Kinder-und Jugendobdachlosigkeit in Hamburg

von Natalia Méndez

Deutschland zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Hamburg zu den reichsten Städten Deutschlands. Trotzdem müssen laut des Deutschen Jugendinstituts jedes Jahr 37.000 Jugendliche im Alter von einschließlich 26 Jahren auf Deutschlands Straßen leben. Die Hilfsorganisation Off Road Kids, die sich auf Kinder- und Jugendobdachlosigkeit fokussiert, geht davon aus, dass die Obdachlosigkeit der unter 27-Jährigen in drei Jahren auf über 100.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland steigen wird. Die Diakonie und Caritas schätzen, dass aktuell ungefähr 2.500 Menschen in Hamburg obdachlos sind. Wie viele davon minderjährig sind oder zu den Jugendobdachlosen gehören, ist jedoch unklar. Erwähnenswert ist zudem, dass die Grauziffer hoch ist. Trotzdem ist eindeutig: Die Obdachlosigkeit war in Hamburg noch nie so hoch wie heutzutage.

Begriffserklärung zwischen Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit

Nach der 2005 veröffentlichten Europäischen Typologie von Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekärer Wohnversorgung ist ein Mensch von Obdachlosigkeit betroffen, wenn kein fester Wohnsitz vorliegt und daher das Leben auf der Straße oder im öffentlichen Raum stattfindet. Als obdachlos gelten Menschen, die in wechselnden Notunterkünften, Wärmestuben oder ähnlichen Einrichtungen ohne festen Wohnplatz nächtigen.

Der Armuts- und Reichtumsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales definiert demgegenüber die Wohnungslosigkeit wie folgt: Menschen, die für eine begrenzte Zeit in Einrichtungen leben und nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen, gelten als wohnungslos. Daher sind Menschen wohnungslos, wenn sie in Einrichtungen wie Frauenhäusern, Unterkünften für Asylanten, Anstalten, Heimen, Gefängnissen und Wohnungsloseneinrichtungen leben. Außerdem berücksichtigt die Wohnungslosigkeit auch Menschen, die nur vorübergehend bei Freunden oder ihrer Familie wohnen.

Das Phänomen „Sofahopper“ spielt bei der Obdachlosigkeit der Jugendlichen auch eine entscheidende Rolle. Viele Jugendliche nutzen vermehrt die Sozialen Netzwerke, um so eine neue Unterkunft bei Bekannten aus dem Internet zu finden. Da das meistens nur eine vorübergehende Lösung ist, pendeln sie quasi von Unterkunft zu Unterkunft, um so der Straße zu entkommen. Man spricht hierbei von einer „verdeckten Obdachlosigkeit“, da die Betroffenen in keiner Statistik auftauchen.

Zur Definition der Begriffe „Straßenkinder“ und „Straßenjugendlichen“

Die Hilfsorganisation Off Road Kids definiert den Begriff „Straßenkinder“ wie folgt: Straßenkinder in Deutschland sind Minderjährige, die ohne Erlaubnis nicht in ihrem offiziell gemeldeten Wohnsitz leben und daher obdachlos sind. In Deutschland leben jährlich ungefähr 2.500 Kinder ab 12 Jahren temporär auf der Straße. Von denen kehren jährlich ca. 300 minderjährige Kinder nicht mehr zurück und werden daher sogenannte „Straßenkinder.“

Wenn hingegen von „Straßenjugendlichen“ die Rede ist, spricht man von Menschen im Alter von einschließlich 26 Jahren, so das Deutsche Jugendinstitut. Also beinhaltet dieser Begriff nicht nur Minderjährige, sondern auch junge Erwachsene. Der Süddeutschen Zeitung zufolge sind zwei Drittel der obdachlosen Jugendlichen in Deutschland männlich und ungefähr jeder Fünfte minderjährig.

