Kinder- und Jugendobdachlosigkeit in Deutschland

von Rick M.

Worum geht es bei diesem Thema genau?

Wenn man über Kinder- und Jugendobdachlosigkeit in Deutschland spricht, geht es um Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene, die entweder dauerhaft oder nur temporär auf der Straße leben und somit keinen festen Wohnort haben oder in prekären Wohnverhältnissen untergekommen sind. Prekäre Wohnverhältnissen bedeutet, dass die Betroffenen in Zelten, Abrisshäusern o. ä. untergekommen sind. Die Anzahl der jungen Menschen in Deutschland, die kein festes Zuhause haben lässt sich nur schwer ermitteln. Doch Schätzungen zur Folge sind 37.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 Jahren in Deutschland von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen (Beierle / Hoch 2017). Dabei wird davon ausgegangen, dass ca. 1/3 obdachlos und die restlichen 2/3 wohnungslos bzw. in prekären Wohnverhältnissen sind. Es ist allerdings anzumerken, dass ca. 30.500 der geschätzten 37.000 Straßenjugendliche bereits das 18. Lebensjahr beendet und somit die Volljährigkeit erreicht haben (ebd. 11). Die restlichen ca. 6.500 Jugendliche sind unter 18 Jahre.

Nichtsdestotrotz bleiben die Zahlen erschreckend, wenn man sich vor Augen führt, dass hinter jeder/jedem dieser jungen Wohnungs- oder Obdachlosen eine eigene Geschichte bzw. ein eigenes Schicksal steckt. Denn die Straßenjugendlichen kommen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftskreisen und landen aus verschiedensten und ganz individuellen Gründen auf der Straße. Desolate Familienverhältnisse, Gewalterfahrungen, Missbrauch und Konflikte im Elternhaus oder Armut und Jugendarbeitslosigkeit oder fehlender sozialer und familiärer Rückhalt, so wie der Rauswurf oder die Flucht aus Jugendhilfeeinrichtungen sind nur einige, mögliche Gründe für die Wohnungs- und Obdachlosigkeit bei Jugendlichen (ebd. 14).

Die Jugendlichen zieht es oftmals in die deutschen Großstädte, wie zum Beispiel Frankfurt a. Main, Berlin, Hamburg oder Köln, da sie hier den Schutz der Anonymität genießen. In den Großstädten und durch das Wechseln der Städte fallen sie weniger auf und laufen somit geringer der Gefahr, von Behörden aufgegriffen zu werden. Die Angst davor aufgegriffen zu werden hält viele Jugendliche auch davon ab, sich in Hilfsprogramme zu begeben.

Wie sieht der Alltag von Straßenjugendlichen aus?

Auch bei dieser Frage lässt sich erneut nur schwer eine allgemeingültige Antwort finden, da sich der Alltag und die Bewältigung des Alltags bei den betroffenen jungen Menschen stark unterscheidet. Daher lassen sich in diesem Falle nur anhand von Berichten einige Anhaltspunkte zum Leben auf der Straße finden.

Gerade für die Jugendlichen birgt das Leben auf der Straße bzw. das Leben ohne festes Zuhause viele Gefahren und Herausforderungen. Um diese besser bewältigen zu können, organisieren sich die meisten Straßenjugendlichen in Cliquen.  Innerhalb dieser Cliquen herrschen ein großer Zusammenhalt und viele Jugendliche erfahren hier erstmals Anerkennung und Zugehörigkeit (ebd. 20). Viele versuchen sich mit Bettelei oder Kleinstdiebstahl den Lebensunterhalt zu finanzieren. Im Vordergrund stehen daher existentielle Dinge wie Essen, Schlafplatz/Bleibe, Kleidung und Geld.

Die Suche nach neuen Perspektiven rückt dabei in den Hintergrund. Jede*r Jugendliche*r entwickelt hierfür eine ganz eigene Bewältigungsstrategie. Aufgrund des Schlafentzugs, psychischer Belastungen und / oder Suchtdrucks sind viele Straßenjugendliche einem hohen Stressniveau ausgesetzt, welches den Konsum von Alkohol und Drogen vorantreiben kann. Hinzu kommt, dass gerade Minderjährige auf Grund fehlender Krankenversicherungen keine medizinische Betreuung in Anspruch nehmen. Bei Schmerzen, Verletzungen oder Ähnlichem fehlt vielen Jugendlichen der Zugang zu umfangreicher und fachgerechter ärztlicher Betreuung (ebd. 20f.).  Je länger Jugendliche auf der Straße leben, desto schwieriger gestaltet sich der Weg zurück in einen normalen Alltag. Straßenjugendliche besuchen in den seltensten Fällen regelmäßig die Schule und damit wird ihnen auch ein Zugang zu einer späteren Ausbildung bzw. zum Berufsleben aufgrund fehlender Abschlüsse verwehrt.

