Gesellschaftliche Partizipation und Mitbestimmung für Obdachlose?

Hamburg ist eine reiche und zugleich eine Stadt mit einer immer steigenden sozialen Ungleichheit. So leben 42.000 Millionäre und etwa 285.000 Menschen, die von Armut betroffen sind, in Hamburg (Bischoff & Möller 2017). Besonders von Armut gefährdet sind Menschen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche (ebd.).

Prekäre Arbeitsverhältnisse und Wohnungsknappheit sind weitere Faktoren, die zu Wohnungs- oder Obdachlosigkeit führen können. So sind, laut der Schätzung der Diakonie und der Zeitung Hinz&Kunzt, etwa 2.000 Hamburger*innen obdachlos (Laufer 2017). Hinzu kommen mehr als 3.100 Menschen, die in Übergangswohneinrichtungen leben und somit nicht als obdach-, jedoch als wohnungslos gelten (Diakonie Hamburg 2015).

Die Wohnungs- und Obdachlosigkeit zu bekämpfen ist eine staatliche Pflicht, wie es die Diakonie Hamburg in ihrem Artikel „Zahlen und Fakten zur aktuellen Situation der Wohnungslosigkeit in Hamburg“ (Diakonie Hamburg 2015, hier online) zusammenfasst:

„Hamburg ist zur Unterbringung unfreiwillig obdachloser Menschen verpflichtet. Die hamburgischen Behörden haben nach § 3 Abs. 1 des Gesetzes zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (SOG) die im Einzelfall zur Gefahrenabwehr erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Eine Gefahr besteht immer, wenn elementare Rechte von Menschen, also das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit oder die Menschenwürde, welche durch das Grundgesetz für alle Menschen geschützt sind, verletzt zu werden drohen. Ein solcher Gefahrentatbestand liegt auch dann vor, wenn Menschen unfreiwillig obdachlos sind.“

Dementsprechend wichtig erscheint, dass sich die Hamburger Universität des Themas annimmt und die Studierenden motiviert themenübergreifend und praxisnah zu forschen. Somit bin ich dankbar, die Gelegenheit gehabt zu haben im WiSe 2017/18 im Rahmen eines Seminars mit anschließenden Praxisstunden in das Thema der Wohnungs-/Obdachlosigkeit eintauchen zu können. Im Seminar konnte ich mich einerseits ausführlich über die Lage der Wohnungs- und Obdachlosen in Hamburg informieren und darüber hinaus mit den wissenschaftlichen und gesetzlichen Grundlagen vertraut machen.

Praktisches Engagement und Befragung im Park-IN

Während meiner Praxisstunden im Park-IN der Heilsarmee im Hamburger Stadtteil Billstedt habe ich dann mein theoretisches Wissen mit der Realität abgleichen können. Vor meinem ersten Besuch erstellte ich eine Art Fragenkatalog. Diese Fragen entstanden durch mein Interesse an gesellschaftlicher Partizipation und Mitbestimmung von Obdachlosen und Wohnungslosen und waren wie ein Leitfadeninterview angelegt.

Dieser Leitfaden ist in die beiden Themenbereiche Partizipation und Selbstbestimmung untergliedert. Im Themenfeld Partizipation sollten Aspekte der Work-Life-Balance erfragt werden, sowie Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und generelle Wege der Kommunikation unter Freunden und Bekannten beleuchtet werden. Mit der Befragung nach Selbstbestimmung sind Mit- und Eigenbestimmung in der Einrichtung gemeint. Doch auch die Mit- und Eigenbestimmung im generellen Alltag, wie Möglichkeiten der Mobilität im öffentlichen Raum, erschienen mir als interessante Themen.

Es gibt für “die Obdachlosen” keinen typischen Tagesablauf!

Partizipation von Wohnungs- und Obdachlosen

Doch bereits während meines ersten Besuchs im Park-IN fiel mir auf, wie sehr mich diese Fragen von den anderen Besucher*innen des Park-IN trennten. Ich unterhielt mich mit einer älteren Frau, die sich zurückhaltend und eloquent mit mir unterhielt. Sie war gleichermaßen an mir wie an meinen Fragen interessiert. Meine Frage, wie ein üblicher Tagesablauf denn bei ihr aussähe, schien sie augenblicklich zu durchschauen. Während sie mir antwortete, ich solle mal bloß nicht glauben, es gäbe für „die Obdachlosen“ einen typischen Tagesablauf. Jeder Tag sei anders und gefüllt von Terminen, Verabredungen und Verpflichtungen. Ich schämte mich und glaubte eine plumpe und unüberlegte Frage gestellt zu haben.

