Zugang zu medizinisch-gynäkologischen Untersuchungen

von Daria Bieniek

Ich habe mich mit dem Zugang obdachloser Frauen zu medizinisch-gynäkologischen Untersuchungen in Hamburg befasst. Die Frage nach dem medizinischen Zugang ist von besonderer Bedeutung, da dieser grundlegend für präventive, beratende und selbstbestimmende Abläufe im Leben einer Frau ist. Die präventiven Früherkennungen und Kontrolluntersuchungen, z.B. von Brust- und Gebärmutterhalskrebs, können entscheidend sein, um Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen, gegebenenfalls frühzeitig zu behandeln oder gar zu verhindern. Dennoch erschwert sich dieser besonders für obdach-/wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Frauen auf Grund von rechtlichen, psychischen und infrastrukturellen Aspekten.

Durch den Gemeinsamen Bundesausschuss sind Richtlinien über die Nutzung von medizinisch-gynäkologischen Maßnahmen gesetzlich geregelt und festgehalten. Als Beispiel sind Vorsorge- und Kontrolluntersuchungen, Empfängnisregelungen, Mutter- und Schwangerschaft zu nennen. Auch die beratende Funktion von Frauenärzt*innen und der Zugang zu unabhängigen Informationen bei Themen wie Verhütung, Kinderwunsch, Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch sind entscheidend, um eine selbstbestimmende Lebensweise in Gesundheit und Sexualität führen zu können.

Begriffsklärung: Wohnungs- und Obdachlosigkeit

Es gibt keine offizielle Definition von Wohnungs- und Obdachlosigkeit, auf die zurückgegriffen werden kann. Dies führt dazu, dass viele Menschen die Begriffe falsch nutzen, die Unterschiede nicht kennen oder ein Teil der Personengruppen in Diskursen vergessen wird. Auch die von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen werden nicht offiziell definiert und dementsprechend in vielen Diskussionen ausgelassen. Eine Konsequenz davon kann sein, dass ein falsches Bild über die prekäre Lebenssituation der oben genannten Menschen in der Gesellschaft herrscht. Oftmals entstehen Verharmlosungen der Thematik und/oder Missverständnisse gegenüber den Personengruppen. Der Europäische Dachverband der Wohnungslosenhilfe hat Typologien entwickelt, um die verschiedenen prekären Lebenssituationen der Personen zu klassifizieren.

Die ETHOS Typologie beginnt mit einem konzeptionellen Verständnis, dass es drei Grundpfeiler gibt, die Wohnen ermöglichen. Wenn diese fehlen, kann somit auch Wohnungslosigkeit definiert werden. Eine Wohnung zu haben kann verstanden werden als der Besitz eines Gebäudes (Raumes), über das die Person und ihre Familie die ausschließlichen Besitzrechte ausüben kann (physischer Bereich), in dem sie Privatheit aufrecht erhalten und Beziehungen pflegen kann (sozialer Bereich) und über die es einen legalen Rechtstitel gibt (rechtlicher Bereich). Daraus lassen sich die Hauptkategorien von Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit, unsicherem Wohnen und ungeeignetem Wohnen entwickeln, die allesamt einen Mangel an Wohnung angeben.
(European Federation of National Associations Working with the Homeless (FEANTSA), 2005)

a) Obdachlosigkeit

Auf der Straße lebend, an öffentlichen Plätzen wohnend, ohne eine Unterkunft, die als solche bezeichnet werden kann.“ (FEANTSA 2005)

b) Wohnungslosigkeit

Menschen ohne festen Wohnsitz, die in Notschlafstellen und niederschwelligen Einrichtungen übernachten. Menschen, die in Einrichtungen wohnen, in denen die Aufenthaltsdauer begrenzt ist und keine Dauerwohnplätze zur Verfügung stehen.“ (FEANTSA 2005)

c) „von Wohnungslosigkeit bedroht“/ „in ungesicherten Wohnverhältnissen wohnend“

Wohnen, ohne einen Hauptwohnsitz zu begründen und vom guten Willen anderer Menschen abhängig. Wohnen ohne Rechtstitel. Wohnen unter Verletzung von Eigentumsrechten anderer Menschen. Wohnen in einer Wohnung, für die ein Verfahren zur gerichtlichen Auflösung des Wohnverhältnisses eingeleitet ist. Wohnen in einer Wohnung, für die bereits ein Gerichtsbeschluss zur Delogierung vorliegt. Wohnen in Eigenheimen für die bereits ein Räumungsbefehl an die Exekutionsabteilung ergangen ist.“ (FEANTSA 2005)

Des Weiteren möchte ich mich mit Gender-Definitionen auseinandersetzen, da auch diese grundlegend für ein gutes Verständnis der Thematik sind. Es geschieht häufig, dass man eine generalisierte und stereotypische Vorstellung hat, wenn man über Geschlechter spricht. Wenn jemand über Frauen spricht, werden oftmals nur Cis-Frauen angesprochen. Transfrauen und alle Spektren, die dazwischen liegen, werden häufig nicht mit eingebunden und erleben Diskriminierungen in vielen Bereichen. Es ist hervorzuheben, dass der Zugang zum Gesundheitssystem inklusiv sein und auch auf jegliche Personen Rücksicht nehmen muss, unabhängig von der Geschlechtsidentität. Aus diesem Grund wird hiermit eine kurze Definition zusammengetragen, die die Begrifflichkeiten erläutert und einen kleinen Einstieg in die Thematik bieten soll.

