Die Mönckebergstraße: Zwischen Einkaufsvergnügen und Überlebensstrategie

Essay von Kathrin Nagel

Eine der bekanntesten und beliebtesten Einkaufsstraßen der Hamburger Innenstadt ist wohl die Mönckebergstraße. Hier finden sich Einheimische und Touristen beim Bummeln durch die zahlreichen Geschäfte und Kaufhäuser wieder. Doch für einige Mitbürger:innen der Hansestadt ist die Mönckebergstraße Wohnzimmer, Schlaf- und Arbeitsplatz gleichzeitig. Für viele wohnungs- und obdachlose Personen ist sie ein wichtiger Aufenthaltsort. Dies führt jedoch zu den verschiedensten Interessenkonflikten. Einerseits steht die Straße repräsentativ für das Image einer weltbekannten Großstadt, für Konsum und Unbeschwertheit andererseits jedoch für pure Überlebensstrategie. Doch warum sind eigentlich die Innenstädte oder die belebten Einkaufsstraßen so bedeutsam für wohnungs- und obdachlose Personen?

Wer keine eigenen vier Wände zur Verfügung hat, muss sich zwangsläufig Sitzgelegenheiten oder Überdachungen zu Aufenthalts- und Schlafplätzen machen. Hier bietet die Innenstadt natürlich mehr Möglichkeiten als Gebiete am Stadtrand. Die Architektur der Kaufhäuser, die verschiedenen Sitzgelegenheiten und der Zugang zu Stationen des öffentlichen Transports beiden in der Innenstadt bessere Voraussetzungen für den eigenen Schutz.

Das ist jedoch auch mit vielen Risiken verbunden. Nicht nur, dass durch die ständigen Witterungseinflüsse Krankheiten oder Unterkühlung drohen (Diakonie Hamburg 2017: 2ff). Auch nehmen immer mehr Übergriffe auf Obdachlose zu. Immer wieder finden sich Artikel in Zeitung, in denen davon berichtet wird, dass Obdachlose angegriffen oder schlafende Personen sogar angezündet wurden. Nach BAG Wohnungslosenhilfe (2017) gab es 2016 in Deutschland mindestens 17 Todesfälle von wohnungslosen Menschen und mindestens 128 Fälle von Körperverletzungen. Um sich vor solchen Übergriffen zu schützen, bieten Innenstädte oder Einkaufsstraßen einen geeigneten Raum, denn hier sind oft mehr Menschen auf der Straße unterwegs, die einen Übergriff vielleicht bemerken und dann helfen könnten.

Für einige Menschen, die auf einer Einkaufsstraße unterwegs sind, ist nicht nur der Punkt der Sicherheit bedeutend, sondern auch die Sicherung ihres Lebensunterhalts.

Abb. 1: Geschlossene Mülleimer

Eine Vielzahl von wohnungs-/obdachlosen Menschen leben nicht von staatlichen Hilfen, sondern verdienen ihr Geld durch Betteln, Flaschen sammeln oder beispielsweise das Verkaufen der Obdachlosenzeitung Hinz und Kuntz. Um dabei etwas zu verdienen, brauchen sie viele Menschen und diese finden sich meist geballt in den Einkaufsstraßen. Hier ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand etwas in den Becher wirft, eine Zeitung kauft oder eine Pfandflasche wegwirft wesentlich höher als in Randgebieten.

Hieran zeigt sich bereits, dass die Einkaufsstraße wichtig sind für die obdach- und wohnungslosen Menschen. Doch ihnen wird das Leben hier nicht gerade leicht gemacht. Vieles ist auf den ersten Blick vielleicht nicht offensichtlich, doch ein genauerer Blick zeigt welche Hürden den Menschen in den Weg gestellt werden. Einiges hängt mit der Gestaltung des öffentlichen Raumes zusammen.

