Frauen auf der Straße

Erläutern Sie kurz den Begriff der verdeckten oder unsichtbaren Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit. Welche Auswirkungen hat diese Unsichtbarkeit? Welche besonderen Anforderungen sollte ein differenziertes und bedarfsgerechtes Hilfesystem für Frauen erfüllen?

“Die besonderen Anforderungen, die Frauen als Klientel haben, sollten sich in den Hilfsangeboten spiegeln. Diese sollten ressourcenorientiert sein, Beratung wertschätzend, geschlechtersensibel und niedrigschwellig erfolgen.“

Von einer verdeckten Wohnungs- und Obdachlosigkeit kann dann gesprochen werden, wenn das betroffene Individuum, um einem Schicksal auf der Straße zu entgehen, oder weil es nicht will, dass die vorhandene Not sichtbar wird, bei Verwandten, Freund*innen oder Bekannten unterkommt. Diese Form von Wohnungs- und Obdachlosigkeit wird oft nicht wahrgenommen und ist häufig einhergehend mit unterschiedlichen Formen körperlicher und/oder psychischer Ausbeutung. Die unsichtbare/latente Wohnungs- und Obdachlosigkeit definiert sich dadurch, dass Betroffene immer wieder von Obdachlosigkeit bedroht sind bzw. immer wieder in Situationen kommen, in denen es passieren könnte, obdach- oder wohnungslos zu werden.

Die Unsichtbarkeit auf der Straße hat weitreichende Folgen für Betroffene. Ich kann mir nicht im Geringsten vorstellen, wie es sein mag, systematisch übersehen zu werden. Betroffene Frauen und Männer, die von jeglichen gesellschaftlichen Strukturen ausgeschlossen werden, leiden oftmals dazu noch unter diversen gesundheitlichen Problemen, Suchterkrankungen, Einsamkeit, Gewalterfahrungen, Angst und Scham, welche die Lage zusätzlich erschweren. Wenn dann allerdings individuell zugeschnittene Hilfsangebote fehlen bzw. nicht transparent sind und die Perspektive auf eine Verbesserung des Zustandes nicht gegeben ist, plus eine gesellschaftliche Verachtung und Unsichtbarkeit erzeugt wird, frage ich mich, wie Menschen es schaffen, sich überhaupt noch als Mensch sehen zu können. Droht dann nicht unmittelbar der Verlust der eigenen Identität? Geht nicht das Streben danach verloren, überhaupt am Leben bleiben zu wollen?

Dadurch, dass es für Frauen, die von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen sind, weniger Angebote gibt und sie oftmals von grundsätzlich anderen Problematiken wie Diskriminierung, Stigmatisierung, der Erfahrung von sexuellen Übergriffen, Gewalterfahrungen und dem Verlust/dem Entzug ihrer Kinder (bzw. ihres Kindes) geprägt und betroffen sind, ist es zwingend notwendig, gesonderte Angebote für Frauen anzubieten. Die besonderen Anforderungen, die Frauen als Klientel haben, sollten sich in den Hilfsangeboten äußern. Dabei muss grundsätzlich darauf geachtet werden, dass die Angebote auf eine Akzeptanz des Lebensentwurfes und der Bewältigungsstrategien der Betroffenen zielen. Sie müssen ressourcenorientiert angesetzt werden und bei allen anfallenden Problemen wertschätzend und beratend, geschlechtersensibel und niedrigschwellig sein. Weiter hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, dass Hilfsangebote von Frauen für Frauen eingerichtet werden, da dadurch vermutlich eine größere Identifikation und Vertrauensbasis generiert werden kann.

– von Jennifer Tamara Koch –

“Soziale Arbeit muss von Anfang an ressourcenorientiert und wertschätzend sein.”

