Obdachlosigkeit in Italien

von Pia

Wie alle europäischen Länder, hat Italien mit einer wachsenden Obdachlosigkeit zu kämpfen. Der folgende Text soll einen kurzen Überblick über die aktuelle Lage und neue Entwicklungen in Italien geben. Dabei wird besonders auf eine nationale Statistik zur Obdachlosigkeit eingegangen, die 2015 veröffentlicht wurde. Der zweite Fokus liegt auf einer Diskussion erfreulicher politischer Entwicklungen auf der einen und deutlichen Rückschritten auf der anderen Seite, besonders im Zusammenhang mit dem Umgangs mit Nicht-EU-BürgerInnen.

Italien ist eines der europäischen Länder, in denen es gesetzliche Bestimmungen für den Umgang mit Obdachlosigkeit gibt. Diese gelten für das gesamte Land (vgl. Deutschland: hier sind primär die Bundesländer dafür verantwortlich) und wurden 2015 festgelegt.

In Italien steigt wie in fast allen europäischen Ländern die Obdachlosigkeit von Jahr zu Jahr an, und wie in Deutschland verändert sich auch hier das Bild des „typischen Obdachlosen“. Der Anteil von Frauen steigt leicht und der Anteil von AusländerInnen stark an. Dauerhafte Obdachlosigkeit wird immer häufiger, und immer wenige schaffen es nach nur wenigen Monaten wieder von der Straße in ein gesichertes Wohnverhältnis zu kommen. Auch in Italien gibt es ein niedrigschwelliges Hilfsangebot von verschiedensten Trägern, was Notversorgung mit Lebensmitteln, Notunterkünften und Betreuung durch SozialarbeiterInnen einschließt. Ein Vorteil in Italien ist das Recht auf einen gemeldeten Wohnsitz („residenza“), der auch ein fiktiver Wohnsitz sein kann. Um dieses Recht bei den Behörden durchzusetzen, ist aber leider trotzdem häufig die Begleitung eines/r Sozialarbeiters/in erforderlich.

Ein großer Teil der Arbeit zu Gunsten Wohnungs-/Obdachlosen wird von der fio.PSD (Federazione Italiana Organismi per le Persone Senza Dimora, zu Deutsch: italienischer Verband von Organisationen für Obdachlose) organisiert. Dazu gehören sowohl Öffentlichkeitsarbeit, das Erstellen einer Obdachlosenstatistk als auch das Bewerben und Durchführen von konkreten Projekten, wie zum Beispiel ein Pilotprojekt von Housing First. Die fio.PSD ist auch die einzige italienische Organisation, die Teil des europäischen Netzwerks FEANTSA ist.

Im Jahr 2015 hat das ISTAT (instituto nazionale di statistica, deutsch: nationales Statistikinstitut) zusammen mit der fio.PSD eine zweite (die erste wurde 2011 erstellt) italienweite Statistik zum Umfang und den Ursachen von Obdachlosigkeit veröffentlicht. Dazu wurden im November und Dezember 2014 in Essens- und Schlafeinrichtungen insgesamt 50.724 Obdachlose mit Hilfe von Fragebögen befragt. Als obdachlos galt in diesem Fall, wer auf der Straße oder in Notunterkünften lebt. Ausgeschlossen waren Minderjährige, alle Obdachlosen, die weder Essens- noch Schlafeinrichtungen besuchen und Menschen mit schwierigem Wohnstatus, z.B. jene, die bei Freunden und Bekannten unterkommen oder die in naher Zukunft direkt von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Des Weiteren wurde die Gruppe der Roma und Sinti nicht berücksichtigt.

Es zeigt sich, dass die Mehrzahl der befragten Obdachlosen (85,7 %) männlich ist. Der Frauenanteil ist im Vergleich zu 2011 nur um 1,3 % gestiegen. Wie in Deutschland dominiert der Anteil der ausländischen Obdachlosen (59,4 %), wobei es einen deutlich erhöhten Anteil von Obdachlosen aus Nicht-EU-Staaten gibt. Der Durchschnitt hat geringe Schulbildung, nur 34 % haben das italienische Äquivalent des Realschulabschlusses (oder einen höheren Abschluss). Ausländische Obdachlose sind in der Regel deutlich besser ausgebildet (Realschulabschluss oder höher: 39 %) als italienische (27 %). Der Altersdurchschnitt lag 2014 bei 45 Jahren, wobei die Altersverteilung italienischer und ausländischer Obdachloser sehr unterschiedlich ist. Während der Großteil der italienischen Obdachlosen 45-54 (29,1 %) oder 55-64 (29,4 %) Jahre alt ist, nimmt bei den ausländischen die Zahl der Obdachlosen mit zunehmendem Alter ab. Die anteilig größte Gruppe ist demnach mit 36 % die der 18- bis 34-Jährigen. Eine Ursache für Obdachlosigkeit junger Nicht-EU-BürgerInnen ist oft der Übergang vom Status „Unbegleiteter Minderjähriger Einwanderer“ in die Volljährigkeit.

