Persönliche Geschichten – von Jobverlust, Alkoholsucht und Einsamkeit

Nach meinem wöchentlichen Besuch im Park-In hab ich mich jetzt doch entschieden einige Geschichten aufzuschreiben:

Alkoholsucht nach Arbeitsunfall…

So erzählte mir einer der Herren, wie es zu seiner Alkoholsucht kam: Vor relativ vielen Jahren hatte er einen Arbeitsunfall gehabt, nachdem seine Haut überzogen war von Bläschen und Pusteln. Die Menschen, einschließlich seiner damaligen Ehefrau, fingen ihn an zu meiden und er verspürte das erste Mal richtig Einsamkeit. Er isolierte sich dann immer mehr und verschwand hinter seinem Alkoholkonsum, so dass er irgendwann sein Zuhause und seine Kontakte verlor. Er erzählte dann davon wie er um die 20 Jahre auf der Straße lebte und dort unteranderem auch bei Hinz & Kunzt gearbeitet hatte. Heute sieht man ihm die Hautkrankheit nicht mehr an, denn die wurde ihm behandelt, doch sehr viel später erst. Auch trinkt er heute nicht mehr, aber sein Geld lässt er sich trotzdem weiterhin vom Park In verwalten, da es ihm sehr helfe es gut einzuteilen.

…Schlüsselkind…

Ein anderer erklärte mir, dass er als Kind ein sogenanntes „Schlüsselkind“ gewesen sei, was so viel bedeutet, dass er sich quasi selbst versorgt hat und eben alleine als Kind mit dem Schlüssel nach Hause kam und dann bereits mit 13 Jahren mit dem Alkohol anfing. Erst war es ‚nur’ Bier und danach kam harter Alkohol dazu. Seine Tage verbrachte er im Park mit Trinken.

… als junge Frau auf der Straße gelandet…

Eine Frau erzählte mir wie sie als Minderjährige von ihren Eltern abhaute und in Berlin sich einer Gruppe obdachloser Jugendlicher anschloss. Sie waren eine Gruppe von ca. 15 Personen, die alle zwischen 16 und 22 waren. Sie beschrieb die Gruppe als freundliche und aufgeschlossene ‚Punks‘. Später, als sie mit 20 schwanger wurde, begab sie sich in ihrer Heimat in ein Frauenhaus, in dem sie sich jedoch nicht wohlfühlte. So erzählte sie mir, dass sie das Gefühl hatte, dass die eine Sozialarbeiterin bei ihr, aber auch bei anderen Frauen, sehr dahinter gewesen sei, dass sie das Sorgerecht für ihre Kinder verloren. Nun wohnt das Kind bei den Eltern der Frau und ist nach eigenen Angaben der einzige Grund weshalb sie ihre Eltern überhaupt noch sehen würde.

…von den Eltern auf die Straße gesetzt…

Bei der Stadtführung mit einem der Hinz & Künztler ist mir eine Geschichte besonders im Kopf geblieben. So erzählte der Mann, wie er während seiner Heroinabhängigkeit bei seinen Eltern wohnte und die alles für ihn taten. Als diese einen Therapeuten fragten, wie sie ihrem Sohn aus der Sucht helfen könnten, antwortete dieser „Sie müssen ihn rauswerfen“, denn sie machten sich Co-abhängig und unterstützen ihren Sohn so sozusagen in seiner Sucht. Dies zu hören war ganz schön hart und unterstrich nochmal, dass Hilfe zwar angeboten werden kann, aber die Veränderung von der Person kommen muss. Der Wille und die Motivation müssen von der betroffenen Person kommen, so schwer dies auch zu akzeptieren ist.

