Sie nannten ihn „Moses Überdosis“

von Johann Bilderberg

Als Student bin ich vor allem daran interessiert, zu lernen. Zunächst unterlag ich dem Eindruck, bei der Arbeit mit Obdachlosen ginge es vornehmlich darum, etwas über diese demographische Gruppe zu lernen. Im Endeffekt lernte ich jedoch viel mehr von den Menschen als über sie. Daher wird der Fokus dieses Textes auf den Lektionen liegen, welche ich für mein Leben gewinnen konnte und die nachhaltigen Einfluss darauf nehmen werden.

Die Lady in Schwarz klemmte ihre Pommes to go unter den Arm. Eilenden Schrittes schleppte sie ihre Koffer über den Bahnsteig, ihr blieben drei Minuten bis zur Abfahrt. Ein polizeibekannter Straßenbewohner ahnte die Gunst der Stunde. Er visierte die Dame über Kimme und Korn an, stolperte geschickt über seine eigenen Füße und rempelte sie leicht an. Zehn Pommes fielen aus der Tüte, für sie kein tragischer Verlust, sie entschuldigte sich gar, während sie weiter zum Gleis rannte. Ein gelungener Coup, dachte der Landstreicher, während er die fallengelassenen Fritten vom Boden pickte. Die erste Lektion, die ich von den Obdachlosen gelernt habe, ist vielleicht auch schon die wichtigste:

Das Leben geht weiter, also mach das Beste draus.

Viele der Menschen, die ich traf, gingen sehr offen mit ihren Biographien um. Manche erzählten en détail Grausamkeiten, die ihnen widerfahren sind und denen sie mitunter über Jahre ausgesetzt waren. Persönliches und Intimes, von dem ich dachte, man würde es höchstens seinen engsten Vertrauten offenbaren. Zunächst nahm ich an, diese Geschichten seien als eine Art Rechtfertigung zu verstehen: die schrecklichen Ursachen der Vergangenheit als Erklärung der bescheidenen gegenwärtigen Situation. Inzwischen bemerke ich, dass das Erzählen dieser Geschichten nicht unbedingt auf Demut fußt, sondern dass in ihnen ein gewisser Stolz zum Ausdruck gebracht wird. Natürlich nicht der Stolz darauf, etwas Schreckliches erlebt zu haben, sondern vielmehr der Stolz darauf, es überlebt zu haben. Stolz darauf, hier zu stehen, sich keinen Strick genommen zu haben, sondern den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen, selbst wenn das bedeutet, auf der Straße zu leben. Getreu dem Motto:

Was dich nicht umbringt, macht dich härter. Und auf der Straße bedeutet Härte Respekt.

Das Ertragen, das leidvolle Aushalten, ist eine Tugend, welche man wohl nur zu schätzen weiß, wenn man sie je selbst an den Tag legen musste. Meine Vergangenheit sollte demnach nicht als Ausrede, als Rechtfertigung dafür dienen, warum es bei mir gegenwärtig nicht gut läuft. Vielmehr sollte ich Stolz empfinden, meine eigenen Lebenskrisen durchgestanden und ihnen mein Lachen nicht geopfert zu haben. Daraus sollte ich Stärke und Zuversicht schöpfen sowie den Mut, auch kommende Probleme zu überstehen.

Auf dem Kassenband im Netto lagen zwei Brötchen ohne Tüte und zwei Dosen Schlosser. Die Zeiten hatten sich gebessert, am Vortag kam er mit einem geklauten Apfel und Kranwasser von den Öffentlichen aus. Abends wollte er in die Küche, dort gab es immer mittwochs Suppe, mit Glück auch Würstchen. Der Alkohol, der Tabak und das miese Essen ließen seine Geschmacksknospen verwelken. Am liebsten mochte er so richtig Scharfes, es ließ die Glut des Lebens in seinen Adern aufflammen. Allerdings hatte er nicht nur sprichwörtlich ein Loch im Magen und verzichtete seit Langem auf Tabasco, stattdessen avancierte Maggi Würze („das gute Salz“) zum primären Nahrungsergänzungsmittel.

Reflektiere ich meinen Lebenslauf ehrlich, muss ich eingestehen, dass es einige Momente gab, in denen ich selbst auf der Straße hätte landen können. Und, um noch ehrlicher zu sein, war es in diesen Situationen i.d.R. nicht mein eigenes Vermögen, das mich davor bewahrte, sondern die Hilfe von meiner Familie und meinen Freunden. Sei es die WG, die mich spontan aufnahm, als ich keine eigene Bude hatte oder meine Mutter, die mir Kohle für die Mietkaution vorstreckte, oder allein die Gewissheit, im Notfall bei meinen Schwestern auf der Couch schlafen zu können, bevor ich in den Stadtpark ziehen müsste.

Die Lektion dabei ist die dankbare Akzeptanz, dass es Menschen gibt, die mir helfen, wenn ich selbst dazu nicht in der Lage bin.

Diese bringt den Ansporn mit sich, mein Leben auf eine Weise zu gestalten, dass ich auf diese Hilfe nie mehr angewiesen sein muss. Und im Weiteren sogar anderen in solchen Situationen helfen kann. Dazu gehört auch materielle Absicherung, man kann keine Couch anbieten, ohne eine zu besitzen, vielmehr jedoch eine innere Einstellung der Selbstständigkeit. Die Überzeugung, Probleme lösen zu können, wenn ich ihnen entschieden entgegentrete. Selbstständigkeit bedeutet nicht, sich keine Hilfe von außen zu holen, sondern in existenziellen Punkten nicht darauf hoffen zu müssen. Ein Schritt, der gerade Menschen aus sehr behüteten Verhältnissen schwerfallen kann, da er beinhaltet, das Gemütliche und Sichere in Frage zu stellen, sich davon zu lösen, um sich schließlich darüber zu erheben und so eigene Sicherheit und schließlich Gemütlichkeit zu erlangen.

