Sprache, sexuellen Orientierung, Sucht usw. abhängig ist. Des Weiteren wird versucht, sich an die Lebensrealität der Betroffenen anzunähern, sei es durch angepasste Öffnungszeiten, alltagsbasierende Kommunikation oder die geringe Verbindlichkeit. Aufsuchende Angebote machen immer noch einen großen Teil der Hilfen aus, da die Betroffenen oftmals in ihrer Mobilität eingeschränkt sind.

In Hamburg sind die medizinischen Hilfsangebote für Obdachlose gut vernetzt, und es wird eine interdisziplinäre Arbeit angestrebt, die Medizin, Pflege und Soziale Arbeit verbindet.

Folgende Hilfen werden angeboten:

  • Zahnmedizinische ambulante Angebote (Zahnmobil + Zahnambulanz)
  • Allgemeinmedizinische ambulante Angebote (Mobile Hilfen + Arztpraxen)
  • Stationäre pflegerische Angebote (Krankenstube + Krankenwohnung)
  • Psychiatrische Angebote (Aufsuchende Angebote + Sprechstunden)

Die Diversität von Angeboten in Hamburg ist beeindruckend und zugleich erschreckend. Die zahlreichen Dienste, die zum Großteil nicht ausfinanziert und deshalb durch Spenden aufrechterhalten werden, bilden die Grundlage eines sekundären Gesundheitssystems und spiegeln die ungenügenden Hilfen des Staates wieder. So gut wie private Hilfen auch sein mögen, ist deren Existenz immer auch ein Zeichen für die Verschiebung von Verantwortungsbereichen und Kosten. Aus Finanzierungsgründen kann die Qualität der Versorgung durch Privatpersonen nicht mit der Regelversorgung mithalten, wodurch es zu einer Versorgung auf einem Substandard kommt. Von Bürger*innen kann und sollte nicht erwartet werden die Lücken des Systems durch Ehrenämter zu füllen, dennoch sind die bestehenden Hilfsangebote eine notwendige Überbrückung der aktuellen Zustände.

– von Emel –

„Das größte Problem bei allen Hilfsmaßnahmen, vor allem den niedrigschwelligen, stellen die finanziellen Mittel dar. Diese sind meistens ungenügend und die Mitarbeiter arbeiten zum größten Teil ehrenamtlich“

Wohnungs- und Obdachlosigkeit hat neben den sozialen Risiken wie beispielsweise der Ausgrenzung auch erhebliche gesundheitliche Risiken. Wohnungslose Menschen haben im Gegensatz zu anderen sozialen Gruppen einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand. Zu den Krankheiten gehören neben den körperlichen Erkrankungen auch die psychischen Störungen. Häufig sind wohnungslose Menschen von einer erhöhten Multimorbidität betroffen. Dabei gehen oftmals Ersterkrankungen voraus, die eigentlich bei ärztlicher Betreuung gut behandelbar wären.

Durch den fehlenden Krankenversicherungsschutz der meisten wohnungs- und obdachlosen Menschen besteht in unserem Regelsystem kein Anspruch auf Behandlung und Medikamente. In manchen Fällen besteht zwar noch ein Krankenversicherungsschutz aus der Vergangenheit, jedoch kommt es immer wieder vor, dass die Krankenversicherungskarte verloren gegangen ist oder geklaut wurde. Ist keine Karte mehr vorhanden, kann der Krankenversicherungsanspruch nicht wahrgenommen werden. Das Beantragen einer neuen Karte und die damit verbundenen bürokratischen Prozesse stellen ebenfalls eine Hürde des Zugangs zum Gesundheitssystem dar. Eine weitere Auswirkung stellt das fehlende Wissen der Betroffenen in Bezug auf niedrigschwellige Ansprüche dar. Jedoch können auch vorangegangene Erfahrungen wie Abweisungen oder auch fehlende „Wartezimmertauglichkeit“ zur Hürde werden.