Hilfe zur Selbsthilfe – das Konzept des Park-In

Diesen Ansatz befolgt auch das Park-In, das eben Hilfe zur Selbsthilfe anbietet und beispielsweise die Menschen auf der Straße für eine warme Mahlzeit und eine Duschmöglichkeit ins Park-In fährt, statt ihnen alles direkt an die Platte zu bringen, wodurch sie in den meisten Fällen eben nicht mit ihrer Alkoholsucht oder Ähnlichem konfrontiert werden. Auch die Aussicht darauf am Ende des Monats noch Geld übrig zu haben und sich eben dieses im Park-In wöchentlich auszahlen zu lassen, ist für viele ein Anreiz mit in die Einrichtung zu kommen. In der Einrichtung werden sie dann erstmal mit dem Notwendigen versorgt, dazu gehört auch oft der Besuch bei der Ärztin des Park-Ins und darauffolgend wird den Personen eben auch ein Beratungsangebot präsentiert. Meist suchen sich die Klienten ihren Ansprechpartner selbst aus. Dabei ist es vom Vorteil, dass die Sozialarbeiter ziemlich unterschiedlich sind und die Klienten eben schauen können bei wem sie sich wohl fühlen. Bei dem Straßeneinsatz, zu dem ich mitgehen durfte, habe ich schnell gemerkt, dass die beiden Sozialarbeiter, mit denen ich unterwegs war, die Szene gut kennen und am Hauptbahnhof von einigen Obdachlosen begrüßt wurden. Da ich angekündigt war, kamen auch ein, zwei Personen zu mir und stellten sich mir vor. Der eine Mann war sehr selbstsicher und wirkte wie ein sehr beschäftigter Mann. Auch schien er jeden zu kennen und wurde von den Sozialarbeitern „Bürgermeister“ genannt, was ich als sehr passend empfand.

Die eigenen Grenzen sind entscheidend

Im Gespräch mit den Sozialarbeitern hat mir dabei sehr gefallen, wie sie zu der eigenen Arbeit stehen und auch darauf achten eben ihre eigenen Grenzen zu beachten, aber auch die der anderen. So fühlt sich der eine mit einer Aufgabe wohler als der andere und das so zu akzeptieren und zu respektieren ist enorm wichtig.

Ich selbst muss eben genau dies auch bei meiner Arbeit verstehen. So habe ich gemerkt, dass je mehr Menschen dich kennenlernen, desto mehr wollen deine Zeit, und du kannst nicht allen gerecht werden und musst dich wohl oder übel auch abgrenzen.

Plakatbasteln am Frauentag

Umso schöner fand ich es dann, als ich mal zur Abwechslung am Dienstag beim Frauentag in der Einrichtung war und so mit viel weniger Leuten zu tun hatte. Wir saßen alle zusammen am Tisch und bastelten. Eine Besucherin der Einrichtung hatte das Bastelprojekt ins Leben gerufen und erzählte mir, wie sie anfangs eigentlich immer alleine am Basteltisch saß und es mehrerer Anläufe bedurfte, um wirklich die anderen Frauen dazu zu motivieren. Dadurch, dass ich meine kleine Audiobox dabeihatte, da wir ursprünglich vor hatten zu tanzen, konnte ich während dem Basteln Musik abspielen, was zu einer sehr ausgelassenen und lustigen Stimmung geführt hat. Ich war auch sehr froh, dass ich die Frau, die neben mir saß, motivieren konnte ein Plakat anzufertigen, auf dem für das Tanzen in zwei Wochen geworben wurde. Normalerweise wirkte sie auf mich sehr selbstsicher und doch in dem Zweiergespräch merkte ich wie unsicher sie war und wie wenig sie sich zutraute. Als sie jedoch ihr fertiges Resultat sah, war sie sehr zufrieden, und das machte mich dann wiederum froh. An dem Tag bin ich ziemlich zufrieden nach Hause gegangen und nicht wie so oft mit einem schweren Gefühl im Magen.

Ich fand es sehr entspannt, dass ich etwas Handwerkliches machen konnte, während ich mit den Frauen dasaß und würde meine ehrenamtliche Arbeit auch gerne weiterhin mit einer aktiven Tätigkeit verbinden.

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