Das “Mietübernahme-statt-Räumung-Konzept” – oder einfach “Stay-Konzept”

von Antonia Brandt

Ich lebe seit knapp einem Vierteljahrhundert in Hamburg. Die ersten 18 Jahre meines Lebens wuchs ich in St. Georg auf, Randgruppen jeglicher Art waren für mich völlig normal, Wohnungs- und Obdachlose sowieso. Als das Seminar „Hamburg für alle – aber wie?“ startete, befasste ich mich natürlich mehr mit dem Thema. In dem folgenden Text möchte ich mich mit einigen Gedanken auseinandersetzen, die mich besonders beschäftigen.

Obwohl ich es von klein auf gewohnt bin, Wohnungs- und Obdachlose im Stadtbild zu sehen, habe ich das Gefühl, dass es in den letzten Jahren einen sprunghaften Anstieg gab. Meine Recherche bestätigte mein Gefühl. 2009 lebten auf den Straßen Hamburgs 1.029 Menschen, 2019 waren es 1.910 Personen. Hinzu kommen 4.666 Frauen und Männer, die in öffentlichen Wohnunterkünften, Übernachtungsstätten und Wohnprojekten leben.

2009 wurden 2.924 untergebrachte Personen gezählt. Insgesamt hat sich also die Anzahl wohnungs- und obdachloser Menschen in Hamburg binnen 10 Jahren von 3.952 auf 6.576 erhöht. Die genannten Zahlen stammen aus der „Befragung obdachloser, auf der Straße lebender Menschen und wohnungsloser, öffentlich-rechtlich untergebrachter Haushalte 2018 in Hamburg“, nachzulesen in der Studie, unter diesem Link.

Die in der Studie genannten Gründe für diesen Anstieg sind vielfältig. Zwei sollen an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden. Der am häufigsten genannte, von 25,6 % der Befragten genannte Grund lautet, dass sie wegen eines formalisierten Verfahrens (Kündigung, Räumungsklage, Zwangsräumung) auf der Straße gelandet sind. Die zweihäufigste Antwort mit 23,2 % war der Verlust oder die Aufgabe einer Mitwohnmöglichkeit bei PartnerIn, Freunden/Bekannten.

Um also eine drohende Obdachlosigkeit zu vermeiden, muss der Verlust der Wohnung mit allen Mitteln verhindert werden. Denn durch den insgesamt angespannten Wohnungsmarkt liegen die Chancen, nach dem Eintritt in die Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit eine neue Wohnung zu finden, gleich null.

An dieser Stelle könnte das „Housing First“-Konzept helfen. „Housing First“ ist in Amerika und Finnland erfolgreich, Salt Lake City konnte dadurch seine Obdachlosigkeit um 78 % senken. Das Konzept sieht vor, jeder/m Obdachlosen eine bedingungslose Wohnsituation zu geben und erst dann Probleme wie Schulden, Arbeitslosigkeit und Sucht anzugehen.

Bisher gilt bei uns ein „Stufensystem“. Um in eine betreute Wohngemeinschaft zu kommen, muss man zum Beispiel zuerst abstinent sein. Dies ist im Grunde ein Logikfehler, denn viele Obdachlose werden erst auf der Straße süchtig. Alkohol und/oder Drogen versprechen für einen Moment über die jeweilige Notsituation hinwegzukommen, Einsamkeit und Kälte vergessen zu lassen oder physische und psychische Schmerzen zu betäuben.

Wer sich nun bei dem Gedanken „Selbst schuld!“ ertappt, sollte ernsthaft überlegen, ob man bei beruflichem Misserfolg, einer schlechten Note oder Stress mit dem/r PartnerIn noch nie zur Flasche gegriffen hat. Auch aus ökonomischer Sicht ist „Housing First“ und die Verhinderung von Obdachlosigkeit durch z.B. Räumung eine sinnvolle Möglichkeit. Einen obdachlosen Menschen wieder in das System einzugliedern, ist weitaus kostenintensiver, als bei einer drohenden Zwangsräumung eine Mietübernahme von staatlicher Seite anzubieten.

Leider fällt mir kein so knackiger und selbsterklärender Name wie „Housing First“ ein, ich nenne jetzt das Mietübernahme-statt-Räumung-Konzept der Einfachheit halber „Stay“. Sowohl bei „Housing First“ als auch bei „Stay“ stellt sich die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Wohnungs- und Obdachlosigkeit umgehen. Es scheint mir, dass wir das Thema immer noch als ein Individualproblem betrachten. Immer wieder bekomme ich mit, wenn jemand in der U-Bahn um Geld bittet, dass jemand „Och nee, schon wieder so einer“, „Geh doch arbeiten!“ oder „Selbst schuld.“ raunt.

Wir wiegen uns in der Sicherheit, dass es uns ja nicht trifft, was auf erhöhte Selbstüberschätzung und mangelnde Empathie schließen lässt. Übrigens ist der Satz „Geh doch arbeiten!“ eine Frechheit (so wie alle anderen Bemerkungen auch), denn 59,4 % der ausländischen Obdachlosen gaben in der Studie an, dass sie nach Hamburg gekommen sind, um Arbeit zu suchen. Der Anstieg der Wohnungs- und Obdachlosigkeit um fast das Doppelte in den letzten 10 Jahren sollte ein politisches Erwachen hervorrufen.

Zurzeit sieht es nicht so aus, als würde sich der Wohnungsmarkt in den nächsten Jahren beruhigen und moderate Mieten zulassen, doch genau diese angespannte Situation, gepaart mit Zwangsräumungen, führt dazu, dass wir in den nächsten Jahren einen weiteren Anstieg von Wohnungs- und Obdachlosen haben werden. Gustav Heinemann, Gründer der karitativen Werke, wird folgender Satz zugeschrieben: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit dem schwächsten ihrer Glieder verfährt.“

Was sagt es über uns, wenn wir in einer Stadt mit 42.000 (!) Millionären die 6.576 Wohnungs- und Obdachlosen ihrem Schicksal überlassen?

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