Gründe der Obdachlosigkeit

Die Ausgangssituationen der einzelnen Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterscheiden sich natürlich. Demnach entfliehen einige von ihrer Familie oder ihrer Pflegefamilie, werden von zuhause rausgeschmissen oder hauen von Jugendhilfeeinrichtungen ab. Die Meisten jedoch standen vor ihrer Obdachlosigkeit schon im Kontakt zum Jugendamt. Ein entscheidender Grund, wieso ein Jugendlicher oder ein junger Erwachsener sich dazu entscheidet, seine bisherige Situation zu verändern, ist, dass der Betroffene keinen anderen Ausweg sieht. Oftmals fliehen sie vor Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalterfahrungen und Suchtproblemen innerhalb der Familie.

Die Hilfsorganisation Off Road Kids begründet die steigende Jugendobdachlosigkeit in Großstädten wie Hamburg damit, dass Betroffene aus ländlichen Regionen die Anonymität in den Großstädten nutzen wollen. Auf die steigende Jugendobdachlosigkeit in Großstädten reagieren Unterstützungsprogramme wie beispielsweise die Off Road Kids Hilfsorganisation, das Winternotprogramm und zahlreiche Tageseinrichtungen.

Leben auf der Straße

Das Leben auf der Straße ist körperlich sehr anstrengend, weshalb viele Jugendobdachlose an physischen Erkrankungen leiden. Da viele obdachlose Jugendliche bereits mit Gewalt, Missbrauch und/oder Suchtproblemen der Eltern konfrontiert wurden, ist das Leben auf der Straße zusätzlich  mental belastend. Gemäß dem Deutschen Jugendinstitut sammelt ein obdachloser Jugendlicher oft Erfahrungen mit Gruppendruck, Drogen und Existenzängsten. Oftmals versuchen die Jugendlichen zunächst keine harten Drogen zu konsumieren. Je länger die Jugendlichen jedoch auf der Straße leben, desto häufiger wird auch zu solchen Drogen gegriffen. Zudem steigt der Gruppenzusammenhalt durch den gemeinsamen Konsum von Drogen. Aus Geldnot sind viele obdachlose Jugendliche zur Bettelei, Prostitution und Kleindiebstählen gezwungen.

Ein weiteres Problem ist der fehlende Schulabschluss der meisten obdachlosen Jugendlichen. Viele obdachlose Jugendliche brechen vorzeitig die Schule ab, da sie für sich dort keine Perspektive sehen. Da die Betroffenen nicht die nötigen Voraussetzungen wie eine Schulausbildung haben und schon lange aus dem Schulalltag raus sind, setzen soziale Projekte für Schulabbrecher*innen an diese Lücken an und bieten so den Betroffenen einen strukturierten Lehrplan, der die Jugendlichen langsam wieder an das Schulsystem heranführen soll.

Maßnahmen in Hamburg

Auf die steigende Jugendobdachlosigkeit versuchen zahlreiche Projekte in Hamburg zu reagieren. So bieten die Sozialeinrichtungen von Fördern & Wohnen eine temporäre Unterkunft für junge Wohnungs- und Obdachlose im Alter von 18–25 Jahren in Hamburg an. Hier können sie sozialpädagogisch betreut und bei der Suche nach einer eigenen Wohnung, einer Ausbildung oder Arbeit unterstützt werden. In Hamburg gibt es das Winternotprogramm, damit dort Obdachlose im kalten Winter nächtigen können. Im Winternotprogramm finden ungefähr 800 obdachlose Menschen von November bis März einen Schlafplatz. Auf die steigende Kinder- und Jugendobdachlosigkeit will auch die Hilfsorganisation Off Road Kids gegensteuern und bietet daher in Hamburg für junge Obdachlose mehrere Hilfsangebote an. Sie betreiben in Hamburg Straßensozialarbeit, um junge wohnungs- und obdachlose Menschen zu unterstützen und gründeten die Plattform sofahopper.de, die junge Obdachlose online berät. Zudem gründeten sie das Bildungs- und Integrationsprogramm PREJOB und das Gesundheitsvorsorgeprogramm STREETWORK+ für junge Obdachlose.

