„Hostile Architecture“ in London und Hamburg

von Lara Islinger

Im Juni 2014 trat ein Foto auf Twitter eine Diskussion über die Verdrängung von obdachlosen Menschen von öffentlichen Orten los. Darauf zu sehen sind Metallspitzen, die auf dem Boden vor einem Apartmentkomplex in London angebracht wurden. Das Foto wurde tausende Male in sozialen Netzwerken geteilt, und weltweit berichteten Medien über die „Anti-Homeless Spikes“. Der öffentliche Druck gegen die Verwaltung des Gebäudes wurde so groß, dass die Metallspitzen eine Woche nach Veröffentlichung des Fotos wieder entfernt wurden, die Kontroverse hallte allerdings nach [1]. Denn dies ist bei Weitem nicht der einzige Fall von sogenannter „Hostile Architecture“, und wenn man einmal darauf achtet, findet man in jeder europäischen Großstadt ähnliche Designs.

Der Begriff “Hostile Architecture” kann als feindliche oder defensive Architektur übersetzt werden. Gemeint ist damit eine Gestaltung von Gebäuden, Orten und Objekten, die eine bestimmte Nutzung verhindern soll. Beispiele gibt es viele: Blaues Licht in Toiletten, das Drogenkonsum unterbinden soll (da es das Finden der Venen erschwert) [2] oder spezielle Stopper an Bänken und Treppen, die das Skaten dort unmöglich machen. Die Maßnahmen mögen unterschiedlich sein, aber ihre Botschaft ist immer die gleiche: Ihr seid hier nicht willkommen!

Das Design der Verdrängung

Meistens richtet sie sich an obdachlose Menschen. Um sie von öffentlichen Orten fernzuhalten, lassen sich Grundstückseigentümer und Stadtverwaltungen ständig neue Tricks einfallen. Die Metallspitzen aus London sind ein sehr offensichtliches Beispiel, das entsprechend zu Protest führte. Oft muss man aber genauer hingucken, um „Hostile Architecture“ zu erkennen. So findet sich an öffentlichen Orten kaum noch eine Bank, auf der man sich hinlegen kann. Meistens werden einfach Armlehnen installiert, um die einzelnen Sitzplätze abzugrenzen. Moderne Designs sind noch subtiler. Mittlerweile gibt es auch runde oder leicht abschüssige Bänke, die das Schlafen unmöglich machen. Einige Firmen haben sich bereits auf die Anfertigung solcher Möbel spezialisiert [3].

London geht noch einen Schritt weiter: In den dortigen Bushaltestellen fehlt es oft gänzlich an Sitzgelegenheiten. Außerdem sollen vor einem Bräunungsstudio in Bristol Sprinklereinlagen zum Einsatz kommen, um obdachlose Menschen zu vertreiben [4]. Eine andere Maßnahme ist komplett unsichtbar: Um ein längeres Verweilen von Menschen in Bahnhöfen und an öffentlichen Plätzen zu vermeiden, wird dort klassische Musik in einer endlosen Schleife abgespielt. So geschieht es beispielsweise am Hamburger Hauptbahnhof [5]. Auch auf diese Weise werden mögliche Schlafplätze und Orte, an denen sich Menschen, die auf der Straße leben, aufhalten können, reduziert. Dabei sind diese ohnehin knapp. Aufgrund von neoliberaler Stadtpolitik gibt es mittlerweile kaum Plätze, an denen man einige Zeit bleiben kann, ohne dafür bezahlen zu müssen (wie es etwa in einem Restaurant oder Café der Fall ist). Zudem wird das Problem der Straßenobdachlosigkeit durch „Hostile Architecture“ natürlich keinesfalls gelöst, sondern nur verlagert. Die Menschen ziehen weiter an einen anderen Ort.

Oft ist allerdings genau das der Zweck der Maßnahmen. Denn Städte vertreiben Obdachlose gezielt von repräsentativen und touristisch frequentierten Plätzen [5]. Ein prominentes Beispiel dafür findet sich in Hamburg: Zwischen Neustadt und St. Pauli – also in unmittelbarer Nähe der Landungsbrücken – befindet sich die Kersten-Miles-Brücke, die über die Helgoländer Allee führt. Seit den 1980er-Jahren übernachten dort obdachlose Menschen. Anfang 2011 versuchte die Bezirksverwaltung dem ein Ende zu bereiten, indem sie für rund 100.000 Euro große Steine in den sonst einigermaßen ebenerdigen Boden einfügen ließ. Da diese Maßnahme nicht erfolgreich war, kam später ein drei Meter hoher Zaun hinzu, sodass schlicht kein Platz mehr zum Hinlegen blieb. Nach Protesten wurde der Zaun mittlerweile wieder abgebaut, und auch die obdachlosen Menschen sind zurück. Die Steine blieben [6].

Kreativer Protest

Durch sie wurde auch der Leipziger Fotograf Julius-Christian Schreiner auf die Thematik aufmerksam. Er veröffentlichte 2018 eine Bilderstrecke unter dem Titel „Silent Agents“, die Beispiele von „Hostile Architecture“ in verschiedenen europäischen Großstädten (darunter auch London und Hamburg) zeigt. Der Künstler entschied sich für diesen Titel, da für ihn das spezielle Design Aufgaben übernimmt, die ansonsten von Sicherheitskräften oder der Polizei ausgeführt werden [7]. Eine weitere kreative Kritik an „Hostile Architecture“ kommt gewissermaßen aus den eigenen Reihen. Die Designerin und Künstlerin Sarah Ross entwarf den sogenannten „Archisuit“. Dabei handelt es sich um einen Jogginganzug, an den Polster in geometrischen Formen angebracht sind, sodass die Trägerin auf harten Flächen verweilen kann und das vertreibende Design der öffentlichen Orte seine Wirkung verliert. [8]

 

Zu welch bizarren Mitteln teilweise gegriffen wird, um Menschen zu vertreiben, zeigt die Kontroverse um ein Projekt des deutschen Künstlers Fabian Brunsing sehr anschaulich. 2008 entwarf er die Installation „Pay & Sit – the Private Bench“ [9], wobei eine Parkbank mit Metallspitzen versehen wurde, die zeitweise verschwanden, wenn Münzen eingeworfen wurden. Man muss also bezahlen, um dort zu sitzen. Gedacht war sein Werk als Protest gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Lebens, aber es hatte wohl ungeahnte Folgen: zwei Jahre später berichteten internationale Medien, dass die Verwaltung des „Yantai Park“ im Osten Chinas plane, Bänke nach Brunswicks Konzept aufzustellen [10].

