Großunterkünfte für obdachlose Menschen in Zeiten einer Pandemie?

„Corona ist schlimm, fördern und wohnen ist schlimmer“
– Zitat eines Nutzers des WNP Friesenstraße, 30.03.2020 –

“Inwiefern ist eine Großunterkunft für obdachlose Menschen – in Zeiten einer Pandemie – menschenrechtlich vertretbar?” habe ich mich gefragt. Und mich entschlossen, diesem Thema meinen Essay zu widmen. „Corona ist schlimm, fördern und wohnen ist schlimmer.“ Nachdem der Nutzer des Winternotprogramms in der Friesenstraße diese Aussage für sich getroffen hatte, verließ er das Winternotprogramm und entschied sich für die Straße. Dieser Mensch hatte Angst, Angst um die eigene Gesundheit. Eine Angst, die viele Menschen zurzeit hegen. Seit Ende Februar beeinflusst die Ausbreitung des Corona Virus das alltägliche und persönliche Leben der Menschen in Hamburg und überall auf der Welt. Eine Vielzahl von Maßnahmen sind erlassen worden und Unmengen von Empfehlungen werden ausgesprochen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Doch wie soll ich zuhause bleiben, wenn ich kein Zuhause habe? Wie soll ich mir 30 Sekunden die Hände waschen oder meine eigene körperliche Hygiene beachten, wenn alle Möglichkeiten mir verschlossen bleiben? Wie kann ich mich isolieren, wenn ich doch in der Gemeinschaft lebe? Ähnliche Fragen bei der Umsetzung von Maßnahmen oder Schließungen von Einrichtungen/Örtlichkeiten des öffentlichen Lebens stellt aktuell eine große Herausforderung dar, für obdachlose Menschen und deren Hilfesystem.

Aufgrund der aktuellen Auflagen der Stadt Hamburg mussten viele der Einrichtungen für obdachlose Menschen vorübergehend schließen. Täglich haben sich wichtige Informationen geändert. Und die obdachlosen Menschen waren auf sich allein gestellt, ohne adäquate Versorgung. Nicht verwerflich, wenn man sich an dieser Stelle nicht mehr zugehörig fühlt zu einer Gemeinschaft. Dennoch schärft es den Blick, für die wesentlichen Dinge des Lebens und die Arbeit in der Obdachlosenhilfe.

Man kann Menschen sicherlich gut auf der Straße versorgen, bestimmt auch sehr gut. Es können Kleidung, Essen und Hygieneprodukte verteilt werden. Einrichtungen und mobile Hilfen können Sanitäre Anlagen, medizinische Versorgung und Beratung anbieten. Doch was immer bleibt, ist die Tatsache, dass die Menschen auf der Straße leben. Und auf der Straße gibt es keinen wirklichen Schutzraum. Obdachlose Menschen sind dem, was oder wer an ihnen tagtäglich vorbeigeht (oder -fliegt, in Bezug auf den Virus) schutzlos ausgeliefert.

Kann eine Versorgung auf der Straße und in vorübergehenden Maßnahmen überhaupt menschenwürdig oder menschenrechtlich vertretbar sein?

Wie eine nachhaltige und menschenwürdige Obdachlosenhilfe aussehen kann, zeigt das Konzept von Housing First. Das Konzept von Housing First wurde in New York (USA) von Dr. Sam Tsemberis für die Wohnungslosenhilfe entwickelt. Dabei beruhen diese Erkenntnisse auf den Erfahrungen, die in den 1980/90ern in Nordamerika gemacht wurden. Lange Zeit bestand die Obdachlosenhilfe daraus, dass die Betroffenen erst einen Zugang zu Wohnraum bekamen, wenn sie einen Stufenplan durchliefen. Dieser Stufenplan sah es vor, dass die obdachlosen Menschen für ein eigenständiges Wohnen “trainiert” wurden, was in den meisten Fällen eine psychische Stabilität und Abstinenz voraussetzte.

Housing First soll für obdachlose Menschen einen besseren Ausgangpunkt schaffen, da das „Wohnen“ an vorderster Stelle steht. Das Konzept von Housing First beruht auf acht Grundprinzipien. Eines der acht Grundprinzipien basiert auf den Menschenrechten. Denn nach Artikel 25 (1) der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es:

„Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände“

und Artikel 11 (1) des UN-Sozialpakts lautet:

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie an, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten, und erkennen zu diesem Zweck die entscheidende Bedeutung einer internationalen, auf freier Zustimmung beruhenden Zusammenarbeit an“.

