Von der stationären Jugendhilfe in die Obdachlosigkeit?

von Larissa Reinke

In Deutschland leben nach einer Studie vom DJI schätzungsweise 37.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis einschließlich 26 Jahre auf der Straße oder haben nur kurzfristige Unterschlupfmöglichkeiten. Das sind 37.000 zu viele. Es gibt schon zahlreiche Handlungsempfehlungen zu dieser Problematik, doch sie scheint sich bislang nicht sonderlich zu verbessern.

Obdachlosigkeit: erhöhte Gefahr für Care-Leaver

Auffällig oft wird bei Ausarbeitungen über Straßenkinder und -jugendliche die erhöhte Gefahr für sogenannte Care Leaver angesprochen. Dieser Begriff bezeichnet Kinder und Jugendliche, die in Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe bis vor Kurzem eingegliedert waren oder diese bald verlassen. Man vermutet, dass die Kinder- und Jugendhilfe den Bedarf der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend abdeckt und es nicht schafft, ihre Schützlinge angemessen auf das selbstständige Leben vorzubereiten. Vor allem Jugendliche, die in stationären Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht sind/waren, leiden unter einer starken Benachteiligung, was die Gestaltung eines selbstständigen Lebens betrifft. Da diese Kinder und Jugendlichen oftmals keinen ausreichenden familiären Rückhalt haben und schon sehr früh in die Selbstständigkeit entlassen werden, laufen sie Gefahr schneller in die Lebenslage von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit zu geraten.

Handlungsansätze gibt es genug – theoretisch

Auch hierfür gibt es eigentlich ausreichend Handlungsvorschläge, die bisher nicht umgesetzt werden, weil Verantwortlichkeiten von einer zur nächsten Stelle geschoben werden. Einer ist zum Beispiel: Angebote zu etablieren, die die individuellen Voraussetzungen und Problemlagen der Jugendlichen altersgerecht beachten und sie in ihrem Prozess der Verselbstständigung, auch über die Volljährigkeit hinaus, mit gleichbleibenden Bezugspersonen unterstützen. Ein großes Problem der stationären Kinder- und Jugendhilfe ist nämlich, dass diese meist davon ausgeht, dass der Hilfebedarf mit der Volljährigkeit beendet ist und der*die Jugendliche in die Selbstständigkeit entlassen werden kann.

Die Fortsetzungshilfe nach § 41 SGB VIII (beziehungsweise die „Hilfen für junge Volljährige“) stellt eigentlich bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres eine Soll-Leistung und ab dem 21. Lebensjahr eine Kann-Leistung der Jugendhilfe dar, wird vom Jugendamt aber meist abgelehnt. Grund dafür ist, dass die Voraussetzung für die Fortsetzungshilfe (der*die Betroffene braucht Hilfe, um seine Persönlichkeit zu entwickeln und sein Leben in eigener Verantwortung zu führen), aufgrund von Sparmaßnahmen vom Jugendamt oft nicht anerkannt wird.

Ein sozialrechtliches Bermudadreieck

Der durchaus bestehende Hilfebedarf der Kinder und Jugendlichen in der Jugendhilfe, die durch ihre Vergangenheit viele Problemlagen mitbringen, wird dadurch heruntergespielt. Die Verantwortlichkeit wird somit von der Jugendhilfe weitergereicht und findet keinen Abnehmer – es entsteht ein „sozialrechtliches Bermudadreieck“ in dem niemand die Verantwortung für die jungen Erwachsenen zu übernehmen scheint. In der Studie des DJI werden als Hauptgründe für Obdachlosigkeit bei Jugendlichen Gewalterfahrungen, Verwahrlosungstendenzen in den Herkunftsfamilien, Suchtproblematiken der Eltern und viele mehr genannt. Kinder und Jugendliche bringen vor allem in den stationären Hilfen der Jugendhilfe häufig diese Erfahrungen mit und brauchen demnach ein länger andauerndes sicheres Netz an Bezugspersonen und Zuverlässigkeit, um später ein selbstständiges Leben zu meistern.