Ein Beispiel sind die Sitzgelegenheiten. Für eine kleine Pause beim Einkaufsbummel sind sie vielleicht gut geeignet. Für jemanden, der diese Bänke allerdings als Bett nutzen möchte, weil er oder sie keinen anderen Ort hat, um sich auszuruhen, sind sie schlicht und ergreifend ungeeignet.

Ein weiterer großer Punkt ist, dass gerade den obdach- und wohnungslosen Menschen eine wichtige Einkommensquelle genommen wird und zwar mit geschlossenen Mülleimer (Abb.1).

Einigen mag der Gedanke kommen, dass das doch ganz nützlich sei. Kein Müll, der aus dem Eimer quillt und man muss den Mülleimer noch nicht einmal anfassen, da man ihn mit dem Fuß öffnen kann. Für die Obdachlosen in der Innenstadt ist das jedoch der große Nachteil, denn hiermit wird ihnen das Sammeln von Pfandflaschen so gut wie unmöglich gemacht.

Die Obdachlosen- und Wohnungslosenuntersuchung der Bürgerschaft der Stadt Hamburg von 2018 hat ergeben, dass für 15,2% der Befragten in allen Altersgruppen das Flaschensammeln zu ihrer Haupteinkommensquelle gehört (GOE 2018 S. 35ff). „Für diejenigen, die am kürzesten obdachlos sind (unter 1 Monat/1 bis 5 Monate/6-11 Monate) ist das Flaschensammeln mit 13,4%, 15,8% und 17,7% die wichtigste Einkommensquelle und zeigt, wie bedeutend dies für diese Gruppen für ihr Überleben auf der Straße ist.“ (GOE 2018 S. 40).

Durch diese Erkenntnisse wird deutlich, dass das Flaschensammeln einen hohen Stellenwert im Leben der Hamburger Obdachlosen einnimmt. Sie sind auf sie angewiesen, um ansatzweise ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die meisten Mülleimer in der Mönckebergstraße sind nach dem gleichen Prinzip aufgebaut und ein Sammeln der Flaschen ist unmöglich. Somit wird den bedürftigen Personen eine ihrer Haupteinnahmensquellen genommen.

In einer Seitenstraße lässt sich ein kleiner Hoffnungsschimmer entdecken: Ein Pfandregal an einem solchen Mülleimer. Hier können Passanten ihre Flaschen hineinstellen und bedürftige Menschen können somit eine kleine Anzahl an Flaschen und Dosen sammeln. Das Pfandregal ist jedoch ein seltener Fund, denn nur ganz vereinzelt schmücken sie die Mülleimer. Das lässt natürlich die Vermutung zu, dass obdachlose Personen bewusst aus dem Stadtbild verdrängt werden sollen. Ihnen wird unterschwellig deutlich gemacht: Hier ist kein Platz für euch, sucht woanders. Sie vermitteln vielleicht nicht das Bild der kommerziellen Innenstadt, allerdings wurde bereits zu Beginn dargelegt, warum gerade die Innenstädte ein wichtiger Anlaufpunkt für obdach- und wohnungslose Menschen ist.

An diesen Punkt schließt sich der Aspekt an, dass die Mönckebergstraße ein sogenannter Business Improvement District (BID) ist. Business Improvement Districts sind im Zuge des GSED Gesetzes, dem „Gesetz zu Stärkung der Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbezentren“ 2005 entstanden. Das Gesetz strebt eine „zur Förderung der Wirtschaft und […] Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen gewachsene urbane Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbezentren zu stärken und zu entwickeln.“ (Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt 2004: 1).

Das erste Ziel dieses Gesetzes lautet folgendermaßen: „Ziel der Schaffung eines Innovationsbereichs ist es, die Attraktivität eines Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbezentrums für Kunden, Besucher und Bewohner (eigene Hervorhebung) zu erhöhen und die Rahmenbedingungen für die in diesem Bereich niedergelassenen Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbebetriebe zu verbessern, um die jeweiligen Standorte zu stärken“ (Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt 2004: 1).

