Alltag auf der Straße. Ein Einblick

von Klara Walter

Es ist halb zehn in der Früh. Wir sitzen vor dem Rewe auf dem Boden und warten darauf, dass jemand etwas Geld in den Becher vor uns wirft. Die Menschen laufen an uns vorbei. Sie schauen von oben auf uns herab. Wir schauen von unten zu ihnen hoch. Ein Mann bleibt stehen, schmeißt etwas Kleingeld in unseren Becher, wünscht noch einen schönen Tag und geht weiter.

„Das reicht für zwei Bier“, sagt Hansi und verschwindet im Rewe. Jetzt sitze ich alleine hier.

Ein Mann in einem eleganten Anzug geht, mit hektischen Schritten und Blick auf sein Smartphone gerichtet, so nah an mir vorbei, dass er fast den Becher umtritt. Er bemerkt mich gar nicht. Mein Blick wandert zu der Eisdiele gegenüber. Die Leute sitzen an den Tischen davor, lachen, genießen das schöne Wetter und die gemeinsame Zeit mit ihren Freunden.

„Mami, Mami darf ich der Geld geben?“ Ein Kind in einem rosa Kleid zeigt mit dem Finger auf mich und läuft zu mir herüber. Die Mutter, vollbepackt mit Einkaufstüten, rennt sofort hinterher, begutachtet mich kurz skeptisch und zieht, ohne ein Wort zu sagen, ihr jammerndes Kind von mir weg.

„Ich muss für mein Geld arbeiten gehen!“ grummelt ein älterer Herr im Vorbeigehen. Die Zeit zu fragen, warum ich hier sitze, nimmt er sich nicht. Niemand nimmt sich die Zeit. Wenn die Leute mich bemerken, versuchen sie wegzuschauen, gehen schneller, machen einen Bogen um mich. In den Gesichtern sehe ich Verärgerung, Mitleid oder Gleichgültigkeit. Ich fühle mich unwohl, wie eine Fremde, ausgeschlossen. Als wäre zwischen mir und den Vorbeilaufenden eine unsichtbare Barriere.

Als Hansi sich wieder neben mich setzt, atme ich erleichtert auf. Er gibt mir das Gefühl, verstanden zu werden, mich nicht rechtfertigen zu müssen, eben einfach auf einer Höhe zu sein. Mit ihm ist es leicht, die Umgebung auszublenden. Er reicht mir das Bier und wir verstecken es zwischen unseren Beinen. Der Alkohol hilft. Das Sitzen und Warten ist nicht mehr so deprimierend und die Blicke der Menschen weniger störend. Auch Hansi wirkt deutlich entspannter und seine Hände hören auf zu zittern.

Plötzlich tritt ein Rewe-Mitarbeiter vor uns. In unfreundlichem, strengem Ton sagt er, das Betteln sei auf dem Gelände verboten. Also rutschen wir mit unseren Rucksäcken einen Meter weiter vor über die Grenze des Grundstücks, welche durch die unterschiedliche Beschaffenheit der Böden erkennbar ist.

„Ey, warum seid ihr ohne mich losgegangen?“ höre ich Mitchs aufgeregte Stimme von Weitem rufen. Ich verdrehe die Augen. Mitchs anhängliche Art geht mir in diesem Moment echt auf die Nerven. Er ist zwar ein paar Jahre älter als ich, doch so unselbständig wie ein Kind. Seitdem Mitch Hansi kennengelernt hat, lässt er ihn nicht mehr aus den Augen. Er nimmt sich jeden Tag so unglaublich viel vor, will Arbeit finden, nicht mehr trinken, ein anderes Leben führen. Doch er schafft es nicht, seine Pläne umzusetzen, denn meistens hat das Zusammensein mit Hansi für ihn Priorität. Wahrscheinlich hat er nie gelernt, eigenständig zu handeln.

Wie gerne würde ich gerade ein wenig Ruhe genießen. Ich bin müde, habe kaum geschlafen und brauche unbedingt einen Kaffee. Gestresst von all den Eindrücken am frühen Morgen stehe ich auf und sage, dass ich losgehe. Mitchs Blick fällt auf Hansi, welcher sich ebenfalls seinen Rucksack über die Schulter wirft. Also trotten wir zu dritt zum Tagestreffpunkt der Diakonie.