In der Suppenküche stand ein Mann mit tiefschwarzen Augenringen, die wie erkaltende Lavaströme wulstig und rot-rissig pulsierten. Sein T-Shirt hatte einige Blutflecken in nuancierten Trauben- und Nusstönen, die auf unterschiedliche Reifegrade verwiesen. Er schleppte sich mit einer Schale Gulasch zur Treppe und kehrte auf der untersten Stufe ein. Wenig später erschien ein Polizist, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Da der Teller noch nicht leer war, zeigte sich der Mann widerwillig. Schließlich gewährte ihm der Polizist, die Mahlzeit zu beenden, man würde ihm eh den Magen auspumpen, weil er eine Flasche Desinfektionsmittel als Aperitif getrunken hatte.

„Sie sagen: Geld verdirbt den Charakter, doch was lehrt Armut außer Genügsamkeit?“

schrieb ich im April dieses Jahres in einem Gedicht. Um meine eigene rhetorische Frage zu beantworten: Dankbarkeit.Wer in unserer Gesellschaft materiellen Reichtum genießt, ist in der Regel weniger dankbar als stolz. Denn Stolz rückt die eigene Leistung in den Fokus und der eigene Erfolg wird als eine Folge harter Arbeit verstanden. Man muss sich alles im Leben verdienen. Die vielen kleinen Geschenke des Alltags verschwinden da, auch bei mir, häufig im Überfluss, das schöne ‚Jetzt‘ in der Gier nach dem ‚Gleich‘. Ich selbst lebe in dem unsagbaren Luxus, dass ich so viel geschenkt bekomme und bekommen habe, dass ich kaum alles davon wertschätzen kann. Dabei möchte ich viel mehr wie der Bettler sein, der dankbar für eine warme Konservensuppe ist, statt im bourgeoisen Café zu sitzen und die Konsistenz des Milchschaums zu monieren. Es gilt, aus der Falle zu entkommen, die der Wohlstand mit sich bringt: Je mehr du hast, desto mehr stört dich, was du nicht bekommst. Je weniger du hast, desto mehr erfreust du dich an dem, was du bekommst.

Aus dem gleichen Gedanken  heraus verschenkte ich vor einigen Jahren meinen gesamten Besitz, was in diesem Sinne eine sehr befreiende Wirkung auf mich ausübte. Mittlerweile merke ich jedoch, dass ich dem Haben nicht entkommen kann und sich immer mehr anhäuft, obwohl ich kaum etwas kaufe. Aber das ist okay. In der Tat geht es nämlich nicht darum, was oder wie viel jemand hat, sondern um die innere Einstellung dazu. Wie man mit den Dingen umgeht. Um den dankbaren und wertschätzenden Umgang damit zu lernen, muss man weder alles verschenken, noch muss man obdachlos sein, doch diese Beispiele können helfen, die Grenze zwischen Notwendigkeit und Luxus zu erkennen. Ich möchte stolz darauf sein, das Notwendige selbst zu bestreiten und dankbar jeden Luxus teilen, der mir das Notwendige versüßt.

„Der hat immer mit den Kohlen geprotzt. Filterkippen ausgegeben, sogar noch am Ende des Monats. Bier aus der Flasche, hat gelebt wie Graf Koks, aber nu is er hin.“

Die grundlegende Herausforderung meiner Generation besteht im verantwortungsbewussten Umgang mit Überfluss. Es gibt so viel Essen, dass über die Hälfte aller Deutschen übergewichtig ist. Es gibt so viel Geld, dass klimatisierte Fußballstadien in die Wüste gebaut werden und es gibt so viel Zeit, dass junge Menschen Hunderte Stunden vor Netflix und Games verbringen. Allerorts wird der Überfluss verschwendet, statt ihn an diejenigen weiterzugeben, die sich noch nicht daran sattgefressen haben. Doch nachhaltige Befriedigung finden wir nicht allein im Konsum. Glück ist nicht nur eine Frage des Inputs, sondern vielmehr der produktiven Verwendung unserer Güter (Zeit, Geld, Energie, Wissen, Fähigkeiten…), insbesondere das Teilen dieser mit anderen Menschen. Dementsprechend gilt es, nicht nur dankbar zu sein, für die eigenen privilegierten Umstände, sondern diese auch als eine Pflicht zu verstehen. Die Gesellschaft, die meinen Wohlstand ermöglicht, ist dieselbe, welche die Armut von anderen in Kauf nimmt. Daher liegt es an mir persönlich, meinen Überfluss konstruktiv zu nutzen, um damit den Bedürftigen zu helfen. Zu viel Essen? Verschenke es an Hungrige. Zu viel Zeit? Freiwilliges Engagement. Zu viel Geld? Soziale Projekte finanzieren. Es scheint alles so einfach und gerade das macht es so unangenehm:

Wenn es keine Ausreden gibt, dann kann der Grund dafür, nichts zu tun, nur in mir liegen.

Das weinende Mädchen saß auf den Stufen der S-Bahn-Station, bettelte um Geld und Tabak. Ihr Rucksack wurde gestohlen, als sie kurz eingenickt war. „Behalten Sie Ihr Gepäck stets im Auge.“ Sie verlor ihr ganzes Hab und Gut im Schlaf. Zwanzig Euro bräuchte sie, um die regnerische Nacht nicht allein im Gebüsch an der Schanze verbringen zu müssen. Mein Mitleid kannte kein Erbarmen und ich schenkte ihr ein paar Kippen und wünschte ihr „viel Glück“ wie ein Ehrenmann…

„Jemand sollte ihr helfen.“

„Bin ich etwa jemand?“

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