Psychologie der (nicht) Helfenden in der Obdachlosenhilfe

von Mary-Lou Ploß

Je nachdem, in welcher Ecke von Hamburg man sich rumtreibt, begegnen einem unterschiedlich viele Obdachlose. Kleine Grüppchen, die zusammensitzen in ihren zusammengebastelten Lagern. Bettler, entweder am Straßenrand sitzend oder in der U-Bahn. Einsame Gestalten, die zusammengerollt in einer Ecke liegen. Menschen, die körperlich heruntergekommen sind, sodass man sie nicht ohne ein großes Gefühl an Unwohlsein anschauen kann. Tagtäglich strömen Hunderte Menschen an diesen Gestalten vorbei, ohne ihnen einen Blick zu widmen oder anderweitig Hilfe zu leisten. Dabei ist die Notsituation mehr als deutlich. Jedoch scheint es keinen zu berühren. Obwohl der Obdachlose direkt zwei Meter von einem entfernt deutlich näher ist, als ein Kriegsopfer in Syrien oder Opfer von Naturkatastrophen in einer anderen Ecke der Welt. Es scheint fast so, als sei der Obdachlose unsichtbar und komplett aus der bewussten Wahrnehmung verdrängt. Eher ein Teil des Stadtbildes als ein tatsächlicher Mensch in einer misslichen Lage. Dabei kann jeder in genau so eine Situation reinrutschen. Eine Verkettung ungünstiger Umstände, einfach Pech, eine falsche Entscheidung – und schon ist es geschehen. Woran liegt es also, dass die meisten nicht bereit sind zu helfen? Und wie kann es sein, dass wohlgemeintes Helfen manchmal schadet?

Obdachlosigkeit: Was bedeutet und wen betrifft sie?

Platt gesagt: Ein Mensch, der kein eigenes Dach über dem Kopf hat und im öffentlichen Raum schläft. Jedoch beschreibt Obdachlosigkeit nur einen Teil der von Wohnungslosigkeit Betroffenen. Die Diakonie erklärt diesen Begriff wie folgt:

Als wohnungslos werden alle Menschen bezeichnet, die über keinen mietvertraglich abgesicherten oder eigenen Wohnraum verfügen, obdachlos sind, vorübergehend bei Bekannten untergekommen sind, in Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege oder in kommunalen Einrichtungen leben.”1

Eine allgemeine Definition, die alle betroffenen Menschen in eine Kategorie packt. Jedoch gibt es keinen „typischen“ Obdachlosen und Wohnungslosen. Jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Sei es ein gelernter Steinmetz, der sich niemals hätte vorstellen können, jetzt mit 60 auf der Straße zu sitzen; ein arbeitssuchender Vater aus einem armen Land, der hier keinen Fuß fassen kann ohne Meldeadresse, Wohnung oder Geld; oder eine Frau, die früher in Afrika gelebt hat mit drei eigenen Haushaltshilfen und Sicherheitsangestellten.

Der Kreislauf, der sich bei meiner Einsatzstelle am meisten aufgezeigt hat, ist ein tückischer. Ohne Adresse keinen Job, ohne Job kein Geld, ohne Geld keine Wohnung und ohne Wohnung keine Adresse. Ohne Adresse wie gesagt keinen Job usw. Das Leben ohne Wohnung verstärkt die Armut und schließt die Menschen aus dem sozialen Leben aus. Ein Ausweg ist schwer zu finden. Das staatliche Hilfesystem soll diesen Ausstieg ermöglichen. In der Praxis sieht es allerdings alles andere als rosig raus. Hilfe kann jedoch auch auf einem individuellen Level betrachtet werden. Und zwar als Hilfeverhalten jeder einzelnen Person.

Soziales Hilfeverfahren und warum es eventuell nicht auftritt.

Das Hilfeverhalten beim Menschen ist ein sehr komplexes sozialpsychologisches Phänomen, welches von vielen Faktoren bedingt wird. Allgemein bedeutet Hilfeverhalten erstmal, jegliche Art von Hilfeverhalten mit dem Ziel, den Zustand einer Person oder einer Gruppe zu verbessern und sie zu unterstützen.

Besonders interessant ist dabei prosoziales Verhalten, geleistete Hilfe außerhalb des beruflichen Kontextes. Es gibt Theorien und Prinzipien, die versuchen vorherzusagen oder zu erklären, wann und wie Menschen helfen. Alle hier aufzuführen würde den Rahmen deutlich sprengen. Daher stelle ich zwei ausgewählte vor.