Auf Grund dieser Auswirkungen werden im Hamburg immer mehr dieser niedrigschwelligen Angebote für Wohnungslose und Obdachlose neben dem bestehenden Versorgungssystem installiert. Die Caritas Hamburg ist dabei ein Vorreiter. Diese bietet verschiedene Hilfen an, um möglichst alle Betroffenen anzusprechen und erreichen zu können. Neben den regulären Arztpraxen und Schwerpunktpraxen sind vor allem „aufsuchende“ Angebote zu nennen. Zum einem gibt es die Krankenmobile und Zahnmobile, die bestimmte Touren und Standorte abfahren, und zum anderen das aufsuchende Angebot von StraßensozialarbeiterInnen in Begleitung von ÄrztInnen als sogenannte „Straßenvisite“. Die Straßenvisite ist für diejenigen wichtig, die auf Grund von körperlichen oder psychischen Einschränkungen andere Angebote nicht mehr wahrnehmen können und somit beispielsweise die Krankenmobile an den Standorten nicht mehr aufsuchen können.

Das Angebot für stationäre Angebote hat die Caritas als Ergänzung zu den schon bestehenden Krankenhäusern um eine Krankenstube erweitert. Diese befindet sich im alten Hafengelände und bietet Platz für 20 Patienten, die eine Verweildauer von ca. 40 Tagen haben dürfen. Dies ist notwendig, um eine gewisse Fluktuation zu bieten und um nicht als alternative Lebensform in Betracht gezogen zu werden. Der Bedarf an stationären Behandlungen auf Grund der erhöhten Morbidität übersteigt jedoch die 20 bestehenden Betten. Die Krankenstube wird rein durch Spenden und Eigenmittel finanziert, wodurch es zwar ein 3-Schichtsystem der Pflege das ganze Jahr über gibt, jedoch nur einen Allgemeinarzt, der einmal in der Woche visitieren kommt. Treten neben den Visitentagen Komplikationen auf, müssen die Ärzte in ihren ambulanten Praxen aufgesucht werden. Des Weiteren besteht oftmals ein Mangel an Materialien wie beispielsweise für spezielle Wundverbände, die dann nur mit unzureichenden Wundauflagen versorgt werden können. Durch diesen Mangel ist die eigentlich angestrebte Versorgung nicht möglich.

Auch wenn natürlich Mängel bestehen, finde ich das Angebot in Hamburg im Gegensatz zu anderen Städten in Deutschland schon vielfältig ausgereift. Das größte Problem bei allen Hilfsmaßnahmen, vor allem den niedrigschwelligen, stellen die finanziellen Mittel dar. Diese sind meistens ungenügend und die Mitarbeiter arbeiten zum größten Teil ehrenamtlich.

– von Elisa Brauchle –

„Ich bin der Ansicht, dass mobile Hilfen eine gute Möglichkeit der Erstversorgung sind. Die bestehenden Hemmschwellen des staatlichen Gesundheitssystems werden verringert und mehr Menschen werden erreicht“

Nur 46,6% der obdachlosen Menschen sind im Besitz einer Krankenversicherungskarte, was mehr als die Hälfte der in Obdachlosigkeit lebenden Menschen ohne direkten Zugang zur Krankenversorgung lässt. Dies ist keine Seltenheit, da bereits nach zweimonatiger Nichteinzahlung in die Krankenkasse Leistungen gekürzt werden. Weitergehend ist festzustellen, dass trotz des Besitzes einer Krankenversicherungskarte durch fehlende Einzahlungen den Besitzer_Innen nicht in allen Fällen auch Leistungen zustehen. Zusätzlich zu dem fehlenden Versicherungsschutz bestehen auch noch andere Hemmschwellen im Gesundheitssystem, die obdachlose Menschen davon abhalten, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Viele haben schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht oder ihnen ist es aus persönlichen oder physischen Gründen nicht möglich, eine Praxis aufzusuchen (eventuell sind bereits die Anreisewege ein nicht zu überbrückendes Hindernis – Kosten, Gesundheitszustand etc.). Neben dem Problem, dass oft das Wissen über bestehende Ansprüche auf gesundheitliche Versorgung fehlt, ist die Durchsetzung dieser oft mit großem bürokratischen Aufwand verbunden und die Geltendmachung nur für wenige ohne fremde Hilfe zu ermöglichen.

