Fußballtraining im Zentrum für Wohnungslose in Hamburg

von Max  Adler

Durch das Seminar „Hamburg für alle“ hatte ich während des Sommersemesters 2019 die Möglichkeit, mich im Zentrum für Wohnungslose Hamburg zu engagieren und das wöchentlich stattfindende kostenlose Fußballtraining zu unterstützen. Mit der Kunstrasenanlage des Eimsbütteler Turn Verbands (ETV) ist einer der modernsten Sportplätze Hamburgs direkt hinten am Haus angeschlossen. Und da freitagmittags, wenn das für jedermann frei zugängliche Training stattfindet, weder der ETV sein Training abhält noch Ligaspiele stattfinden, sind die beide großen Fußballfelder bis zum späten Nachmittag meist ungenutzt.

Erwartungen an das gemeinsame Training

Meine Aufgabe sollte sein, den Teilnehmern die gratis zur Verfügung gestellten Fußballsachen wie Trikots, Bälle und Fußballschuhe in die vom ETV gestellte Umkleide zu bringen, nach dem Umziehen ihre Wertsachen wegzuschließen und dann das Training zu begleiten. Und natürlich habe ich mir vor dem ersten Training so meine Gedanken gemacht: Zum Beispiel wie wohl die Stimmung und der allgemeine Ton untereinander sein wird. Ich habe in meinem Leben einige Ball- und Mannschaftssportarten gespielt, ob im Verein oder in der Freizeit auf dem Bolzplatz nach der Schule. Dabei nahm ich Fußball im Vergleich zu anderen Mannschaftssportarten immer als stark emotionalisiert wahr. Das ist bei einem körperbetonten Sport, bei dem bis zu 22 Männer und Frauen auf einem Spielfeld stehen und nur die Hälfte am Ende gewinnen kann ja auch nicht verwunderlich. So hatte ich selbst häufig genug mitbekommen, wie sich selbst beste Freunde wegen Kleinigkeiten beim Fußball tierisch in die Haare kriegen konnten. Das Spiel lässt nun mal, gerade ohne einen unparteiischen Schiedsrichter, allerlei Raum für Diskussionen: Wie würde also die Stimmung untereinander beim ersten Training oder dem ersten dolleren Foul aussehen?

Gute Stimmung und eine bunt gemischte Gruppe

Zunächst mal war beim ersten Training, an dem ich teilnahm schnell klar, dass die meisten direkt Fußball spielen wollten, also direkt mit zwei Mannschaften auf Tore und Abfahrt. Klassisches Fußballtraining kann bei zu vielem Warten und Laufen schnell fade werden, das sehe ich ganz genauso.

Die zehn Teilnehmer in der ersten Woche waren eine bunt gemischte Gruppe von der etwa die Hälfte ursprünglich aus den Balkanländern kam und die andere Hälfte aus Deutschen und ein bis zwei geflüchteten Syrern bestand. Wir spielten wie es sich die meisten gewünscht hätten nach einer kurzen Aufwärmrunde direkt mit zwei Mannschaften auf die Tore. Das Spiel war so körperbetont, wie man es erwartet hätte, aber alle blieben dabei unglaublich fair. Es gab in den 90 Minuten keine einzige Diskussion über ein Foul oder eine knappe Situation, und so kam das Spiel ganz ohne neutralen Schiedsrichter aus. Es schien für alle nicht der persönliche Sieg im Vordergrund zu stehen, sondern der Spaß am gemeinsamen Spiel. Nach dem ersten Training konnte ich daher gar nicht anders, als positiv überrascht zu sein. Die Spieler legten großen Wert darauf, dass die Stimmung untereinander gut blieb. Es wurde sich weder über strittige Situationen gezankt noch unfair in die Zweikämpfe gegangen. Man konnte fast eine Art Ehrfurcht aus den Mienen der Spieler herauslesen, die einfach dankbar erschienen, dass sie einmal in der Woche an einem kostenlosen Training teilnehmen durften. In dem halben Jahr, in dem ich mittrainierte, wurde nur ein einziger Teilnehmer ausgeschlossen, was dadurch zu Stande kam, dass er außerhalb des Trainings wegen eines heftigen Streits Hausverbot im Zentrum für Wohnungslose bekam und somit auch das Fußballtraining nicht mehr besuchen durfte.

