Hilfesystem für Themen rund um die psychische Gesundheit

von S.R.

Menschen, die auf der Straße leben, könnten besonders oft unter psychischen Problemen und Erkrankungen leiden. Warum ich das denke und wie psychische Erkrankungen überhaupt entstehen, möchte ich euch im Folgenden erklären.

Es gibt zahlreiche Ursachen, die Auslöser für eine psychische Erkrankung oder generell für psychische Probleme sein können. Neben biologischen kann es auch psychosoziale Ursachen geben. Biologische Ursachen liegen meist auch für Fachfremde auf der Hand: Hormone, Botenstoffe und andere Mechanismen im Körper spielen nicht so zusammen, wie es für ein psychisches Wohlbefinden notwendig wäre. Das kann zum Beispiel bei Menstruierenden vor der Regel oder nach einer Geburt stattfinden oder bei Menschen, die eine Schilddrüsenunterfunktion haben und somit der eigene Hormonhaushalt „durcheinander“ ist. Serotonin oder Dopamin werden vielleicht nicht ausreichendem Maße produziert und sorgen für Reizbarkeit, Hoffnungslosigkeit und gedrückte Stimmung. Oder auch ein Mangel von Östrogenen oder Testosteron können bei jedem Geschlecht Auswirkungen auf das psychische Empfinden haben. Solche Stimmungslagen können sich chronifizieren, Denkmuster verfestigen sich und ernstzunehmende psychische Probleme können entstehen.

Werfen wir nun einen Blick auf die psychosozialen Ursachen, hier wird es schon etwas schwieriger, auf Anhieb ein paar mögliche Ursachen zu finden. Das könnte daran liegen, dass uns Umstände im gewissen Situationen und im bestimmten Maße guttun, aber schnell in eine Belastung umschlagen können. Eine wichtige Aufgabe auf Arbeit, die wir durch Planung und unsere Erfahrung nach einiger Zeit erfolgreich bewältigen können, gibt uns ein gutes Gefühl und macht uns stolz auf uns selbst. Wir fühlen uns bestätigt. Haben wir jedoch von vornherein ein Zeitlimit, die Kollegin, von der wir eine wichtige Auskunft brauchen aber zurzeit erkrankt ist und wir kämpfen mit starken Kopfschmerzen? Dann kann dieselbe Aufgabe eine starke Belastung sein, die uns runterzieht und überfordert.  Psychosoziale Ursachen lassen sich also ganz individuell aus dem Alltag ableiten und sind häufig Umstände im sozialen oder zwischenmenschlichen Bereich, können aber auch unsere Arbeit, die Ausbildung oder das Studium betreffen. Am bekanntesten sind zum Beispiel Stress und Zeitdruck.

Doch kommen wir nach diesem kleinen Exkurs auf die Frage zurück, die ich am Anfang gestellt habe: Warum könnten obdachlose Menschen besonders oft von psychischen Problemen oder Erkrankungen betroffen sein?

Der wichtige Gegenpart zur Anspannung ist die Entspannung: in Ruhe eine Tasse Tee trinken, ein gutes Buch auf der Couch lesen oder einfach eine Nacht darüber schlafen. Das löst zwar bei weitem nicht alle Probleme, sorgt aber für Erholung und neue Kraft. Menschen, die kein Zufluchtsort haben, der sich für sie nach „Zuhause“ anfühlt, kommen nur selten in den Genuss von einer mehrstündigen, ununterbrochenen Erholung. In Schlafunterkünften, wie sie das Winternotprogramm bietet, sorgen sich viele vor gewalttätigen oder sexuellen Übergriffen. Auch die Angst vor Diebstahl kann dazu führen, dass man nur in einen Halbschlaf fällt, der nicht für die gleiche Erholung sorgt wie Tiefschlaf. Noch mehr Gründe für fehlenden oder schlechten Schlaf und mangelnde Erholung bietet jedoch das Schlafen auf der Straße, wie es für die meisten Obdachlosen Alltag sein dürfte. Zusätzlich zur mangelnden Sicherheit kommen hier zahlreiche Wettereinflüsse wie Kälte, Hitze, Regen oder Sturm. Auch Passantinnen und Passanten, Hunde oder vorbeifahrende Autos können so laut sein, dass der Schlaf gestört wird. Ebenso ist es schon vorgekommen, dass die Polizei auf Obdachlose zu kommt, um diese vom aktuellen Aufenthaltsort wegzuschicken. Müssen Menschen, die auf der Straße schlafen, nachts auf die Toilette, ist es oft erforderlich, das ganze Hab und Gut zusammen zu packen, eine öffentliche Toilette aufzusuchen und sich erneut ein Lager aufzuschlagen.

Es zeigt sich, dass viele große und kleine Situationen und Umwelteinflüsse dazu führen, dass Schlaf- und Ruhezeiten unterbrochen werden. Die Forschung zeigte allerdings, dass es einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen unzureichendem Schlaf und einer Verschlechterung der körperlichen und psychischen Gesundheit gibt. Schlafprobleme führen demnach zu einer Funktionsstörung im Gehirn (mehr unter folgendem Link: https://www.cancerincytes.org/sleeping-with-one-eye-open).