Viele der Betroffenen leiden unter einem sehr schlechten Gesundheitszustand. Die Lebenserwartung von obdachlosen Menschen liegt gerade mal bei 49,03 Jahren. Todesursachen sind oft Krankheiten, die leicht zu behandeln sind, wie Blutvergiftungen o.Ä. Oft handelt es sich auch um chronische Krankheiten oder Suchtproblematiken. Auch durch fehlende Hygiene und fehlenden Schutz vor Kälte etc. wird der Gesundheitszustand betroffener Menschen oft negativ beeinflusst. Dies kann z.B. zu Hautentzündungen oder Erkrankungen der Verdauungsorgane führen. Der Gesundheitszustand derjenigen, die sich in ärztliche Obhut begeben, ist oft alarmierend. Oft wird der Gang zum Arzt viel zu spät angegangen.

Niedrigschwellige gesundheitliche Hilfe in Hamburg

Wie bereits beschrieben ist der Zugang zu staatlicher Gesundheitsversorgung für viele obdachlose Menschen schwer oder gar unmöglich. Aus diesem Grund sind Angebote außerhalb des staatlichen Systems, die unabhängig von der Krankenversicherung Gesundheitsversorgung für Menschen in Obdachlosigkeit bieten, von großer Bedeutung. Wichtig ist hierbei besonders die Lebensweltorientierung. Diese beinhaltet zum einen eine Dezentralisierung der Angebote. Es muss also sichergestellt werden, dass Menschen, die nicht die Kraft oder die benötigten finanziellen Kapazitäten haben, erreicht werden. Zum anderen muss auf die besonderen Lebensumstände der Klient_Innen Rücksicht genommen werden. So müssen z.B. Öffnungszeiten und formale Angelegenheiten an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst werden. Eine Form der dezentralisierten Krankenversorgung sind mobile Angebote, z.B. das Arztmobil oder das Zahnmobil.

Ich bin der Ansicht, dass mobile Hilfen eine gute Möglichkeit der Erstversorgung sind. Die bestehenden Hemmschwellen des staatlichen Gesundheitssystems werden verringert und mehr Menschen werden erreicht. Das Problem besteht allerdings darin, dass oft nur notdürftige Behandlungen vorgenommen werden können, da die mobilen Anlaufstationen keinen Raum für gravierende Eingriffe bieten. Auch durch mangelnde finanzielle Mittel (oft nur durch Spenden finanziert) sind die Angebote häufig nicht ausreichend mit Materialien und Medikamenten ausgestattet. Trotzdem ist das Angebot wichtig und hilfreich für viele Betroffene, auch wenn oft nur essentielle Hilfe und Schmerzbehandlung vorgenommen werden kann.

Neben mobilen Angeboten gibt es auch stationäre Angebote wie die Krankenstube im ehemaligen Gesundheitszentrum St. Pauli. Hierbei handelt es sich um ein stationäres Pflegeangebot, welches eine 24-stündige Betreuung bietet. Das Angebot bietet eine gute Möglichkeit für Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen. Allerdings denke ich, dass die Anzahl der vorhandenen Plätze zu gering ist. Hinzu kommt, dass die meisten Mitarbeiter_Innen keine medizinische Ausbildung haben, sondern Sozialarbeiter_innen sind. Zwar bietet die dadurch entstehende Interdisziplinarität auch Chancen, da diese den Patient_Innen auf anderem Wege helfen können (z.B. bei der Wohnungsfindung), allerdings birgt die geringe medizinische Betreuung auch eine Gefahr und offenbart eine Schwäche des Systems. Für fachärztliche Betreuung sind die drei Schwerpunktpraxen in Hamburg daher besser geeignet, allerdings ergibt sich hier erneut die Problematik des erschwerten Zugangs und der fehlenden Zielgruppenorientierung.

