Buchrezi: Abseits

von Fabienne Kollien

Der Bildband “ABSEITS: Vom Leben am Rande der Gesellschaft in Hamburgs Mitte” erzählt die Geschichten von Menschen in Hamburg St. Pauli, die von Armut betroffen sind. Susanne Groth und Markus Connemann haben darin dreißig Interviews mit Porträtfotos zusammengestellt von Menschen, die sie im CaFée mit Herz getroffen haben. Das CaFée mit Herz richtet sich mit seinem Angebot an die armen, arbeits- und obdachlosen Menschen auf St. Pauli und versorgt diese mit warmen Mahlzeiten, Kaffee und Kuchen. Es wird von Ehrenamtlichen unter der Leitung von Margot Glunz betrieben. Darüber hinaus sind dort Duschen, eine Kleiderkammer und sogar ein Raum für ärztliche Behandlung vorhanden.

“Die Zukunft gehört denjenigen, die an das Schöne ihrer Träume glauben.”

Mit diesem Zitat werden die Porträts vielversprechend eingeleitet. In den Texten erzählen die Besucher/innen des CaFée mit Herz nicht nur, welche Lebensgeschichte sich hinter ihnen verbirgt und wie sie in ihre gegenwärtige soziale Notlage geraten sind, sondern auch, welche Träume sie haben. Dabei sind manche Erzählungen schonungslos ehrlich und regen zum Nachdenken an.

Wünsche: Gesundheit, Freunde, Arbeit und natürlich eine Wohnung

Einige der Träume sind der Wunsch nach Gesundheit, das Behalten des Freundeskreises und ein Arbeitsplatz bzw. eine eigene Wohnung. Rolf-Jürgen, 55, sagt beispielsweise: “Oh, wenn jetzt eine Fee hier wäre und mir Wünsche erfüllen könnte, dann würde ich mir zuerst wünschen, dass ich immer gesund bleibe. Das ist immer das Wichtigste im Leben.” Was für Außenstehende möglicherweise sehr bescheiden klingt, spielt für die von Armut betroffenen Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Viele der Geschichten handeln davon, dass die Befragten früher ein geregeltes Leben mit Job, Wohnung und sogar Familie hatten, dieses dann aber von einem Tag auf den anderen durch unglückliche Umstände verloren und somit auf der Straße landeten bzw. in die Armut abrutschten.

Träume braucht man, um sich eine Zukunft vorzustellen

Einige von ihnen stammen aus Polen oder anderen osteuropäischen Ländern und haben es nicht geschafft, in Deutschland Fuß zu fassen. Krankheit ist auch ein Problem, weshalb viele dieser Menschen der soziale Abstieg ereilt hat. Rexx, 55 Jahre, berichtet: “Früher habe ich hier im Hafen Container entladen, aber jetzt bekomme ich nur eine kleine Rente, also eine Grundsicherung, weil ich krank bin und nicht mehr arbeiten kann. Davon kann man aber nur ganz schlecht leben.” Einige erzählen von Erfahrungen mit Missbrauch, Alkohol und Hartz IV. Dennoch zeigt sich in den Geschichten auch, wie sehr viele der Befragten geradeaus in die Zukunft blicken und sich selbst die Erlaubnis geben, Träume zu haben, trotz der nach außen hin schwierigen Lebenssituation. Oder erzählen von angenehmen Erinnerungen, wie Ulf, 71 Jahre: “Ich hatte in Marokko ein sehr schönes Leben, das kommt nicht wieder.”

Arzt, BünaBe und Café-Besitzerin sind mit viel Herzblut für die Menschen da

Die zugehörigen bunten Fotografien von Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit ergänzen die dreißig erzählten Lebensgeschichten. Auch die Geschäftsführerin des CaFée mit Herz, Margot Glunz, sowie Dr. Niels-Peter Homann, der einmal die Woche die Besucher der Cafés ehrenamtlich ärztlich versorgt, und Thomas Tessmann von der Davidwache in Hamburg St. Pauli werden vorgestellt. Bei allen dreien wird schnell deutlich, dass sie ihre Tätigkeit mit Herzblut ausüben.

Das Buch “Abseits” vermittelt einen authentischen und sehr aktuellen Einblick in die Szene der von Armut betroffenen Menschen in Hamburg. (Einige davon leben nicht weit von meiner eigenen Haustür. Anm. der Verfasserin) Es sensibilisiert für die Schicksale, deren Endstation das raue Leben auf der Straße ist. Und schließt mit einem eindringlichen Zitat von Jane Godall:

“Wir können jeden Tag aufs Neue entscheiden, welchen Einfluss wir auf diese Welt ausüben möchten.”

One comment

  1. Mir gefällt es, dass die Unsichtbaren, die Pfandflaschensammler aus ihrem Abseits berichten.
    Die SPD-Hamburg-Mitte schrieb zur Wahl am 26.Mai 2019, dass 6.368 neue Wohnungen gebaut wurden. In welchem Zeitraum die Wohnungen gebaut wurden, ob in den letzten 10 oder 20 Jahren, wurde nicht mitgeteilt. Ebenso fehlt die Nachricht, wieviele Menschen vom Schlafsack in eine Wohnung wechseln konnten. Es werden gewiss mehr Menschen mit staatlicher Gewalt durch Zwangsräumung in einen Schlafsack umziehen als umgekehrt – eine Wohnung erhalten – und auf dem Fußweg vegetieren.
    “Uns geht es gut”, glauben viele Leute noch und sehen nicht, dass über ihnen das Damoklesschwert mit Hartz-IV und Grundsicherung schwebt.

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