Obdachlosigkeit im Kaiserreich und Nationalsozialismus

von Johanna Harder

Seit es Menschen gibt, die in Gesellschaften zusammenleben, ob nun auf dem Land, in Dörfern oder in Städten, gibt es jene, die es schwieriger haben als die anderen. Jene, die kein Dach über dem Kopf haben und die von der Vergangenheit bis heute viele Namen trugen: Obdachlose, Bettler, Landstreicher, Vagabunden, aber auch Asoziale und Arbeitsscheue. All diese Begriffe sind von einem negativen Beiklang geprägt, der auch dazu geeignet ist, die Einstellung der Bevölkerung zu dieser Gruppierung zu beschreiben. Auch wenn man heutzutage in der offiziellen politischen Debatte im Zusammenhang mit Obdachlosen Begriffe wie Arbeitsscheue oder „minderwertige Kranke“ nicht finden wird (außer vielleicht bei manchen extremeren Gruppierungen), hat wohl jeder schon den Begriff Asozialer in Verbindung mit Obdachlosen gehört.

Doch so wie es schon immer Anfeindungen und eine gewisse Distanz zu Obdachlosen gab, so gab es auch immer jene, die bemüht waren, Armen und Obdachlosen das Leben zu erleichtern. Wie konnte es dennoch zu dem während des Nationalsozialismus herrschenden Massenmord an obdachlosen Menschen kommen?

Zunehmende Obdachlosigkeit im Kaiserreich

Ende des 19. Jahrhunderts stieg im Kaiserreich die Zahl der Obdachlosen stark an. Die Städte vergrößerten sich, doch der Mangel an Wohnraum trug zu wachsender Wohnungslosigkeit bei. Eine große Zahl der Obdachlosen bestand aus alleinstehenden Männern, die oft als arbeitsscheue Vagabunden bezeichnet wurden. Obdachlosen Frauen wurde oft nachgesagt sich zu prostituieren. Doch auch ganze Familien gerieten in die Obdachlosigkeit. Um sich zu behelfen, errichteten sie mancherorts sogenannte Bretterbuden, also einfache Holzüberdachungen, um vor den gröbsten Witterungen geschützt zu sein. Trotz der Solidarisierung der Arbeiterschaft mit diesen Familien, wurden diese Buden im Auftrag des Kaiserreiches stets niedergerissen.

Obdachlosigkeit illegal und selbstverschuldet

Obdachlosigkeit oder Landstreicherei war zu Zeiten des Kaiserreiches juristisch betrachtet illegal. Die Menschen kamen daher in Polizeigewahrsam oder wurden ins Arbeitshaus verbracht. Der Polizeigewahrsam war keine langfristige Lösung. Hier verbrachten die Eingelieferten vielleicht eine Nacht in einer Gemeinschaftszelle.

Schon im Kaiserreich und auch weit davor war es eine gängige Auffassung der Bevölkerung, dass ein großer Teil der Obdachlosen sein Schicksal selbst zu verschulden hatte. Die vermeintlichen Gründe hierfür ähneln denen, die man auch heute oft bei diesem Thema hört. Übertriebener Alkoholkonsum oder Trunkenheit, wie es damals gesagt wurde, aber auch Arbeitsfaulheit galten, neben psychischen Erkrankungen, als maßgebliche Ursachen für das Leben auf der Straße.