Genderdefinitionen

a) Cis (-Frau)

Cis, im Zusammenhang mit Menschen, bedeutet (…):

  1. die bei der Geburt gemachte Zuweisung, erfolgt auf Grund der Betrachtung der äußeren Genitalien, beschreibt auch das biologische Geschlecht richtig;
  2. der betroffene Mensch fühlt sich auch entsprechend dieser Zuweisung;
  3. alle Merkmale der Geschlechtsbeschreibung liegen auf einer Ebene. (Alter, 2002)

b) Trans (-Frau)

(…) Transgender sind also all jene Menschen, bei denen Identität, Fortpflanzung, soziale Wahrnehmung und all jene Aspekte, die wir üblicherweise einem Geschlecht eindeutig zuschreiben, nicht auf der gleichen Ebene liegen oder in Mischform vorkommen.“ (Alter, 2002)

Momentaufnahme Hamburg

a) Anzahl der wohnungs- und obdachlosen Frauen in Deutschland und Hamburg

Es gibt in Deutschland keine offiziellen Zählungen zu wohnungs-/obdachlosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen. Die letzte Erhebung der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. wurde im Jahr 2016 vollzogen. In dieser wurde festgehalten, dass es 34.601 wohnungslose Menschen in Deutschland gibt. Davon sind 27,3 % Frauen, das ergibt 9.443 wohnungslose Frauen im Jahr 2016 deutschlandweit (BAG Wohnungslosenhilfe (2016)). In diesen Daten fehlt die Anzahl der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen. Die vorhandenen Zahlen wurden aus 176 Einrichtungen und Diensten der bundesdeutschen Wohnungslosenhilfe erhoben, sodass nur Menschen berücksichtigt werden, die vom bestehenden Hilfesystem in jeglicher Form Gebrauch machen. Auf Grund dessen kann davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffer weit höher ist, da viele der Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind, verdeckt wohnungslos sind und nicht das vorhandene Hilfesystem nutzen, infolgedessen in keiner Zählung berücksichtigt werden.

Laut Angaben der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. sind „Frauen […] häufiger als Männer unmittelbar von Wohnungslosigkeit bedroht […] bzw. ehemals von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht. […] Das belegt, dass Frauen häufiger verdeckt wohnungslos sind […].“ (Neupert, 2017)

Auch in Hamburg gibt es keine offiziellen Zählungen in der Obdachlosenarbeit. Nach Angaben des Fachbereiches „Existenzsicherung der Caritas Nord“ gibt es schätzungsweise 2.000 Menschen in Hamburg, die obdachlos sind. Wohnungslose und von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen sind hierbei noch nicht berücksichtigt. Der Anteil der Frauen wird auf 17-19% geschätzt, das entspricht einer Anzahl von ungefähr 360 obdachlosen Frauen in Hamburg.

b) Gynäkologische Praxen und Alternativen

In Hamburg gibt es niedergelassene gynäkologische Praxen, die sich auf das gesamte Stadtgebiet verteilen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, in Kliniken und Krankenhäusern die gynäkologische Abteilung zu nutzen. Die Nutzung dieser Einrichtungen setzt einen vorhandenen Versicherungsschutz in Deutschland voraus.

Es soll nun beleuchtet werden, inwieweit Alternativen in Hamburg bestehen, die von Frauen genutzt werden können, die nicht am regulären Gesundheitssystem teilnehmen können/möchten. Die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration gibt jährlich die aktualisierte Version der Broschüre „Das soziale Hilfesystem für Wohnungslose Menschen“ heraus. In dieser können Menschen in prekären Lebenslagen Anlaufstellen, Adressen und Ansprechpartner finden, bei denen sie kostenlos ein alternatives System nutzen können. Ein Teil dieses Systems ist die ärztliche Versorgung.

„Für wohnungs- und obdachlose Menschen steht das normale medizinische Hilfesystem zur Verfügung (z.B. niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser sowie die Notfallpraxen […]). […] Erfahrungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der obdachlosen Menschen das bestehende Gesundheitssystem nicht oder nur unzureichend in Anspruch nimmt.“
(BASFI 2018)

Für Menschen, die das bestehende Hilfesystem nicht oder nur unzureichend nutzen, gibt es weitere Angebote, die eine Alternative bieten sollen. Dazu gehören unter anderem Tagesaufenthaltsstätten mit niedrigschwelliger ärztlicher Versorgung, Stationen für Menschen mit Suchtproblemen, mobile Krankenversorgung und Schwerpunktpraxen. Zum Beispiel bietet das Angebot der Schwerpunktpraxen hausärztliche und psychiatrische Sprechstunden an insgesamt vier Standorten in Hamburg an.