Wenn man die Schützlinge in der Jugendhilfe mit Kindern und Jugendlichen vergleicht, die Zuhause aufwachsen, fällt auf, dass die Jugendhilfe viel schneller in ein eigenständiges Leben entlässt als es bei Jugendlichen in ihrer Herkunftsfamilie üblich ist. Dort ziehen die weiblichen Jugendlichen erst mit einem Durchschnittsalter von 22,9 Jahren und die männlichen Jugendlichen sogar erst mit 24,4 Jahren aus dem Elternhaus aus. Vergleicht man diese Ergebnisse mit der Jugendhilfe, haben die Jugendlichen im Schnitt zwischen 4-6 Jahre weniger Zeit, um sich ein selbstständiges Leben aufzubauen. Zusätzlich mangelt es ihnen an familiärem Rückhalt und dem sozialen Netz, da die Familien deren Kinder in der Jugendhilfe stationär untergebracht sind, häufig nicht die Ressourcen haben, um ihr Kind ausreichend zu unterstützen

Auch Bildungsbenachteiligungen treffen Care Leaver häufig

Zusätzlich sind Care Leaver statistisch gesehen überdurchschnittlich oft von Bildungsbenachteiligungen betroffen und haben damit eine weitaus schlechtere Ausgangsposition, um sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren. Damit erfahren die Jugendlichen in der Jugendhilfe nicht nur biografisch bedingte, sondern auch mit der stationären Erziehungshilfe korrespondierende strukturelle Benachteiligungen. Dabei ist das große Ziel der Jugendhilfe doch, die Kinder und Jugendlichen auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Um die Einbrüche nach der Jugendhilfe zu vermeiden, die auftauchen können, wenn die Jugendlichen in die Selbstständigkeit entlassen werden, wird schon lange eine „Volljährigen-Pädagogik“ gefordert. Diese kann dabei helfen, den Übergang in ein selbstständiges Leben zu verbessern und diesen zu unterstützen. Oftmals geht die Beendigung der Jugendhilfe mit mehreren Faktoren einher. Dies sind zum Beispiel der Beginn einer Ausbildung, die Finanzierung des eigenen Lebens und die Verantwortlichkeit dafür, plötzlich alles alleine schaffen zu müssen – darunter fallen zum Beispiel Behördengänge, Bankangelegenheiten, Steuern zahlen und vieles mehr. Der Übergang ins „Erwachsenenleben“ fällt nicht nur Jugendlichen der Jugendhilfe schwer, sondern ist allgemein ein Prozess, der für viele junge Menschen einen großen Wandel bedeutet. Während junge Erwachsene in der Regel aber meist Unterstützung von der Familie oder dem sozialen Umfeld haben, sind Care Leaver meist einer starken Benachteiligung durch mangelnde Unterstützung ausgesetzt.

Die Träger der Jugendhilfe tragen keine Verantwortung mehr für die Jugendlichen und haben in der Regel schon kurz nach deren Auszug neue Schützlinge, die betreut werden müssen. Diese Lücke zwischen Jugendhilfe und dem oft plötzlichen und großen Schritt ins Erwachsenenleben stellt für viele Care Leaver eine große Belastung dar. Auch wenn die stationären Maßnahmen der Jugendhilfe versuchen, die Jugendlichen auf den Auszug und dessen Folgen vorzubereiten, kann dies nicht in ausreichendem Maße erfüllt werden. Die Jugendlichen können sich mit später aufkommenden Fragen kaum noch an ihren alten Träger oder Bezugspersonen wenden, da deren Verantwortlichkeit mit dem Auszug (aus bspw. Wohngruppen) endet.

