“Housing First ends homelessness. It’s that simple.”

Mit diesem Zitat von Sam Tsemberis schließt Karen Holzinger ihren Vortrag. Wie lauten die Kernprinzipien von Housing First, die sie vorgestellt hat? Für wen bietet das Projekt in Berlin eine Lösung – für welche Fälle hingegen nicht? Kann das Housing-First-Konzept also ein Ansatz zur Beseitigung von Wohnungs-/Obdachlosigkeit sein?

„Wohnungs- und Obdachlosigkeit muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen werden, um echte Teilhabe innerhalb der Gesellschaft und den Zugang aller Menschen in das System zu gewährleisten.“

Die Kernprinzipien, die im Vortrag zur Thematik „Housing First“ genannt wurden, lauten wie folgt: Holzinger sprach davon, dass im Ursprung acht Kernprinzipien festgehalten wurden. Sie betont, dass die einzelnen Kernprinzipien nicht voneinander als abgetrennte Einheiten umgesetzt werden, sondern stets miteinander verflochten seien.

Diese beinhalten, dass Wohnen als Menschenrecht gesehen wird, wodurch Wohnraum gestellt werden soll, ohne Erwartungsansprüche an Betroffene zu stellen. Damit soll gewährleistet werden, dass das Recht auf Wohnen nicht dem Prinzip des Verdienstes unterliegt und zur Sicherung eines menschenwürdigen Lebens beiträgt. Personen, die das Angebot „Housing First“ nutzen, wird eine eigenständige Entscheidungsmöglichkeit und Wahlfreiheit zugesprochen, sodass sie entscheiden können, wie sie leben wollen und welche Form von Hilfe sie annehmen und erhalten möchten.

Der dritte Grundsatz bezieht sich auf die Trennung von Wohnen und Betreuung, sodass Nutzer*innen eigenständig darüber entscheiden können, wie lange sie die Unterstützung in Anspruch nehmen wollen. Gleichzeitig legt dieser Grundsatz fest, dass – insofern keine Unterstützung mehr von Nöten ist – sie dennoch im bestehenden Wohnraum bleiben dürfen. Somit soll eine Trennung von Wohnen und Betreuung gewährleistet werden.

Das Kernprinzip Harm-Reduction, demzufolge die Suchtmittelreduzierung/Stabilisierung verlangt von den Inanspruchnehmenden keine Abstinenz von Drogen und Alkohol und gewährleistet, dennoch eine Betreuung und Behandlung der Betroffenen. Die Recovery-Orientierung (definiert als ganzheitliches Wohlbefinden) konzentriert sich auf das Wohlsein des Individuums und stellt das soziale Umfeld, den Grad an sozialer Inklusion und gesundheitliche Aspekte in den Vordergrund. Dadurch sollen Hilfesuchende darin gefördert werden, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnisseen gestalten zu können.

Die personenzentrierte Hilfeplanung als Kernprinzip ist bedürfnisorientiert angelegt, wodurch eine aktive Beteiligung ohne Zwangselemente hergestellt werden soll, um dem Klienten/der Klientin eine möglichst passgenaue Unterstützung, unter Berücksichtigung von Neigungen, geschlechts- und altersbedingter Besonderheiten und den vorhandenen Kräften und Fähigkeiten, zu ermöglichen.

Die aktive Beteiligung ohne Druck und Zwang beinhaltet, wie der Terminus bereits definiert, das Grundprinzip des „active engagement without coercion“. Das letzte Kernprinzip, welches genannt wurde, bezieht sich auf eine flexible Unterstützung, die zeitlich unbegrenzt in Anspruch genommen werden kann und fördert den Grundsatz – Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Zielgruppe, an die sich Housing First richtet, umfasst alleinstehende, längerfristige wohnungslose Volljährige, die staatliche Regelhilfeangebote nicht begünstigend erreichen und Individuen, die zum Aufbringen ihrer Miete fähig sind. Laut der Aussage von Holzinger greifen die Mechanismen nicht bei Menschen, die als „Hilfegeschädigte“ bezeichnet werden können und auch nicht bei Betroffenen, die keinen Anspruch nach dem SGB XII haben. Zugleich können Individuen, deren Wohnung bedroht ist, nicht ausreichend unterstützt werden.