Die Fragestellung wird anhand des Vortrags „Frauen auf der Straße“ von Andrea Hniopek am 19.11.2019 beantwortet. Nach Frau Hniopek betrifft die unsichtbare oder verdeckte Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit besonders Frauen. Mit dem Begriff ist gemeint, dass Frauen in einer solchen Situation nicht von der Gesellschaft wahrgenommen werden. Sie leben bei Bekannten oder Freund*innen und sind nicht offen sichtbar, wie beispielsweise andere obdachlose Menschen, welche auf der Straße klar zu erkennen sind. Obdach- oder wohnungslose Frauen greifen außerdem häufig auf Übernachtungsprostitution zurück oder gehen mit Männern mit, um bei ihnen zu wohnen und erbringen dort sexuelle oder hauswirtschaftliche Dienstleistungen. Da Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit, laut Frau Hniopek, bei Frauen häufiger als bei Männern mit Scham verbunden ist, nutzen sie weniger das Angebot der öffentlichen Unterbringung. Erschwerend kommt hinzu, dass insbesondere Frauen von psychischen Krankheiten betroffen sind, weshalb sie häufig keine Unterbringung in Mehrbettzimmern in Anspruch nehmen können. Diese Unsichtbarkeit durch Scham sowie durch zu wenig spezielle Einrichtungen für Frauen, führt zu einer langjährigen und verfestigten Wohnungslosigkeit.

Eine Besonderheit bezüglich obdach- oder wohnungsloser Frauen ist, dass viele von ihnen Erfahrungen mit psychischer und/oder körperlicher Gewalt und Demütigung machen mussten und ein Großteil bereits sexuelle Gewalt erlebt hat. Zudem haben viele Frauen Kinder, welche sie jedoch durch den Verlust der Wohnung ebenfalls verloren haben, Frau Hniopek nennt sie daher „verlorene Kinder“. Dieser Verlust kommt für Frauen als weiterer schamgefüllter Faktor hinzu. Ein Hilfesystem für Frauen sollte daher diese speziellen Faktoren berücksichtigen, und Frau Hniopek unterstreicht, dass Angebote für Frauen in Krisensituationen benötigt werden. Des Weiteren sollte ein differenziertes und bedarfsgerechtes Hilfesystem für Frauen nach Frau Hniopek die im Folgenden aufgeführten Anforderungen erfüllen. Grundsätzlich besteht die Forderung nach separaten Einrichtungen, speziell für Frauen, wobei Frau Hniopek mehr für gemischtgeschlechtliche Angebote plädiert. Damit möchte sie erreichen, dass es auch Orte für Transmenschen gibt, außerdem nimmt sie Vielfalt als Auslöser für eine angenehmere Atmosphäre wahr. Da sie jedoch auch versteht, dass ein geschützter Raum für Frauen gefordert wird, befürwortet sie eine Binnenstruktur, welche innerhalb einer Einrichtung diese geschützten Rückzugsorte bietet. Frau Hniopek hebt weiter hervor, dass Frauen ganz eigene Überlebens- und Bewältigungsstrategien haben. Besonders ausgeprägt sind zwei Muster: Entweder sie wollen bloß nicht als obdachlose Frau in der Gesellschaft auffallen oder sie treten extra verwahrlost auf, um sich stark zu zeigen und dadurch zu schützen. In einem Hilfesystem für Frauen gilt es daher deren Lebenswelt und Bewältigungsstrategien sowie ihre verschiedenen Lebensentwürfe zu akzeptieren. Bezüglich der „verlorenen Kinder“ sollte es Frauen ermöglicht werden, dass sie ihre Kinder bei sich behalten können und die Beratung und Unterstützung sollte unbedingt relevante Themen speziell für Frauen enthalten.

Ein wichtiger Punkt, welcher im Hilfesystem aufgegriffen werden sollte, ist laut Frau Hniopek, eine ressourcenorientierte und wertschätzende Einstellung den Menschen gegenüber. So muss zwar einerseits der Bedarf der Frauen festgestellt werden, die geführten Gespräche sollten jedoch von Beginn an ressourcenorientiert und wertschätzend sein. Zudem muss das Hilfesystem geschlechtersensibel, parteilich und niedrigschwellig sein. Die Beratung von Frauen sollte durch Frauen möglich sein, Frau Hniopek merkt jedoch an, dass eine Beratung durch Männer von Frauen auch als angenehm empfunden werden kann. Des Weiteren sollte eine anonyme Beratung möglich sein und zuletzt hebt Frau Hniopek hervor, dass vor allem eine Vielfalt an Angeboten wichtig ist, welche verschiedene Ideen für verschiedene Menschen bieten.