Das 5 Stufen Modell

Eines davon ist das 5 Stufen Modell2 von Latané und Darley, welches ein Entscheidungsmodell für das Hilfeverfahren ist und anschaulich zeigen kann, warum viele Menschen sich (unbewusst) gegen das Helfen entscheiden. Das 5 Stufen Modell beschreibt in fünf aufeinander aufbauenden Schritten, ob und wann ein Beobachter einer Person in einer Notsituation hilft:

(Quelle: Uni-Foliensatz zum 5 Stufenmodell)

Stufe 1

Die Situation muss wahrgenommen werden.

>> Viele Menschen nehmen Obdachlose nicht wahr.

Stufe 2

Die Situation muss als Notlage interpretiert werden und die Person muss Hilfe subjektiv wahrgenommen verdient haben.

>> Mehrere Faktoren können hier zum Scheitern führen. Zum Beispiel die pluralistische Ignoranz: Es scheint kein Problem zu bestehen, da keiner irgendwie auf eine mögliche Notsituation reagiert. Und bei der Obdachlosigkeit auch ganz besonders die Schuldzuweisung. Wenn Menschen denken, dass die Person keine Hilfe verdient, weil sie selbst Schuld an ihrer Situation hat, sinkt die Bereitschaft zu helfen drastisch. Gerade bei Obdachlosigkeit ist bei vielen Menschen die Einstellung „Keiner muss in Deutschland auf der Straße leben. Diese Person hat selbst Schuld.“ die Norm.

Stufe 3

Der/Die Beobachter*in muss Verantwortung übernehmen.

>> Diffusion der Verantwortlichkeit. Eine andere Person kann helfen und zum Beispiel etwas Geld spenden.

Stufe 4

Der/Die Beobachter*in muss entscheiden, wie zu helfen ist.

>> Viele Menschen sind auch einfach überfordert und wissen nicht, wie zu helfen ist, da sie keine Straßensozialarbeiter sind, nicht wissen, wo die nächste Hilfestelle ist, welche Hilfe Obdachlose wirklich benötigen und ob Geld zu geben überhaupt etwas bringt. Da das Thema nicht gerade beliebt ist, weiß kaum einer, wie man richtig zu reagieren hat und tut dann doch lieber gar nichts.

Stufe 5

Hilfe wird ausgeführt.

>> Mögliche Hindernisse sind hier u.a. die Angst vor möglichen negativen Konsequenzen, indem zum Beispiel der/die Obdachlose die Hilfe ablehnen und negativ reagieren könnte. Auch soziale Normen können ein Hindernis darstellen, da es nicht die Norm ist, Obdachlosen so einfach zu helfen.

Es gibt also bei jedem einzelnen Schritt genug Gründe dafür, dass das Hilfeverhalten nicht zustande kommt.

Die „Empathie-Altruismus-Hypothese“

Ein weiteres relativ gut anwendbares Modell ist die „Empathie-Altruismus-Hypothese“3. Wenn Menschen auf Personen treffen, die leiden, werden negative Gefühle ausgelöst. Generell versuchen Menschen negative Gefühle zu vermeiden, und im Fall der Obdachlosigkeit ist das ziemlich einfach zu erreichen. Man flieht. Der Obdachlose wird ignoriert, man geht weiter und schon nach einigen Metern verschwinden die Gefühle so aus dem Bewusstsein wie der Obdachlose aus dem Sichtfeld.

Damit Menschen, auch wenn sie leicht fliehen könnten, in einer unangenehmen Situation helfen, muss ein hohes Level an Empathie vorliegen. Dies kann dann zu Altruismus führen. Die benötigte Empathie ist von verschieden Bedingungen abhängig. Zum einem die Enge der Beziehung zum „Opfer“, die durch Ähnlichkeit, Nähe oder Zuneigung gekennzeichnet ist, das eigene Erleben der Notlage in der Vergangenheit oder aber das aktive Hineinversetzen in das Opfer. Der/Die schnell vorbeigehende Passant*in scheint also vermutlich eher weniger Empathie zu verspüren und bevorzugt daher die Flucht. Doch wie sieht es mit aktiv helfenden Ehrenamtlichen aus? Wer hilft denn dann?

Die ehrenamtlichen (Ex-)Wohnungs-/Obdachlosen. Empathie und Ähnlichkeit.