Keine Unterstützung bei der Orientierung im neuen Lebensabschnitt

Die neuen Ansprechpartner sind dann meist bürokratische Institutionen wie das Jobcenter, welches keinerlei pädagogischen Auftrag hat und somit jungen Erwachsenen keinen angemessenen Rahmen bietet, um sich im neuen Lebensabschnitt orientieren zu können. Die Überforderung der Care Leaver im Umgang mit den Anforderungen des Arbeitsamtes oder sonstigen Institutionen führt dazu, dass die Jugendlichen sich von solchen Institutionen abwenden und sich allein gelassen fühlen. Die strengen Maßnahmen des Arbeitsamtes in Form von Sanktionierungen oder auslaufenden Hilfen kann dann letztendlich dazu führen, dass die jungen Erwachsenen in Obdach- oder Wohnungslosigkeit geraten. Dies hat nichts damit zu tun, dass die Jugendlichen sich nicht einbringen wollen, sondern der Anspruch bzw. die bürokratische Hürde zu hoch ist.

Auch wenn es Maßnahmen wie bspw. trägereigenen Wohnraum gibt, in dem die Jugendlichen ambulant betreut werden, fallen viele aufgrund von Sparmaßnahmen aus den Hilfen der Jugendhilfe raus und müssen schaffen, was viele junge Erwachsene überfordert: ein selbstständiges Leben mit all der Bürokratie, Verantwortung und den Verpflichtungen meistern. Keinen Ansprechpartner für all die neuen Lebensaufgaben zu haben, stellt ein dringend lösungsbedürftiges Problem der Jugendhilfe dar, um zu gewährleisten, dass die jungen Erwachsenen zu Erwachsenen heranreifen können, die gut in die Gesellschaft integriert sind und sich ein Leben aufbauen können. Letztendlich kann die Jugendhilfe so viel mehr leisten, wenn anerkannt wird, dass ein Hilfebedarf nicht mit 18 Jahren endet. Vor allem bei biografischen Hintergründen, die einen guten Start ins Leben vielfach beschränken.

Straßenkarrieren vermeiden

Die Unterstützung durch die Jugendhilfe darf nicht beim Einstieg in das Erwachsenenleben enden, sondern muss diesen Übergang begleiten und so lange verfügbar sein, bis ein fester Stand im eigenständigen Leben gesichert ist. Eine langsame Reduzierung der Hilfen (auch über das 18. Lebensjahr hinaus) bei gleichzeitiger Möglichkeit eine*n Ansprechpartner*in zu haben, ist immens wichtig, um junge Erwachsene wirklich in eine stabile Selbstständigkeit entlassen zu können, anstatt sie Straßenkarrieren auszusetzen.

Der Deutsche Bundestag schreibt in einem Bericht von 2018, dass im Jahr 2016 17.725 junge Menschen über 18 in Trägern der öffentlichen oder freien Jugendhilfe lebten. Doch spätestens mit 19 Jahren befinden sich kaum noch junge Menschen in stationären Hilfeformen. Passend dazu sind dabei die Ergebnisse der DJI Studie, die herausfand, dass der Großteil (37,7%) der Straßenjugendlichen zwischen 18 und 20 Jahre alt ist. Der Weg in das Erwachsenenleben ist für viele junge Menschen ein großer Schritt, der Unterstützung bedarf. Diese muss die Jugendhilfe leisten können, damit die erhöhte Gefahr für Straßenkarrieren von Care Leavern ein Ende findet.

Quellen:

Beierle, S. & Hoch, C. (2018): Straßenjugendliche in Deutschland. Forschungsergebnisse und Empfehlungen. (https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2017/25865_beierle_hoch_strassenjugendliche.pdf, zuletzt: 20.03.2020)

Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste (2018): Wohnungslose junge Menschen. Daten und Fakten aus aktuellen Studien. (https://www.bundestag.de/resource/blob/592586/31fc31caf97e266846dfa2d6d0dc7e91/WD-9-091-18-pdf-data.pdf, zuletzt: 20.03.2020)

 

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