Arbeitsplatz „Straße“

Aufsuchende Soziale Arbeit für obdachlose Menschen in Hamburg

In seinem Vortrag ging Johan Graßhoff u.a. auf Effekte defensiver Architektur und Verdrängung im öffentlichen Raum ein. Welche Rolle soll Straßensozialarbeit im Kontext der Verdrängung im öffentlichen Raum spielen? Welche Schwierigkeiten ergeben sich?

Die folgenden Überlegungen rekurrieren zum großen Teil auf die Ausführungen von Johan Graßhoff, der, in seiner beruflichen Rolle als Straßensozialarbeiter, am 17.12.2019 im Rahmen der Ringvorlesung Hamburg für alle – aber wie? zum Thema Arbeitsplatz „Straße“, im Sinne der aufsuchenden Sozialen Arbeit für obdachlose Menschen in Hamburg referiert hat. Daneben werden weitere Quellen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit und der Rechtswissenschaft herangezogen, in denen der thematische Fokus auf dem Öffentlichen Raum und entsprechenden Mechanismen von Verdrängung und der damit einhergehenden Einschränkung von Handlungsspielräumen liegt.

Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht, festgeschrieben in Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, der in Deutschland im Jahr 1973 ratifiziert wurde.

Johan Graßhoff spannt zum Ende seines Referats den Bogen zurück zu diesem zentralen Punkt. Das Menschenrecht auf Wohnen ist der Kern, um den reflexive Fragen zu nachhaltigen Lösungen, Perspektiven, zu Sinn und Wirkung von (aufsuchenden) Hilfen der Wohnungslosenhilfe, hier konkret der Straßensozialarbeit, kreisen sollten.

Der städtische öffentliche Raum ist einerseits Lebenswelt und Rückzugsraum einer Großzahl von obdach- und wohnungslosen Menschen, die mit Blick auf Handlungsspielräume erheblich eingeschränkt sind (vgl. Krisch et al. 2012: 61). Andererseits ist der öffentliche urbane bzw. soziale Raum das Arbeitsfeld von Straßensozialarbeiter_innen, im professionellen Selbstverständnis ein Ort der gemeinsamen Sinnproduktion, des Erfahrungsaustausches, der Vermittlung von gegenseitiger Wertschätzung und Zugehörigkeit sowie ein Übungsfeld für neue Lebensentwürfe (vgl. Herriger 2002: 130f., zit. nach Krisch et al. 2012: 62).

Zum aktuellen Zeitpunkt lässt sich eine zunehmende Ökonomisierung und Privatisierung öffentlicher Räume konstatieren.

Graßhoff nennt diesbezüglich für Hamburg beispielhaft den Hausrechtsgebrauch in Shopping Malls, Flächen der Hamburger Hochbahn oder der Deutschen Bahn am Hamburger Hauptbahnhof. Staatliche Politiken legitimieren in diesem Zusammenhang die Vertreibung von unerwünschten Personengruppen häufig unter dem Primat von öffentlicher Sicherheit und Ordnung, der gegenüber der neoliberalen Konsumlogik, die dem Vorgehen tatsächlich innewohnt, ein höheres Maß an gesellschaftlicher Zustimmung findet. Für die Soziale Arbeit gehen mit diesem Diskurs Fragen des Zugangs zum und der Teilhabe im öffentlichen Raum im Zuge politischer Kontroll- und Disziplinierungspraktiken einher, der Sicht- und Unsichtbarkeit von besonders vulnerablen Personengruppen wie obdachlosen Menschen und den Handlungsspielräumen auf Seiten der in diesem Fall angesprochenen Straßensozialarbeiter_innen und ihren Klient_innen. Hier obliegt es der Straßensozialarbeit, mit einem ganzheitlichen Ansatz die Grenzen von Sicht- und Unsichtbarkeit im öffentlichen Raum im Blick zu behalten (vgl. Krisch et al. 2012: 62), regulierende Wirkungen auf besonders vulnerable Personengruppen, wie obdachlose Menschen, zu erkennen sowie Barrieren und Hindernisse für die Betroffenen im öffentlichen Raum auf politischer Ebene zu artikulieren.

Als Formen der Verdrängung von obdachlosen Menschen aus dem öffentlichen Raum nennt Graßhoff zum einen die sogenannte Defensive Architektur, als Gestaltung von Gebäuden, Orten und Objekten in einer Art, welche die Nutzung durch unerwünschte und den ‚Wert‘ des städtischen Raumes vermeintlich mindernde Personengruppen verhindern soll.