Doch es gibt natürlich noch zahlreiche weitere Ursachen, die die psychische Gesundheit von obdachlosen Menschen belasten. Die meisten verfügen über kaum oder gar kein Einkommen, sodass nicht genug Geld für Essen, benötigte Hygieneartikel oder eigene Wünsche übrig ist. Die innere Unruhe, wann man wo das nächste Essen herbekommt, ist ein tagtägliches Gedankenkarussel. Oftmals besteht nur wenig oder kein Kontakt mehr zu Familie, Befreundeten oder anderen geliebten Menschen, die emotionale Unterstützung bieten konnten. All diese Dinge können dazu führen, dass sich der Alltag oder das Leben allgemein sinnlos anfühlt, besonders dann, wenn die einzelne Person selbst keine erreichbaren Ziele oder keinen Aussicht auf Änderung mehr sieht. Die Motivation fehlt.

Natürlich ist es möglich, dass bei der Person auch vorher schon psychische Probleme oder eine psychische Erkrankung bestanden, wie zum Beispiel eine depressive Episode, eine psychotische Störung (oft gekennzeichnet von Wahnvorstellungen) oder eine Angststörung. Solche Symptome können sich durch ein Leben auf der Straße und damit einhergehend durch die oben beschriebenen Lebensumstände schnell verschlimmern.

Menschen mit einem tragfähigen sozialen Netzwerk würden in solchen Situationen vielleicht erst einmal einen vertrauten Menschen darauf ansprechen. Da die meisten Menschen heutzutage mindestens ein internetfähiges Gerät besitzen, werden sie vielleicht googlen, wenn sie sich in letzter Zeit häufig niedergeschlagen fühlen oder plötzlich eine Stimme hören würden. Natürlich kann auch die Ärztin oder der Arzt konsultiert werden, um diesen neuen Beobachtungen auf den Grund zu gehen. Doch wie sieht es aus für Menschen, die keinen Krankenversicherungsschutz haben? Die auch keine geliebten Menschen mehr ansprechen können, weil sie aufgrund von Flucht oder Streit nicht zu erreichen sind? Die sich vielleicht ohnehin nicht trauen, in eine schicke, sterile Arztpraxis zu gehen, wo die Menschen im Wartezimmer „komisch gucken könnten“?

Das Hilfesystem für Themen rund um die psychische Gesundheit ist für obdachlose Menschen sehr gering. Bei einer Google-Suche habe ich entdeckt, dass das Hamburger „Pik-As“, eine Übernachtungsstätte für obdach- und wohnungslose Männer in Hamburg, eine psychiatrische Sprechstunde hat. Doch das Wesen von vielen psychischen Problemen und Erkrankungen, wie etwa der Depression oder der Angst ist ja dadurch gekennzeichnet, dass Gefühle wie Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit oder die Angst vor dem Sprechen mit anderen Personen das eigene Denken und Handeln bestimmt. Darüber hinaus kann man sich nur vage vorstellen, was wohnungslose Menschen vielleicht schon für persönliche Misserfolge einstecken mussten: der Verlust der eigenen Wohnung, der Verlust des eigenen Ansehens vor anderen Menschen, Demütigung durch Passant*innen oder sexuelle/ körperliche Gewalterfahrungen auf der Straße. Woher soll also nun die Kraft kommen, eine fremde Person in einer Sprechstunde von den eigenen Gefühlen zu berichten? Gefühle, bei denen man vielleicht von den eigenen Eltern früher gelernt hat, sie nicht zeigen zu dürfen, weil man als Mann sozialisiert wurden? Gefühle, für die man sich vielleicht sogar schämt, weil sie in der eigenen Kultur als Schwäche gelten?

Natürlich ist jedes Angebot grundsätzlich wichtig und sicher gibt es Menschen, die auch dieses dankbar in Anspruch nehmen und großartige Hilfe erfahren. Doch orientiert man sich am Charakter psychischer Erkrankungen, könnten viele an einer aufsuchenden Hilfe profitieren. Ein solches Angebot ist das Projekt „Straßenvisite“ der Caritas. In diesen sind zwei Straßensozialarbeiter und eine Psychiaterin 5-6 Wochenstunden aufsuchend in der Stadt unterwegs und suchen das Gespräch mit psychisch Erkrankten, die auf der Straße leben.

Doch inwiefern kann das Ausmaß eines solchen Projekts dem Bedarf an Unterstützung gerecht werden? Viele psychische Erkrankungen benötigen eine medikamentöse Einstellung, welche teilweise stationär erfolgen muss, um Nebenwirkungen im Blick halten zu können. So etwas können Projekte und Sprechstunden natürlich nicht ermöglichen und das ist auch gar nicht ihr Anspruch. Um dem Unterstützungsbedarf gerecht zu werden bräuchte es Veränderungen, die an der Wurzel des Problemkomplexes „Obdachlosigkeit“ ansetzen.

Eine Idee könnte hier das Einrichten einer ganzjährigen Schlafmöglichkeit sein, in dem die Menschen ihr Hab und Gut sicher verwahren könnten und vor Übergriffen durch andere sicher sind. Und falls Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, nicht darauf warten wollen, bis die Politik solche Änderungen ergreift, dann schlage ich Ihnen Folgendes vor: schenken Sie den Menschen, die Ihnen begegnen und auf der Straße leben doch mal ein Lächeln, wünschen einen schönen Tag, oder geben Sie, wenn Sie mögen, einen Kaffee oder ein belegtes Brötchen aus. Zeigen Sie, dass diese Leute für Sie nicht unsichtbar oder gar wertlos sind. Vielleicht gibt das ein bisschen Kraft, die den obdachlosen Menschen bei ihrem Leben auf der Straße und vielleicht im Kampf mit psychischen Problemen hilft.

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