Abschließend lässt sich sagen, dass es eine große Vielfalt von Angeboten in Hamburg gibt, diese sich jedoch in vielen Fällen auf eine Minimalversorgung vor Ort konzentriert. Für ambulante Pflegeaufenthalte sind die Angebote bei weitem nicht ausreichend. Zwar wurden in der Vorlesung psychische Sprechstunden einzelner Einrichtungen erwähnt, trotzdem denke ich, dass auch auf dem Feld der psychischen Erkrankungen ein Mangel an Angeboten besteht, da die bestehenden Angebote nicht für jeden zugänglich sind. Auch für Menschen mit Suchterkrankungen gibt es nicht ausreichend viele Angebote. Auch dieses Problemfeld kann nicht von der Krankenstube abgedeckt werden, da die Mitarbeitenden nicht in diesen Feldern ausgebildet sind.

– von Hanni –

„Die Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen bzw. allen Menschen unabhängig von ihrem sozialen, ökonomischen, politischen oder aufenthaltsrechtlichen Status muss Aufgabe des Staates sein“

Die Gesundheitssituation obdach- und wohnungsloser Menschen unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von jener des Restes der Bevölkerung. Ein bedeutender Punkt hierbei ist der für obdach-/wohnungslose Menschen oftmals eingeschränkte bzw. komplett verwehrte Zugang zum Gesundheitssystem. Für das Fehlen des Zugangs zum Gesundheitssystem gibt es wiederum mehrere Gründe. Grundsätzlich zu unterscheiden sind zwei Gruppen: Jene mit Krankenversicherungsschutz und jene ohne ebendiesen.

Gründe für das Fehlen des Krankenversicherungsschutzes können z.B. das Fehlen von Sozialleistungsansprüchen sein. Etwa bei Menschen aus dem europäischen Ausland, Geflüchteten, die ihren Asylantrag im europäischen Ausland gestellt haben, Menschen, die nicht lange genug sozialversicherungspflichtig angestellt waren oder Menschen ohne jegliche Papiere. Doch auch Menschen mit Sozialleistungsansprüchen sind nicht immer krankenversichert. Dies kann u.a. daran liegen, dass keine Meldeadresse vorliegt, ohne die eine Krankenversicherung im Rahmen von Hartz 4 nicht möglich ist. Auch sind viele obdach- und wohnungslose Menschen schlichtweg nicht in der Lage, die Formalitäten und Behördengänge zu bewältigen. Teilweise fehlt ihnen auch das Wissen über die Möglichkeiten, die bestehen.

Doch auch für obdach-/wohnungslose Menschen die krankenversichert sind gestaltet sich der Zugang zum Gesundheitssystem oft schwierig. Ein wichtiger Faktor dabei ist der fehlende oder eingeschränkte Zugang zu Körperhygiene. Viele obdach- und wohnungslose Menschen geben an, aus Scham nicht zum Arzt zu gehen. Die Vorstellung, ungeduscht und ungepflegt im Wartezimmer zu sitzen oder untersucht zu werden, wirkt abschreckend. Auch psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen oder Suchterkrankungen können ein Grund dafür sein, dass obdach- und wohnungslose Menschen keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen (können).

Dieser fehlende Zugang zum Gesundheitssystem, zusammen mit den Bedingungen, die die Wohnungs- und besonders Obdachlosigkeit mit sich bringen, hat Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der betroffenen Menschen. Der bereits erwähnte erschwerte Zugang zu Körperhygiene hat nicht nur Einfluss auf die Inanspruchnahme von ärztlicher Hilfe, sondern auch unmittelbar auf die Gesundheitssituation der obdach- und wohnungslosen Menschen. So sind Erkrankungen, die (zumindest teilweise) auf fehlende Körperhygiene zurückzuführen sind, unter obdach- und wohnungslosen Menschen weiter verbreitet als beim Rest der Bevölkerung. Beispiele sind hier u.a. Pilzerkrankungen, Läusebefall und Skabies. Auch die oft eingeschränkte oder ganz fehlende Zahnhygiene kann zu Erkrankungen wie z.B. Karies führen.

