Engagiert im Pik As

von Freya Carius

Das Pik As ist eine der fünf Notübernachtungsstellen in Hamburg, und das schon seit 1913. Damit ist sie die älteste ganz Deutschlands. Die Unterkunft ist vor allem für Männer, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, vorgesehen. Nur falls ein Hund treuer Begleiter ist, kann auch eine Frau ein Zimmer in Anspruch nehmen.

Es gibt 330 Betten, wobei in einem Zimmer maximal zwölf Betten stehen. Neben den Mehrbettzimmern sind 17 Einzelzimmer vorhanden, die für Menschen mit einem Hund bestimmt sind. Das Haus ist nicht zu jeder Zeit voll belegt. Im Sommer bleiben im Schnitt ein Drittel der Betten frei. Während die Zahl der Unterkommenden im Oktober steigt. Der Grund dafür ist der Zuwachs von Menschen aus dem Umland, die auf den Start des Winternotprogramms warten.

Die steigende Zahl der Bewohner ist auch in der Suppenküche zu merken. In dieser habe ich in den letzten Wochen mitgeholfen und möchte nun meine Eindrücke mit euch teilen.

Suppenküche im Pik As

Dienstag, 23. Juli 2019, 18:30. Ich biege von der Neustädter Straße in den Innenhof des Pik As ein. Heute ist es sehr heiß und im Vorhof sind etwa zehn Männer anzutreffen. Ich gehe über den Hof zum Eingang des Pik As. Dort stehen bereits zwei Angestellte, die auf die Gäste, die nur über Nacht kommen, warten. Rund um die Uhr ist das Haus geöffnet und bereit neue Hilfesuchende aufzunehmen. Drinnen am Empfang fragt ein Mann, wo er seine Wäsche waschen könne, und mir wird gleich freundlich zugenickt: „Die Kollegen sind schon oben. Schlüssel und Walki Talki haben sie schon mitgenommen“.

Ich gehe in den ersten Stock, vorbei an einem Tischkicker und einem Tisch, auf dem Brötchenspenden liegen. Oben gegenüber der Küche gibt es einen Aufenthaltsraum, diesen werde ich aber erst im Winter gefüllt sehen.

Ich klopfe an die Küchentür und werde mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. Wir kennen uns noch nicht, denn in der Küche gibt es zum Glück viele freiwillig Helfende, sodass jede*r nur alle drei bis vier Wochen eine Schicht übernimmt. Einige Freiwillige sind schon seit Beginn der Wiedereröffnung der Suppenküche dabei. Andere haben sich auf Grund einer Anzeige gemeldet oder kommen vom Round Table, einem Club, der Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern vernetzt und soziale Hilfsaufgaben übernimmt. Sie alle wollen denen helfen, mit deren Schicksalsschlägen ein*e jede*r Hamburger*in im Alltag, sei es beim Einkaufen oder in der Bahn, konfrontiert ist. Vor allem ist es ihnen wichtig, Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu schenken.

Heute erhitzen wir zu dritt Würstchen, füllen Kartoffelsalat auf Pappteller und Dosenobst in Schälchen. Mittlerweile spare ich beim Auffüllen nicht mit dem Saft aus der Dose. Schließlich hat er reichlich Zucker und auch die Flüssigkeit ist wichtig, besonders an einem Sommertag. Um 19 Uhr können wir den Empfang anfunken:

„Wir sind so weit. Gebt ihr es einmal durch?“

Noch bevor die Lautsprecherdurchsage ertönt, stehen bereits fünf Männer vor unserer Tür. Es ist bekannt, dass die Essensausgabe im Pik As jeden Dienstag und Mittwoch um 19 Uhr stattfindet.

Es stehen verschiedenste Männer vor der Tür. Die meisten sprechen Deutsch, einige nur gebrochen, und man hört öfter einen osteuropäischen Akzent durch. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele junge Menschen kommen. Einige von ihnen sind im Pik As untergekommen, andere nicht. Viele freuen sich sehr über das Essen und auch über die nett lächelnden Menschen an der Ausgabe. Wieder andere bleiben stumm. Viel mehr erfahre ich allerdings nicht von den Menschen. Am Ende, wenn sich die Schlange abgebaut hat, bleibt etwas mehr Zeit zum Reden.

Schicksalsschläge sind kein Smalltalk-Thema

Heute komme ich mit einem jungen Mann ins Gespräch. Er erzählt mir, dass er erst seit zwei Wochen obdachlos sei und eigentlich plant, nach Brasilien auszureisen. Wir reden etwas weiter und verabschieden uns. Meine Kollegin schüttelt etwas bedrückt den Kopf, sie habe ihn hier schon öfters gesehen. Er ist schon deutlich länger als zwei Wochen obdachlos, und sie sagt, dass er bei einem gleichaltrigen Mädchen wohl keinen schlechten Eindruck hinterlassen wollte. Schicksalsschläge sind kein Smalltalk-Thema, und wieder merke ich, dass ich trotz kurzer Gespräche den Lebensweg derer, die zur Essensausgabe kommen, nicht nachvollziehen kann. Aber vielleicht tut das auch nicht Not, denn vor allem ist es wohl der Respekt, der den Gesprächen gut tut. Anstelle von Ignoranz findet wahres Interesse statt – auch wenn es nur für den kleinen Moment an der Theke ist.