Ob das Housing-First-Konzept als ein Ansatz zur Beseitigung von Wohnungs-/Obdachlosigkeit gesehen werden kann, lässt sich aus meiner Perspektive relativ schwer beurteilen, da ich zum ersten Mal von diesem Konzept gehört habe. Ich denke aber grundsätzlich, dass es für diejenigen, die als Zielgruppe kategorisiert werden, als wertvolle Unterstützung gesehen werden kann. Ich habe gelesen, dass laut erfassten Evaluationen verdeutlicht werden konnte, dass das Konzept Housing First, seit seiner Entstehung, eine positive Wirkung auf die Problematik der Wohnungs- und Obdachlosigkeit hat. Die präsentierten Ergebnisse von Frau Holzinger zeigen sicherlich auch auf, dass durch das Angebot eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität von Betroffenen geschaffen werden konnte und zumindest einem kleinen Teil der Betroffenen geholfen werden konnte. Ich finde es natürlich löblich, dass es solche Angebote gibt, letztlich können aber alle niedrigschwelligen Angebote das Problem der Wohnungs- und Obdachlosigkeit nicht lösen, insofern sie sich noch nicht gänzlich bundesweit etabliert haben. Der Kern der Problematik müsste von staatlicher Seite reguliert und verbessert werden und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen werden, um eine Teilhabe innerhalb der Gesellschaft und den Zugang aller Menschen in das System zu gewährleisten.

– von Jennifer Tamara Koch –

„Bei diesem komplexen Vorgehen soll stets auf die Individualität der betroffenen Menschen geachtet, sowie deren Meinung und Bedürfnisse in den Prozess miteinbezogen werden“

Das Konzept Housing First versucht einen Zugang zu gesichertem Wohnraum für obdach- und wohnungslose Menschen zu gewährleisten. Dabei geht es primär um die Schaffung einer Basis, von der aus weitere eventuelle Problematiken individueller Lebenssituationen behandelt werden können. Mit dieser dauerhaften Wohnmöglichkeit wird somit eine Art Schutzraum geschaffen.

Kernprinzipien sind deshalb das Wohnen als Menschenrecht, das keine Bedingungen zur Ermöglichung dessen erfordert. Zudem bezieht sich die Versorgung mit einer Wohnung nicht auf die Betreuung, sondern wird als Ausgangspunkt betrachtet, um die Lebenssituation der/des Betroffenen zu verbessern. Hinzu kommt das Angebot der sonstigen Hilfestellung, die jedoch nicht verpflichtend ist. Somit sind das Wohnen und die Betreuung der Menschen getrennt voneinander zu betrachten.

Trotzdem geht es um ein ganzheitliches Projekt und ein Vorgehen, bei dem auf eine Stabilisierung der jeweiligen Lebenslage Wert gelegt und beispielsweise auf die Suchtmittelreduzierung geachtet wird. Bei diesem komplexen Vorgehen soll stets auf die Individualität der betroffenen Menschen geachtet, sowie deren Meinung und Bedürfnisse in den Prozess miteinbezogen werden. Dies geschieht auf Basis der Flexibilität in Bezug auf Länge und Intensität der Hilfestellung.

Eine Lösung kann das Konzept für Menschen darstellen, die sich in herkömmlichen Hilfsstrukturen nicht zurechtfinden oder an den häufig hohen Anforderungen scheitern. Viele Menschen fühlen sich in Gemeinschaftsunterkünften nicht wohl und es bestehen meist strikte Regularien, an die sie sich nicht halten können. Privater Wohnraum kann hierfür eine Lösung sein, der diese Hürden umgeht und gleichzeitig als sichere Basis betrachtet werden kann. Trotzdem kann das Konzept keine Lösung für jede/n bieten: Für Menschen ohne Anspruch auf staatliche Unterstützung oder für solche, die sich in komplexen psychischen Problemlagen befinden, ist es kein zielführendes Konzept.

Die Idee, Menschen zunächst eine bedingungslos bestehende Basis zu bieten, von der aus sie die häufig vielschichtigen Problemlagen bearbeiten können, erscheint mit als eine sehr sinnvolle Herangehensweise. Ob durch ein einzelnes Projekt, das von einem kapitalistischen und leistungsorientierten System umfasst ist und auch durch eben dieses nicht flächendeckend eingeführt werden kann, Obdach- und Wohnungslosigkeit beseitigt werden kann, ist durchaus als utopisches Ziel infrage zu stellen. Ich glaube nicht, dass eine Möglichkeit besteht innerhalb dieses Systems Obdach- und Wohnungslosigkeit tatsächlich zu beseitigen. Menschen haben individuelle und komplexe Problemlagen, die häufig durch die hohen gesellschaftlichen Anforderungen und das erhebliche Risiko durch das System hindurch zu fallen, noch verschlimmert werden. Trotzdem empfinde ich es als sehr wichtig, derartige Projekte weiterzuführen und flächendeckender in Deutschland und insbesondere in großen Städten einzuführen, um ein Umdenken der Gesellschaft zu initiieren und somit einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Obdach- und Wohnungslosigkeit einzuleiten.