Für die menschenverachtende Gestaltung öffentlicher Räume sind beispielhaft das nächtliche Besprengen von Rasenflächen, Bushaltestellen ohne Dächer, nächtlich abgeschlossene Parks oder Bänke mit unebenen Sitzflächen zu nennen.

Die städtischen politischen Entscheidungsträger sind sich des Umstand bewussts, dass der öffentliche Raum von unsichtbaren Grenzen durchzogen ist, er [der öffentliche Raum] also zum einen tags- und nachtsüber unterschiedliche Funktionen erfüllt und diesbezüglich von anderen Personengruppen besetzt bzw. benutzt wird. Bei stadtplanerischen Überlegungen überwiegt aktuell eine neoliberale Verwertungslogik, der zufolge „Armut in den Stadtteilen, in denen Tourist_innen oder betuchte Einwohner_innen flanieren wollen, empfindlich stört“ (Lembke 2018: 35).

Die Einrichtung sogenannter Business Improvement Districts (BID), ein für Hamburg bisher einzigartiges Konzept, dem zufolge öffentlicher Raum vonseiten privater Inverstoren gestaltet werden kann, verweist auf die Macht- und Herrschaftsbezogenheit eines jeden räumlichen Arrangements (vgl. Krisch et al. 2012: 62). Es geht, Graßhoff zufolge, mit Blick auf das soeben genannte Konzept um Konsum und Sichtbarkeit – private Sicherheitsdienste vor den entsprechenden Ladengeschäften kontrollieren und bestimmen, wer Zugang erhält und wer ausgeschlossen bleibt. Es darf daraus geschlossen werden, dass

unter der Vorgabe, Sicherheit, Schutz, Komfort und Ordnung im städtischen öffentlichen Raum zu gewährleisten, Personengruppen wie beispielsweise obdachlose Menschen, welche dieser gesetzten Norm nicht entsprechen, konsequent und gezielt verdrängt und demokratische Aushandlungsprozesse im öffentlichen Raum verhindert werden.

Im Zuge von politisch legitimierten Räumungen werden obdachlose Menschen aktiv von ihren Schlafplätzen vertrieben bzw. aufgefordert, bisher besetzte Plätze zu verlassen. Durch die ständige Überwachung und willkürliche, oft verdachtsunabhängige Kontrollen durch Polizei, private Sicherheitsdienste und/oder Beamt_innen der Bundespolizei an Bahnhöfen, geraten obdachlose Menschen, so Graßhoff, unter beständigen Druck und verlieren infolge der Verdrängung von gewohnten Plätzen im öffentlichen Raum ihren Lebensraum. Daneben werden soziale Beziehungen zu anderen Gruppen und mühsam aufgebaute Kontakte zum Hilfesystem der Wohnungslosenhilfe oder Straßensozialarbeiter_innen erschwert oder brechen gänzlich ab.

Straßensozialarbeiter_innen sind, laut Johan Graßhoff, in ihrem beruflichen Selbstverständnis flexibel und können umgehend auf Veränderungen, beispielsweise im Zusammenhang mit Platzverweisen und folgenden Ortswechseln ihrer Klient_innen reagieren. Ein wesentlicher Teil der Arbeit, so Graßhoff, besteht darin, zu obdach- oder wohnungslosen Klient_innen tragfähige und belastbare professionelle Beziehungen langfristig aufzubauen. Es geht darum, zum gegebenen Zeitpunkt ansprechbar zu sein. Sofern Klient_innen von bisher gewohnten Plätzen verdrängt wurden und ‚weitergezogen‘ sind, gilt es diese ‚Brüche‘ von Seiten der Straßensozialarbeiter_innen zu erkennen und im Sinne einer haltenden professionellen Beziehung aufzufangen.

Der Veränderungswillen von Klient_innen soll im Rahmen der Zusammenarbeit unterstützt werden, Betroffene sollen motiviert werden, ihre Lebenssituation zu verändern.

Dies kann nur in einer professionellen Beziehung passieren, die von Vertrauen und Respekt geprägt ist. Dieser Anspruch stößt zum einen unter den aktuellen (strukturellen und normativ-regulierenden) Rahmenbedingungen im öffentlichen Raum, nicht nur in Hamburg, an Grenzen. Zum anderen sind es die Lebenserfahrungen der Klient_innen, u.a. unter den Bedingungen von Verdrängung aus dem öffentlichen Raum und dem strukturell und materiell auferlegten Zwang “in Bewegung zu bleiben”, die eine langfristige und beständige Beziehungsarbeit zu Straßensozialarbeiter_innen belasten/beeinflussen können.