Außerdem gibt es zahlreiche soziale Beratungsstellen wie zum Beispiel den Verein für Soziale Hilfe e.V. in Barmbek und die Jugendhilfe e.V. in Wandsbek. Hier werden die Betroffenen beispielsweise in ihren Leistungsansprüchen, im Umgang mit Behörden, im Umgang mit Schulden, bei der finanziellen Absicherung und bei psychosozialen Problemen unterstützt. Um obdachlose Menschen medizinisch zu versorgen, bietet unter anderem der Caritasverband e.V. ein Kranken- und Zahnmobil an, die einen festen Fahrplan in Hamburgs Straßen abfahren. In dem Bus, der zu einer Arztpraxis umgebaut wurde, können sie von Ärzten*innen und Krankenpfleger*innen behandelt werden.

Deutschlands erster Duschbus „GoBanyo“ startete seinen Betrieb im Dezember 2019. Der Duschbus fährt an vier Tagen an drei unterschiedliche Standorte in Hamburg, wo sich pro Tag ungefähr 30 Obdachlose duschen können. Unter anderem steht der Duschbus sonntags von 13:00-18:00 Uhr am Steintorplatz. Ein weiteres kreatives Projekt ist das Hamburger Zeitungsprojekt Hinz & Kunzt. Wohnungs- und Obdachlose haben die Möglichkeit, die Zeitungen von Hinz & Kunzt zu verkaufen, um hiermit Geld zu verdienen.

Natürlich gibt es noch weitere nennenswerte Projekte in Hamburg, die ein Zeichen gegen Wohnungs- und Obdachlosigkeit setzen wollen. Leider sind aktuell die meisten Einrichtungen der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe aufgrund der Ansteckungsgefahr von Covid-19 geschlossen oder laufen nur eingeschränkt weiter. Wohnungs- und Obdachlose gehören in die Höchstrisikogruppe des Virus und sie haben momentan nur begrenzten Zugang zum sozialen Hilfesystem. Demnach trifft die Pandemie Wohnungs- und Obdachlose besonders hart: denn man kann nicht zuhause in Quarantäne bleiben, wenn man kein festes zuhause hat.

 

Quellen:

Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (2018): Studie Obdach- und wohnungslose Menschen in Hamburg 2018. Online unter: https://www.hamburg.de/obdachlosigkeit/veroeffentlichungen/12033588/obdachlosenstudie-hamburg-2018/

Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Armuts- und Reichtumsbericht, Wohnungs-losigkeit. Online unter: https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Indikatoren/Armut/Wohnungslosigkeit/wohnungslosigkeit.html

Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration: Hilfe vor Ort – Soziale Beratungsstellen für allein stehende wohnungslose Menschen. Online unter: https://www.hamburg.de/obdachlosigkeit/127990/soziale-beratungsstellen/

Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (2018/19): Das soziale Hilfesystem für wohnungslose Menschen. Online unter: https://www.hamburg.de/contentblob/127994/aae5929c845d3afed0566d580e984b36/data/hilfesystem-datei.pdf

Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration: Öffentliche Unterbringung – Junge Erwachsene. Online unter: https://www.hamburg.de/unterbringung/12694614/jungerwachsenenprogramm/

Deutsches Jugendinstitut: Straßenjugendliche. Online unter: https://www.dji.de/themen/jugend/strassenjugendliche.html

Dr. Wollschläger, Karin (2019): Jugendliche auf der Straße. Online unter: https://www.caritas.de/hilfeundberatung/ratgeber/wohnungslosigkeit/lebenaufderstrasse/jugendliche-auf-der-strasse

Förderverein Winternotprgramm: Online unter: https://www.winternotprogramm.de/

Geschwendtner, Petra: Wohnungslosigkeit: Definition. Online unter: https://bawo.at/aktuelles/newsletter

Godeck, Daniel (2018): Alle jungen Leute haben ein Smartphone – aber nicht unbedingt einen festen Wohnsitz. Online unter: https://www.sueddeutsche.de/panorama/obdachlosigkeit-in-deutschland-alle-jungen-leute-haben-ein-smartphone-aber-nicht-unbedingt-einen-festen-wohnsitz-1.3859943

Off Road Kids: Straßenkinder & junge Obdachlose in Deutschland, Minderjährige Straßenkinder. Online unter: https://offroadkids.de/information/strassenkinder-junge-obdachlose/

 

 

 

 

 

 

 

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