EIN RECHT AUF WOHNEN FÜR ALLE!

von Isgard Klein

Bei dem Slogan EIN RECHT AUF WOHNEN! stellte ich mir zuallererst – und ich denke, dass geht auch euch Lesern so – den Kampf um eine Wohnung, die eigenen vier Wände in einem Mehrfamilienhaus vor. Gerade in der heutigen Wohnungsdebatte wird es immer schwieriger eine bezahlbare Wohnung in einem schönen Stadtteil zu finden. Lange Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen, viele WG-Besuche und Wohnungsabsagen… Nur weil man als Studierende/r ein zu geringes Einkommen hat. Der Kampf gegen die Gentrifizierungprozesse in Städten, steigende Mieten und die Privatisierung.

Dass sich dieser Slogan jedoch auf eine andere Ebene übertragen lässt, ist mir erst durch das Containerprojekt der Diakonie Hamburg wirklich bewusstgeworden. In einer Wohnung zu leben, hat für Obdachlose eine ganz andere Bedeutung und Relevanz.

Eine Wohnung ist so viel mehr als nur ein Ort zum Schlafen.

Während ich weiß, dass ich nach der Demonstration für EIN RECHT AUF WOHNEN FÜR ALLE! in meine WG gehen kann, gibt es andere Menschen, die zu ihrer Platte zurückkehren müssen. Zurück auf die Straße. Personen, die keinen geschützten Raum – wo man sich und sein Hab und Gut in Sicherheit wiegen kann – haben, kein warmes Bett oder eigenes Bad. Kein Ort der Ruhe und der Erholung. Keinen Raum, der eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Aneignungsprozesse zulässt.

Daher liegt die Tiefe in dem Slogan nicht nur im Sinne eine bezahlbare Wohnung zu finden. Nein, es geht um weitaus mehr. Es geht um das reine Überleben.

Step by step zu meiner Erkenntnis: Wie das Containerprojekt mich sensibilisierte

Das letzte richtige Semester meines Stadtplanungsstudiums hat im April 2019 begonnen und mit ihm auch das tolle Praxisseminar HAMBURG FÜR ALLE! – ABER WIE?

Ich habe mir sofort gedacht: „Oh wie klasse!“ Sich im Studium mit der Thematik Obdachlosigkeit auseinanderzusetzen und sich gleichzeitig noch freiwillig zu engagieren… das klingt doch großartig.

Und so kam es, dass meine gute Freundin Bella und ich anfingen mindestens einmal wöchentlich zu den Wohncontainern in Altona von der Diakonie Hamburg zu gehen, um die dortigen Bewohner bei Alltagsdingen zu unterstützen. Drei Obdachlose haben in zwei Wohn- und einem Sanitärcontainer die Möglichkeit, sich einen eigenen und gewissermaßen geschützten Raum anzueignen. Man kann sich das praktisch wie eine Einzimmerwohnung vorstellen. Klein, schlichte Einrichtung, wenig Stauraum, wenig Hab und Gut. Dafür aber ein eigenes Bett, ein Tisch, ein Schrank, etwas Elektrizität und eine Kochplatte. Fertig.

Die Container könnten unterschiedlicher nicht sein.

Mir fiel gleich am Anfang auf, wie unterschiedlich ordentlich und sauber die beiden Wohnräume sind. Auch der Geruch war in dem einen Container anfangs sehr befremdlich. Kalter Rauch gemischt mit dem Geruch von Schweiß und altem Alkohol. Den Geruch, den man verströmt, wenn man nach einer durchzechten Nacht aufwacht und sich schrecklich verkatert fühlt – und auch so riecht.

Wohnen bedeutet eine dauerhafte Bleibe zu haben. Meiner Meinung nach geben die Container den Bewohnern diese Möglichkeit. Das Projekt ist zwar begrenzt, da das Grundstück eigentlich einer Kirche gehört, die auf dem Gelände neue Gebäude plant, aber für einen längeren Zeitraum können die drei Menschen hier einen eigenen Haushalt führen. Zwar eingeschränkter als ich es tue, aber besser als ein Leben auf der Straße.

Raum als Spiegel der Seele

Die Ordentlichkeit und Hygiene des Raumes spiegeln zum Teil die Seele und das Bild des von ihm bewohnten Bewohners wider. Einer der lieben Bewohner hat mit Erkrankungen und der damit verbundenen Immobilität zu kämpfen. Somit gibt es bspw. keinen wöchentlichen Putzplan.

Mein erster Eindruck von dem Raum: Chaos.

Mein zweiter Eindruck: Eine Ordnung in dem Chaos.

All die Dinge, die er tagtäglich benötigt, sind rund um das Bett angeordnet. Er hat also sein eigenes System. Er macht sich den Raum zu Eigen. Das lässt sich auch an den Bildern an den Wänden erkennen. Irgendein kirchliches Bild, das also darauf schließen lässt, dass dieser Mann einen religiösen Glauben hat. (Nach häufigen Besuchen weiß ich, dass meine anfängliche Vermutung in Bezug auf die Religion, aber auch auf andere Dinge stimmen.)

Solche Dinge – nur auf eine andere Art und Weise – lassen sich auch in dem WG-Container erkennen. Hier leben zwei Männer, die täglich kreuz und quer in Hamburg unterwegs sind. Sie hegen und pflegen die eigenen vier Wände und haben ein anderes Ordnungssystem als ihr Nachbar. Uns gegenüber äußerte einer der beiden, er habe den großen Wunsch von der Straße weg zu kommen. Dem Alkohol entfliehen und ein Leben in einer eigenen Wohnung führen zu können. Er ist dynamisch, viel am Lachen und den anderen Wohnungslosen gegenüber sehr hilfsbereit. Er hat den Willen Ordnung in sein Leben zu bringen und ich denke, dass lässt sich auch am Wohnraum erkennen.

Erkenntnis des Projektes

Jede/r wohnt anders und jeder hat ein anderes Bedürfnis, wie er oder sie wohnen möchte. Ein Container ist eine Möglichkeit zu wohnen, aber als dauerhafte Lösung doch eher suboptimal. Vielleicht klingt es utopisch, aber ich wünsche es mir sehr, dass alle das RECHT AUF WOHNEN haben und sich keiner um eine Bleibe sorgen machen muss. Oder schlimmer noch, Sorgen machen um die eigene Existenz und das Dasein auf der Erde.

Jeder sollte für EIN RECHT AUF WOHNEN FÜR ALLE! demonstrieren gehen, mit dem Wissen, danach in eine Wohnung bzw. ein WG-Zimmer zurückzukehren und nicht auf die Straße. Jeder sollte doch einen geschützten Raum – wo er sich und sein Hab und Gut in Sicherheit wiegen kann – haben, ein warmes Bett und eigenes Bad. Einen Ort der Ruhe und der Erholung. Ein Raum, der eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Aneignungsprozesse zulässt. Die Tiefe des Slogans EIN RECHT AUF WOHNEN FÜR ALLE! bezieht sich also nicht nur auf bezahlbaren Wohnraum für alle, sondern auf das individuelle Recht jedes Einzelnen über Wohnraum zu verfügen. Es geht um Selbstverwirklichung, Selbstwertschätzung, Wohlbefinden und das Überleben.

Kurz und knapp zwei letzte Sätze

Wohnen ist ein Grundbedürfnis und manchen Menschen wird dieses Recht verwehrt. Das muss sich ändern und deshalb schreibe und schreie ich es in die Welt hinaus:

EIN RECHT AUF WOHNEN FÜR ALLE!

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