Skript: Hinz&Kunzt. Das Hamburger Straßenmagazin

Skript zur Episode von Marina Schünemann.

Intro [leise Musik]:

Hallo! Mein Name ist Marina und ich durfte für das Seminar „Hamburg für alle – aber wie?“ einen Blick hinter die Kulissen von Hinz&Kunzt, Deutschlands größten Straßenmagazin, werfen.

Ich habe mit Mitarbeitern und Verkäufern gesprochen und durfte sogar einen Hinz&Künztler für einen Tag an seinem Verkaufsplatz begleiten.

Es war überraschend für mich, zu sehen, wie viel mehr dazugehört, als man von außen auf den ersten Blick erkennt. Das gilt für die Organisation „Hinz&Kunzt“ ebenso wie für die einzelnen Verkäufer, mit denen ich gesprochen habe.

[Musik]

Menschen, die von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen sind, befinden sich oft am sogenannten „Rande der Gesellschaft“. Der „simple“ Umstand, dass sie keine Wohnung haben, hindert sie an Tätigkeiten, die für uns Menschen „in der Mitte der Gesellschaft“ selbstverständlich sind. Und damit meine ich nicht etwa „Luxus“-Tätigkeiten wie ein Kinobesuch mit Freunden, sondern schon grundlegende Dinge, wie z. B. einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachzugehen. Dabei ist „Geh doch arbeiten“ ein Vorwurf, den sich obdach- oder wohnungslose Menschen immer wieder anhören müssen.

Warum das nicht so einfach ist, erklärt mir Stephan Karrenbauer, Sozialpädagoge und politischer Sprecher bei Hinz&Kunzt.

Naja, also für wohnungslose Menschen ist es natürlich wirklich schwierig von der Platte, von einer nicht vorhandenen Wohnung aus zur Arbeit zu gehen. Regelmäßig zur Arbeit zu gehen. Alle, die Arbeiten, wissen, dass man sich freut, wenn man nachhause kommt und sich ausruhen kann. Und die Menschen können sich nicht ausruhen. Die sind, den ganzen  Tag über mehr oder weniger im Stress und sind sogar nachts im Stress, weil man auch gar keine so richtigen Tiefschlafphasen hat. Wer da glaubt, nächsten Morgen, konzentriert, irgendeiner Arbeit nachgehen zu können, das ist vielleicht ein guter Wunsch, und einige Wohnungslose haben ja auch diesen Wunsch, aber es ist einfach nicht praktikabel, weil jeder einfach seine Ruhe braucht und die gibt es auf Platte nicht. Zum anderen kommt noch hinzu, alle Leute, die was gelernt haben, und eine zeitlang aus ihrem Job rausgeflogen sind, können nicht einfach so wieder einsteigen. Also jeder Radio- und Fernsehmechaniker, der zwei/drei Jahre aus dem Beruf draußen ist, findet ohne erst einmal eine Fortbildung nicht wieder in seinen Beruf zurück. Es ist einfach eine technische Entwicklung, die stattfindet, die so schnell ist, dass unsere Leute, die rausgekickt waren, nicht so ohne weiteres reinkommen, wie sich sich das manchmal selbst vorstellen. (Bürokratischer Teufelskreis) Es gibt dann natürlich auch einen bürokratischen Kreislauf, dass jeder Arbeitgeber, das ist egal wo man sich vorstellt, der fragt, wo ist deine Meldeadresse? Die Steuerkarte ist ausgeschrieben auf eine Meldeadresse. Und wenn du diese Sachen nicht vorweisen kannst, dann wird es schwierig. Und welcher Arbeitgeber stellt schon jemanden ein, der sagt: “Ich hab nichts, ich schlaf draußen”? Also, ich muss ganz ehrlich sagen, ich kenne niemanden. Es gibt vielleicht ein paar, die vielleicht nicht so intensiv nachfragen. Also ich kenn ja auch Leute, die es zumindest eine zeitlang versucht haben, von der Platte aus, dann einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, sind dann aber auch irgendwann gescheitert oder der Arbeitgeber hat es gemerkt, dass da irgendwas nicht stimmt – um es mal so auszudrücken – und hat sie dann entlassen. Über einen längeren Zeitraum kenne ich niemanden, der es geschafft hat, wirklich einen – ich sag mal – “normales Leben” fortzuführen.

