Die Problematik der öffentlich-rechtlichen Unterbringung von Geflüchteten in Hamburg

von Kevin Hase

Das Thema der Öffentlich-rechtlichen Unterbringung (ÖrU) ist in Hamburg in den letzten Jahren verstärkt in den öffentlichen und politischen Fokus gerückt. Dies hängt in erster Linie mit der hohen Anzahl an aufgenommenen Geflüchteten zusammen, welche 2015 ihren bisherigen Höhepunkt erreichte und dazu führte, dass zahlreiche neue Wohnunterkünfte bereitgestellt werden mussten. Durch die Auslastung des Wohnungsmarkts der Stadt ist die Verweildauer in der ÖrU meist sehr lang. Die Lebenssituation innerhalb von Wohnunterkünften ist dabei oft angespannt. Bewohner*innen leben oft auf engem Raum zusammen, zudem ist der Anteil an psychisch kranken Menschen in der ÖrU sehr hoch. Im Folgenden soll die öffentlich-rechtliche Unterbringung in Hamburg, mit Fokus auf Geflüchtete und vor allem in Bezug auf Wohnbedingungen und psychische Belastungen für die Bewohner*innen, kritisch betrachtet werden. In diese Betrachtung soll ein alternative Konzept zur ÖrU, housing first, kurz mit eingebunden werden, um die Problematik und zeitgleiche Bedeutung öffentlich-rechtlicher Unterbringung zu verdeutlichen und einen Ausblick auf die zukünftige Form der ÖrU zu geben.

Die Öffentlich-rechtliche Unterbringung in Hamburg

Von Obdachlosigkeit betroffene Menschen in Hamburg können sich an die Fachstelle für Wohnungsnotfälle, welche in jedem Hamburger Bezirk im jeweiligen Bezirksamt ansässig ist, wenden. Vorausgesetzt, dass eine Leistungsberechtigung vorliegt, vermittelt die Fachstelle die Betroffenen in eine Wohnunterkunft der öffentlich-rechtlichen Unterbringung. Von dort aus soll in Begleitung der Fachstelle und mit Betreuung durch Sozialarbeiter*innen, welche bei Problemen, wie beispielsweise Sucht oder andere psychische Erkrankungen, an das Hamburger Hilfesystem vermitteln, schrittweise der Weg zurück in eine eigene Wohnung ermöglicht werden.

Die Anzahl öffentlich-rechtlich untergebrachter Menschen ist in Hamburg durch den hohen Zulauf Geflüchteter in den letzten Jahren stark angestiegen. Ende Mai 2019 waren es 31.345 Menschen. Davon 5.210 Wohnungslose und 26.135 Zugewanderte [1]. Zugewanderte in dieser Statistik sind Menschen, welche nicht durch die Fachstelle in die ÖrU vermittelt wurden, sondern direkt aus den Erstaufnahmeeinrichtungen in Wohnunterkünfte verlegt worden sind. Geflüchtete, welche bereits eigenen Wohnraum hatten, diesen aber verloren haben, gelten hier nicht als Zugewanderte, sondern als Wohnungslose. Somit machen Geflüchtete, welche bisher noch nie eigenen Wohnraum in Hamburg zur Verfügung hatten, über 80% der Belegung in der ÖrU aus. Bezogen auf den Hilfebedarf bedeutet dies, dass für einen Großteil der öffentlich-rechtlich Untergebrachten Wohnunterkünfte unfreiwillig der erste Anlaufpunkt in einer fremden Stadt sind und die Verbesserung der eigenen Wohnsituation in Form einer eigenen Wohnung ein zentrales Anliegen darstellt. Dies soll im Folgenden genauer betrachtet werden.

Die Wohnsituation öffentlich-rechtlich untergebrachter Geflüchteter

Die Wohnsituation in der ÖrU in Hamburg kann sehr unterschiedlich sein. Ehemals Obdachlose und Geflüchtete sind grundsätzlich zusammen innerhalb einer Einrichtung untergebracht, es gibt jedoch auch Unterkünfte, welche ausschließlich mit Geflüchteten belegt sind, was vor allem mit dem erhöhten Unterbringungsbedarf dieser Gruppe zusammenhängt. Auf die Bausubstanz bezogen gibt es sowohl Container als auch Festgebäude. Einige Unterkünfte wurden speziell für die ÖrU errichtet, andere wurden zuvor anderweitig zum Beispiel als Bürogebäude genutzt, weshalb es auch Unterkünfte gibt, welche eigentlich nicht zum Wohnen ausgelegt sind. Alleinstehende sind meist in Doppelzimmern untergebracht, Einzelzimmer sind kaum vorhanden und es ist grundsätzlich ein ärztliches Attest nötig, um eine Berechtigung dafür zu erhalten, was bedeutet, dass man auf eine Warteliste gesetzt wird. Familien haben immer eigene Zimmer. Jedoch gibt es sowohl abgeschlossene Wohnungen mit eigenem Bad und Küche als auch Gemeinschaftswohnraum, wo sich diese mit weiteren Familien geteilt werden müssen. Teilweise gibt es diese unterschiedlichen Unterbringungsformen innerhalb einer Einrichtung.

