Prävention: Die beste Intervention

von Lisa Jo Arp

Im Theorieseminar im Sommersemester 2019 wurden viele Bereiche der Wohnungs- und Obdachlosigkeit (WOL) behandelt. Beginnend mit den Ursachen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit, über Wohnen als Menschenrecht und den Zusammenhang von Armut und Gesundheit, zur genaueren Betrachtung bestimmter Personengruppen wie Frauen und junge Erwachsene bis hin zu WOL im internationalen Vergleich. Dabei lag der Schwerpunkt nach meinem Empfinden auf der Problematik, die WOL für Individuen, aber auch im System mit sich bringt.

Aus der erziehungs- und bildungswissenschaftlichen Perspektive stellt sich mir die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, diese Probleme zu bewältigen. Selbstverständlich ist es notwendig, dass das Hilfesystem Interventionsmaßnahmen für Wohnungs- und Obdachlose bereitstellt. Das Angebot sollte dabei meiner Meinung nach breit gefächert, personenzentriert und flexibel sein.

Der hilfebedürftige Mensch muss dabei im Vordergrund stehen, und seine persönlichen Rechte und insbesondere seine Selbstbestimmung dürfen nicht eingeschränkt werden.

Allerdings erschließt sich mir nicht, wieso es überhaupt zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit kommen muss. Daher habe ich mich gefragt, in welcher Weise Wohnungs- und Obdachlosigkeit noch vor ihrer Entstehung verhindert werden kann. In welchen Bereichen muss etwas verbessert werden, damit WOL gar nicht erst entsteht? Kurz: Welche Präventionsmaßnahmen gibt es? Wie wirken sie? Und was muss verbessert werden?

Meine persönliche Meinung bestätigen auch Ratzka und Kämper: „Zur Verbesserung der Lage obdach- und wohnungsloser Menschen und der Bekämpfung der Obdach- und Wohnungslosigkeit insgesamt […] bedarf [es] Prävention und persönliche[r] Hilfen“ (Ratzka und Kämper 2018, S. 169). Und auch in der Wohnungs- und Gesundheitspolitik der Strategie Europa 2020, bei der die soziale Eingliederung durch kombinierte sozialpolitische Maßnahmen gefördert werden soll, ist die Prävention der Wohnungs- und Obdachlosigkeit das Primärziel (vgl. Wolf-Wicha 2011). Um präventiv arbeiten zu können, müssen jedoch die Ursachen untersucht werden, welche zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit führen.

Bei einer Befragung von 928 Obdachlosen wurden als Hauptursachen für die Obdachlosigkeit formalisierte Verfahren, zu denen Kündigung, Räumungsklage oder Zwangsräumung gehören, und die Aufgabe der Mitwohnmöglichkeit bei Partner*innen, Freunden, Bekannten oder anderen angegeben (vgl. Ratzka und Kämper 2018, S. 70). Deutlich weniger gaben an, die Wohnung selbst gekündigt zu haben und ausgezogen zu sein, aus der elterlichen Wohnung ausgezogen zu sein oder sie aufgegeben zu haben, aus einer Wohnunterkunft ausgezogen zu sein, planmäßig und ungesichert eine befristete, stationäre Unterbringung verlassen zu haben, ohne Kündigung aus der Wohnung gezogen zu sein bzw. eine Wohnung mit Mietvertrag aufgegeben zu haben oder gezwungen gewesen zu sein, wegen Unbewohnbarkeit oder Überbelegung aus der Wohnung auszuziehen (vgl. ebd.). Der kleinste Teil der Befragten gab an, aus Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, der Jugendhilfe, der Suchthilfe, der Psychiatrie, der Behindertenhilfe, aus dem Krankenhaus, einem Alters- oder Pflegeheim oder einem Frauenhaus ausgezogen zu sein (vgl. ebd.).

Baum fasst die Ursachen für WOL folgendermaßen zusammen: Wer arm, arbeitslos und sozial ausgegrenzt nicht über die für die Beherrschung der sozialen Systeme notwendigen finanziellen und sozialen Ressourcen und Handlungskompetenzen verfügt, gelangt möglicherweise in einen seine prekäre Lebenslage verschlechternden Kreislauf, an dessen Ende auch der Verlust der Wohnung stehen kann.“ (Baum 2007, S. 205).

