Wohnungslosigkeit in Zeiten von COVID-19

von Sandra Kupilas

Hamburg im Frühjahr 2020. Ein kurzer Blick in die Straßen genügt, um festzustellen, hier stimmt etwas gewaltig nicht. Die Innenstadt wirkt menschenleer. Vereinzelt erhascht man ein paar vorbeiziehende Personen, die sich wohl auf dem Arbeitsweg befinden oder sich nochmals aus der Quarantäne trauen, um sich rasch mit Lebensmitteln einzudecken. Eine entschleunigte und fast gespenstische Atmosphäre hat sich breitgemacht. Der Alltag der Menschen ist lahmgelegt oder auf ein Minimum an Bewegungsfreiheit beschränkt. Das COVID-19-Virus hat den Weg aus dem fernen China recht schnell nach Europa gefunden. Seine Auswirkungen auf das Gesundheitssystem, die Politik und die Weltwirtschaft hat schnell unvorstellbare Dimensionen angenommen und das alltägliche Leben der Hamburger*innen immens eingeschränkt. Mensch muss sich nun in der vorherrschenden „Corona-Krise“ mit neuen politischen Maßnahmen auseinandersetzen, die gegen die Ausbreitung des Virus beschlossen wurden. Maßnahmen wie Social-Distancing, Selbst-Quarantäne und neue Schutz- und Hygieneregeln.

Solch eine Krisensituation trifft wirklich jede gesellschaftliche Struktur. Aus politischer Richtung wird vehement versucht Arbeitslosigkeit zu vermeiden, bestehende Arbeitsplätze zu sichern oder gar temporär neue Arbeitsplätze in systemrelevanten Jobs zu schaffen. Künstler*innen, Selbstständige und sozio-ökonomisch Benachteiligte leben in der Ungewissheit, wie und ob es für sie in den nächsten Wochen und Monaten beruflich weitergeht. Sie stehen vor existenziellen Zukunftsängsten – eine Herausforderung für das Individuum, die Politik und unseren Wohlfahrtsstaat als helfende Instanz. In dieser Zeit, in der es heißt, übergeordnete Probleme zu glätten, wo bleibt da noch Platz für die Interessen und Probleme der Menschen, die die Krise wohl am härtesten trifft? Hilfebedürftige wohnungslose Menschen, die auf existentielle Unterstützung, auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen sind. Hamburg verfügt generell über ein recht umfangreiches und differenziertes Hilfesystem für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind. Aber was passiert mit ihnen, wenn vom einen auf den anderen Tag viele dieser Möglichkeiten für die betroffenen Menschen wegfallen?

Die aktuellen Ereignisse zu dieser Frage überschlagen sich. Hilfseinrichtungen müssen auf Grund von Mitarbeiter*innenschutz oder neuen politischen Maßnahmen schließen. Es kommen jedoch auch Menschen zusammen, die sich diesen Themen annehmen wollen. Schon bestehende Hilfesysteme weiten ihr Programm aus, finden neue Wege die Hilfebedürftigen zu erreichen und einige neue Ehrenämtler*innen unterstützen diese essenziellen Hilfsprojekte. Beispielsweise werden „Gabenzäune“ errichtet, an denen Menschen Spenden für obdachlose Personen an Zäune hängen, die an zentralen Orten aufgestellt wurden. Anfang April 2020 öffnete ein Schwimmbad in St. Pauli für wohnungslose Menschen, damit diese den Sanitärbereich nutzen können, um endlich mal wieder heiß duschen gehen zu können. Auch das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ musste umdenken, um das Magazin weiter verkaufen zu können. Auf Grund der scharfen Sicherheitsmaßnahmen und der Kontaktsperren ist der generelle Verkauf der Straßenzeitung nicht gestattet und nun erscheint es zum ersten Mal als Online-Ausgabe. Der Erlös geht in einen Fonds, welcher die wohnungslosen Verkäufer*innen des Magazins finanziell unterstützen soll.

Auch die Straßensozialarbeit kann nun nur noch bedingt stattfinden. Viele wohnungslose Personen hielten sich zunächst nicht mehr an den gewöhnlichen Aufenthaltsorten auf – warum auch, wenn die früheren Spots zum „Schnorren“ und Pfandflaschensammeln nun wie leergefegt sind, und man sich nicht mehr in Gruppen oder gar zu mehr als 2 Personen aufhalten darf? Die Straßensozialarbeiter*innen der Caritas Hamburg verteilen nun auch Lebensmittel mit einer Rikscha und Bollerwagen und versuchen die Menschen zu erreichen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und auf Neuerungen aufmerksam zu machen. Neuerungen wie zum Beispiel, dass Dixi-Klos vor einer Tagesaufenthaltsstätte auf St. Pauli aufgestellt wurden. Eine wichtige Information, denn durch die Ausbreitung des Virus fehlen für Obdachlose generell Orte, an denen sie eine Toilette nutzen oder einfach nur ihre Hände waschen können.