– von Charlotte Brandenburg –

„In der Wohnungslosenhilfe geht man davon aus, dass 25 % der obdachlosen und wohnungslosen Menschen Frauen sind. Lange Zeit wurde dies nicht erkannt und das Hilfesystem war eher ‘männerdominiert’ “

Die verdeckte oder unsichtbare Wohnungslosigkeit beschreibt einen Zustand des ungesicherten Wohnens. Als wohnungslos werden alle Menschen bezeichnet, die über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen. Um der Obdachlosigkeit auf der Straße zu entgehen, versuchen diese Menschen bei Freunden, Verwandten und Bekannten unterzukommen. Häufig sind diese Wohnzustände an zusätzliche Dienstleistungen gekoppelt, die die hilfebedürftige Person zu erledigen bzw. auszuhalten hat (z.B. Haushaltsdienste, sexuelle Beziehung oder Zweckbeziehung). Das Wohnverhältnis bleibt unsicher, da diese Personengruppe noch keine Leistungen der Wohnungslosenhilfe in Anspruch nimmt, somit sind sie für das System verdeckt oder unsichtbar. In der Wohnungslosenhilfe geht man davon aus, dass 25 % der obdachlosen und wohnungslosen Menschen Frauen sind. Lange Zeit wurde dies nicht erkannt und das Hilfesystem war eher „männerdominiert“.

Wohnungslose Frauen entwickeln eigene Überlebens- und Bewältigungsstrategien. Manche versuchen, jegliche Identifikation oder Etikettierungen zur Wohnungslosigkeit zu vermeiden. Andere kleiden sich extra „unweiblich“ und verwahrlosen, um nicht potenziell attraktiv zu sein. Dies dient zum eigenen Schutz vor jeglicher Form von Gewalt. Hinzu kommt, dass die Kinder einiger Frauen nicht bei ihnen leben oder anderweitig untergebracht sind. Dieser Zustand löst ein Gefühl des Scheiterns und des Versagens bei den Betroffenen aus. Diese Belastung führt bei vielen Frauen dazu, dass sie mit der Zeit eine psychische Erkrankung entwickeln. Einige der Frauen haben schon in der Kindheit mit psychischen Belastungen gelebt. Folglicherweise handelt es sich bei vielen um eine komplexe Lebenslage. Diese komplexe Lebenslage stellt einige Anforderungen an das Hilfesystem. Erst einmal ist es wichtig, dass für wohnungslose Frauen ein flächendeckendes und eigenständiges Hilfesystem mit separaten Einrichtungen ( Tagesaufenthaltsstätten, Beratungsstellen, etc.) besteht. Das Angebot der Einrichtungen sollte sich an der Lebenswelt der wohnungslosen Frauen orientieren und ressourcenorientiert, wertschätzend und geschlechtersensibel sein. Dabei sollte gewährleistet sein, dass Beratung auch von Frauen für Frauen stattfindet.

– von Frederike –

„Wichtig ist es, innerhalb von Angeboten der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe Räume für die Gruppe wohnungs- und obdachloser Frauen vorzuhalten, in denen ihre Privatsphäre gegeben und ihre persönliche Integrität geschützt ist“

Im Folgenden wird zum großen Teil Bezug genommen auf die Aussagen von Andrea Hniopek, Leiterin des Fachbereichs Existenzsicherung der Caritas Hamburg, die im Rahmen der Ringvorlesung am 19. November 2019 zum Thema Lebenslagen von Frauen auf der Straße gesprochen hat. Es kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass sich alle Menschen, die von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen sind, in einer von Armut geprägten Lebenslage befinden. Hier wird insbesondere auf sogenannte komplexe Multiproblemlagen im Sinne von Ursachen und Folgen von Armut verwiesen. Die Exklusionsrisiken für gesellschaftliche Teilhabe, die mit Blick auf armutsgeprägte Lebenslagen eine Rolle spielen, sind als zentral zu nennen.