– von Jenny Lutz –

„Housing First bietet mit diesen Prinzipien vor allem den Menschen eine Lösung, die am gewöhnlichen Hilfesystem scheitern, welches oft zu viele Hürden und Anforderungen stellt […]“

Das namensgebende Kernprinzip von Housing First ist das zur Verfügung stellen von privatem Wohnraum als Grundlage des Hilfesystems. Betroffene sollen sich nicht in einem Stufensystem für eine Wohnung qualifizieren, sondern diese ohne besondere Bedingungen erhalten. Ein weiteres sich daraus ergebendes Prinzip ist, dass Hilfsangebote stets freiwillig genutzt werden sollen, und es auch nach Erhalt einer Wohnung keine verpflichtenden Maßnahmen für zum Beispiel Suchtbetroffene gibt. Wohnen und Betreuung werden getrennt behandelt. Sozialarbeiter*innen sollen dabei als Ansprechpartner*innen zur Verfügung stehen und personenorientierte Hilfe anbieten, welche darauf ausgerichtet ist, Betroffenen langfristig und ganzheitlich zu helfen. Außerdem sollen Sozialarbeiter*innen eine Schnittstelle zwischen Wohnungsnutzer*innen und Vermieter*innen bilden, um bei auftretenden Problemen zu vermitteln und Wohnungsverlust zu verhindern.

Housing First bietet mit diesen Prinzipien vor allem den Menschen eine Lösung, die am gewöhnlichen Hilfesystem scheitern, welches oft zu viele Hürden und Anforderungen stellt, zum Beispiel durch Gemeinschaftsunterbringung in Wohnunterkünften, das Verbot der Mitnahme von Haustieren oder Konsumverbot von Alkohol und illegalen Drogen. In diesen Fällen kann privater Wohnraum eine geeignete Basis zur Verfügung zu stellen, um Betroffenen einerseits einen sicheren Rückzugsort zur Verfügung zu stellen und von diesem aus weitere Hilfeprozesse in Angriff zu nehmen.

Privater Wohnraum und niedrigschwellige Betreuung ist jedoch kein Allheilmittel für Wohnungs- und Obdachlose mit beispielsweise psychischen Erkrankungen. Für Menschen mit multiplen Problemlagen stellt Housing First nicht unbedingt einen geeigneten Ansatz dar. Außerdem erfasst Housing First nicht die Menschen, die noch nicht wohnungslos sind, deren Wohnung aber bedroht ist. Hinzu kommt, dass unter den momentanen politischen Gegebenheiten auch Menschen, welche nicht für Sozialleistungen berechtigt sind, wie zum Beispiel EU-Ausländer*innen, nicht durch Housing First aufgefangen werden können.

Housing First stellt insgesamt dennoch einen vielversprechenden Ansatz dar, Wohnungs- und Obdachlosigkeit zu mindern, wobei die vollständige Beseitigung hinsichtlich zum Teil sehr schwerwiegender und vielfältiger Problemlagen von Betroffenen wohl von utopischem Charakter ist. Durch eine flächendeckende Durchsetzung des Konzepts könnte sicherlich vielen Menschen schnell geholfen werden. Jedoch ist eine solche Durchsetzung unter den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Umständen sehr schwierig. Große Probleme stellen der Wohnungsmangel in nahezu allen deutschen Großstädten, die steigende Anzahl von durch Wohnungs- und Obdachlosigkeit Betroffenen und die politische und gesellschaftliche Akzeptanz des Konzepts dar. Somit ist Housing First mehr auf langfristige Sicht ein geeignetes Konzept, um einen Paradigmenwechsel im Hilfesystem und den damit verbundenen gesellschaftlichen Ansichten zu bewirken. Kurzfristig kann Housing First das große und komplexe Problem der Wohnungs- und Obdachlosigkeit nicht lösen.