Arbeitshäuser als Orte der Umerziehung

Hierbei sollten die Arbeitshäuser als Orte der Umerziehung dienen. Die Bewohner sollten hier ein Dach über dem Kopf und auch Nahrung bekommen. Im Gegenzug dazu sollten sie arbeiten und so ihren Wert in der Gesellschaft wiederherstellen. Nach dem Motto: „Wer nicht arbeitet. muss auch nicht essen.“

So wurden Menschen, die gerade Haftstrafen wegen z.B. Landstreicherei abgesessen hatten, auch anschließend zu mehreren Jahren Arbeitshaus verurteilt. In der Praxis lebten in diesen Arbeitshäusern knapp 10% der obdachlosen Bevölkerung. Wobei es auch vorkam, dass sich Menschen freiwillig in diese Einrichtungen begaben. Dies war jedoch oft nicht der Fall, da die Arbeit sehr hart und die Verpflegung mehr als dürftig war. Zudem hatten die Bewohner keinerlei Freiraum, auch bezüglich des Verlassens des Arbeitshauses. Auch kam es des Öfteren zu gewalttätigen Übergriffen durch andere Insassen, aber auch durch das Personal.

Der Erste Weltkrieg

Doch auch Ende des 19. Jahrhunderts und des Kaiserreiches gab es Schritte in eine Richtung fern von Polizeigewahrsam und Arbeitshäusern, nämlich mit der Errichtung von Obdachlosenasylen in fast allen Städten. Auch private und kirchliche Träger engagierten sich in der Obdachlosenhilfe. Durch das Wüten des ersten Weltkrieges in Europa verminderte sich die Zahl der Obdachlosen zunächst. Dies lag hauptsächlich an der Wehrpflicht, welcher die Männer folgten.

Als der Erste Weltkrieg jedoch zu Ende war, stieg die Zahl der Obdachlosen wieder. Unter ihnen befanden sich nun auch Kriegsveteranen, welche im Krieg Verletzungen davongetragen hatten und nun arbeitsunfähig waren. Aber auch solche, die in Folge der Erlebnisse, welche sie während der Kriegsjahre machen mussten, an psychischen Erkrankungen litten, die ihnen den Einstieg in ein von der Gesellschaft vorgesehenes, normales Leben unmöglich machten. Weiter sah man nun auch vermehrt Kinder und Jugendliche, welche durch den Krieg zu Waisen gemacht wurden und auf der Straße lebten.

Weimarer Republik

In der Weimarer Republik wurden die Arbeitshäuser viel weniger in Anspruch genommen, als es noch im Kaiserreich üblich war. Auch war die Weimarer Republik bemüht das Soziale System weiter auszubauen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Weimarer Republik nicht nur Reparationen zu zahlen. Dazu kamen noch die Inflation und die Weltwirtschaftskrise, welche die junge Republik in eine wirtschaftliche Katastrophe stürzten.

Der Anstieg der sich in Armut befindlichen Menschen hatte auch einen Anstieg der Armutskriminalität zur Folge. Zu den Kriegsgeschädigten kamen jene, die in der Krise ihr Vermögen oder ihre Arbeit verloren hatten. Ca. 5 Millionen Menschen hatten sich beispielsweise 1931 als arbeitslos gemeldet.

Auf diesem Wege gelangten viele Menschen in den Mietrückstand. In einigen Fällen wurde hier von dem jeweilig zuständigen Wohlfahrtsamt geprüft, ob eine Übernahme der Mietrückstände möglich sei. Dies war eine Maßnahme zur Vermeidung von Obdachlosigkeit. Doch aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage der Republik und der großen Nachfrage wurde diese Unterstützung durch den Staat nur in seltenen Fällen genehmigt.

Mangel an bezahlbarem Wohnraum

Für jene, die sich schon in Obdachlosigkeit befanden, war es schwer wieder eine Wohnung zu finden. Der Mangel besonders an bezahlbaren Wohnungen war groß. Es wird geschätzt, dass zwischenzeitlich ungefähr eine halbe Million Menschen während der Weimarer Republik obdachlos oder wohnungslos waren.