Auch auf die Hauptursachen von Obdachlosigkeit wird in der Statistik eingegangen. Der häufigste Grund für Obdachlosigkeit ist laut der Statistik von 2015 die Trennung vom Ehepartner/von der Ehepartnerin und/oder Kindern (63 %), dicht gefolgt von dem Verlust einer stabilen Arbeit (56,1 %). Auch Krankheit (25,4 %) führt einen großen Teil auf die Straße. In den meisten Fällen wurde angegeben, dass mehr als eins der Ereignisse Auslöser für die Obdachlosigkeit war. Leider steigt auch die Langzeitobdachlosigkeit in Italien. Während 2011 noch über 50 % der Befragten ein Jahr oder weniger obdachlos waren, sind es 2014 nur noch 44 %. Der Anteil der Befragten, die zwischen 2 und 4 Jahren ohne festen Wohnsitz waren, stieg von 11 auf 19.8 %, der Anteil der Obdachlosen, die bereits länger als 4 Jahre auf der Straße lebten, von 15 auf 21 %.

Die Statistik, die in diesem Maßstab in Deutschland immer noch fehlt, bietet den großen Vorteil, dass erst konkrete Informationen ein wirkungsvolles Hilfsangebot ermöglichen. Dabei steht stets im Vordergrund, Obdachlosigkeit langfristig zu beenden und die Menschen nicht nur mit Essen und einem kurzfristigen Schlafplatz zu versorgen. Die fio.PSD hat zu diesem Zweck ein Pilotprojekt Housing First (2014-2016) ins Leben gerufen, in dem bereits 688 ehemals Obdachlose betreut wurden.

Auch die italienische Regierung trug in den letzten Jahren einiges zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit bei. Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit gehörten endlich zur politischen Agenda und waren Teil des nationalen „Antiarmuts-Plans“. Dabei wurden zwei Prioritäten gesetzt. Erstens soll die Obdachlosigkeit im Land reduziert werden, und zweitens soll Housing First das primäre Werkzeug zur Verringerung von Obdachlosigkeit werden. Umfassende finanzielle Mittel wurden bereitgestellt, um Hilfsprojekte zu finanzieren, und es wurden bundesweite Richtlinien festgelegt (2015). Die Zusammenarbeit mit der fio.PSD wurde verstärkt. So wurden, wie bereits erwähnt, erste Projekte am Beispiel des „Housing First“-Konzepts ins Leben gerufen.

Auch wenn diese Entwicklungen und Projekte der Regierung gegen Obdachlosigkeit durchaus vielversprechend wirken, sind mittlerweile leider wieder Rückschritte zu erkennen. So stärkt die aktuelle politische Richtung mit dem „Decreto Minniti “ (2017) wieder die Ansicht, die Betroffenen seien selbst schuld an ihrer Lage, und Armut und Obdachlosigkeit seien persönliche Probleme. Auch lassen ganz neue politische Entwicklungen die Zahlen Obdachloser gerade bei Nicht-EU- BürgerInnen in die Höhe schnellen.

Bereits vor diesen politischen  Entwicklungen landeten viele EinwandererInnen, besonders Menschen aus Nicht-EU-Staaten, auf der Straße. Schuld daran ist vor allem die Lage in den Aufnahmecamps, die häufig so erdrückend und frustrierend ist, dass viele MigrantInnen versuchen selbstständig im Land Fuß zu fassen. Viele leben dann auf der Straße oder in besetzten Häusern und gehen schwarz unterbezahlten Jobs nach. Löhne von 20 Euro pro Tag für 12 Stunden Arbeit sind keine Ausnahme.

Seit März 2018 wird Italien von den Parteien „Movimento 5 stelle“ und der „Lega Nord“ regiert, was zu einem politischen Umschwung zu Ungunsten vieler EinwandererInnen geführt hat. Besonders die „Lega Nord“ ist für ihre faschistischen Aussagen und ihre fremdenfeindliche Politik bekannt, die sich auch im sogenannten „Decreto Salvini“ widerspiegelt. Dieses Dekret nimmt vielen EinwandererInnwn, die einen humanitären Schutzstatus besitzen, das Recht auf einen Wohnsitz und einen legalen Aufenthalt im Land. Es hat viele EinwandererInnen ohne Flüchtlingsstatus quasi über Nacht obdachlos gemacht. In vielen Städten wurden Betroffene plötzlich und ohne Vorwarnung aus den Unterkünften geschickt.

Nur durch humanitäre Hilfe des Roten Kreuzes und Unterbringung in Notunterkünften wurde verhindert, dass diese Menschen noch in derselben Nacht auf der Straße nächtigen mussten. Unter den Betroffenen waren unter anderem Schwangere, Familien mit Kindern und andere besonders Schutzbedürftige. Tausende sind deswegen plötzlich illegal im Land. Dieses Dekret soll laut Salvini Italien von kriminellen EinwandererInnen befreien, führt aber voraussichtlich eher zu einer gegenteiligen Entwicklung und zu einem Anstieg von Kleinkriminalität, da vielen EinwandererInnen die Möglichkeit einer legalen Lebensgrundlage genommen wird.