Somit besteht ein Recht auf Wohnen. Daher betont dieses Grundprinzip die rechtlichen Grundlagen von obdachlosen Menschen. Denn nach dem Recht auf Wohnen sollte jeder Mensch einen bedingungslosen Zugang zu angemessenem Wohnraum haben. Daher bietet Housing First Wohnraum an, der das Recht auf angemessenes Wohnen umsetzt. Das zweite Grundprinzip beinhaltet die Wahlfreiheit und die Entscheidungsfreiheit der obdachlosen Menschen. Es steht den Menschen frei, ob und in welcher Form sie das Hilfesystem in Anspruch nehmen wollen. Das Angebot richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen und den jeweiligen Lebenslagen der Menschen. Solch eine Ausrichtung der Angebotsvielfalt erlaubt die Stärkung der Selbstbestimmung der Menschen.

Weitere Grundprinzipien von Housing First sind Trennung von Wohnraum und Betreuung, Recovery-Orientierung, Harm-Reduction, Aktive Beteiligung ohne Druck und Zwang, Personenzentrierte Hilfeplanung und flexible Hilfen so lange wie nötig. Diese acht Grundprinzipien ermöglichen eine bedarforientierte, personenzentrierte und wertschätzende Zusammenarbeit, unter der Vorrausetzung von Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit und basierend auf den Menschenrechten. Housing First schafft damit ein wirkungsvolles Angebot, das den Menschen dabei behilflich sein kann ein unabhängiges Leben zu führen.

Im Konzept von Housing First werden auch der Begriff Ontologische Sicherheit genannt. Die Ontologische Unsicherheit und Sicherheit sind geprägt vom englischen Psychiater Ronald D. Laing. Ontologie steht, übersetzt aus dem Altgriechischen, für die Lehre vom Seienden. Ronald D. Laing beschreibt mit dem Begriff der Ontologischen Unsicherheit einen möglichen Zustand bei Menschen, die unter dauerhafter erlebter Bedrohung und Angst leben und den daraus folgenden Auswirkungen auf das Sein. Der Mensch beginnt, sich nicht mehr als Teil der Gemeinschaft zu sehen und stellt sein eigenes Dasein in Frage. Dem Menschen fällt es schwerer in Interaktion mit der Gemeinschaft zu treten. Denn nur wer sich sicher fühlt, mag und kann frei interagieren und sich explorieren.

Dies birgt die Gefahr, dass die Menschen beginnen psychische Erkrankungen zu entwickeln. Der Mensch beginnt sich zu entfremden. Um dieser Entfremdung entgegenzuwirken, kann man sich laut Ronald D. Laing transzendentaler Erfahrungen bedienen. Das bedeutet eine „Reise… in den inneren Raum und die innere Zeit des Bewusstseins“. Für diese Art von Reisen bedarf es eines Raums der Sicherheit, eines eigenen Schutzraums. Das Housing First Konzept beschreibt durch den Wohnraum eine ontologische Sicherheit zu schaffen. Housing First bietet nicht nur Wohnraum, es bietet einen Schutzraum, den jeder Mensch verdient hat. Ein Schutzraum, wo man wieder zu sich selbst finden kann. Ein Ort der Sicherheit und ohne Angst. Diese Sicherheit bringt den Menschen dazu sich weiterzuentwickeln, weil die Bedingungen vorhanden sind und nicht weil es gefordert wird. Der Mensch kann wieder anfangen sich zugehörig zu fühlen.

Dies ist aber nur möglich, wenn wirklich ein nachhaltiger Wohnraum geschaffen wird. In Hamburg mussten obdachlose Menschen bisher auf das öffentlich-rechtliche Winternotprogramm der Stadt oder durch Gemeinden organisierte Containerprojekte zurückgreifen, um über die Wintermonate zukommen. Das Winternotprogramm bietet
kaum Perspektiven oder angemessenen Raum für die Menschen. Auf Grund der
aktuellen Umstände durch das Corona-Virus, wurde das Winternotprogramm um
zwei weitere Monate verlängert. Doch verändert es das Sicherheitsgefühl für die
obdachlosen Menschen? Am Ende bleibt es eine vorübergehende Lösung, ein
Notfallplan.

von Frederike Hniopek

Quellen

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