Die Forschung hat bisher erfolglos versucht herauszufinden womit man vorhersagen kann, WER hilft. Es konnte kein bestimmtes Muster an Charaktereigenschaften festgestellt werden. Jedoch soll die Wahrscheinlichkeit zu helfen steigen, wenn Menschen ein besonders hohes Maß an Empathie- und Einfühlungsvermögen besitzen. In meiner Einsatzstelle ist mir vor allem aufgefallen, dass die Helfenden über die Hälfte selbst einmal von Wohnungslosigkeit betroffen waren. Das kann zwei mögliche Gründe haben. Zum einem dürften ehemalige Obdachlose besonders viel Empathie und Sympathie verspüren, da sie die Situation selbst erlebt haben, und schon steigt die Bereitschaft zu helfen. Des Weiteren helfen Menschen eher ihrer eigenen „Ingroup“ als der „Outgroup“. Bei Wohnungslosen scheint die „Ingroup“- Bindung sehr stark zu sein. Selbst wenn Obdachlose eine Wohnung gefunden haben, kann man sie tagsüber oft noch bei ihren Freunden und Bekannten auf der Straße finden.

Hilfe geben und annehmen – zwei verschiedene Seiten.

Hilfe zu leisten kann ein zweischneidiges Schwert sein. Denn auch wenn es gut gemeint ist, kann Hilfeverhalten negative Konsequenzen haben, die man leicht vergessen kann. Leistet man Hilfe, fühlt sich der/die Helfende eigentlich immer gut, solange diese angenommen wird. Die andere Seite ist jedoch genauso relevant. Als Obdachlose/r Hilfe anzunehmen kann zwar physisches und/oder psychisches Leiden reduzieren, es kann jedoch auch negative Konsequenzen haben wie Gefühle der Inkompetenz, Demütigung oder Beschämung, und eine Reduzierung des Selbstwertgefühls. Richtig Helfen will also auch noch gelernt sein.

Abschließende Gedanken: Unwissenheit und Aufklärung

Dass Menschen dem Unbekannten negativ gegenüberstehen, ist wahrlich nichts Überraschendes. Unwissenheit führt oft zu suboptimalem Verhalten. Bevor ich das Seminar besucht hatte, gehörte ich oftmals auch zu den „ignoranten“ Passanten. Zumindest von mir aus kann ich sagen, dass ein großer Teil davon Unsicherheit war, wie ich mit Obdachlosigkeit umgehen soll. Das Thema ist keines, welches irgendwo wirklich präsent ist und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Bei Interesse muss man sich selbst informieren. Generell soll sich der Mensch ja an emotionsgeladene Momente besser erinnern können. Doch obwohl die Berührung mit Obdachlosen unglaublich viele negative Gefühle wie Trauer und Hilflosigkeit ausgelöst hat, verschwand die Thematik alsbald wieder aus meinem Gedächtnis bis zur nächsten Begegnung. Und somit habe ich mich trotz hoher Empathie nicht informiert, wie man helfen kann. Ab und zu Geld zu spenden ist für mich zwar schon eine Art Hilfeverhalten, aber unzureichend – vor allem da nicht alle betteln, die Hilfe brauchen. Nimmt man jetzt noch die hohe Empathie aus der Rechnung, ist es kein Wunder, dass Menschen uninformiert die Meinung vertreten „Obdachlose hätten selbst Schuld“. Diese Schuldzuweisung kommt mir als ein ganz großes Hindernis vor und eine Aufklärung als sehr wichtiger Schritt nach vorne. Es gibt an sich schon genug Faktoren, die ein Hilfeverhalten beim Menschen unwahrscheinlicher machen. Aufklärung könnte meiner Meinung nach den Weg ein Stück ebnen – für ein besseres prosoziales Verhalten von jedem Einzelnen im Alltag und eventuell auf Dauer eine verbesserte soziale Norm. Sich zusätzlich damit zu beschäftigen, wie Hilfeverhalten eigentlich funktioniert, ist unglaublich faszinierend und hilft auch dabei, das eigene Verhalten kritischer zu betrachten.

Anmerkung: Ich möchte in diesem kurzen Essay das Thema Hilfeverhalten im Feld des Engagements für Wohnungs-/Obdachlose aufgreifen. Das Wissen dafür stammt aus dem Modul der Sozialpsychologie sowie weiteren Recherchen. Dennoch handelt es bei diesem Text vor allem um die Ansammlung von Wissen und die Überlegungen einer Studentin ohne wissenschaftliche Experimente und Untersuchungen. Da es auch nur ein unglaublich kleiner Ausschnitt ist, empfehle ich allen Interessierten sich selber noch weiter zu informieren. Zusätzlich muss noch gesagt sein, dass man in der Psychologie immer von der Allgemeinheit spricht und nichts direkt auf das einzelne Individuum übertragen darf.

Quellen:

1 https://www.diakonie.de/wissen-kompakt/obdachlosigkeit/
2 https://psychology.iresearchnet.com/social-psychology/prosocial-behavior/decision-model-of-helping/
3 http://psychology.iresearchnet.com/social-psychology/prosocial-behavior/empathy-altruism-hypothesis/

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