Was bleibt, wenn auch die letzten Zufluchtsorte verschwinden?

Kreativer Protest wie in den hier vorgestellten Projekten spielt mit der Absurdität dieser Maßnahmen, wie sie weltweit in Großstädten wie London oder Hamburg von Privateigentümern und Stadtverwaltungen eingesetzt werden, um obdachlose und arme Menschen von öffentlichen Orten zu vertreiben. Gleichzeitig sind die Konsequenzen bitterer Ernst. Denn was bleibt, wenn auch die letzten Zufluchtsorte verschwinden? „Hostile Architecture“ ist ein weiterer Schritt, obdachlose Menschen aus den Innenstädten zu verbannen. Dabei bieten diese – anders als Randgebiete – schlicht eine bessere Infrastruktur, um das Leben auf der Straße zu bewältigen. Hier gibt es Hilfsangebote, Verdienstmöglichkeiten und die Wege sind einfach kürzer [11]. Die Vertreibung löst keine Probleme, sie beseitigt Obdachlosigkeit nicht. Städtische Verwaltungen sollten mehr Wohnraum für Menschen schaffen, die aktuell im Freien übernachten müssen und ihnen nicht ihre letzten Zufluchtsorte nehmen.

Zitierte Literatur:

[1] Quinn, Benn (2014): „Anti-homeless spikes are part of a wider phenomenon of ‘hostile architecture’”, in: The Guardian, URL: https://www.theguardian.com/artanddesign/2014/jun/13/anti-homeless-spikes-hostile-architecture (18.01.19)

[2] Rudolph, Katja (2015): „Mit blauem Licht gegen Junkies an der Uni“, in: Hessisch/Niedersächsische Allgemeine Online, URL: https://www.hna.de/kassel/nord-holland-ort304156/blauem-licht-gegen-junkies-5040107.html (18.10.19).

[3] Vgl. Factory Furniture, URL: https://www.factoryfurniture.co.uk/ (18.01.19).

[4] BBC News (2018): „Salon criticised over anti-homeless water sprinklers”, URL: https://www.bbc.co.uk/news/uk-england-bristol-42880213 (18.01.19).

[5] Pergande, Frank (2016): „Klassische Musik gegen Drogenkonsum“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, URL: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/klassische-musik-gegen-drogenkonsum-14522565.html (18.10.19).

[6] Jahn, Thilo (2018): „Unbequeme Bänke, nervige Musik. Wie Städte subtil gegen Obdachlose vorgehen“, in: Deutschlandfunk Nova, URL: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/obdachlose-staedte-reduzieren-schlafmoeglichkeiten (18.10.2019).

[7] Hinz und Kunzt (2011): “Kersten-Miles-Brücke. ‚Ganz ehrlich: Es reicht!‘“, in Hinz und Kunzt Online, URL: https://www.hinzundkunzt.de/schreibers-zaun/ (18.10.19).

[8] Bildquelle: https://www.insecurespaces.net/archisuits.html#

[9] Bildquelle: http://www.fabianbrunsing.de/

[10] Meier, Nicola (2018): „Barrieren. Bitte gehen Sie weiter!“, in Zeit Magazin, Nr. 30/2018, URL: https://www.zeit.de/zeit-magazin/2018/30/barrieren-stadt-gitter-steinpoller-scharfe-kanten-verweilen (18.10.19). Die komplette Bildstrecke findet sich auf Schreiners Homepage: https://www.juliuscschreiner.com/silent-agents (18.10.2019).

[11] Telegraph (2010): „Pictures of the day: 17 August 2010”, in The Telegraph Online, URL: https://www.telegraph.co.uk/news/picturegalleries/picturesoftheday/7949682/Pictures-of-the-day-17-August-2010.html?image=10 (18.10.19).

Weitere Quellen:

Andreou, Alex (2015): „Anti-homeless spikes: ‘Sleeping rough opened my eyes to the city’s barbed cruelty’”, in: The Guardian, URL: https://www.theguardian.com/society/2015/feb/18/defensive-architecture-keeps-poverty-undeen-and-makes-us-more-hostile (18.10.19).

Borromeo, Leah (2015): “These anti-homeless spikes are brutal. We need to get rid of them”, in: The Guardian, URL: https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jul/23/anti-homeless-spikes-inhumane-defensive-architecture (18.10.19).

Omidi, Maryam (2014): “Anti-homeless spikes are just the latest in ‘defensive urban architecture’”, in: The Guardian, URL: https://www.theguardian.com/cities/2014/jun/12/anti-homeless-spikes-latest-defensive-urban-architecture (18.10.19).

Petty, James (2016): “The London Spikes Controversy: Homelessness, Urban

Securitisation and the Question of ‘Hostile Architecture’”, in: International Journal for Crime, Justice and Social Democracy, Vol. 5 No. 1, S. 67-81. URL: https://www.crimejusticejournal.com/article/view/792/550 (18.10.19).

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