Informationen zum Thema Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten werden an vielen alternativen Stellen bereitgestellt. So gibt es beispielsweise die Beratungsstellen „Off Road Kids“, die sich speziell an junge wohnungs-/ obdachlose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen richtet und Beratungen zur oben genannten Thematik bietet.

Das Zentrum „CASA blanca“ (Centrum für AIDS und sexuell übertragbare Krankheiten in Altona) bietet die Möglichkeit sich kostenlos und anonym zu informieren, auf Krankheiten testen zu lassen und mit Ärzt*innen und weiterem Personal in Kontakt zu treten. Auch Profamilia und das Familienplanungszentrum sind beispielhaft zu nennen für Beratungsstellen, auf die alle Frauen zugreifen können, um verschiedene Hilfsangebote zum Thema Sexualität, Schwangerschaft oder Partnerschaft zu nutzen. Die zuletzt genannten Beratungsstellen haben ihren Schwerpunkt nicht auf die Klientel der Obdachlosigkeit gelegt und sind somit für jede Person zugänglich, die sich über die Thematiken informieren will.

Dabei kommt die Frage auf, ob diese offenen Angebote von Frauen die ,obdach-/wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, genutzt werden, da sowohl psychische, physische, infrastrukturelle und rechtliche Aspekte den Zugang zu solchen Angeboten erschweren. Dies werde ich in Punkt 4 ausführlicher erläutern. Daraus ist zu schließen, dass ein recht großes Angebot in Hamburg besteht, das Informationsquellen zu den Themen Sexualität und Partnerschaft bietet, allerdings nur wenige Projekte die hier beschriebene Klientel ansprechen.

Im sozialen Hilfesystem für Wohnungslose der Stadt Hamburg, gibt es ein einziges Alternativangebot, das speziell an Frauen gerichtet ist und beratende und/oder präventive gynäkologische Maßnahmen, die durch Fachärzte durchgeführt werden, anbietet. Das „ragazza“, eine Kontakt- und Anlaufstelle für Frauen, die Drogen konsumieren und der Prostitution nachgehen. Das „ragazza“ bietet eine gynäkologische Primärversorgung durch eine Gynäkologin an. Auch hier ist wieder zu beachten, dass die Klientel gruppiert wird. Das Angebot richtet sich an Konsumierende und der Prostitution nachgehende Frauen und spricht gegebenenfalls andere Frauen, die wohnungs-/obdachlos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind nicht an.

Fazit: Die Angebote sind unzureichend

Somit ist ein grundlegender Bereich der präventiven Gesundheitsfürsorge für viele Frauen nicht (ausreichend) zugänglich. Man kann also zum Schluss kommen, dass die Mehrzahl der hier beschriebenen Frauen keinen direkten Zugang zum gynäkologischen Gesundheitssystem hat und somit weder Kontroll- und Präventivuntersuchungen durchführen lassen kann noch Zugang zu Verhütungsmitteln hat, die rezeptpflichtig sind.

Literaturverzeichnis:

Alter, Helma Katrin (2002): Was ist Geschlecht. (https://www.dgti.org/leitartikel.html?id=29 ,l etzter Aufruf: 28.02.2020)

BAG Wohnungslosenhilfe (2016): Statistikbericht 2016 – Auswertungstabellen. (https://www.bagw.de/de/themen/statistik_und_dokumentation/statistikberichte/statistikberichte_1.html, letzter Aufruf: 28.02.2020)

Bodenmüller, Martina (2010): Auf der Straße leben – Mädchen und junge Frauen ohne Wohnung. Berlin: LIT Verlag

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. (BAGFW) (2019): Zugang zum Gesundheitssystem für Unionsbürgerinnen und Unionsbürger, Angehörige des EWR und der Schweiz. Berlin: Druck- und Verlagshaus Zarbock GmbH & Co. KG

European Federation of National Associations Working with the Homeless (FEANTSA) (2005): ETHOS – Europäische Typologie für Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekäre Wohnversorgung (https://www.feantsa.org/download/at___6864666519241181714.pdf, letzter Aufruf: 28.02.2020)

Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) (2018): Das soziale Hilfesystem für wohnungslose Menschen. Hamburg: Druckerei Weidmann.

Gemeinsamer Bundesausschuss (2018): Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Früherkennung von Krebserkrankungen (Krebsfrüherkennungs-Richtlinie / KFE-RL) (https://www.kbv.de/media/sp/2018_07_19_KFE_RL_2018_08_02_2019_04_18.pdf, letzter Aufruf: 28.02.2020)

Giffhorn, Benjamin; Jordan, Rolf; Rosenke, Werena; Specht, Thomas (2017): Handbuch der Hilfen in Wohnungsnotfällen. Entwicklung lokaler Hilfesysteme und lebenslagenbezogener Hilfeansätze. Berlin/Düsseldorf: BAG-W Verlag, 301-324.

Lutz, Ronald; Sartorius, Wolfgang; Simon, Titus (2017): Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe. Eine Einführung in Praxis, Positionen und Perspektiven. Beltz Juventa Verlag.

 

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