Mein Weg aus der Abhängigkeit

Nicht selten sind die Themen Obdachlosigkeit und Sucht miteinander verbunden. Obdachlosigkeit kann zu Sucht führen, Sucht kann zu Obdachlosigkeit führen. Neben den Angeboten, die Therapieeinrichtungen für suchtkranke Menschen bieten, gibt es anonyme Selbsthilfegruppen für eben jene. Diese Gruppen können auf freiwilliger Basis besucht werden, ganz ohne Anmeldung. Sie sind kostenlos und basieren auf dem Prinzip der Selbsthilfe – die Mitglieder der Gruppen profitieren vom gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Die Gruppen finden ambulant statt, es gibt keine Kliniken. Ob viele obdachlose Menschen die Gruppen in Anspruch nehmen, ist nicht bekannt, da die Gruppen anonym sind und keine Statistik geführt wird. Dennoch bieten sie eine gute Möglichkeit, bei drohender Obdachlosigkeit Hilfe zu erfahren: niedrigschwellig und von Menschen, die selbst betroffen waren. Zwei Teilnehmende des Seminars “Hamburg für alle – aber wie?” besuchen regelmäßig eine Selbsthilfegruppe für suchtkranke Menschen und schildern hier ihre Erfahrungen.

Bericht. Der Autor nennt sich Jimmy.

„Hallo, mein Name ist Jimmy und ich bin ein Süchtiger.” Mit diesem Satz stelle ich mich seit über 5 Jahren mindestens einmal pro Woche in meiner Selbsthilfegruppe vor. Als ich aufgehört habe, Drogen zu nehmen, war ich 28 und hatte mehr als die Hälfte meines Lebens konsumiert: Alkohol, Schmerztabletten, Cannabis, Kokain, Speed, LSD und Heroin sind nur ein paar der Substanzen, mit denen ich Kontakt hatte. Die letzten Jahre meiner Zeit als aktiver Konsument waren allerdings vom Heroinkonsum geprägt. Das Schema war täglich dasselbe: aufstehen, was nehmen, Geld klarmachen, an den Bahnhof fahren, wieder was nehmen. Geld klarmachen, wieder was nehmen. Geld klarmachen, wieder was nehmen. Ohne Heroin funktionierte nichts. Wer Auto fahren will, braucht Sprit im Tank. Ohne den Sprit bleibt man liegen. So bin ich auch ohne Stoff liegen geblieben.

“Eher zufällig habe ich mit 13 das erste Mal getrunken.”

Ich bin in einer Stadt in Norddeutschland aufgewachsen, in der mir im Alter von 13 Jahren nichts Besseres einfiel, als mit den Punks rumzuhängen und mich einem destruktiven Leben hinzugeben. Drogenkonsum und Ärger mit der Polizei waren alltägliche Dinge, ich habe mich mit den Nazis vor der Kneipe geprügelt und mich derartig weggeschossen, dass ich große Erinnerungslücken aus diesen Jahren habe. Meine Begeisterung für Vollrausch war sofort da – eher zufällig habe ich mit 13 das erste Mal getrunken: ich war auf einem Geburtstag und trank von der Bowle. Den Wodka darin habe ich erst wahrgenommen, als ich betrunken war. Und ich habe es sofort geliebt.

“Ich musste ein Lügengebilde aufrechterhalten, meine Freundin durfte nichts vom Konsum erfahren.”

Nur meine Liebe zu Heroin war größer, die habe ich mit 20 entwickelt. Während meine ersten Jahre als Konsument noch eher lustig und nicht vom sozialen Abstieg geprägt waren, änderte sich das dann, als ich mit 21 nach Berlin zog. Dort hatte ich keine Kontakte, bei denen ich klingeln und Stoff kaufen konnte. Ich habe Dealer auf der Straße in Kreuzberg angesprochen und war sofort ein Teil der Szene. Das morgendliche Warten mit 30-40 anderen Süchtigen am U-Bahnhof, die Ahnungslosigkeit, woher ich Geld für die nächsten Dröhnung nehmen sollte, hat mir zugesetzt. Ich bin 1,86m groß und habe damals nur etwa 65 kg gewogen. Ich war den ganzen Tag unterwegs und musste ein Lügengebilde aufrechterhalten, schließlich hatte ich eine Freundin, die natürlich nichts von all dem wissen durfte. Ich habe ein Doppelleben geführt. Ein Kräftezehrendes Doppelleben, an dessen Ende meine Freundin aufgrund meiner geistigen und körperlichen Abwesenheit dachte, ich hätte eine Affäre. Hatte ich gewissermaßen ja auch. Nur hatte ich mich keiner Frau hingegeben, sondern dem Stoff.