Frauen, die wohnungs- oder obdachlos sind, sind im Vergleich zu Männern häufiger von physischer, psychischer und/oder sexualisierter Gewalt im partnerschaftlichen, familiären und/oder lebensweltlichen Umfeld betroffen. In dem Sinne kann von Frauen in Obdach- oder Wohnungslosigkeit als vulnerable und heterogene Gruppe gesprochen werden, die diverse Strategien zur Bewältigung ihrer prekären Lebenslagen nutzen. Die verdeckte oder unsichtbare Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit als einer von drei Typen weiblicher Wohnungslosigkeit (vgl. Lutz & Simon 2012) bezeichnet zunächst, dass die Gruppe der Frauen nicht in der Öffentlichkeit und/oder in Institutionen der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe sichtbar ist. Diese Beschreibung knüpft an Erfahrungen aus der Praxis zur Lebenslage von wohnungslosen Frauen, denen zufolge sich Frauen häufiger ihrer Lebenslage schämen, in der Öffentlichkeit stärkere, im Vergleich zu Männern andere Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen machen und im Zusammenhang mit frühen Krisenerfahrungen und Mehrfachproblemlagen, Schwierigkeiten haben, bestehende Unterstützungsangebote zu nutzen. Hier kann von einem Zusammenspiel von individuellen und lebensgeschichtlichen Risikofaktoren mit strukturellen (Zugangs-)Barrieren gesprochen werden. Verdeckte Wohnungslosigkeit meint beispielsweise das zeitweise Nächtigen bei Freunden oder Bekannten, aber für einige Frauen auch die Nutzung von Schlafgelegenheiten bei Männern, für die sie [die Frauen] im Gegenzug Haushalts- oder sexuelle Dienstleistungen erbringen. Andrea Hniopek spricht konkret von Ressourcen, die es Frauen ermöglichen, bestimmte Lebenssituationen auszuhalten. Das Erbringen von sexuellen und/oder Haushaltsdienstleistungen von Frauen für eine Schlafgelegenheit bei Männern, die ihre Machtposition ausnutzen, ist in dem Zusammenhang als (destruktive) Strategie zur Lebensbewältigung anzusehen. Daneben gilt das sich bewusst ‚unweiblich‘ und/oder unauffällig Kleiden als Schutzstrategie vor Gewalt, Ohnmachts- und Etikettierungserfahrungen.

Das Bestehen von verdeckter oder unsichtbarer Wohnungslosigkeit bei Frauen erschwert zum einen die Erhebung des individuellen Bedarfs mit Blick auf Unterstützungsangebote der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe. Zum anderen können von Gewalt geprägte Lebenslagen für Frauen mit gesundheitlichen, aber vor allem mit psychischen Belastungen einhergehen, die es einigen weiblichen Wohnungs- oder Obdachlosen erschwert, bestehende Angebote der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe zu nutzen. Beispielhaft nennt Hniopek hier die Nutzung von Mehrbettzimmern, die für psychisch belastete Frauen nicht in Frage kommt und infolge dessen zu verfestigter und/oder langjähriger Wohnungslosigkeit führen kann. Zahlen und Praxiserfahrungen zeigen, laut Hniopek, dass Frauen häufiger Kinder haben, die nicht bei ihnen leben oder fremduntergebracht sind und dass die Chance auf Rückgabe der Kinder mit Blick auf eine von Armut, Wohnungs- oder Obdachlosigkeit geprägte Lebenslage äußerst gering ausfällt. Das Gefühl, gesellschaftliche Erwartungen an die Rolle einer Frau und Mutter nicht erfüllt zu haben und erfüllen zu können, ist als Faktor für die psychische Belastung herausgehoben zu nennen. Daher braucht es vor dem Hintergrund der heterogenen weiblich konnotierten Lebenslagen differenzierte und bedarfsgerechte Unterstützungsangebote für die Gruppe wohnungs- und obdachloser Frauen. Grundsätzlich besteht die Forderung nach bundesweit flächendeckenden und geschlechtersensiblen Hilfen für Frauen, was die personelle und räumliche Ausgestaltung von Tagesaufenthaltsstätten, Beratungs-, Unterbringungs- und Wohnangeboten anbelangt. Wichtig ist es, innerhalb von Angeboten der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe Räume für die Gruppe wohnungs- und obdachloser Frauen vorzuhalten, in denen ihre Privatsphäre gegeben und ihre persönliche Integrität geschützt ist.