Doch wie müssen Maßnahmen zur Prävention dieser Ursachen aussehen? Hilfeleistungen dürften nicht nur Geldleistungen oder Wohnungsangebote bedeuten, sondern bedürfen auch Hilfen bei der „Qualifizierung, Arbeitsplatzsuche und Schuldenregulierung […] bis hin zur Kinderbetreuung, Gewaltschutz oder Suchtberatung“ (ebd.). Die Hilfeleistung erkennt Baum als öffentliche Aufgabe und sozialstaatliche Verpflichtung an (vgl. ebd.). Nach Chassé hat sich in der wissenschaftlichen Diskussion die Vermeidung des Wohnungsverlustes als wichtigste Intervention zur Bekämpfung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit durchgesetzt. Diese Position findet sich im Handeln der Städte und Gemeinden jedoch nicht immer wieder. Zwar gäbe es eine rechtliche Handhabe dafür, allerdings sei dies nur eine „Kann-Bestimmung“ (Chassé 1997, S. 240). Mögliche Hilfen der Gemeinden seien „Mietschuldenübernahme und Sicherheitsleistungen, Regelung der finanziellen Verhältnisse, Familienberatung und Schuldenberatung [oder] Wohnungslosigkeit als Folge einer Räumungsklage […] zu vermeiden“ (Chassé 1997, S. 240). Erfahrungsgemäß könne dadurch bei 80-90 % aller Fälle ein Wohnungsverlust dauerhaft vermieden werden (vgl. ebd.).

Maßnahmen, welche auf Seiten der Kommune möglich sind, seien „Mieterschutz, Mieterberatung, Sicherung preiswerter Wohnungen, Erhaltungssatzungen […], Umwandlungsverbote von Miete in Wohnungseigentum, städtische Förderungsprogramme mit Mietobergrenzen und Belegungsrechten“ (Chassé 1997, S. 240). Innerhalb dieser Hilfestruktur gäbe es allerdings Lücken, welche nur sozialpolitisch durch Bereitstellungen bezahlbaren Wohnraums gefüllt werden könnten (Chassé 1997, S. 240).

Maßnahmen und Hilfen gegen Wohnungsverlust hätten durch die Verlagerung der Sozialen Arbeit in den Entstehungskontext des Problems an Wirksamkeit gewonnen (Chassé 1997, S. 243). Es sei jedoch notwendig diese durch „ein abgestuftes System psychosozialer Hilfen und Maßnahmen bei biographischen Umbruchsituationen und Risiken im Lebenslauf im Gemeinde- und Stadtteilkontext“ (Chassé 1997, S. 243) zu ergänzen. Vorhandene Angebote müssten sich besser vernetzen und es müsse die Verbindung von informeller und professioneller Unterstützungs- und Hilfemöglichkeiten ermöglicht werden (Chassé 1997, S. 243).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein wissenschaftlich fundierter Konsens über die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen besteht. Sie gelten als beste Intervention bei Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Dabei mangelt es auch nicht an Ideen und Konzepten zur Umsetzung und Verbesserung bereits bestehender Hilfsangebote. Diese müssen jedoch in die Tat umgesetzt werden. Bedauerlicherweise werden die Forderungen nach einer strukturellen Verbesserung nur unzureichend erfüllt. In einem Bereich, in dem es um nichts Geringeres als um das Menschenrecht geht, ist dies für mein Empfinden absolut unverständlich und nachlässig.

Literatur

Baum, Detlef (2007): Die Stadt in der Sozialen Arbeit. 1. Aufl. s.l.: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV). Online verfügbar unter http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=747610.

Chassé, Karl August (1997): Soziale Randgruppenarbeit: Obdachlose, Nichtseßhafte, Jugenddelinquenz. In: Heinz-Hermann Krüger (Hg.): Einführung in die Arbeitsfelder der Erziehungswissenschaft. 2., durchges. Aufl. Opladen: Leske + Budrich (UTB für Wissenschaft Erziehungswissenschaft, / hrsg. von Heinz-Hermann Krüger ; Bd. 4), S. 235–249.

Ratzka, Melanie; Kämper, Andreas (2018): Befragung obdachloser, auf der Straße lebender Menschen und wohnungsloser, öffentlich-rechtlich untergebrachter Haushalte 2018 in Hamburg. Im Auftrag der Freien. Hg. v. Gesellschaft für Organisation und Entscheidung. GOE Bielefeld. Bielefeld.

Wolf-Wicha, Barbara (2011): Initiativen gegen Armut und Obdachlosigkeit. Auf dem Weg zu einem europäischen Konsens und einer gemeinsamen Strategie für Europa 2020. Innsbruck. Online verfügbar unter: http://www.bawo.at/fileadmin/user_upload/public/Dokumente/Bildungsangebote/Fachtagung/2011/Strategien_fuer_Europa_2020_WWicha_Letztversion.pdf, zuletzt aktualisiert am 27.05.2011.

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