“Mein erster Entzug war ein kalter Entzug und ich dachte, ich müsste sterben.”

Nach 6 Monaten in Berlin bin ich zusammengebrochen. Ich habe meiner Freundin alles erzählt und mich in meinen ersten Entzug begeben: es war ein kalter Entzug und ich dachte, ich müsste sterben. Ich habe 10 Tage abgeschottet in einer kleinen Einrichtung verbracht, in der man sich zwar um mich gekümmert hat, in der es aber keinerlei Substitute gab. Kurz nachdem ich den Entzug verlassen hatte, war ich wieder drauf. Wir waren zwischenzeitlich umgezogen, doch damit war der Weg zur Szene einfach nur weiter, geändert hat es nichts. Ich war aber weit davon entfernt, mich als „krank“ zu bezeichnen. Ich dachte einfach, ich müsse mich zusammenreißen. Wir haben Berlin nach insgesamt 2,5 Jahren verlassen. In dieser Zeit habe ich nur gelogen und konsumiert. Das Geld für Drogen habe ich mit kleinen Jobs verdient, sodass ich nicht kriminell werden musste.

“In Hamburg war ich bald Stammgast im Konsumraum des DrobInn”

Wir sind dann nach Hamburg gezogen, wo die Misere so richtig begann: der Stoff war teurer als in Berlin, ich kannte keine Leute und hatte keinen Job. Das bisschen Geld, das ich in der Tasche hatte, hat mir der erstbeste „Dealer“ abgeknöpft, ohne Stoff zu liefern. Ich war grün hinter den Ohren und ein gefundenes Fressen für die raue Szene am DrobInn am Hauptbahnhof. Irgendwann lief es allerdings und ich war Stammgast im Konsumraum. Wann immer meine damalige Freundin Dienst hatte, bin ich in die Stadt gefahren. Ich habe Heroin und Stein geraucht und einmal im Jahr bin ich in eine Entzugsklinik und Therapie. Ich habe das immer abgeschlossen, war aber im Anschluss nie lange clean. Vielleicht mal eine Woche – die Verlockung der Straße und der Suchtdruck waren einfach zu groß.

“Mein Weg auch hätte in der Obdachlosigkeit enden können.”

Und ich verlor Skrupel, die ich vorher noch hatte: ich begann, die Elektronikgeräte meiner Freundin ins Pfandhaus zu bringen, wenn ich einkaufen gehen sollte, dann musste ich den Pfandbon mitbringen (was ich so gut wie nie tat – wenn ich Geld in der Hand hatte, investierte ich in Heroin). Ich nahm ab, wusch mich nur unregelmäßig und verbrachte meine Zeit mit Leuten, die auf der Straße gewohnt haben. Das ist gar nichts Schlimmes – aber es zeigt mir heute, wie mein Weg auch hätte verlaufen können: in die Obdachlosigkeit. Ich habe im Pik As konsumiert, weil es dort guten Stoff gab. Ich habe die Nächte im Park am Nobistor verbracht und gegen Spende im Hilfeverein St. Ansgar gegessen, weil ich einfach nichts mehr hatte und immer verzweifelter wurde.

“Seit 2014 bin ich clean und kann sagen, dass ich mein Leben der Selbsthilfegruppe verdanke.”

2011 habe ich dann eine anonyme Selbsthilfegruppe kennengelernt, die ich seitdem mit Unterbrechung besuche. Seit 2014 darf ich nun clean sein und kann sagen, dass ich mein Leben der Selbsthilfegruppe verdanke. Wir helfen uns dort, indem wir auf die Erfahrung der anderen Mitglieder setzen. Wir sind alle freiwillig dort, müssen nichts bezahlen oder unterschreiben. Mir wird nichts versprochen. Die Gruppe finanziert sich aus Spenden, die die Mitglieder in den Treffen tätigen – und es funktioniert. Es kommt immer genug zusammen, um die Miete, Kaffee, Literatur und ein kleines Willkommenspaket für neue Mitglieder zu finanzieren. Anonymität ist die Grundlage unserer Gruppe: Es interessiert nicht, wer woher kommt und was getan hat. Es interessiert uns, wie wir helfen können. Es sind alle Menschen willkommen, die keine Drogen mehr nehmen wollen.

“Heute sprechen mir die Mitglieder der Gruppe ihr Vertrauen aus.”