– von Kevin Hase –

„Wichtig ist dabei, dass die Menschen beim Lebenswandel in der neuen Wohnung unterstützt werden, da eine Wohnung die Probleme nicht beseitigt, sondern nur ihre Lösung begünstigt“

Das Grundprinzip von Housing-First kommt aus New York und wurde von Sam Tsemberis mitbegründet. Es gibt acht Kernprinzipien, in deren Mittelpunkt das Menschenrecht auf eigenen Wohnraum steht. Mit diesem Grundsatz wird der übliche Weg aus der Obdachlosigkeit in Frage gestellt. Denn im ursprünglichen Hilfesystem müssen die Klienten zunächst Bedingungen erfüllen, bevor sie bei der Wohnungssuche unterstützt werden. Durch Housing-First werden die Übergangsschritte zur eigenen Wohnung, wie das Probe-Wohnen und spezielle Vertragsregelungen abgeschafft. Zudem sind psychische Krankheiten und Sucht keine Ausschlusskriterien – das Recht auf Wohnen gilt für jeden Menschen. Beim Konzept Housing-First sind Sozialhilfe und Wohnen voneinander unabhängig. Bei Problemen mit Nachbarn und Vermietern gibt es keine Ermahnungen oder einen Abbruch der Hilfe. Der Umgang mit der Wohnung ist eigenverantwortlich. Die Sozialarbeiter vermitteln auf Wunsch zwischen Klient und Vermieter. Jegliche Unterstützung bleibt aber freiwillig und wird nur auf Anfrage gegeben. Die Begleitung durch die Sozialarbeiter kann auch nach der Wohnungsfindung weiter in Anspruch genommen werden. Sie ist flexibel und soll das ganzheitliche Wohlbefinden fördern. Damit hat das Konzept ebenfalls das Ziel der Suchtmittelreduzierung. Anders als beim herkömmlichen Ansatz ist die Abstinenz aber keine Voraussetzung zum Wohnen. Ein weiteres wichtiges Kernprinzip ist die personenzentrierte Unterstützung. Dieses Prinzip entspringt der Methodenkritik der sozialen Arbeit der 70er Jahre und dem Ansatz der Lebensweltorientierung. Nach dieser Methode muss sich der Klient nicht mehr nur an die Umwelt anpassen, die Umwelt wird selbst als Hindernis anerkannt und darf angepasst werden. So wird bei Housing-First zuerst eine Wohnung vermittelt und damit die Umweltbedingungen angepasst, ohne dass sich der Betroffene vorher in seinen Gewohnheiten ändern muss. Außerdem gilt, dass die Beziehung zwischen Sozialarbeiter und Klienten keine hierachische ist. Es soll eine helfende Beziehung entstehen, in der der Betroffene nach eigenen Ressourcen in seine Zielen unterstützt wird.

Durch die nicht-hierachische Stellung des Sozialarbeiters sollen auch diejenigen erreicht werden, die wie Karen Holzinger sagte „eine Sozialarbeiter-Allergie“ entwickelt haben. Wer es durch das ursprüngliche System nicht zu einer Wohnung geschafft hat, dem bietet Housing-First als niedrigschwelliger Hilfeansatz eine neue Chance. So kann vor allem Langzeitobdachlosen geholfen werden.

Die eigene Wohnung bietet Schutz und Zeit zur Verarbeitung persönlicher Probleme. Die Bewältigung von Problemen ist auf der Straße nur schwer möglich. Die eigenen Ressourcen werden zur Selbstversorgung und zum Schutz genutzt. Auch das Ändern des Suchtmittelkonsums ist schwierig, da er zum Schutz und zur Ablenkung auf der Straße dazugehört. Oft gibt es das Problem, dass nach einer Suchttherapie keine Wohnung zur Verfügung steht. Die Patienten werden wieder obdachlos und fallen in ihr Suchtverhalten zurück. Der Ansatz, Probleme noch während der Zeit ohne eigene Wohnung zu bewältigen, stellt für viele Menschen eine zu große Hürde dar.

Das Konzept von Housing-First ist grundsätzlich für jeden geeignet, da ja auch jeder das Recht auf eine Wohnung hat. Besonders hilfreich ist es aber für diejenigen, denen durch das ursprüngliche System nicht geholfen werden konnte. Aber dennoch lässt auch dieses Konzept alle Menschen außen vor, die keinen Anspruch auf Sozialhilfe in Deutschland haben.

Durch die allgemeine Anspruchsregelung kann Housing-First nicht die Obdachlosigkeit von aus dem Ausland kommenden Bürgern beseitigen. Dafür bedarf es einen gemeinsamen Ansatz der Länder in der EU. Das Konzept ist trotz dieser Begrenzung sehr erfolgreich. Es bietet den Menschen den grundlegenden Baustein, aus dem sie ihre Lebenssituation weiter verbessern können. Wichtig ist dabei, dass die Menschen beim Lebenswandel in der neuen Wohnung unterstützt werden, da eine Wohnung die Probleme nicht beseitigt, sondern nur ihre Lösung begünstigt. Das größte Problem ist und bleibt die Akquirierung von Wohnraum. Hierfür braucht es mehr Sozialwohnungen und stadteigene Bauten.

– von Freya Carius –

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