Welche Hilfsangebote gibt es für jugendliche Wohnung- und Obdachlose?

Hilfsangebote und Hilfsorganisationen sowohl aus staatlicher wie auch aus privater Hand bestehen in ganz Deutschland. Dabei nehmen wohnungslose Jugendliche eher Beratungsangebote und obdachlose Jugendliche eher Überlebensangebote in Anspruch (ebd. 27).

Beispielhaft ist die Organisation „Off Road Kids“ von der Off Road Kids Stiftung zu erwähnen. Off Road Kids bietet eine Vielzahl an Beratungs- und Hilfeangeboten für Straßenjugendliche oder auch betroffene Eltern. Bundesweit betreibt die Stiftung Streetwork-Stationen, eine 24 Stunden am Tag verfügbare Notrufnummer und das Webportal sofahopper.de, welches dabei helfen soll den Jugendlichen Schlafplätze und Kontakte außerhalb des Straßenmilieus zu vermitteln (siehe: Off Road Kids Stiftung, 2020).

In Hamburg gibt es zudem das vom Träger Basis & Woge e.V. initiierte Projekt „das KIDS“. Deren Arbeit stützt sich dabei auf drei Säulen. Zum Einen geht es um Krisenintervention in Notsituationen, zum Anderen um das Angebot einer Grundversorgung für die Straßenjugendlichen und letztlich um langfristigere Beratungen zur Perspektivenentwicklung. Dabei setzen sie auf aufsuchende Straßensozialarbeit und auf ihre Einrichtung „das KIDS“, in der sie in Form eines niedrigschwelligen Angebots eine Anlaufstelle für die Jugendlichen bieten. Diese Anlaufstelle bietet den Jugendlichen Schutz, medizinische Hilfe, Grundversorgung, Hygiene und Vertrauenspersonen. So sollen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven gesucht und der Ausweg aus den prekären Lebensverhältnissen gefunden werden. Hierfür wird auf allgemeine, aber auch auf ganz individuelle Angebote zurückgegriffen (siehe: Basis & Woge e.V. , 2020).

Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche weitere Organisationen, die sich  engagiert um jugendliche Wohnungs- und Obdachlose kümmern.

Persönliche Sichtweise

Wie auch das Deutsche Jugendinstitut, schließe ich mich der Meinung an, dass es so etwas wie Kinder- und Jugendobdachlosigkeit in Deutschland gar nicht geben dürfte. Doch der Fall, dass es sie gibt, ist meiner Meinung nach ein Armutszeugnis unserer gesellschaftlichen Strukturen und unseres gemeinsamen Zusammenlebens. Wie kann es hinnehmbar sein, dass die besonders Schutzbedürftigen, nämlich die Kinder und Jugendlichen auf der Straße landen. Hier versagt ein System von Behörden und Jugendschutz schon bevor es überhaupt so weit kommt. Jugendhilfe Einrichtungen, die junge Menschen rauswerfen, sobald sie zum Beispiel Drogen konsumieren oder andere vorgesetzte Regeln missachten, erfüllen meiner Meinung nach ihre pädagogische Arbeit in keinster Weise, sondern schicken die Jugendlichen nur in eine Abwärtsspirale des Jugendschutzes.

An dieser Stelle kritisiere ich auch die Darstellung von Straßenjugendlichen als Ausreißer oder Systemsprenger. Wenn einige Kinder und Jugendliche keinen Platz in unserem Gesellschaftssystem finden, ist das primär ein Defizit des Systems. Hier muss es möglich sein diesen Kindern und Jugendlichen Alternativen zu bieten und sie vor dem Leben in der Wohnungs- und Obdachlosigkeit zu schützen.

Doch bei all der Kritik, darf die Wertschätzung der Arbeit der Straßensozialarbeiter*innen, pädagogischen Fachkräften und weiteren engagierten Helfern und Unterstützern nicht vergessen werden. Diese Menschen nehmen sich der Schicksale der Straßenjugendlichen an und versuchen ihnen in ihren misslichen Lebenssituationen zu helfen. Hier gilt es auch zu erwähnen, dass diese Arbeit keineswegs leicht und einfach ist.

Quellen / Literaturverzeichnis

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