An einem anderen Tag hatte ich die Chance mich mit zwei Männern über ihre Art sich in Hamburg fortzubewegen und deren Lieblingsplätze unterhalten.  Am selben Tag kam ich mit einer mir bereits gut bekannten Besucherin ins Gespräch und fragte, woran sie sich gehindert fühle. An diesem Tag würde mir sehr deutlich, dass ich von ganz anderen Menschen ausgegangen bin, denen ich meine Fragen stellen würde. Die Antworten der Besucher/innen auf meine Fragen waren herrlich normal. Womit hatte ich also gerechnet?

Immer wieder hörte ich in Workshops und Vorlesungen, dass man wohnungslose und obdachlose Menschen nicht zwangsläufig von Menschen mit Wohnungen unterscheiden kann. Mich erstaunt, dass ich mich durch meine sehr subtil gestellten Fragen als etwas anderes, Besseres sah, als die, mit denen ich mich unterhielt.

Essenausgabe der Tafel

Besonders interessant war für mich der Tag, an dem ich bei der Essensverteilung der Tafel mithalf. Ein Mitarbeiter vom Park-IN fragte mich, ob ich gleich mit in die Küche kommen wolle, um das Essen zu verteilen. Ich sagte ja, obwohl ich ahnte, dass ich es nicht gerne tun würde. Meine Sorge, welche ich erst später beschreiben konnte, bestätigte sich. Die Küche ist zum Aufenthaltsraum hin offen. Nur eine tresenartige Arbeitsfläche, auf der die Essenskörbe nach Art des Essens (Brot, Obst, Konserven, Gemüse, etc.) angerichtet sind, trennt die beiden Räume.

Dieser Tresen trennt somit auch alle Mitarbeiter*innen, die bei der Essensausgabe helfen, von den restlichen Besuchern. Nichts zeigte mir an diesem Tag eine deutlichere Trennung von den Menschen, die das Essen ausgaben, weil sie es nicht brauchten, zu denen, die das Essen zugeteilt bekamen, weil sie es benötigten.

Diese Zeit der Essensausgabe erschien mir verachtend und fern von jeder Mitbestimmung! Zu Beginn ziehen die Besucher/innen Nummern, die sie in eine Reihenfolge bringen. Die Reihenfolge wird von einem Mitarbeiter (meist der ranghöchste) in Etappen vorgetragen. So dürfen immer etwa drei Leute gleichzeitig eine kleine Schlange bilden und zum Tresen laufen. Hier können sie (aber bitte nicht trödeln) ihre Tüten mit den Lebensmitteln füllen. Hierbei können sie nicht in Ruhe schauen, was es gibt, sondern wählen im Vorbeigehen einige der ihnen sichtbaren Lebensmittel aus. Angefasst werden diese von den in Gummihandschuhen steckenden Händen der Mitarbeiter*innen.

Dieses Procedere beginnt akribisch pünktlich um 15:00 Uhr am Mittwoch. Währenddessen steht der (ranghöchste) Mitarbeiter der Einrichtung mit der Liste der sich eingetragenen Besucher*innen im Raum und mahnt zur Ruhe. Das wird so ernst genommen, dass sich gar nicht oder nur im Flüsterton unterhalten wird.

Ich half nur einmal bei der Essensausgabe mit. Mir erschien es angenehmer eine der Besucher*innen zu sein. Hierbei erfuhr ich, dass eine Frau bereits wegen zu lautem Reden während der Essensausgabe rausgeworfen worden sei. Sie berichtete mir, dass sie das so traurig gemacht habe, dass sie weinen musste. Ich dachte mir daraufhin, das ich wohl auch weinen müsste, wenn ich während eines so erniedrigenden Procederes wie ein störendes Kind behandelt würde.

Quellen:

Diakonie Hamburg (2015): Zahlen und Fakten zur aktuellen Situation der Wohnungslosigkeit in Hamburg (online unter: https://www.diakonie-hamburg.de/export/sites/default/.content/downloads/Presse/22-04-Zahlen-und-Fakten-zur-aktuellen-Situation-der-WL-in-HH.pdf)

Bischoff, J., Möller, B. (2017) Soziale Ungleichheit im Wohlstand Reichtum und Armut in Hamburg. Eine Studie im Auftrag der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft. Fraktion DIE LINKE.

Laufer, B. (2017) Hamburg will Obdachlose zählen lassen. Hinz&Kunst (online unter: https://www.hinzundkunzt.de/hamburg-will-obdachlose-zaehlen-lassen/)

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