Training über Sprach- und Ländergrenzen hinweg und Berichte vom Homeless Worlcup

Das Training war je nach Wetter und Jahreszeit mal mehr und mal weniger besucht. Zur Hauptzeit im Frühsommer bei strahlender Sonne und 22 Grad waren etwa acht bis zwölf Leute wöchentlich zum Training aufgelaufen. Und auch wenn ein paar Teilnehmer durch ihre eher kurze Aufenthaltszeit in Deutschland weit davon entfernt waren, fließend deutsch zu sprechen, hatte ich in der ganzen Zeit nicht das Gefühl, dass es auf oder neben dem Platz zu Sprach- oder Kontaktbarrieren gekommen wäre. So bekam ich witzige Gespräche zwischen den Spielern mit, die zwar aus unterschiedlichen Teilen der Welt stammten und nicht besonders gut deutsch sprachen, aber dann eben mit Händen und Füßen dem anderen über ihren Lieblingsfußballer oder den Lieblingsverein berichteten. Am besten besucht war das Training immer vor anstehenden Turnieren. Allein in Hamburg gibt es jedes Jahr mehrere Turniere für Fußballteams aus sozialen Projekten, die wie bei uns aus Wohnungslosen bestehen. Es gibt außerdem auch eine deutsche Meisterschaft, die einmal pro Jahr in einer wechselnden deutschen Stadt ausgetragen wird und bei der aus allen Teilnehmern eine Mannschaft für den Homeless Worldcup ausgewählt wird. Hierbei handelt es sich tatsächlich um die Weltmeisterschaft für obdachlose Fußballer, bei der über 450 Spieler aus mehr als 40 Ländern zusammenkommen und eine Woche ein Turnier ausspielen. Sowohl die Reisekosten, als auch Verpflegung und Unterkunft wird den Teilnehmern gestellt. So hatte einer unserer Stammspieler aus Hamburg vor zwei Jahren die Möglichkeit, den Homeless Worldcup in Mexiko zu besuchen und daran teilzunehmen.

Rauer Ton auf dem benachbarten Platz

Neben unseren Spielern war der zweite Kunstrasenplatz am Freitagnachmittag meist mit einer Gruppe von ca. zwölf älteren Herren, von denen die meisten zwischen 50 und 60 Jahren alt waren, belegt. Und schon nach wenigen Wochen, in denen wir so nebeneinander spielten, wurde klar, dass es bei unseren sportlichen Nachbarn anders im Ton zuging als bei uns. Die älteren Herren schrien sich schon einmal lautstark über den gesamten Platz an, wenn wieder mal ein Fehlpass gespielt wurde. Und auch nach geschossenen Toren fiel auf, dass lieber über die Gültigkeit des Treffers gestritten wurde, anstatt das Spiel schnell vorzusetzen.

Gemeinsames Spiel mit den Eimsbüttelern und Fazit

Und es gab eben auch mal Wochen, in denen das Wetter schlecht war, oder kein Turnier anstand. In diesen Wochen war das Training zum Teil schlechter besucht. Und da es sich mit vier Leuten nicht so gut auf einem großen Fußballfeld spielen lässt, versuchten wir in diesen Wochen mit den anderen Leuten, die zu der Zeit auf dem ETV Platz waren, ein Spiel zu organisieren. So kam es hin und wieder dazu, dass wir mit der Gruppe älterer Herren aus Eimsbüttel zusammenspielten. Die Qualität des Fußballs der älteren Herrengruppe war stark gemischt, zwei bis drei schienen bereits ihr Leben lang Fußball im Verein zu spielen, während der Großteil der Gruppe wie Hobbykicker erschienen, die in ihrem Alter wohl auch nicht mehr die Schnellsten waren. Umso mehr überraschte mich wieder der raue Ton und die Spielweise unserer Nachbarn. Während die Teilnehmer vom Zentrum für Wohnungslose versuchten die fremden Spieler nicht zu sehr körperlich anzugehen, dauerte es keine Viertelstunde bis einer der Älteren den anderen lautstark beschimpfte, weil dieser den Ball nicht weiter passte. In den Minuten danach wurde auch die Stimmung der anderen Gruppe immer schlechter, bis ich das Gefühl hatte, dass die Teilnehmer unseres Trainings mich mit gerunzelter Stirn und einem fragenden Blick anschauten, der wohl bedeutete: „Ist das normal wie die miteinander umgehen?“. Später nach dem Spiel beim Umziehen sprachen wir mit unseren Teilnehmern über das was passiert war und waren uns einig, dass so ein Verhalten bei einem freundschaftlichen Spiel nur peinlich sei. Beim zweiten gemeinsamen Spiel etwa einen Monat später, schrien sich die Herren mit Sätzen an wie: „Wenn du so ‘nen Ball nochmal verdaddelst, wollen wir dich hier nächste Woche nicht mehr sehen!“ Obwohl ich mich für diese Männer nun wirklich nicht zuständig fühlte, versuchte ich die Situation etwas zu beruhigen, was aber auf taube Ohren stieß. Ein junger syrischer Flüchtling verließ danach den Platz mit den Worten: „Die sind doch verrückt, mit denen spiele ich nicht mehr“. Ich persönlich kann es zwar verstehen, wenn man mehr Freude am Gewinnen als am Verlieren hat, wenn sich dadurch aber ein freundschaftliches Spiel immer mehr in eine Aneinanderreihung persönlicher Beleidigungen verwandelt, sollte man es aber lieber direkt bleiben lassen. Und zu der Frage wieso eine Gruppe von Geflüchteten und wohnungslosen Menschen das besser verstanden hat als eine Mannschaft älterer Herren aus Eimsbüttel: Sagen wir es mal so, anscheinend braucht man, um die soziale Kompetenz einer Gruppe zu bestimmen, nicht mehr als einen Ball und zwei gegenüber liegende Tore.

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