Öffentliche Räume als Voraussetzung für ein urbanes Leben

von Isgard Klein

Seit jeher werden die Zentren der großen Städte, sowie Straßen, Parks und Bahnhöfe von verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich genutzt. Das soziale Verhalten der Nutzer*innen und die gebaute Umwelt stehen in einer engen Beziehung zueinander und beeinflussen sich dementsprechend gegenseitig. Urbane Räume bieten Individuen einerseits die Möglichkeit anonym in der Masse zu verschwinden, aber auch Gleichgesinnte zu treffen und sich mit ihnen und dem Ort zu identifizieren. Durch die unterschiedlichen Vorstellungen von Aneignungsformen der einzelnen Nutzer*innen kommt es jedoch nicht selten zu Konflikten unter und zwischen ihnen. Der öffentliche Raum ist ein umkämpfter Bereich, der in der Theorie für alle zugänglich ist. In der Praxis ist dies jedoch häufig nicht der Fall, da Restriktionen zu einem Ausschluss einzelner Personengruppen aus dem öffentlichen Raum führen.

Der öffentliche Raum ist ein umkämpfter Bereich.

Um Konflikte zwischen den Nutzergruppen der urbanen Räume zu vermeiden, werden stets die Sicherheits- und Ordnungsmaßnahmen in den Städten verschärft, was meist zur Folge hat, dass die Auseinandersetzung für die besitzende Klasse entschieden wird. Marginalisierte Gruppen wie Arme, Wohnungs- und Obdachlose, Alkohol- und Suchtmittelabhängige, Prostituierte sowie ein  Teil der Jugendlichen, die als störend empfunden werden, werden daher häufig aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Solche Formen der Regulation können Verbotsschilder, städtebauliche Elemente und architektonische Konzepte sein, die den Aufenthalt für unerwünschte Gruppen trostlos und unbehaglich erscheinen lassen. Ein Beispiel sind Mauern, die mit Stacheln ausgestattet sind, sodass sich keine Möglichkeit ergibt, sich auf ihnen niederzulassen oder auch die Errichtung von Zäunen unter Brücken, um Schlafmöglichkeiten zu vermeiden.

Das Ziel solcher Gestaltungsmaßnahmen in den öffentlichen Räumen ist es, somit nicht zum Verweilen einzuladen, sondern möglichst unkomfortabel zu wirken. Ein weiterer Aspekt ist die (Teil)privatisierung der Räume, da Hausordnungen von privaten Eigentümern darüber bestimmen, welche Besucher*innen erwünscht und welche unerwünscht sind. Vor allen in den Innenstädten lassen sich Verdrängungsprozesse beobachten, da bei der Gestaltung und der Nutzung von öffentlichen Räumen die ökonomische Struktur im Vordergrund steht. Vor allem Business Improvement Districts (BID) schränken in zentralen Bereichen den Aufenthalt für wohnungs- und obdachlose Personen ein bzw. entfernen diese sogar aus dem Stadtbild.

In Hamburg ist mittlerweile ein Großteil der Fläche der Innenstadt durch Zusammenschlüsse durch BIDs umgestaltet worden. BIDs sind räumliche Bereiche, die durch einen Zusammenschluss von Grundeigentümer*innen und Gewerbetreibenden gestaltet und finanziert werden, um die Standortqualität zu erhöhen. Die Umgestaltung und Aufwertung der innerstädtischen Räume soll Personen aus finanziell besser gestellten Bevölkerungsschichten ein angenehmes Shopping-Erlebnis vermitteln und den Einzelhandel stärken. Somit werden ökonomische Aspekte in den Vordergrund gestellt.

Der öffentliche Raum ist daher nicht gleichbedeutend mit einem Raum für alle.

Ebenso schränken klassische ordnungspolitische Instrumente wie die Gefahrenabwehrverordnung eine Teilhalbe am urbanen Leben für wohnungs- und obdachlosen Personen ein. Politische Satzungen, Verordnungen und Gesetze geben der Exekutiven die Vollmacht, für die Sicherheit und Ordnung im öffentlichen Raum zu sorgen und bei Fehlverhalten einzuschreiten. Eine Verdrängung der marginalisierten Personengruppen aus dem öffentlichen Raum hat zur Folge, dass diese Menschen ihren existenziellen Lebensraum verlieren. Obdachlose Personen haben keinen Rückzugsort, kein eigenes Heim, in dem sie Schutz suchen und all ihre Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Duschen ausführen können. Wohnungs- und Obdachlose sind auf den öffentlichen Raum angewiesen sowie auf öffentliche Toiletten und weitere Hilfsangebote.

Gerade in den letzten Jahren ist ein Anstieg an obdachlosen Personen in Deutschland zu beobachten. Im Auftrag der Sozialbehörde führte die Bielefelder Gesellschaft für Organisation und Entscheidung (GOE) im März 2018 in Hamburg eine Befragung mit Obdachlosen durch. Dabei wurden 1910 Obdachlose erfasst, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher liegt. Im Jahr 2009 lag die Zahl der Obdachlosen noch bei 1029, was einen Anstieg um 86 Prozent bedeutet. Durch Ausschlussprozesse verlieren wohnungslose Personen ihre Stellung als Mitglieder in der sozialen Gesellschaft und werden nicht nur aus dem Stadtraum verdrängt, sondern es entsteht zudem eine Manifestierung von stigmatisierten Gesellschaftsbildern. Solche Vorurteile lösen häufig Gefühle wie Angst und Verachtung bei Bevölkerungsgruppen hervor, was eine Abnahme der Akzeptanz ihnen gegenüber und eine intensivere Spaltung der Gesellschaft zur Folge hat. Solche Empfindungen werden durch mediale Berichterstattung sowie politische Regulierungen verstärkt. Schlussendlich liegen der Wahrnehmung von wohnungs- und obdachlosen Personen im öffentlichen Raum Stereotypen zugrunde, die ein negatives Bild von diesen Menschen erzeugen. Wohnungslose Personen sind ebenso ein Teil der sozialen Gesellschaft, werden jedoch von der Wohlstandsgesellschaft vertrieben und ausgeschlossen. Das Ziel von städtebaulichen und politischen Akteuren ist es, ein Bild von einer gut funktionierenden Gesellschaft ohne Armut und Elend entstehen zu lassen und die Sichtbarkeit von wohnungs- und obdachlosen Personen, sowie ähnlichen Randgruppen zu verhindern. Die Herausforderungen der Wohnungslosigkeit werden dadurch jedoch nicht bekämpft, sondern lediglich aus dem Blickfeld verdrängt.

Öffentliche Räume sind eine Voraussetzung für ein urbanes Leben und gelten als ein Spiegelbild der Gesellschaft und der Stadt. 

Das heißt, wenn die öffentlichen Räume unsere Gesellschaft wieder spiegeln, dann haben wir ein enormes Problem in unserer Gemeinschaft! Helmut Kohl sagte einmal: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“ Es muss daher nicht nur ein Wandel innerhalb der Stadtplanung statt finden. Es ist soviel komplexer. Manifestierte Gesellschaftsbilder und Stigmatisierungen müssen aufgebrochen werden. Wir müssen wieder mehr aufeinander achten, wertschätzen was wir haben, freundlich zueinander sein, Begegnungen schaffen und aufeinander zu gehen. Der neue politische Kurs könnte also lauten:

Auf die die Menschlichkeit und gegen den ständigen Druck, die profitorientierte Gesellschaft und den Gewinnmaximum!

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