Neben diesen hygienisch bedingten Krankheiten stellen auch Suchterkrankungen ein häufiges Problem für obdach- und wohnungslose Menschen dar. Der fehlende Zugang zu ärztlicher Versorgung bzw. deren Nichtinanspruchnahme führt außerdem häufig dazu, dass relativ einfach behandelbare Erkrankungen einen schwereren Verlauf nehmen. Beispiele sind hier u.a. Infektionen, Intoxikationen oder Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Auch für Erkrankungen der Zähne trifft dies zu. Die Obdachlosigkeit führt außerdem zu witterungsbedingten Erkrankungen bzw. medizinischen Notfällen, die für den Rest der Bevölkerung nahezu keine Gefahr darstellen. Hier seien besonders Erfrierungen und Hitzschläge zu nennen. Außerdem werden obdachlose Menschen häufig Opfer körperlicher Gewalt. Der Einfluss der Obdach- und Wohnungslosigkeit auf die psychische Gesundheit ist ebenfalls nicht zu vernachlässigen.

Um obdach- bzw. wohnungslosen Menschen, die aus welchen Gründen auch immer keinen Zugang zum konventionellen Gesundheitssystem haben, oder diesen nicht in Anspruch nehmen können oder wollen, trotzdem eine menschenwürdige ärztliche Versorgung bieten zu können, gibt es in Hamburg eine Vielzahl niedrigschwelliger Hilfsangebote. Diese bestehen überwiegend aus allgemeinmedizinischen Angeboten, wie z.B. den Sprechstunden in Tagesaufenthaltsstellen und Schwerpunktpraxen, aber auch aus zahnmedizinischen Angeboten wie dem Zahnmobil oder der Zahnambulanz, Beratung zu Suchterkrankungen und mit dem Gyn-Mobil ist auch frauenärztliche Versorgung vorhanden.

Diese Angebote (und viele weitere) leisten zwar gute und wichtige Arbeit, können jedoch nicht die Lösung für das Problem der schlechten medizinischen Versorgung obdach- und wohnungsloser Menschen sein. Sie sind häufig unterfinanziert und von Spenden abhängig, können nicht denselben medizinischen Standard wie die regulären medizinischen Einrichtungen bieten, und bauen zu großen Teilen auf ehrenamtlicher Hilfe auf. Fachärztliche Hilfe ist deshalb für Menschen ohne Sozialleistungsanspruch durch diese Angebote kaum bzw. nicht umsetzbar. Diesen Angeboten mangelt es häufig an medizinischer Expertise insoweit, als dass zu wenige ausgebildete ÄrztInnen zur Verfügung stehen und zu viele Aufgaben von Pflegekräften, SanitäterInnen oder Quereinsteigern übernommen werden müssen. Außerdem sorgt die Abhängigkeit von Spenden für eine fehlende Kontinuität bzw. erschwert die langfristige Planung.

Die durch die vielen niedrigschwelligen Angebote ermöglichte medizinische Versorgung für obdach- und wohnungslose Menschen in Hamburg hat meines Erachtens zwei große Probleme. Zum einen ist es schlichtweg das Nichteinhalten können medizinischer Standards. Unterfinanzierte und von ehrenamtlichen HelferInnen abhängige Projekte sind in der Regel nicht in der Lage dieselben medizinischen Standards einzuhalten wie das reguläre Gesundheitssystem. Sei dies aufgrund von fehlender Ausrüstung oder Medikamenten oder fehlendem medizinischen Personal. Obdach- und wohnungslose Menschen können von den Angeboten nicht auf dieselbe Art und Weise versorgt werden wie es der/die NormalbürgerIn im regulären Gesundheitssystem wird. Es zeigt sich, dass trotz dem Versuch allen Personen eine menschenwürdige medizinische Versorgung zu bieten einige besser versorgt werden als andere. Die momentan bestehenden Angebote müssten demnach weiter ausgebaut und verbessert werden.

Dies führt mich zu Problem Nummer zwei: Die Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen bzw. allen Menschen unabhängig von ihrem sozialen, ökonomischen, politischen oder aufenthaltsrechtlichen Status muss Aufgabe des Staates sein. Dass größtenteils ehrenamtliche HelferInnen die Aufgaben übernehmen die der Staat vernachlässigt darf nicht dazu führen, dass der Staat diese als nicht nötig ansieht. Die bestehenden Angebote für obdach- und wohnungslose Menschen müssen meiner Meinung nach entweder in das reguläre Gesundheitssystem eingegliedert werden oder zumindest in großem Ausmaß vom Staat finanziert und unterstützt werden.

– von Max –

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