„Typen“ weiblicher Wohnungslosigkeit

Frauen wurden lange Zeit in den Forschungsergebnissen der Wohnungslosenhilfe nicht gesondert betrachtet. Es wurde davon ausgegangen, dass Wohnungslosigkeit eher Männer betrifft als Frauen. In den 1970er Jahren änderte sich die Sichtweise. Frauen wurden ebenfalls in die Forschungen aufgenommen, da diese immer mehr in den bereits bestehenden Angeboten und Anlaufstellen für wohnungslose Menschen beobachtet wurden. Teilweise entstanden Einrichtungen und spezielle Angebote nur für Frauen, wie zum Beispiel Frauenhäuser, Tagesaufenthaltsstätten für Frauen usw. (vgl. Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 167). „Heute ist die besondere Lebenslage von wohnungslosen Frauen unbestritten und die Notwendigkeit eines frauenspezifischen Zugangs wird im Hilfesystem anerkannt.“ (Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 167). Dies ist von besonderer Bedeutung, denn die Zahl der wohnungslosen Frauen steigt.

Im Zusammenhang mit weiblicher Wohnungslosigkeit werden drei „Typen“ unterschieden. Selbstverständlich sind Menschen immer individuell zu betrachten und nicht in ein Schema einzuordnen. Dennoch helfen diese Einteilungen, die Besonderheiten weiblicher Wohnungslosigkeit zu erkennen (vgl. Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 172; zit. n. Enders/ Dragässer 2000, Lutz 2002).

Zum einen gibt es die sichtbare Wohnungslosigkeit. Frauen, die diesem Typ zugeordnet werden, können offensichtlich auf der Straße wahrgenommen werden. Diese Frauen leben auf der Straße und werden häufig Opfer von Beschimpfungen und Beleidigungen, da ihnen vorgeworfen wird ihre Familie im Stich gelassen zu haben. Sie haben bewusst den für sie vorgesehen Platz in der Familie aus eigener Entscheidung verlassen. Dieser Typ tritt allerdings am seltensten auf und stellt nur eine kleine Gruppe dar (vgl. Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 172 ff.).

Frauen, die in der verdeckten Wohnungslosigkeit leben, bilden den Großteil weiblicher Wohnungslosigkeit. „Sie leben eher nicht auf der Straße, sondern im Verborgenen.“ (Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 173). Ein Grund dafür stellt die große Angst dar, ohne Schutz Opfer von Überfällen und Gewalttaten vor allem durch Männer zu werden. Dennoch kommt es häufig vor, dass Frauen sich Männern anschließen, um Sicherheit zu erlangen. Im Gegenzug dazu verpflichten sich die Frauen, sich den Männern unterzuordnen und sexuelle Gefälligkeiten zu erfüllen. Auf diese Weise erhalten sie ihren Status als Frau und verringern somit die öffentlichen Anschuldigungen und Demütigungen.

Allerdings werden Frauen auch in diesen Beziehungen zu Männern, von denen sie sich Schutz erhoffen, Opfer von Missbräuchen und Gewalt und stellen somit keine Verbesserungen zu den vorherigen Verhältnissen dar. Dieses Verhalten wohnungsloser Frauen zeigt erneut bestehende, alte Rollenbilder, denen die Frauen erst spät entgehen können. Es dauert eine Zeit lang, bis Frauen es schaffen, spezielle Angebote und Einrichtungen wahrzunehmen. Einerseits ist die Scham groß, andererseits überwiegt die Hoffnung, dass die Situation sich ändert (vgl. Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 173).

Frauen, die zum Typ der latenten Wohnungslosigkeit gehören, sind nur vorübergehend wohnungslos, weil sie zum Beispiel vor bedrohlichen Umständen fliehen wollen (vgl. Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 173). „Diese Frauen finden immer wieder Lösungen, die das Eintreten akuter Wohnungslosigkeit verhindern.“ (Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 173). Auf diese Weise kommen sie zum Beispiel für eine kurze Zeit bei Freund*innen und Bekannten unter. Nachdem sich die Notsituation oder Konflikte geklärt haben und keine Gefahr mehr besteht, kehren sie zurück. Da der Großteil der weiblichen Wohnungslosigkeit verdeckt agiert, wird deutlich, dass spezielle Hilfsangebote geschaffen werden müssen, um den Frauen Hilfe gewährleisten zu können.

Verwendete Literatur:

Enders-Dragässer, Uta/ Sellach, Brigitte 2000: Ergebnisse des Modellprojekts. In: Enders-Dragässer u.a. (Hrsg): Frauen ohne Wohnung. Stuttgart et al.: Verlag W. Kohlhammer.

Lutz, Ronald/ Sartorius, Wolfgang/ Simon, Titus 2017: Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe. Eine Einführung in die Praxis, Positionen und Perspektiven. 3. überarbeitete Auflage: Beltz Juventa.

– von Jana Brümmer –

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