Im Kontext der Verdrängung von obdachlosen Menschen aus dem öffentlichen Raum, ist es für die Straßensozialarbeit zentral geboten, Maximen wie Bedingungslosigkeit in der Gewährung von Hilfen, Freiwilligkeit in der Annahme von Unterstützungsangeboten und Anonymität in der Zusammenarbeit zu gewährleisten. Johan Graßhoff benennt Anonymität als vordringlich wichtigen Aspekt in der Zusammenarbeit mit obdach- und wohnungslosen Menschen, mit Blick auf Verdrängung und staatliche Repression im öffentlichen Raum sowie auf die Darstellungen von Obdachlosigkeit in sozialen Netzwerken, die zum Teil ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Umgangs mit besonders vulnerablen Gruppen zeigen, der Abwertung und Stigmatisierung von Personen, die gesellschaftlich gesetzten Normen nicht entsprechen.

Anonymität im beständigen Kontakt unterbindet eine Kontrollfunktion der Sozialen Arbeit auf der Straße – Straßensozialarbeit nutzt keine Sanktionsmaßnahmen und setzt auf Beziehungsarbeit.

Straßensozialarbeit kann als professioneller Akteur eine gesellschaftliche Vermittlerfunktion einnehmen und sollte, mit Blick auf Wohnen als verbrieftes Menschenrecht, den Dialog zu staatlichen, politischen Entscheidungsträgern und regulierenden Instanzen eröffnen und die Stimmen und Bedürfnisse derjenigen, im öffentlichen Raum unsichtbar werdenden Personengruppen wie obdach- und wohnungslosen Menschen, zu denen die Straßensozialarbeit den engsten Kontakt hat, im Fokus behalten. Es gilt, angeregt von Seiten der Straßensozialarbeit, im öffentlichen Raum Handlungsspielräume für die soeben genannten Personen zu schaffen, in Form von konkreten Orten und sinnstiftenden Erfahrungsräumen, an denen Wertschätzung und Zugehörigkeit gegeben und Erfahrungsaustausch möglich wird.

Solidarität und die Bekämpfung von Symptomen auf der Straße geraten an ihre Grenzen, es müssen politische Forderungen gestellt werden. Schließlich ist der Autorin Ulrike Lembke zuzustimmen, wenn sie anmahnt, der öffentliche Raum in einer demokratischen Gesellschaft solle ein selbstorganisierter, pluraler Raum der Stadtgesellschaft sein, für den der Staat die Mindestbedingungen garantiert und im Folgenden kritisch bemerkt, dass die „rücksichtslose Vermarktung und Verwertung städtischen Raumes […] eine Politik autoritärer Entscheidungen über die Verteilung von öffentlichen Ressourcen“ (Lembke 2018: 36) sei, „welche die Bedürfnisse der Stadtgesellschaft in ihrer Pluralität ignoriert“ (ebd.).

Literatur & Quellen:

Graßhoff, Johan (2019): Arbeitsplatz „Straße“ – Aufsuchende Soziale Arbeit für obdachlose Menschen in Hamburg. Referat im Rahmen der Ringvorlesung Hamburg für alle – aber wie? 17.12.2019

Herriger, Norbert (2002): Empowerment in der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer

Klose, Andreas (2012): Treffpunkt Straße? Öffentlicher Raum zwischen Verdrängung und Rückgewinnung. Einige geschichtliche und aktuelle Entwicklungen. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 2/2012. Online verfügbar unter: https://www.sozialraum.de/treffpunkt-strasse.php. Letzter Zugriff: 12.02.2020

Krisch, Richard et al. (2011): Soziale Arbeit im öffentlichen Raum – Glossar. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 2/2012. Online verfügbar unter: https://www.sozialraum.de/soziale-arbeit-im-oeffentlichen-raum-glossar.php. Letzter Zugriff: 12.02.2020

Lembke, Ulrike (2018): Sicherheit und Konsum. In: Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, für den Stiftungsverbund der Heinrich-Böll-Stiftungen (Hg.): Politik im autoritären Sog. Dossier zu Grundrechten in Zeiten des Rechtsrucks, Teil I. Dresden: Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, 33-42. Online verfügbar unter: http://www.weiterdenken.de/sites/default/files/uploads/2018/09/politik-im-autoritaren-sog-teil-i_0.pdf. Letzter Zugriff: 12.02.2020

– von Nicole Franke –

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