Dies bringt verschiedene Probleme mit sich. Alleinstehende in Doppelzimmern können durch verschiedene Tagesabläufe oder andere Probleme schnell Konflikte mit Mitbewohner*innen haben. Generell gibt es Mangel an Privatsphäre und wenig Rückzugsmöglichkeiten. Familien müssen sich zum Teil sehr wenige Zimmer mit vielen Personen teilen, wovon vor allem Großfamilien betroffen sind. Zudem haben Familien mit ungerader Personenanzahl oft die Situation, dass sich drei Personen ein Zimmer teilen müssen, da kein zusätzliches Zimmer für eine Person vorhanden ist. Durch die Belegung mit vielen Personen auf engem Raum kommt es meist zu erhöhter Lärmbelastung. Das Teilen von Küche und Sanitärräumen kann den Tagesablauf beeinträchtigen. Das Beschaffen eigener Möbel ist, vor allem platzbedingt, stark begrenzt. Der Zugang zu Internet ist einrichtungsabhängig. Für das Zulegen von Internet auf eigene Kosten fehlen meist die Anschlüsse in den Wohnungen. Auch die enge Unterbringung von Menschen verschiedener Kulturen kann zu Problemen führen, beispielsweise durch Schwierigkeiten in der Verständigung, unterschiedliche Gewohnheiten oder Konflikte in den Herkunftsregionen.

Von den 26.135 Zugewanderten in der Hamburger ÖrU haben 15.338 eine Wohnberechtigung und entsprechend 10.797 diese nicht [2]. Entsprechend haben fast 60% rechtlich die Möglichkeit, eine eigene Wohnung zu beziehen. Die Wohnungssuche gestaltet sich vor allem für größere Familien besonders schwierig. Allgemein mindert der Mangel an Sozialwohnungen, geringes Einkommen und oft auch fehlende Deutschkenntnisse die Chance, trotz Berechtigung und Willen aus der ÖrU in eigenen Wohnraum zu ziehen. Zugewanderte ohne Aufenthaltserlaubnis, also Personen, dessen Asylverfahren noch läuft oder die eine Duldung besitzen, sind grundsätzlich verpflichtet, in der ÖrU zu verweilen, solange sich dessen Status nicht ändert. Für diese Gruppe bietet sich nicht einmal theoretisch die Perspektive auf eine zeitnahe Verbesserung der Lebensverhältnisse.

Psychische Belastung in den Unterkünften

Obdachlosigkeit hat ihren Ursprung oft in psychischen Erkrankungen und anders herum macht Obdachlosigkeit psychisch krank. Geflüchtete sind aufgrund ihrer Fluchterlebnisse, der unfreiwilligen Emigration oder auch Ereignissen im Zufluchtsland zu einem hohen Anteil traumatisiert. Posttraumatische Belastungsstörungen, also manifestiertes Trauma, kommt dementsprechend ebenfalls sehr oft vor. Somit ist der Anteil an psychisch kranken Menschen in der ÖrU um ein Vielfaches höher als im gesellschaftlichen Durchschnitt. Die oben dargestellten Unterbringungsverhältnisse erhöhen diese Problematik. Dies kommt vor allem bei Alleinstehenden zum Ausdruck, welche sich mit (oft fremden) Menschen ein Zimmer teilen müssen, da entweder kranke Bewohner*innen keine Rückzugsmöglichkeit haben oder Mitbewohner*innen unter dem Verhalten der psychisch Kranken leiden. Psychische Erkrankungen können sich durch Enge, Lärm und Mangel an Rückzugsmöglichkeiten aber auch bei Menschen in Familienzimmern verschlimmern beziehungsweise auch aufgrund dessen erst entstehen. Die Reaktion psychisch erkrankter Bewohner*innen ist oft, dass diese den Großteil ihrer Ressourcen in den Versuch investieren, ihre Wohnsituation zu verbessern, was wie soeben dargestellt schwierig ist. Vor allem diejenigen ohne Wohnberechtigung haben lediglich die Möglichkeit, einen Verlegungsantrag zu stellen. Dieser setzt sie auf eine Warteliste für die Verlegung in kleinere oder baulich bessere Unterkünfte mit möglichst abgeschlossenem Wohnraum. Von diesem Wohnraum ist allerdings zu wenig vorhanden, was zu sehr langen Wartezeiten führt. Trotzdem ist der Versuch einer Verlegung oft im Fokus der Anstrengungen. All dies kann dazu führen, dass Ressourcen für andere Tätigkeiten, zum Beispiel die Suche nach einem geeigneten Therapieplatz, der Besuch von Deutschkursen, die Suche nach einer Ausbildung fehlen. Das dauerhafte Nichtvorankommen wiederum verschlechtert den Zustand der Betroffenen weiter.