Es gibt also viele verschiedene Gründe, warum das Arbeiten ohne einen festen Wohnsitz nicht so einfach ist. Deshalb versucht das Projekt Hinz&Kunzt genau an dieser Stelle, einen Übergang zu ermöglichen. Durch den Magazinverkauf können obdach- und wohnungslose Menschen auch ohne festen Wohnsitz oder Bankkonto eigenes Geld verdienen und sind nicht auf „Almosen“ angewiesen. Hinz&Kunzt begegnet ihnen auf Augenhöhe. Ich habe mit Christian Hagen, dem Vertriebsleiter von Hinz&Kunzt über dieses Prinzip des Magazins gesprochen.

Hinz&Kunzt wurde mal vor 25 Jahren unter anderem dazu ins Leben gerufen, dass Menschen in einer sozialen Notlage eine menschenwürdige Alternative zum Betteln haben. Der Verkauf von Straßenmagazinen oder von Magazinen auf der Straße ist etwas, was auf Augenhöhe stattfindet. Da gibt es nicht den großzügigen Spender und den bedürftigen Empfänger, sondern ich verkaufe ein tolles Produkt und bekomme gutes Geld für gute Ware. Das ist etwas, was im Austausch stattfindet und was auf Augenhöhe stattfindet.

Ein weiterer Mythos über obdach- und wohnungslose Menschen ist, sie seien faul und würden den ganzen Tag nur „abhängen“. Aber gerade für sie ist ein geregelter Tagesablauf besonders wichtig. Verkäufer Dennis erzählt mir, wie das bei ihm aussieht.

Ich stehe morgens auf, gegen neun und gehe dann in die Redaktion zu Hinz&Kunzt, trink meinen Kaffe, danach fahr ich los zum Arzt bzw. Ambulanz, hol da mein Substitut ab und wenn ich damit fertig bin, geh ich los, Zeitungen verkaufen. Und das mach ich manchmal sogar bis in die Nacht hinein. Also ich verkaufe meine Zeitungen auf der Reeperbahn, Gastronomie, meistens erst abends und tagsüber nehme ich da die Cafés und verkauf dort. In den Cafés mach ich immer so von mittags bis nachmittags und ab 18 Uhr mach ich abends Reeperbahn Gastronomie-Verkauf, Spielbudenplatz, Theater. Die betrunkenen Jugendlichen sind manchmal ein bisschen komisch, geben zum Teil auch blöde Antworten – da hör ich einfach drüber hinweg. Aber sonst sind die auf der Reeperbahn eigentlich relativ locker.  Es passiert ab und zu, dass ich, bei der Gastronomie, dass wenn ich da lang gehe, dass da vorher schon Leute waren, die einfach gebettelt haben. Natürlich umso mehr da vorbeigekommen sind, umso angenervter sind die Leute. Und dann bekomme ich schon manchmal ein paar komische Texte an den Kopf geknallt. Das ist schon nicht schön. Also wenn ich abends Zeitung verkaufe und es wird ein bisschen später, kann es natürlich vorkommen, dass ich verschlafe, dass ich groggy bin, dass ich Termine auch nicht einhalten kann, immer mal wieder wegschlafe. Aber im Großen und Ganzen versuche ich das irgendwie so zu machen, dass ich mir genügend Schlaf hole. Ich finde, das ist eigentlich auch wichtig.

Die „Redaktion“ wie Dennis es nennt, ist ein wichtiger Bestandteil von Hinz&Kunzt. In den Büroräumen in der Altstädter Twiete arbeiten rund 40 Menschen in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern, u. a. die Redaktion, aber auch z. B. auch Sozialarbeit und Öffentlichkeitsarbeit. 22 der Mitarbeitenden waren früher selbst obdachlos und wissen, worauf es für die Hinz&Künztler*innen ankommt. Einer von ihnen ist Siggi, Mitarbeiter im Vertrieb. Ich treffe ihn am „Tresen“, beim Ausgeben von Zeitungen.

[Geräuschkulisse „Siggi Intro“]

Jetzt soll ich dir erzählen, was ich hier so den ganzen Tag mach. Also, wie gesagt, Verkäufer und Angestellte von morgens bis abends ärgern. (Und ansonsten? Wenn du davon Pause machst?) Wenn ich davon Pause mach, mach ich hier halt Zeitungsausgabe, unterhalt mich mit Verkäufern, versuch zu helfen wo’s zu helfen ist.

