Slamtext: Auf den Straßen Hamburgs

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

 

Ich sehe den Mann, der durch die U-Bahn humpelt,

voller Falten um die Augen vom Alkohol

und flehentlicher Miene in dem hageren Gesicht,

er schwenkt einen Pappbecher vor uns her,

in dem ein paar Centstücke klimpern.

 

Die Passanten starren auf ihre Smartphones.

Einige kramen ihr Portemonnaie heraus.

Andere verlassen eiligst den Waggon

Angewidert von so viel nacktem Elend

Und so offensichtlich wenig Würde.

 

Ich sehe die Bettlerin vor der Europa Passage,

wie sie nach jedem ruft, der vorbeikommt,

kaum noch Zähne in dem schmalen Mund

und verdreckte Lumpen am Leib.

Ihr fehlt ein Bein, neben ihr liegt eine Krücke.

 

Die Passanten hetzen vorbei,

die Hände voller Einkaufstüten,

Von H&M und vom Alsterhaus

Den Blick auf die Armbanduhr geheftet.

Die To-Do-Liste für den Tag ist lang.

 

Ich sehe die Frau mit einem zugeschwollenen Auge,

die von Bahnwaggon zu Bahnwaggon wandert.

„Haben sie einen Euro oder fünfzig Cent?“

Immer und immer wiederholt sie ihr Mantra.

Ihr Blick aus dem gesunden Auge ist stumpf und leer.

 

Die Passanten wenden sich beschämt weg.

Das Elend ist hier fehl im Platz, denken sie.

In so einer Wohlstandsstadt wie Hamburg.

Von ihnen zur schönsten Stadt der Welt gekürt.

Wie kann es hier so viel Armut geben?

 

Ich eile morgens am Hauptbahnhof zu Gleis 8,

bahne mich durch die Menschenmassen.

Lärm und Hektik durchfluten mich.

Auf dem Boden liegt eine zerbrochene Bierflasche.

Wie können die Obdachlosen das nur ertragen?

 

Die alten Damen vom Seniorenstift sind empört.

„Was hängen die den ganzen Tag draußen rum?

Und lärmen vor unseren Toren ohne Anstand?

Sollen sie mal einen Job suchen und arbeiten gehen.

Solch Faulheit gehört bestraft!“

 

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

 

Ich war sieben Jahre alt und wartete auf den Bus

Meine Freundin und ihre Mutter saßen neben mir

Wir blickten zu der Bordsteinkante

Dort saß ein Mann mit Irokesenkamm auf dem Kopf,

schwarz-weißes Schachbrettmuster auf dem rasierten Haar.

 

Ich starrte ihn an, befremdet und fasziniert zugleich.

„Der sieht cool aus, nicht wahr?“

Die Mutter der Freundin sah uns an,

während wir Rosinenbrötchen mampften.

Wir Kinder nickten und musterten den Mann.

 

Ich erwache morgens in meinem weichen Bett,

mein Kleiderschrank ist voller Kleidung,

mein Kühlschrank ist voller Essen,

ich kann so viel duschen, wie ich will.

Und meine Heizung andrehen, wenn ich friere.

 

Das ist das, was wir das bürgerliche Leben nennen.

Unser Tag hat feste Uhrzeiten, feste Struktur,

wird nicht bestimmt von der nächsten Dosis Heroin

und nicht von dem nächsten Tropfen Alkohol.

Wofür leben wir auch in einem Sozialstaat?

 

„Die Minusgrade säubert die Straßen von Pennern“

Den Satz meines Mitschülers machte mich sprachlos.

Auch Obdachlose sind Menschen wie wir,

auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen

und sie zum untersten Glied der Gesellschaft degradieren.

 

Auch sie hatten einmal eine Familie,

vielleicht sogar eine eigene Wohnung

bis sich ihr Leben tragisch änderte,

auf eine Weise, vor der jede Eltern ihre Kinder warnen:

„Pass ja auf, dass du nicht auf der Gosse landest!“

 

Sie gehen abends zum Hansaplatz anschaffen,

um sich die nächsten zehn Euro zu verdienen,

danach den kalten Leib mit Schnaps zu wärmen

und sich zu betäuben von diesem Leben,

um nicht daran kaputt zu gehen.

 

Kaputt zu gehen wie die nasskalten Schuhe im Regen,

kaputt zu gehen wie die Wodkaflasche im Alkoholrausch,

kaputt zu gehen wie die Gesichtszüge vom Drogenkonsum,

kaputt zu gehen wie die schönen Momente der Vergangenheit.

So kaputt, so tief gesunken, so geprägt von der Straße.

 

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

 

Hunderte von Füßen rennen jeden Tag vorbei,

Autos hupen und rasen über die Straße,

die Sonne geht in den Morgenstunden auf,

am Abend versinkt sie zwischen den Hochhäusern.

Sie sehen es jeden einzelnen Tag.

 

Die Partygänger vom Kiez setzen sich zu ihnen,

lassen die Bierflaschen herumgehen,

schießen ein Selfie nach dem nächsten

und gehen im Morgengrauen nachhause.

Die Obdachlosen bleiben, bis die Sonne aufgeht.

 

Die Straßen Hamburgs sind ihr Zuhause.

Sie leben zentraler als alle anderen Stadtbewohner

Und doch würden viele von ihnen mit diesen tauschen.

Im Mantel der Nacht fühlen sie sich geborgen

Und dem rauen Leben ausgeliefert zugleich.

 

Wenn sie unter der Brücke Platte machen,

einen Einkaufswagen voller Besitz

und eine versiffte Matratze am Boden

Sich mit ihresgleichen umgeben,

Dann wissen sie, das ist ihr Leben.

 

Sie sind gezeichnet von der Straße,

ausgemergelt von dem Elend,

der Perspektivlosigkeit geweiht.

Nur der morgige Tag zählt,

darüber hinaus ist alles ungewiss.

 

Ich laufe über die Brücke zum Dammtor-Bahnhof.

An einem Mann vorbei, der auf einer Decke am Boden sitzt.

Es sind noch zwanzig Minuten bis zu Seminarbeginn.

in den Händen hält er ein Schild „Ich habe Hunger“.

Zehn Minuten später bin ich zurück, Brötchen in der Hand.

 

Mir lächelt ein wettergegerbtes Gesicht entgegen,

als der Mann die Tüte entgegennimmt.

Ich wende mich um und laufe weiter über die Brücke.

Am Ende der Brücke wende ich mich noch einmal um.

Der Mann beißt in eines der Brötchen.

 

Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft.

Egal, ob wir ein Zuhause haben.

Egal, ob wir eine Familie haben.

Egal, ob wir Steuern zahlen.

Und egal, wie wir aussehen.

 

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

F.K.

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