Das Bündnis Seebrücke Hamburg forderte die Behörden auf, eine sichere Versorgung für geflüchtete und wohnungslose Menschen zu gewährleisten. „In der ganzen Stadt stehen die Hotels leer. Hier können und müssen umgehend Unterbringungsmöglichkeiten für alle Bedürftigen geschaffen werden, die menschenwürdiges Leben und den Abstand ermöglichen“, fordert Christoph Kleine vom Bündnis Seebrücke Hamburg. Eine Forderung, die von Notwendigkeit ist, denn wohnungslose Menschen trifft die Corona-Krise besonders hart. Die Hilfebedürftigen stehen bei Trägern von Hilfsangeboten vor verschlossenen Türen, die essenzielle Einhaltung der Hygienemaßnahmen ist beinahe unmöglich, wenn kein fließendes Wasser zur Verfügung steht.

Am 8. April 2020 waren in allen Hamburger Medien die Rede von dem Versprechen, dass ein großer Zigarettenhersteller eine großzügige Finanzspritze für zwei Hilfsprojekte der Wohnungslosenhilfe geben wird. Diese monetäre Unterstützung soll in Hamburg für bis zu 250 wohnungslose Menschen eine temporäre Unterbringung in einem der vielen leerstehenden Hamburger Hotels sichern. Dem Unternehmen sei es wichtig obdachlosen Menschen „eine sichere, hygienische und menschenwürdige Einzelunterbringung“ zu ermöglichen, so die Pressemitteilung. An der Organisation und der Umsetzung beteiligt sind einige Hamburger Obdachlosenprojekte, wie eine Tagesstätte für wohnungslose Menschen und ehrenamtliche Initiativen.

Hamburg hat über 2.000 Menschen, die wohnungslos sind. Ergo, es besteht hiermit bei Weitem nicht die Möglichkeit, dass jede Person ein Hotelzimmer beziehen kann. Auch die Stadt Hamburg reagiert auf dieses Problem und verlängert das Winternotprogramm bis Ende Mai. Das Winternotprogramm der Stadt Hamburg ist ein Notunterbringungs- und Versorgungsprogramm für obdachlose Personen, welches regulär von Anfang November bis Ende März ca. 800 obdachlosen Menschen einen Schlafplatz bietet. Das Programm ist auf mehrere Standorte verteilt. Einer der Standorte befand sich schon in den ersten Tagen der Corona-Krise in den Schlagzeilen der lokalen Presse, denn gleich zu Beginn des Virusausbruchs infizierte sich eine Person in einer der Unterkünfte und ein großer Teil dieses Standortes musste unter Quarantäne gestellt werden. Dies betraf fast 300 wohnungslose Personen. Welch furchtbarer Zustand dies doch für diese Personen gewesen sein musste, auf engstem Raum, mit spärlichem Interieur und kaum Handlungsspielraum, nicht nur nachts ihre Privatsphäre teilen zu müssen, nein – gar zwei Wochen am Stück. Zwei Wochen, das sind 14 Tage, 336 Stunden, 20.160 Minuten, 1.209.600 Sekunden. Schwer auszuhalten, welche Gedanken wohl die Menschen begleitet haben müssen. Die allgemeine Situation ist ja für wohnungslose Menschen generell schon erschreckend genug. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sich die Lage entschärft und die Solidarität der Mitmenschen und politischen Akteuren nicht erschöpft.

Quellen:

Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (2018, Dezember) Studie. Obdach- und wohnungslose Menschen in Hamburg. Abgerufen am 09.04.2020, von https://www.hamburg.de/obdachlosigkeit/veroeffentlichungen/12033588/obdachlosenstudie-hamburg-2018/

Die Welt, (2020, April 08) Reemtsma spendet 30000 Euro für Obdachlose. Abgerufen am 12.03.2020, von https://www.welt.de/regionales/hamburg/article207137717/Coronavirus-Reemtsma-spendet-300-000-Euro-fuer-Obdachlose.html

Müller,B. (2020, April 01) Hinz&Kunzt Straßenmagazin. Ausgabe: 326 – April 2020. Abgerufen am 13.04.2020, von https://www.hinzundkunzt.de/heft/lasst-euch-nicht-unterkriegen/

Müller,B. (2020, April 13) Hinz&Kunzt Straßenmagazin. Abgerufen am 13.04.2020, von https://www.hinzundkunzt.de/ein-bisschen-wie-bei-freunden/

Seebrücke Hamburg (2020, März 27) „Autoritärer Aktionismus“ – Pressemitteilung vom 27.03.2020. Abgerufen am 13.04.2020, von http://seebruecke-hamburg.de/2020/03/27/autoritaerer-aktionismus-pm/

TAZ-Tageszeitung, (2020, März 25) Hilfe für Obdachlose in Corona-Zeiten. Abgerufen am 09.04.2020, von https://taz.de/Hilfe-fuer-Obdachlose-in-Corona-Zeiten/!5673845/

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