KIDS – Anlaufstelle für Straßenkinder, basis & woge e.V.

23. November 2017. Unser heutiges Exkursionsziel ist das Kids, eine Tageseinrichtung des Vereins Basis & Woge e.V. Dabei lernen wir mehr über die Arbeit mit Jugendlichen, die sich im Umfeld des Hauptbahnhofs aufhalten und durch ihre schwierigen Lebenslagen mit allerlei Problemen zu kämpfen haben.

 „Wohin mit den besonders ‚Schwierigen‘?“

Vor dem Ohnsorg-Theater am Hauptbahnhof treffen wir Nicole, eine Sozialarbeiterin des Streetworkprojekts Sidewalx das ebenfalls Teil von Basis&Woge e.V. ist (http://www.basisundwoge.de/hilfe-suchen-finden/auf-der-strasse/). Der Treffpunkt ist nicht ohne Grund gewählt: Bis Oktober 2016 befand sich das Kids in dieser Häuserreihe, hier in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Doch die Einrichtung musste den günstig gelegenen Standort verlassen und kam übergangsweise in Containern unter, die eine Straßenecke weiter aufgestellt wurden. Dort ging das Kids unter erheblich erschwerten Umständen seiner Arbeit nach, bis es vergangene Woche auf die Lange Reihe umzog. Ein Schritt, der  angesichts der vorangeschrittenen Gentrifizierung St. Georgs und Sorgen seitens der Anwohner/innen nicht ohne Zweifel erfolgte. Doch Malte Bloch meint, „die Zeit wird zeigen, wie es [das Kids] aufgenommen wird“.

Wir befinden uns inzwischen in den neuen Räumlichkeiten des Kids und haben einen weiteren Gesprächspartner: Malte, seit 16 Jahren im Kids als Sozialpädagoge tätig. Es riecht noch nach Farbe, gerade ist Tag der offenen Tür und zahlreiche Kolleg/innen anderer Projekte und Einrichtungen kommen zu Besuch. Malte ist sichtlich erfreut über den Umzug: „Wir haben wieder eine Perspektive und können inhaltlich und pädagogisch mit den Jugendlichen arbeiten“. Die Räumlichkeiten schaffen Platz für diejenigen, die etwas erzählen wollen, sagt Malte.

„Es muss sich hier anfühlen wie eine Wohlfühloase, wie ein Wohnzimmer.“

Das Kids kann seinen drei Arbeitsfeldern nun wieder gerecht werden, ohne durch die Architektur eingeschränkt zu sein: Beratung, ein offener Treffpunkt und Straßensozialarbeit. Die Tageseinrichtung ist täglich geöffnet. Von 13:30 bis 15:30 Uhr können sich Jugendliche mit Beratungsbedarf in Ruhe an die Mitarbeiter/innen wenden. Von 16 bis 20 (bald 21) Uhr dient das Kids dann als offener Treffpunkt, in dessen Rahmen Jugendliche Kicker oder Billard spielen, gemeinsam essen, das WLAN nutzen oder einfach nur den geschützten Raum genießen können. Zudem werden verschiedene Freizeitprojekte organisiert, die Strukturen schaffen sollen, wie beispielsweise ein Flohmarkt und eine Nähwerkstatt. Finanziert wird das Kids zu 98% durch die Sozialbehörde (BASFI) und zu 2% durch Spenden.

„Seelische Obdachlosigkeit“ – der Kindheit beraubt

Jährlich nutzen etwa 500-600 Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren das Kids – Malte deutet diese Zahl als „einen Indikator für den Bedarf“. Dabei handelt es sich um Jugendliche, die sich im Umfeld des Hauptbahnhofs aufhalten und mit Problemen wie Drogen, Gewalt und Schule zu kämpfen haben. Häufig kommen sie aus Elternhäusern, die ihnen nicht die nötige Fürsorge entgegenbringen und befinden sich in einer Art „seelischer Obdachlosigkeit“ oder „partieller Obdachlosigkeit“. So bezeichnet Malte Umstände, unter denen sich Jugendliche nirgends zuhause fühlen oder wohnungslos sind, also mal hier, mal dort unterkommen. Sie waren Opfer von Armut, Gewalt und sexuellen Übergriffen – „wurden ihrer Kindheit beraubt“. Bei vielen handelt es sich um sogenannte „schwierige“ Jugendliche, die aus Jugendhilfeprogrammen, wie beispielsweise Wohngruppen, rausgeschmissen wurden. Die Mitarbeiter*innen des Kids verstehen sich auch als Lobbyisten dieser Jugendlichen: „Die brauchen ein Sprachrohr.“

Das Kids arbeitet mit den Jugendlichen, indem es bei der Bewältigung von Konflikten mit Schule (viele gehen nicht zur Schule) und Familie unterstützt und durch ein breites Netzwerk an Therapeuten und anderen Fachleuten Perspektiven schafft. Konstruktiv ist diese Arbeit auch dank des Ansatzes, mit den Jugendlichen und nicht für die Jugendlichen zu arbeiten. Der „Autonomiegedanke“ sei bei ihnen besonders hoch, weshalb es sinnvoll sei, ihnen Wahlmöglichkeiten einzuräumen. Schon der Umstand, seine/n Gesprächspartner/in im Kids selbst wählen zu können, könne „der Schlüssel sein, um sich zu öffnen.“

Wir danken Nicole und Malte für das Gespräch und erwarten gespannt ihren Vortrag, der am 18.12.2017 im Rahmen der Vortragsreihe „Hamburg für alle – aber wie?“ stattfinden wird. Näheres unter: https://hamburg-fuer-alle.blogs.uni-hamburg.de/vortragsreihe-wise17-18/

 

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