Hervorzuheben hierbei ist, dass der Fokus allein auf den Konsumaspekten des Bereiches liegt. Jegliche Aspekte sollen gestärkt werden, die die Kauf- und Konsumlaune antreiben. Begonnen haben in Hamburg die BID Sachsentor und Neuer Wall im Jahr 2005. Bislang sind 23 BIDs ausgewiesen und weitere befinden sich in der Vorbereitung. (hamburg.de GmbH&Co.KG o.A.).

Die Mönckebergstraße ist sei 2017 ein BID. Bezüglich der hier aufgezeigten Thematik schließt sich der Punkt der Aufenthaltsqualität an. Laut Broschüre zum BID Mönckebergstraße zeigen sich zahlreiche Herausforderungen. „Das Erscheinungsbild des öffentlichen Raums […] entspricht nicht dem Anspruch, der an einen so bedeutenden Einkaufsstandort gestellt werden sollte“ (Otto Wulff BID Gesellschaft mbH 2017: 7). Das Erscheinungsbild und die Aufenthaltsqualität sollen somit verbessert werden.

Allerdings stellt sich die Frage: Für wen? Für die Kunden, Besucher und Bewohner, wie es im Gesetz steht oder nur für die erwünschten Personengruppen? Repräsentativ für das unerwünschte Erscheinungsbild steht ein überquellender Mülleimer (Abb. 3). Er ist hierbei das Sinnbild des schlechten Eindrucks. Hier ist interessant, dass es gerade das Pfandregal ist, das an dem Mülleimer den Eindruck des schlechten Erscheinungsbilds vermittelt. Somit genau das, was es den wohnungs- und obdachlosen Menschen in der Innenstadt noch das Flaschensammeln möglich macht.

Ein weiterer, auch bereits angesprochener Punkt, ist der der Möblierung. Bänke und Sitzgelegenheiten sind nur für eine kurze Verweildauer der Shoppinglustigen ausgelegt. Der Plan für das BID Mönckebergstraße hält insgesamt sind 500.000€ für die Möblierung bereit. Die Idee der Verbindung von Pflanztöpfen und Bänken steht hier besonders im Fokus (Otto Wulff BID Gesellschaft mbH 2017: 18).

Die Vermutung liegt nahe, dass auch hier die Sitzmöglichkeiten nicht für die Bedürfnisse der wohnungs- und obdachlosen Menschen gedacht sind. Es wird sich zeigen, ob die neue Möblierung zur Aufenthaltsqualität aller oder nur erwünschter Gruppen beiträgt. Des Weiteren lässt sich darüber diskutieren diesen wichtigen Raum für zahlreiche Menschen als Business Improvement District zu betiteln. Die Wirtschaft, das Kommerzielle soll verbessert werden. Wäre ein District, der das Leben aller Menschen verbessert, die diesen Raum nutzen, nicht viel sinnvoller?

Ich würde Sie, liebe:r Leser:innen darum bitten bei Ihrem nächsten Stadtbummel einmal auf die Möblierung zu achten. Wie sehen die Bänke aus? Könnte sich eine obdach- oder wohnungslose Person hier problemlos ausruhen? Wie sind die Mülleimer gestaltet? Es sind oft kleine Dinge, die erst beim zweiten Blick auffallen, wenn sie einen nicht unmittelbar betreffen.

Wie hier gezeigt wurde sind die Innenstädte für manche Menschen viel mehr als eine Straße des Konsums. Für sie sind sie Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitsplatz und Gemeinschaftstreffpunkt zugleich. Allerdings wird es ihnen immer schwerer gemacht dort zu verweilen, da sie nicht in das erwünschte Bild der prestigereichen Einkaufsstraße passen.

Dennoch haben sie das gleiche Recht, wie alle anderen, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten.

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