Obdachlosenasyle vergrößert

Um diese Notlage aufzufangen, wurden zunächst die bestehenden Obdachlosenasyle vergrößert und unterstützt. Da dies jedoch bei Weitem nicht ausreichte und diese Einrichtungen stets überfüllt waren, wurden Notunterkünfte in alten Eisenbahnwaggons oder ähnlichen behelfsmäßig geschaffenen Einrichtungen errichtet. Da diese oft nur mäßig Schutz vor der Witterung boten, wurden daraufhin ganze Obdachlosenunterkünfte gebaut, welche mehr Komfort boten. Diese Unterkünfte waren aus diesem Grund sehr beliebt. Um in ihnen unterzukommen, musste einem Menschen in einer der anderen Unterkünfte ein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Er musste sich also gut verhalten haben, durfte nicht trinken und nicht negativ aufgefallen sein. Meistens wurden Familien diese Plätze zugewiesen. Das Problem war hier nun, dass diese sich dort langfristig niederlassen wollten, wobei die Unterkünfte eigentlich als temporäre Lösung gedacht waren. Dies hatte Zwangsräumungen zur Folge.

Selbstverschuldete Obdachlosigkeit

Auch in der Weimarer Republik blieb der Dissens zwischen einer selbstverschuldeten und einer unverschuldeten Obdachlosigkeit. Experten, welche den Begriff des „minderwertigen Kranken“ in den Raum stellten, gewannen immer mehr Raum im Diskurs. Dieser Begriff sollte Menschen mit angeborenen psychischen Krankheiten beschreiben. Man ging davon aus, dass diese erblich bedingt und nicht sozial waren (auch wenn sie erst später im Leben auftraten). Schon hier wurden Möglichkeiten der Zwangssterilisierung oder gar der Tötung jener Personen diskutiert.

Die Rolle der NSDAP und Hitlers Wahlversprechen

Schon vor 1933 begann Hitler mit seiner NSDAP die wirtschaftlich schwache Lage der Weimarer Republik auszunutzen. Die Armut und auch die daraus resultierende Kriminalität prägten das Leben der Menschen. Die NSDAP hatte eine aggressive Propagandaaktion gestartet, sodass für viele jener, die ohne Arbeit waren, Hitler und seine Partei als einziger Ausweg schien.

Neben anderen, war eines der Wahlversprechen, die Hitler machte, die Bekämpfung des Asozialen. Unter diesen Begriff der Asozialen fielen neben Obdachlosen und Bettlern auch Sinti und Roma, sowie Prostituierte und Zuhälter. Mit dieser Forderung fand Hitler breite Zustimmung in der Bevölkerung, auch unter jenen, die ansonsten nicht Anhänger der NSDAP waren.

Verhaftungswelle ab 1933: „Vorbeugehaft“ und „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“

Schon im Jahr 1933 wurde dieser Forderung auch nachgegangen. Es fanden sogenannte Bettelrazzien statt. Im September wurden also Obdachlose und Bettler von der Straße weg und auch aus Obdachlosenasylen heraus verhaftet. Bei dieser Aktion gerieten mehrere 10.000 Menschen in Polizeigewahrsam. Diese wurden teils in Pflegeheimen, aber auch in Gefängnissen und Arbeitshäusern untergebracht. Im November desselben Jahres wurden die „Vorbeugehaft“ sowie das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ eingeführt. Die „Vorbeugehaft“ erlaubte es der Polizei, ohne Urteil oder zeitliche Begrenzung Menschen, welche bereits vorbestraft waren, in Haft zu nehmen. Das neue Gesetz sorgte für eine Verschärfung bei Strafen und die mögliche unbefristete Sicherheitsverwahrung. Wer aber nun ein „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ war und wer nicht, wurde in diesem Gesetz nicht festgehalten, was sowohl der Polizei als auch den Richtern große Macht und großen Spielraum gab.

