Eines Tages im Oktober. Auf der Straße. Sitzend.

von Svenja Krümel

Ich sitze auf der Straße. Gegenüber vom Hamburger Hauptbahnhof, bei der Ampel, die zur Spitaler Straße führt. Da an der Ecke sitze ich, auf dem Boden. Weil es zu dieser Jahreszeit kalt und nass ist, lege ich mir eine Pappe auf den Stein. So zieht die Kälte langsamer in meine Glieder. Ich sitze im Schneidersitz und lehne mich an die glatte, kalte Hauswand. Dann fühle ich mich sicherer.

Ich sehe nichts und höre nichts. Ich fühle.

Ich trage eine Mütze; gegen den Regen und gegen den Wind. Denn vor dem Wind kann auch die Hauswand nicht schützen. Ich trage auch eine Decke um die Schultern. Ebenso wie die Pappe unter mir, hilft sie, dass die feuchte Kälte um mich herum langsamer eindringt. An manchen Tagen ist die Kälte so stark, dass sie direkt in mein Herz zieht und von da aus in alle Ecken meines Körpers gepumpt wird. Da hilft nur Zittern. Aber an den meisten Tagen schafft die Kälte es nur bis zur Haut. Da bleibt sie dann die ganze Zeit und legt sich wie ein Film über jede Zelle. Das geht. Es ist wie eine leichte Betäubung.

Einfach nicht die Finger bewegen.

Durch die nasse Kälte ist meine Nase zu. Aber das ist gut, da ich nicht gerne rieche. Ich stinke. Nach nassem Hund. Das ist ein Geruch, der beißt in der Nase und ist ein bisschen säuerlich. Die Straße riecht nach Essensresten und Benzin. Der einzige Duft, den ich vermisse, ist der Geruch von nassem Stein. Am liebsten morgens. Das riecht wie frisch gewaschen. Da hat die Welt sich sauber gemacht.

Mein Mund schmeckt belegt. Wie wenn man gerade aufgewacht ist, nur den ganzen Tag. Das macht mir meine Zunge schwer.

Wenn ich die Augen öffne, kann ich sehen.

Gucke ich auf den Boden, sehe ich um mich herum nur Grau. Grau mit silbernen Sprenkeln. Sprenkel, so klein, als hätte ein Stern gestaubt. Gucke ich auf den Boden, sehe ich um mich herum nur graue Steine. Ohne einen einzigen Halm Grün. Und genau vor meinen gekreuzten Füßen steht ein alter Pappkaffeebecher. Meistens ist der Becher leicht, als würde der Becher mit den Steinen eins, scheint ihn kaum einer außer mir zu sehen. Der Becher ist eins mit den Steinen und ich bin eins mit der glatten Hauswand, die mich stützt.

Hebe ich den Blick, sehe ich Beine und Füße.

Füße in Schuhen. Braune Lederschuhe, rote Lackschuhe, weiße Turnschuhe. Wenn ich dann nur auf eine Stelle schaue, den Blick halte, fast starre, dann verschwimmen alle diese Beine und Füße in Schuhen zu einem grau-schwarz-braunen Nebel. Dann werden auch die Beine, die an mir vorbeihasten, eins mit dem Hintergrund, vor dem sie gehen. Da wo ich sitze, gehen zu jeder Tageszeit viele an mir vorbei und eigentlich immer schnell. Vielleicht ist das der falsche Ort, um am Ende des Tages einen schweren Pappkaffeebecher zu besitzen.

Was passiert mit mir, wenn ich bald in einer Welt sitze, in der nur noch mit Plastik bezahlt wird und es kein Bargeld mehr gibt?

Doch hier, wo ich sitze, passiert viel, und das hält mich an diesem Ort. Hebe ich den Blick höher, weg von dem Menschennebel, sehe ich den Hamburger Hauptbahnhof. Ich sehe ihn nicht ganz. Ich sehe bloß die Uhr, die Fenster und das Dach. Ich sehe das U-Bahn-Schild, das zur U2 und zur U4 führt. Ich denke, von hier unten sieht das Bahnhofsgebäude noch ein bisschen größer aus, weil ich nicht sehe, wo es anfängt und wo es aufhört. Ich kann meinen Blick schweifen lassen, dann sehe ich den Bahnhof. Oder ich kann ihn fokussieren.

Das ist so mit den Augen. Dann kann ich die Köpfe sehen von den Menschen, die an mir vorbeihasten. Ihre Gesichter kann ich nicht sehen. Weil ich sitze, sehe ich nur ihr Kinn von unten. Und ihre Hälse. An manchen Tagen, wenn es regnet, kann ich nicht lange hochgucken. Dann überschwemmen Regentropfen meinen Blick.

Wenn ich die Augen schließe, kann ich hören.

Wenn mir schwindlig ist vom Menschennebel oder der Regen mir die Sicht trübt, muss ich die Augen schließen. Damit schließe ich die Außenwelt nicht aus. Vielleicht wirkt das so auf die Menschen, die an mir vorbeihasten, sodass ich für sie nur noch mehr eins mit der Hauswand werde. Aber eigentlich nehme ich die Außenwelt nur noch mehr in mich auf.

Denn mit meinen Ohren kann ich um die Ecke gucken.

Meistens höre ich irgendwo Musik, die noch von weit her aus einem Laden klingt. Und wenn ich mich besonders konzentriere, kann ich auch das Surren eines Geldautomaten hören. Ich kann hören, wie der Automat die Karte schluckt – piep, piep, piep, piep, piep – und die Scheine raschelnd in die Hände des Besitzers rutschen.

Sollte ich mich neben einen Geldautomaten setzen?

Wird mein Pappkaffeebecher dann schwerer sein am Ende des Tages? Oder nur noch leichter?

Ganz nah bei mir höre ich Schuhe auf Stein. Manche Schritte klackern, manche ratschen, andere quietschen und wieder andere sind nur ein Hauch, als würde der Mensch beim Hasten den Stein kaum berühren. Ich höre nicht die Autos und Busse und LKW, die für meine Ohren nur noch Hintergrundmusik sind. Und ebenso wenig höre ich die Gespräche der  Hälse und Kinne von unten. Schließlich reden sie nicht mit mir.

Ich fühle mich einsam, obwohl mich jeden Tag so viele Menschen umgeben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.