Andrea Hniopek spricht sich für gemischtgeschlechtliche Unterstützungsangebote aus und begründet dies mit dem Aspekt von Vielfalt, die ihr zufolge zu einer Beruhigung von Situationen und einer Perspektiverweiterung mit Blick auf bisherige Erfahrungen von wohnungs- und obdachlosen Nutzer_innen beitragen kann. Hier erweitert die Referentin den Blick aus der binären Geschlechterperspektive auf Personen, die sich den Kategorien ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ nicht zuordnen wollen oder können. In diesem Zusammenhang ist es für ein differenziertes und bedarfsgerechtes Hilfesystem wichtig, unterschiedliche Lebensentwürfe, Lebenswelten und jeweilige, auch destruktiv erscheinende Bewältigungsstrategien von Frauen zu akzeptieren. Relevante Themen wie das Leben mit den eigenen Kindern sollten unterstützt und Möglichkeiten geschaffen werden, Kinder bei ihren Müttern leben zu lassen.

Es gilt für die bedarfsgerechte Unterstützung, ressourcenorientiert und wertschätzend im Sinne der bisherigen Bewältigungsstrategien zu arbeiten und neben Beratungsangeboten von Frauen für Frauen eine parteiliche und niedrigschwellige Perspektive an Unterstützungsangebote für wohnungs- und obdachlose Frauen zu ermöglichen. Hier gilt es auch bestehende strukturelle Barrieren, wie beispielsweise eine eher defizitorientierte Hilfeplanung und ein eher expert_innenorientiertes Hilfesystem zu reflektieren. Zudem muss anonyme Beratung zum Schutz der Unterstützungssuchenden möglich sein. Mit Blick auf die Zugangsbedingungen für Frauen im Container-Projekt der HAW Hamburg ist es für ein bedarfsgerechtes Hilfesystem wesentlich, psychische Erkrankungen, Sucht und Prostitution aufseiten der Nutzer_innen nicht als Ausschlussfaktoren für den Zugang zu einem Angebot festzulegen. Einige der wohnungs- oder obdachlosen Frauen, so Andrea Hniopek, haben bereits ‚Brüche‘ im Kontakt zum Hilfesystem der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe erlebt. Diesen Aspekt gilt es in der Planung von bedarfsgerechten Hilfen mitzudenken und in der Ausgestaltung der Hilfen möglichst zu vermeiden. Das Kernziel der Hilfen für wohnungs- und/oder obdachlose Menschen sollte schließlich darin bestehen, die unterstützungssuchenden Personen auf lange Sicht in eine eigene Wohnung zu vermitteln.

Literatur & Quellen

Hniopek, A. (2019): Lebenslagen von Frauen auf der Straße. Referat im Rahmen der Ringvorlesung Hamburg für alle – aber wie? Ringvorlesung über Wohnungs- und Obdachlosigkeit als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Universität Hamburg, Fakultät für Geisteswissenschaften, Wintersemester 2019/20.

Lutz, R. & Simon, T. (2012): Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe. Weinheim, München.