[Schnitt]

Die kommen her mit nem Ausweis, dann müssen se Ausweis zeigen, dann tipp ich das eben in den Computer ein und dann müssen’se sagen, wie viele Zeitungen sie haben wollen; wenn sie dann die Zeitungen gekauft haben, dann frag ich noch nach Platz, wo sie eingetragen sind, wo ich sie abhaken soll oder eintragen soll.

Was es mit diesen Verkaufsplätzen auf sich hat, erklärt mir Christian noch einmal genauer:

Dann ist ein ganz entscheidendes Prinzip bei Hinz&Kunzt, dass jeder seinen Stammplatz hat. Wir möchten, dass jeder Verkäufer seinen geschützten Verkaufsplatz hat – und jetzt kommt der wichtige Punkt dabei – an dem er bekannt ist. Wir machen die Erfahrung, dass eigentlich der Zuspruch und die Unterstützung des Verkäufers und aber auch genauso der Verkauf des Magazins sehr stark davon abhängig ist, wie groß das Vertrauen und die Sympathie gegenüber dem Verkäufer ist. Und […] Vertrauen und Sympathie kannst du nur aufbauen, wenn du immer am selben Verkaufsplatz stehst und langsam eine Beziehung zu den Menschen aufbaust. Weil bei Hinz&Kunzt geht’s ja nicht nur darum, dass der Verkäufer sich eine Überlebenshilfe erwirtschaften kann und dass er eine gewisse Struktur und Rhythmus in seinen Alltag bekommt, es geht auch darum, dass er wieder unter Menschen kommt und wieder in der Mitte der Gesellschaft ankommt und mit den Menschen ins Gespräch und in den Austausch kommt.

Einer der Hinz&Künztler, der zufälligerweise ebenfalls Christian heißt, lädt mich ein, ihn auf seinem Stammplatz beim Verkaufen zu begleiten.

Hallo Christian! Wir befinden uns hier am Hamburger Hauptbahnhof, und machen uns ja gleich auf den Weg zu deinem Verkaufsplatz. Magst du dich vorher vielleicht einmal noch selber vorstellen?

Ja, ich heiß Christian, bin 55 Jahre alt, gelernter Elektriker, meine Hobbies waren Skateboard-Fahren, hab ich aber mittlerweile aufgegeben, spiele noch regelmäßig Frisbee und Schach.

[Schnitt]

Und wie lange verkaufst du schon die Hinz&Kunzt?

Ja, fast eineinhalb Jahre jetzt. Das ging so los, als ich nach Hamburg gekommen bin und bis ich meinen Antrag durchhatte für Arbeitslosengeld II hatte ich ja bestimmt fünf/sechs Wochen bis ich das erste Geld bekommen hatte und da war ich froh, dass ich Hinz&Kunzt hatte, dass ich mir noch ein Taschengeld machen konnte.

[Schnitt]

Okay, dann lass uns jetzt mal losgehen.

[Geräuschkulisse „Schritte“]

Ich find meinen Platz recht gut, der war mir von Anfang an sympathisch, also ich kann mich erinnern, dass ich am ersten Tag, ich hatte gerade die Zeitung rausgeholt, ich hatte noch nicht mal mein Schild umgehängt, da kam schon die erste Frau “Ach, sie verkaufen Hinz&Kunzt, geben Sie mir doch mal bitte eine Ausgabe”. Anfangs lief’s dann auch noch ein bisschen schleppend, so die ersten ein bis zwei Monate, aber dann kamen immer mehr Stammkunden dazu und ich hab auch so den Eindruck das die Kunden mich mögen. Manche suchen das Gespräch mit mir, also da ist zum Beispiel der Willi, der lässt sich duzen, der unterhält sich mit mir und schickt seine Frau rein zum Einkaufen. Also ich komm da sehr gut klar.

[Schnitt]