Heute haben wir 42 Portionen ausgeben können. Das sind zehn mehr als in der letzten Woche. Kein Wunder, denn am Ende des Monats sind die Gelder der Sozialleistung ausgegeben. Nach ein anderthalb Stunde verlassen wir das Pik As wieder.

Notübernachtungsstellen

In einer Notübernachtungsstelle kann erst einmal jeder Mensch, der von Obdachlosigkeit betroffen ist, für sieben Nächte unterkommen. Innerhalb der Woche soll der Betroffene mit Hilfe des Jobcenters oder der Fachstelle für Wohnungsnotfälle seine Ansprüche auf Leistungen wie Grundsicherung, Rentenbezug, Pflege und öffentliche Unterbringung klären. Da es in Deutschland eine Mitwirkungspflicht bei Erhalt von Sozialleistungen gibt, muss eine Eigenmotivation, diese Ansprüche zu klären, vorhanden sein. Wenn das der Fall ist, die Klärung aber länger als sieben Tage dauert, darf derjenige länger in der Notübernachtungsstelle bleiben.

Einige Menschen haben in Hamburg keinen Anspruch auf eine weitere Unterbringung. Der Grund dafür ist, dass sie aus einem anderen Bundesland oder Land kommen. Das heißt, dass sie den Standort Hamburg aufgeben müssten, um nicht hier auf der Straße zu übernachten. Aber auch trotz Ansprüchen entscheiden sich einige Menschen dafür, die Unterkünfte zu meiden. Unter anderem haben sie Angst vor Gewalt oder Diebstählen.

Zahlen und Fakten vs. Menschlichkeit

2018 wurden in Hamburg 1.910 Menschen als obdachlos registriert (vgl. Studie der GOE). Obdachlos sind Menschen, die in Notunterkünften oder auf der Straße leben. Während unter Wohnungslosigkeit alle Menschen gezählt werden, die in Wohnunterkünften oder Übernachtungsstätten unterkommen. Dies sind 2018 4.666 Menschen gewesen, wobei die Dunkelziffer weitaus höher ist.

Nach der Zeit in der Suppenküche empfinde ich vor allem die Regelung von Ansprüchen für Menschen, die nicht aus Hamburg kommen, als problematisch. Ich habe sehr vielen polnischen, rumänischen und bulgarischen Männern eine Suppe ausgeben können. Doch bieten die Notübernachtungsstellen und das Hilfesystem ihnen keine Perspektive.

Anspruch auf angemessenen Wohnraum ist ein Menschenrecht

Zwischen 2009 und 2018 ist der prozentuale Anteil von Obdachlosen ohne deutsche Staatsangehörigkeit von 24 % auf 61% gestiegen. Das bedeutet gleichzeitig, dass mehr Menschen als zuvor keinen Anspruch auf Leistungen aus dem Hilfesystem haben. Zwar ist im UN-Sozialrecht der Anspruch auf angemessenen Wohnraum als Menschenrecht festgehalten (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 1948, Art 25), doch gibt es keine gemeinsame Lösung, wie EU-Migranten geholfen werden kann. In Hamburg bleibt obdachlosen EU-Mitgliedern der Anspruch auf Unterstützung bei der Wohnungssuche verwehrt.

Der Anstieg ausländischer Obdachloser ist vor allem auf die 2011 und 2014 freigegebene Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb Europas zurückführen. Der Großteil der Gruppe gibt an, durch Verlust der Arbeit obdachlos geworden zu sein. Es sind also Menschen, die in Hamburg ihren Lebensmittelpunkt haben, hier Arbeit hatten oder suchten und nun auf Grund fehlender Hilfe Hamburg als Lebensort aufgeben müssen. Die Notübernachtungsstelle ist daher nur eine “Lösung” für einen temporären Aufenthalt und bietet für viele keine Zukunftsperspektive. Dass gescheiterte Migrant*innen keine Ansprüche haben, sollte meiner Meinung nach EU-weit geregelt werden.

Der Weg von der Straße zurück in ein geregeltes Leben ist alles andere als leicht

Das Engagement hat mir eine neue Perspektive auf das Leben in Hamburg gegeben. Auf der einen Seite bin ich berührt, wie viele Hamburger*innen sich für die Bekämpfung von Obdachlosigkeit einsetzen. Auf der anderen Seite habe ich nun erkannt, vor welch großen Hürden die obdachlosen Menschen stehen und dass ein Weg runter von der Straße alles andere als leicht ist.

Quellen:

Diakonie Deutschland (2014): Gewährleistung von Wohnraum als Teil eines menschenwürdigen Existenzminimums. Diakonie Texte | Positions- und Fachpapier | 04.2014 (PDF online)

Generalversammlung der Vereinten Nationen (1948): Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (A/RES/217, UN-Doc. 217/A-(III))

Ratzka, Melanie; Andreas Kämper (2018): Obdach- und wohnungslose Menschen in Hamburg 2018 Befragung obdachloser, auf der Straße lebender Menschen und wohnungsloser, öffentlich-rechtlich untergebrachter Haushalte 2018 in Hamburg – Auswertungsbericht der Gesellschaft für Organisation und Entscheidung (GOE). Im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit, Soziales, Fa milie und Integration (PDF online)

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