– von Nicole Franke –

In ihrem Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe von 2012 sprechen die beiden Autoren Ronald Lutz und Titus Simon von drei verschiedenen Typen weiblicher Wohnungslosigkeit: die sichtbare, die verdeckte, sowie die latente Wohnungslosigkeit. Die beiden letzten Typen von weiblicher Wohnungslosigkeit machen das Aufzeigen des Bedarfs sehr schwierig, da hierbei die Frauen häufig nicht obdachlos sind, also nicht im öffentlichen Raum „Platte machen“, sondern eher bei Freunden und Bekannten übernachten und beispielsweise (sexuelle) Beziehungen eingehen, um einen Schlafplatz zu haben (Übernachtungsprostitution).

Frauen nutzen im Gegensatz zu Männern weniger das Angebot der öffentlichen Unterbringung oder können sich aufgrund von starken psychischen Belastungen gar nicht auf die vorhandenen Mehrbettzimmer einlassen und sind somit auch den Mitarbeitern in den Unterkünften nicht bekannt, weshalb die Anzahl an bedürftigen Frauen nicht sichtbar ist. Diese Unsichtbarkeit der wohnungslosen Frauen führt zu einer Unsichtbarkeit des Problems und somit zu einer unzureichenden Hilfe für diese Frauen. Da der Bedarf nicht sichtbar ist, ist es schwierig offizielle Stellen zur Mithilfe zu mobilisieren und Gelder für die Finanzierung von Hilfsangeboten zu bekommen. Somit sind zu wenige Hilfsangebote für die wohnungslosen Frauen vorhanden. Dies zwingt diese dazu in ihrer Situation zu verbleiben und führt häufig zu einer Verschlechterung dieser. Auch ein Abwenden der Wohnungslosigkeit in früheren Stadien ist somit kaum möglich. Gleichzeitig ist die Unsichtbarkeit der weiblichen Wohnungslosigkeit auch ein Grund für die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz dieser und einer stärkeren Diskriminierung und Stigmatisierung. Durch diese spezielle Situation der wohnungslosen Frauen entwickeln diese ihre eigenen Überlebens- und Bewältigungsstrategien. Sie versuchen ihre Situation weiterhin geheim zu halten und nach außen hin nicht erkennbar werden zu lassen. Es werden viele Anstrengungen unternommen, um nicht als wohnungslos identifiziert und etikettiert zu werden. Dies führt wiederum erneut zu der Unsichtbarkeit der wohnungslosen Frauen und macht eine Bedarfsaufzeigung sehr schwer.

Es besteht insgesamt die Forderung nach einem flächendeckenden Hilfsangebot für wohnungs- oder obdachlose Frauen, mit separaten Tagesaufenthaltsstätten, Beratungsstellen, Unterbringungsangeboten und Wohnhilfen. Es ist eine Akzeptanz des Lebensentwurfes dieser Frauen, ihrer individuellen Lebenswelt und somit auch ihrer persönlichen Bewältigungsstrategien notwendig. In häufigen Fällen haben betroffene Frauen eigene Kinder, die aber nicht bei ihnen leben und fremd untergebracht sind. Auch hier muss eine Möglichkeit entstehen, wie die Kinder bei ihren Müttern bleiben können. Zumindest sollte den Frauen eine realistische Chance auf die Rückgabe der Kinder eingeräumt werden. Es muss eine ganzheitliche Beratung und Unterstützung zu den relevanten Themen der wohnungslosen Frauen angeboten werden. Diese sollte ressourcenorientiert, wertschätzend und geschlechtersensibel erfolgen. Das heißt auch, dass, wenn gewünscht, eine Beratung von Frau zu Frau oder anonym möglich sein sollte. Wie bei allen Angeboten in der Obdach- oder Wohnungslosenhilfe sollte auf die Bedürfnisse der betroffenen Person eingegangen werden und die Hilfe parteilich, niedrigschwellig und unbürokratisch erfolgen.

Ein Beispiel für ein gelungenes Hilfsangebot für Wohnungslose Frauen ist das Containerprojekt der Caritas in Zusammenarbeit mit Studierenden der HAW in Hamburg.

– von Steffi Haehnke –

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