Der Umstand, dass ich zu nichts verpflichtet bin, mich aber in hohem Maße einbringen kann, spricht mich sehr an. So habe ich den Schlüssel für unser Treffen am Montag und bin immer vor den anderen da und bereite den Raum vor: Ich stelle Tische und Stühle bereit, koche Kaffee und versuche, den Raum angenehm herzurichten, sodass wir ein schönes Treffen abhalten können. Ich freue mich sehr über das Vertrauen der Gruppe, denn früher hat mir niemand einen Schlüssel in die Hand gedrückt, weil auf mich kein Verlass war. Heute ist das einfach anders und die Leute, die mich auf den Weg gebracht haben, nämlich die Mitglieder der Gruppe, sprechen mir heute ihr Vertrauen aus.

“Einmal im Monat stelle ich die Gruppe auf einer Entzugsstation in einem Hamburger Krankenhaus vor”

Außerdem stelle ich unsere Gruppe mindestens einmal im Monat auf einer Entzugsstation in einem Hamburger Krankenhaus vor. Hier berichte ich mit einer anderen Person von unserer Gruppe und wie sie uns hilft, unser Leben unabhängig von z.B. Therapeut*innen zu führen. Das spricht immer wieder Menschen an, die nach ihrem Entzug dann zu uns finden und auch clean leben möchten. An der Stelle kann ich zurückgeben, was ich selbst bekommen habe: eine zweite Chance auf ein erstklassiges Leben.

Bericht. Die Autorin bleibt anonym.

In diesem Sommersemester konnte ich ein Seminar belegen, welches mir sehr am Herzen lag: “Hamburg für alle- aber wie? Projektseminar für Engagierte in der Arbeit mit Wohnungs- und Obdachlosen.”

Dank meiner eigenen Lebensgeschichte wusste ich genau, was es bedeutet keine feste Bleibe zu haben. Ich war früher abhängig von illegalen Substanzen und hatte durch meinen Konsum zeitweise keine Wohnung, jedoch kam ich immer irgendwo unter, auch bei Männern, welche ich nicht unbedingt mochte, die aber Stoff und ein Dach über dem Kopf hatten. So war das eben. Da nahm ich einiges in Kauf, was mich heute manchmal wie ein Stromschlag trifft, wenn mir plötzlich eine Erinnerung von damals in den Sinn kommt.

Zu Beginn meines Konsums waren wir eine feste Clique, die zusammen „feierte und Spaß hatte”.

Viele meiner Freunde wussten, wann sie aufhören sollten, dieses Gefühl kannte ich nicht. Ich bin über meine Grenzen gegangen und mehr auch über die meiner Mitmenschen. Es wandten sich viele von mir ab. So stand ich nach einigen Jahren mit mir, meiner Sucht und einem Mann, den ich nicht ausstehen konnte, da. Der aber, wie bereits erwähnt, eine Wohnung und Stoff hatte.

Es war alles andere als schön. Getrieben von der Sucht, musste ich jeden Tag etwas zu mir nehmen. Nahrungsaufnahme – daran war nicht mehr zu denken. Die psychische Belastung durch die Kontakte, welche ich pflegte, war enorm, sodass ich es nicht mehr aushielt.

Eines war mir lange klar: dass ich meine Sucht nicht mehr ausleben kann. Es dauerte seine Zeit, bis ich endlich ernsthaft um Hilfe bitten konnte.

Nun war ich nach über 8 Jahren geschlagen und ging auf meine erste Entgiftung. Wege aus der Sucht kannte ich nicht und Menschen, die keine Süchtigen waren, waren in meinen damaligen Augen Spießer.

Dank Empfehlungen bewarb ich mich nach der Entgiftung auf einen Therapieplatz, dort wurde mir geraten eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, was ich sofort probierte. Zunächst war ich skeptisch, aber seitdem ich dort hingehe, bin ich clean. Seitdem ich mich jedoch ernsthaft dem geöffnet habe, was die Selbsthilfegruppe alles so bietet, hat sich mein Leben verändert.

Ich kann dort Unterstützung suchen und bieten, kann mich einbringen, mich dort im Umgang mit anderen üben, Genesung erfahren, verschiedene Dienste verrichten und noch so viel mehr.

Heute bin ich genausolange clean, wie ich drauf war. Darf studieren, ein Projektseminar besuchen, das mich daran erinnert, wohin ich nicht mehr zurück möchte, weil es wirklich sehr anstrengend war, drauf zu sein. Danke für dieses außergewöhnliche Projektseminar.

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