Vorteile der Unterbringung in Wohnunterkünften

Der Zugriff auf eigenen Wohnraum kann die oben beschriebenen Problematiken mindern. Housing first zum Beispiel setzt an genau diesem Punkt an. Von Wohnungslosigkeit Betroffenen soll unmittelbar privater Wohnraum zur Verfügung gestellt werden. Begleitet durch Sozialarbeiter*innen soll so eine bessere Basis entstehen, um psychische Erkrankungen in den Griff zu bekommen und ein eigenständiges Leben führen zu können. Projekte mit positivem Ergebnis sowohl in Bezug auf die Bekämpfung von Obdachlosigkeit als auch auf Kostenersparnisse für die öffentliche Finanzierung gibt es bereits unter anderem in Wien, New York und Helsinki [3]. Diese Beispiele haben allerdings eine relativ kleine Größenordnung, welche mit dem Unterbringungsbedarf in Hamburg nicht im Verhältnis steht. Ohne die massive Erhöhung von Plätzen in der ÖrU hätte man vor allem 2015 und 2016 die nach Hamburg gekommenen Geflüchteten nicht aufnehmen können. Da Sozialwohnungen und allgemein bezahlbarer Wohnraum kaum zur Verfügung stehen, bieten Wohnunterkünfte zurzeit wohl die einzige Möglichkeit, die über 30.000 Wohnungslosen in Hamburg überhaupt unterzubringen. Ein Vorteil von Wohnunterkünften ist, dass bei der großen Anzahl an Untergebrachten Menschen mit Hilfebedarf durch die zentralisierte Unterbringung vom Einrichtungspersonal besser erfasst werden können und der Weg zu diesem für die Bewohner*innen sehr kurz ist. So kann oft eine Anbindung an das Hilfesystem erfolgen. Auf der anderen Seite wurde bereits aufgezeigt, dass die Art der Unterbringung selbst die Anzahl an Menschen mit Hilfebedarf erhöht. Die Unterbringung mit anderen Menschen kann aber auch Verbindungen schaffen, damit sich Bewohner*innen gegenseitig unterstützen. Hier nehmen auch Ehrenamtliche eine wichtige Rolle ein, welche durch Wohnunterkünfte einen Anlaufpunkt haben, um Angebote wie Deutschkurse, Sport- oder Kulturveranstaltungen durchzuführen, dessen Nutzung für Bewohner*innen der Unterkünfte eine verhältnismäßig kleine Überwindung bedarf, da diese quasi vor der Haustür stattfinden. Dies kann den Aufbau eines Soziallebens fördern. Kritisch betrachtet bleiben die Bewohner*innen dabei oft unter sich, was bezogen auf den gesellschaftlich integrativen Charakter solcher Angebote auch negativ gesehen werden kann.

Fazit und Ausblick

Die Unterbringung in Wohnunterkünften sollte letztlich für keinen Menschen ein Dauerzustand sein. Durch den hohen Bedarf an ÖrU in den letzten Jahren haben diese eine wichtige Aufgabe geleistet, indem sie Obdachlosigkeit verhindern und für Geflüchtete einen ersten Anlaufpunkt bieten konnten und können. Wie aufgezeigt ist die Wohnsituation allerdings oft belastend, erzeugt oder verstärkt psychische Belastungen und ist mit den Vorzügen von eigenem Wohnraum kaum vergleichbar. Die Vermittlung von öffentlich untergebrachten Menschen in privaten Wohnraum ist dementsprechend eine zentrale Aufgabe, welche sich durch die hohe Anzahl Untergebrachter bei dem ausgelasteten Wohnungsmarkt in Hamburg zurzeit allerdings kaum verwirklichen lässt. Ein Konzept wie housing first ist momentan nicht ansatzweise flächendeckend durchsetzbar. Jedoch kann ein solches dazu beitragen, zukünftig einen Paradigmenwechsel im Ansatz der öffentlich-rechtlichen Unterbringung von Geflüchteten und Wohnungslosen zu bewirken und dem zur Verfügung stellen von privatem Wohnraum eine grundlegend höhere Priorität zu verleihen. Bei solch einem Ansatz dürfen Menschen ohne Wohnberechtigung nicht außenvor gelassen werden. Die Abschaffung solcher gesetzlicher Hürden zum erlangen von privatem Wohnraum könnte sogar eine erster konkrete Maßnahme in einem solchen Umdenken und zur Entlastung der betroffenen Menschen sein.

Endnoten

[1] https://www.hamburg.de/zkf-lagebild/ [Stand: 20.08.2019]
[2] https://www.hamburg.de/zkf-lagebild/ [Stand: 20.08.2019]
[3] https://housingfirsteurope.eu/assets/files/2017/12/housing-first-guide-deutsch.pdf [Stand: 20.08.2019]

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