Die Stammkunden haben mich auch sehr aufgebaut. Gerade Sabine, meine Lieblingskundin, also, es ist manchmal gar nicht das Geld, sondern das Gespräch, das mich aufgebaut hat. Weil ich gehör zu ner Randgruppe, aber ich sie hat mir das, wie soll ich sagen, sie hat mir das gezeigt, dass ich auch ein Mensch bin; dass ich nicht irgendwie Abschaum bin oder sonst was. Sie hat mich immer sehr aufgebaut. Außerdem hab ich ihr vielleicht sogar mein Leben zu  verdanken, weil mein erster Herzinfarkt ging ja da auf dem Platz los, mein zweiter. Und da waren die Symptome aber ganz anders als bei meinem ersten Herzinfarkt, deswegen konnte ich das nicht deuten. Und sie ist ehemalige Krankenschwester und dann hab ich ihr die Symptome erklärt, da hat sie gesagt “Christian, du musst sofort zum Arzt!” und ich hab dann gesagt, “Nein, ich bin nicht geduscht”, sag ich, “so geh ich nicht zum Arzt, ich muss erst duschen”. Und dann bin ich auch früher nachhause gegangen als sonst, bin dann noch in der Stadt zum Duschen gewesen und dann ins Krankenhaus und die haben dann sofort die Diagnose Herzinfarkt gestellt und dann war ich auch gleich auf dem OP-Tisch.

[Schnitt]

Ich hab ja nur zwei/drei negative Reaktionen gehabt. (Und was waren das dann für Reaktionen?) Also ein älteres Pärchen… er hat ihr etwas ins Ohr geflüstert – was er gesagt hat, weiß ich nicht – und daraufhin hat sie dann auf mich geguckt und gesagt “ja, so sieht er auch aus”.

Auch wenn Christian und ich nicht rekonstruieren können, was genau das Pärchen wohl getuschelt hat, sind diese Vorverurteilungen gegenüber Menschen, die obdach- oder wohnungslos sind, keine Seltenheit. Dabei kann man es ihnen anscheinend nicht recht machen: Entweder, „die Obdachlosen“ seien zu ungepflegt, oder „zu schick“ sodass sie ja offensichtlich keine Hilfe brauchen würden. Dabei legen gerade obdach- und wohnungslose Menschen häufig Wert auf ein gepflegtes Äußeres, um nicht negativ aufzufallen. Durch Kleiderkammern und andere soziale Organisationen kommen sie dabei teilweise auch an teure Bekleidung – das heißt jedoch nicht, dass sie nicht arm wären.

Darüber spreche ich auch mit Kai, einem anderen Hinz&Künztler. Die Körperpflege ist für ihn, genauso wie für Menschen, die in einer Wohnung leben, ganz normaler Teil seines Tagesablaufs.

Ich sach auch immer das ist wie jeder andere Alltag, der zur Arbeit geht, ist genauso. Ich stehe auf, mach mich frisch, wasche mich, mache meine Morgenwäsche, wenn’s nötig ist, zieh ich mir halt frische Unterwäsche an und halt einmal frisch angezogen, ansonsten mindestens 3x die Woche duschen und ansonsten so auf der Platte ist halt eigentlich das das normal ist ja. Das hört sich vielleicht doof an so, aber man geht dann halt entweder Zeitung verkaufen oder Schnorren, eins von beiden.

Diese Vorverurteilungen von außen sind nicht nur verletzend sondern auch gefährlich. Sie entmenschlichen die Obdachlosen, man blendet sie aus, wenn man an ihnen vorübergeht, wie sie da so sitzen, liegen oder stehen.

Immer wieder ist in den Nachrichten von Gewalt an obdachlosen Menschen zu hören. Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasste für das Jahr 2018 670 Gewalttaten, die an obdachlosen Menschen verübt wurde. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher ist, da viele der Delikte gar nicht erst zur Anzeige kommen.

Dabei hat jeder einzelne von ihnen eigene Gedanken, Vorlieben, Hobbies, Träume. Dennis liest für sein Leben gern und braucht deshalb einen Schlafplatz, der auch nachts noch beleuchtet ist – er schläft vor einem Antiquitätengeschäft. Jede Woche liest er ein bis zwei Bücher, er ist dann “wie in einer anderen Welt“. Norbert ist seit einigen Wochen in einer Unterkunft und kocht jetzt täglich. Das warme Essen bringt er einem Bekannten von ihm, der seinen Schlafplatz nur rund 500m von seiner Wohnung hat. Er schätzt den Kontakt zu seinen Bekannten auf der Straße und ist gesellig, zuhause mit seinen fünf Mitbewohnern wird es ihm aber manchmal zu viel und er fühlt sich eingesperrt. Kai und sein Nackthund King Louis sind unzertrennlich. Christian ist „schachsüchtig“ und Weltentdecker. Er war schon in ganz Europa unterwegs.