Kriminalbiologie und „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“

Hinter diesem Gesetz stand die schon in der Weimarer Republik aufkeimende Kriminalbiologie. Diese schrieb vor, dass ein kriminell gewordener Mensch oder auch einer, welcher psychisch auffällig ist oder was man damals als asozial beschrieb, dies von der Genetik her ist und nicht durch äußere Einflüsse erst geworden. Diese Argumentation würde dann zu der Annahme beitragen, dass somit der Mensch nicht zu ändern ist. Die Massenverhaftungen und Zwangssterilisationen also als Konsequenz daraus resultieren. Vor Kriegsbeginn war die Gruppe der „Asozialen“ die größte unter den in Konzentrationslagern inhaftierten Menschen.

1937 wurden der Polizei durch den Erlass der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ weitere Freiheiten geräumt. Es lag nun im Ermessen eines Ermittlers, ob jemand, egal ob vorbestraft oder nicht, dem Allgemeinwohl schädlich sein kann. Es musste also nicht mal mehr ein Verbrechen stattfinden, um einen Menschen zu verhaften. Die Polizei musste demjenigen nur die Absicht eines Verbrechens nachsagen, um ihn ohne Urteil über Jahre festzuhalten.

Aktion „Arbeitsscheu Reich“

Im Jahr 1938 wurde die von Heinrich Himmler initiierte Aktion „Arbeitsscheu Reich“ ausgeführt. Hierbei wurden zunächst im April bis zu 2000 als Arbeitsscheue und unter den Begriff der Asozialen fallende Menschen in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Unterstützt wurde die Polizei hierbei durch die Arbeitsämter und lokale Behörden, um die „Arbeitsscheuen“ ausfindig zu machen.

Im Juni wurde diese Aktion fortgesetzt. Hierbei wurden auch Juden unter den Begriff der Asozialen gestellt. So sollten auch Juden mit geringen Vorstrafen (oft handelte es sich um Verkehrsdelikte oder dergleichen) inhaftiert werden. Bei dieser Aktion wurden um die 10.000 als asozial eingestufte Menschen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Darunter befanden sich ca. 2300 Juden.

Auch hier wurde wieder die Reinhaltung der Erbanlagen als Grund für die Verschleppungen angesehen. Kriminelle oder asoziale Gene sollten sich nicht weiterverbreiten können. In der Bevölkerung fanden auch diese Aktionen breite Zustimmung.

„Vernichtung durch Arbeit“

Die Todesurteile, auch außerhalb des Militärs, stiegen weiter an. Dies geschah auf Hitlers ausdrücklichen Wunsch hin. Viele der sogenannten Asozialen wurden zur „Vernichtung durch Arbeit bestimmt.“ Insgesamt starben in dieser Gruppe ca. 70% der in die Konzentrationslager verschleppten. Um die 14.000 Menschen.

Obdachlose bildeten von jeher eine schwache gesellschaftliche Gruppe. Eine schwache Minderheit, die schon seit Jahrhunderten den Menschen ein Dorn im Auge war. Der Nationalsozialismus nutzte diese Minderheiten und die sowieso schon herrschenden Vorurteile gegen sie, zu seinem Vorteil aus.

Auch Obdachlose Opfer des NS-Massenmords

So wie auch Juden oder Homosexuelle scheint es in der Schlussfolgerung dem Betrachter aus heutiger Sicht fast logisch, dass auch Obdachlose und solche, die auf den Schutz durch die Gesellschaft angewiesen sind, nicht vor der Verfolgung und letztendlich dem Massenmord durch die Nationalsozialisten sicher waren.

Vertraute Rhetorik

Erschreckend ist hierbei jedoch die bekannte Rhetorik, welche sich bis heute gehalten zu haben scheint. Wörter wie asozial, selbstverschuldet, arbeitsscheu sind in der Diskussion, wenn es um Obdachlose und Wohnungslose geht, noch immer nicht nur zu finden, sondern stark präsent. Dies lässt vermuten, dass sich die Einstellung des Menschen zu den Obdachlosen heute gar nicht stark zu der von damals unterscheidet. Wenn wir heute auch ein anderes Verständnis von Menschenrechten haben.

Quellen:

 

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