Einige Städte, die nicht von Salvinis Partei „Lega Nord“ geführt werden, wehren sich gegen diesen Schritt. Ein Beispiel ist Bologna. In Bologna hat das Gericht bereits in einigen Fällen den klagenden MigrantInneen trotz des Dekrets ein Recht auf eine Meldeadresse zugesprochen.

Ein anderes wichtiges Beispiel ist die Stadt Palermo, die auch sonst viel zu Gunsten der Immigration tut. Palermo hat sich, unter Bürgermeister Orlando, dem Dekret offen widersetzt und weigert sich die Wohnortmeldung abzuerkennen. Damit bewahrte die Stadt viele MigrantInnen vor Obdachlosigkeit und Kriminalität. Auch unabhängig davon gibt es von der Stadt einzelne Projekte, die z.B. unbegleiteten Minderjährigen, die die Volljährigkeit erreichen und somit aus dem Schutzprogramm fallen, eine Wohnung zusammen mit jungen ItalienerInnen stellt. Die Miete wird dabei von der Stadt übernommen, und die BewohnerInnen müssen nur für Nebenkosten und Eigenbedarf aufkommen. In der Stadt gibt es des Weiteren zahlreiche Projekte, die Arbeit für ImmigrantInnen schaffen und einen erhöhten kulturellen Austausch ermöglichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Italien mittlerweile ein breit aufgestelltes Netzwerk zur Obdachlosenhilfe hat und bereits einige erfolgversprechende Pilotprojekte, z.B. auf dem “Housing First”-Konzept basierend, erfolgreich ins Leben gerufen wurden. Die Obdachlosenhilfe hat sich überwiegend zum Verein fio.PSD zusammengeschlossen. Das ermöglicht eine bessere Verknüpfung der einzelnen Hilfsprojekte. Leider gibt es aber immer noch zu wenig Kommunikation zwischen einzelnen Einrichtungen. Mit einer besseren Koordination wäre mehr Menschen geholfen. Ebenfalls besorgniserregend ist die aktuelle politische fremdenfeindliche Entwicklung im Land, die besonders viele Nichteuropäer auf die Straße treibt, auch viele, die vorher ein geregeltes Leben geführt haben. Auch wird die Schuldfrage bei Obdachlosigkeit wieder neu diskutiert, der Trend, den Betroffenen selbst die Schuld an den Problemen zu geben, nimmt wieder zu. Hoffnung geben einige italienische Städte wie Palermo und Bologna, die sich gegen diese politische Entwicklung stellen.

Quellen:

[1] Feantsa: Homelessness in Italy (2017), unter: https://www.feantsa.org/download/it-proof-read-new-template124857004325179404.pdf (abgerufen am 19.08.2019)

[2] Feantsa: Homelessness services in europe (2018), unter: https://www.feantsaresearch.org/public/user/Observatory/Feantsa-Studies_08_v02[1].pdf (abgerufen am 19.08.2019)

[3] fio.PSD: Time for tackling homelessness: political commitment andperspectives in Italy (2018), unter:http://www.bawo.at/fileadmin/user_upload/public/Dokumente/News/News_inter_national/CORTESE_ITALY_BAWO_Conference.pdf (abgerufen am 17.08.2019)

[4] Lorenzo Tondo, Angela Giuffrida: Vulnerable migrants made homeless after Italy passes ‘Salvini decree’ (2018), unter: https://www.theguardian.com/world/2018/dec/07/vulnerable-migrants-made-homeless-after-italy-passes-salvini-decree (abgerufen am 18.08.2019)

[5] Nathalie Georges: Palermo ist anders, (2018) unter:https://www.arte.tv/de/videos/084352-000-A/italien-palermo-ist-anders/
(abgerufen am 18.08.2019)

[6] Giorgio Ruta: Orlando sospende decreto Salvini, (2019) unter:https://palermo.repubblica.it/cronaca/2019/01/02/news/palermo_orlando_sospende_decreto_salvini_il_ministro_con_tutti_i_problemi_pensa_a_fare_disobbedienza_-215670279/ (abgerufen am 19.08.2019)

[7] Diego Cupolo: Failing immigration system leaves thousands homeless in italy (2016), unter:https://www.dw.com/en/failing-immigration-system-leaves-thousands-homeless-in-italy/a-19247731 (abgreufen am 18.08.2019)

[8] Migranti, a Bologna il tribunale accoglie il ricorso contro il decreto Salvini: Comune deve dare residenza a 2 richiedenti asilo, unter:https://bankb.it/news/38064/migranti-a-bologna-il-tribunale-accoglie-il-ricorso-contro-il-decreto-salvini-comune-deve-dare-residenza-a-2-richiedenti-asilo (abgreufen am 18.08.2019)

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