Ich bin ein Mensch, der von der Routine lebt: Mein Tag sieht fast ähnlich aus wie der andere, also ich steh halt sehr früh auf. Was ich morgens brauche ist Kaffee und ne Zeitung, das ist wichtig für mich. Ich muss wissen, was auf der Welt los ist. […] Dann geh ich halt zu meinem Verkaufsplatz, verkauf da bis mittags, fahr in die Stadt in die Redaktion, hau da ein paar Euro in mein Sparfach, kauf neue Zeitungen ein,

Manchmal spiel ich noch Schach dort, weil man kommt da ja umsonst ins Internet und ich bin auch ehemaliger Vereins-Schachspieler und spiele sehr gern Schach, also ich bin richtig schachsüchtig, aber ich seh das als positive Sucht. […] Und es macht mir großen Spaß [Verkaufsgespräch].

dann fahr ich nachhause, will meinen Rucksack loswerden […], dann […] geh ich gern in Park, wo ich Frisbee spielen kann, ich hab da auch n Partner, der mit mir regelmäßig spielt, das ist mein Hobby, schon seit über 20 Jahren. Skateboard fahren tu ich nicht mehr, das war früher mein Hobby.

Bevor Christian bei Hinz&Kunzt anfing, Zeitungen zu verkaufen, arbeitete er als Elektriker in Düsseldorf. Dort erlebte er allerdings einen Alkohol-Rückfall und kündigte seinen Job. Nachdem ihm im Krankenhaus in Düsseldorf gesagt wurde, sie seien nicht für ihn zuständig, da er dort nicht gemeldet war, kam er nach Hamburg zur Entgiftung.

Da geht’s dir drei Tage richtig dreckig, also das gönne ich keinem Menschen, so ein richtiger Alkohol-Entzug, also, ist wirklich schlimm. Also ich hab mal mit einem Heroin-Süchtigen gesprochen, der beide Entzüge kannte, den von Alkohol und den von Heroin und er sagte: “Christian, das ist nicht viel Unterschied”, ne. Und ist ja auch so. Ich bin einmal ins Delir gefallen, also das gönn ich keinem Menschen. Du hast Halluzinationen, aber du weißt nicht, dass es Halluzinationen sind. Du glaubst, du bist dabei. Du kannst das alles nicht mehr auseinander halten: Ist das die Realität? Träumst du? Bist du wach? Schläfst du? Oder was ist das überhaupt? Was ist hier los? Du kannst das nicht mehr auseinander halten. Mir hat mal ein Psychologe erklärt, was das ist: Das ist eine Überreaktion des Gehirns. Also wenn du jetzt über einen längeren Zeitraum Alkohol trinkst, meinetwegen über einem halben Jahr jeden Tag ‘ne Flasche Vodka leermachst, und dann auf einmal einen Schnitt machst – das kennt dein Gehirn ja gar nicht mehr, weil dein Normalzustand ist halt alkoholisiert. Und dann ist es eine Überreaktion des Gehirns. Und wenn du langsam runterdosiert, dann macht das nichts – du darfst halt nicht von heut auf morgen einen Schnitt machen. Und den hab ich damals gemacht. Das war ein großer Fehler von mir. […]

Den ersten Entzug hab ich mit dreißig gemacht, der war auch sehr erfolgreich: Ich war dann sieben einhalb Jahre trocken. Ich hab dann sieben einhalb Jahre überhaupt kein Alkohol getrunken. Ich hab geglaubt, dass ich überhaupt kein Rückfall mehr kriegen kann. Aber in Dortmund auf dem Hauptbahnhof ist es dann passiert: Da hab ich dann ein Bier getrunken. Das ging auch ein/zwei Wochen so, dass ich dann ab und zu mal ein Bier getrunken habe. Aber dann habe ich so eine deutsch-polnische Clique kennengelernt und die haben sehr viel Vodka getrunken und da war es dann auch wieder passiert. Wenn dann die ersten Entzugserscheinungen kommen, dann ist der Ofen auch wieder aus. (Und dann warst du im Krankenhaus und hast da Entgiftung gemacht?) Ja ja. Die holen mich dann mit Distraneurin runter und Krampfschutz, obwohl ich noch nie einen Krampf hatte, also Krampfanfälle kenne ich nicht. Ich habe Leute gesehen, die kriegen einen, wenn sie entgiften, aber Delir sind auch nicht schön… Das ist eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe, so ein Delir. Das sind zwar Halluzinationen, aber das ist so realistisch, also du glaubst wirklich, du bist da bei. Das ist so. Du bist dabei. Also du weißt nicht, dass das Halluzinationen sind. Das ist wahnsinnig schlimm, ja.

Einer geregelten Arbeit nachzugehen, ist ihm mit seiner Krankheitsgeschichte nicht mehr möglich, sagt Christian.

Jeder zweite guckt dich an, und nicht alle sind positiv, also ich kriege auch häufig negative Reaktionen. […] Ich finde das sind Vorurteile, ich meine, die wissen ja gar nicht die Hintergründe. Ich fühl mich auch nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Das was ich hier mache, hat mir eigentlich mein Arzt gesagt, also auf der Reha, wurde mir gesagt, dass ich maximal drei Stunden in der Woche […] bedingt arbeiten darf, also eigentlich das, was ich jetzt hier mache.

Gerade dieses Angeschaut-Werden, die Blicke der Vorbeigehenden, ist etwas, was für Christian gerade zu Beginn seiner Zeit als Hinz&Künztler sehr schwierig war.

Ich finde, das da ne ganze Menge Selbstbewusstsein dazugehört. Die ersten ein/zwei Wochen hatte ich da reichlich Schwierigkeiten mit, weil du bist da voll auf dem Tablett: Die Leute kommen von der Kasse und gehen an dir vorbei und jeder zweite guckt dich an, das ist schon ein komisches Gefühl. Aber man gewöhnt sich dran.

[…]

[Schnitt]

(Gibt es etwas, dass du den Hinz&Kunzt-Lesern mitgeben würdest?)

Ja, ich hätte gern, dass die Leute mehr Zeitungen mitnehmen. Viele drücken mir ihr Geld so in die Hand, das ist mir gar nicht recht. Mir wäre es lieber, die Leute würden ihre Zeitung auch mitnehmen, weil ich bin kein Egoist und die Redaktion muss ja auch leben, und ich leb von der Redaktion, deswegen wäre es mir lieber, wenn die Leser wirklich auch die Zeitung mitnehmen und nicht nur mir das Geld in die Hand drücken. Ich versuche schon, den Leuten immer aufzudrängen und viele kommen ja auch zu mir “Ja, ich hab schon die Zeitung”, sag ich: “Dann nehm’se trotzdem noch eine mit und tun’se bei dem Nachbarn in Briefkasten stecken oder so”. Mir ist das gar nicht recht, dass ich nur Geld in die Hand gedrückt bekomme. Aber ablehnen tu ich’s auch nicht. [Schnitt]

Und dann erzählte mir Christian noch, warum er vom Projekt Hinz&Kunzt so überzeugt ist:

Hinz&Kunzt hilft ja auch anderen. Also wenn Sie diese Zeitung kaufen, dann helfen sie ja praktisch drei Mal: Sie helfen mir persönlich, sie helfen der Redaktion, und sie helfen der Armut im Allgemeinen. Und der Inhalt dieser Zeitung ist ja auch nicht schlecht. Also ich finde, dass sie sehr gut geschrieben ist. […]

Damit beenden wir „unseren“ Verkaufstag auch schon und gehen gemeinsam in „die Redaktion“. Auf dem Rückweg bleibt mir Zeit zu reflektieren:

Durch meine Gespräche mit Stephan, Christian & Christian, Siggi, Kai und Dennis und vor allem auch durch diesen gemeinsamen Verkaufstag konnte ich einen genaueren Einblick in die Arbeit eines Hinz&Künztlers gewinnen. Über die Tagesstrukturen, die von außen vielleicht gar nicht vermutet werden. Über das Selbstbewusstsein, das dazugehört, um sich „wie auf dem Tablett“ zu präsentieren, wie Christian erzählte. Das viele Ignoriert-Werden und teilweise sogar negative Kommentare oder Anfeindungen, wie bei Dennis. Aber vor allem auch die positiven Erfahrungen im Verkaufsalltag: Die Gespräche mit Stammkund*innen wie Sabine oder Willi, der seine Frau zum Einkaufen schickt, um in Ruhe mit Christian schnacken zu können. Die Ankunft in „der Redaktion“ – bei vielen Verkäufer*innen fester Bestandteil ihrer Tagesroutine, wo sie auf Siggi oder einen seiner Kollegen treffen, der ihnen versucht „zu helfen, wo’s zu helfen ist“, sie einen Kaffee bekommen oder sich einfach eine Weile aufhalten können.

(Geräusche: Tür öffnet sich, Begrüßung)

So Marina, ich geh jetzt nochmal Schach spielen. (Verabschiedung)

(Musik)

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