Rudi ist schon dort. Er sitzt alleine an einem der Tische, den Blick auf seine Hände gesenkt. Er wirkt so verloren, denke ich mir. Das ist Rudi vielleicht auch. Hansi hat ihn am Bahnhof aufgegabelt, wo er orientierungslos und verdreckt mit einer Plastiktüte in der einen und einem Tetrapak Wein in der anderen Hand herumirrte. Er hat sich wohl gefreut, jemanden gefunden zu haben, der ebenfalls aus Tschechien kommt und seine Sprache spricht. So blieb auch er bei Hansi, welchem das Wohl der Anderen oft wichtiger ist als sein Eigenes.

Rudi sieht aus, als wäre er schon über achtzig Jahre alt. Dabei ist er erst Mitte fünfzig. Durch seinen abgemagerten Körper erscheint der pralle Wasserbauch noch größer. Von weitem betrachtet wirkt er ergraut und trist, leblos irgendwie. Doch wenn man ihm ins Gesicht schaut, blickt man in leuchtend blaue Augen, welche eine Sehnsucht und Traurigkeit ausstrahlen, als würde sich in ihnen sein ganzes Leben widerspiegeln. Wir wissen wenig über Rudi. Er redet kaum. Es wirkt, als hätte er aufgegeben, resigniert. Als er uns erblickt, lächelt er. Es ist ein unglaublich warmes Lächeln.

So sitzen wir nun zu viert am Tisch, trinken Kaffee, albern herum, lassen die Zeit verstreichen. Die Atmosphäre im Tagestreffpunkt ist angenehm ruhig. Es sind nicht viele Leute da. Ich fühle mich geborgen und entspanne allmählich. Hier schaut einen niemand blöd an. Man wird so akzeptiert, wie man ist.

„Wir müssen los!“ Hansis Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Der Treffpunkt macht in fünf Minuten zu.

Als wir nach draußen treten, trifft uns eine drückende Hitze. „Lasst uns doch heute im Park grillen, anstatt bei den Schwestern zu essen“, schlage ich vor und freue mich auf ein wenig Abwechslung. Also machen wir uns auf den Weg zum Rewe, ich hoffe wir bekommen noch genug Geld für das Grillzeug zusammen. Die Sonne brennt auf unseren Köpfen und ich spüre, wie mir der Schweiß den Rücken runterläuft und der Rucksack an meinen Schultern reibt. Ständig müssen wir stehen bleiben, um auf Rudi zu warten. Er hat kaum noch Kraft und zittert am ganzen Körper.

„Ich glaube, wir müssen heute noch zur Kleiderkammer“, sagt Hansi, als wir fast am Rewe angekommen sind und deutet auf Rudi. Jetzt bemerke auch ich den strengen Geruch und schaue besorgt auf den dunklen Fleck zwischen Rudis Beinen. Das passiert in letzter Zeit immer häufiger. Wie gerne würde ich ihn zu einem Arzt bringen, doch er weigert sich beständig. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht. „Komm wir gehen jetzt schnell!“ sage ich zu Hansi und wir machen uns auf den Weg zur Kleiderkammer, während Mitch und Rudi schon mal zum Rewe vorlaufen.

Eine halbe Stunde später stehen wir beide verschwitzt an der Kasse und kaufen von unseren letzten 50 Cent eine Hose und ein paar Boxershorts für Rudi. „Seid ihr auf der Reise?“ fragt die ehrenamtliche Helferin und packt die Sachen in eine Tüte. „Ja nach Spanien“, sagt Hansi. Das sagt er immer, wenn ihn jemand fragt. Er ist ein Reisender. Und so sieht er auch aus. Mit seinen blonden, schulterlangen Haaren, dem grünen Wanderrucksack und der sportlichen Kleidung wirkt er auf Außenstehende wie ein Backpacker. Er passt nicht in das stereotype Bild eines Obdachlosen, welches die meisten Menschen im Kopf haben.

Ich schaue mich in der Kleiderkammer um. Es sind viele Leute da, Alte und Junge, niemand sieht so aus, als würde er auf der Straße leben. Rudi kommt mir in den Sinn. Im Gegensatz zu Hansi, kann er die Obdachlosigkeit nicht mehr verstecken. Er hat auch nicht mehr die Kraft, den Weg bis zur Kleiderkammer zu laufen. Wir verabschieden uns von der netten Helferin und machen uns auf den Weg zurück. Hansi ist gut gelaunt, begrüßt die vorbeilaufenden Menschen mit einem lauten „Moin!“ und wirkt so leicht und unbeschwert.

Als wir den Rewe fast erreicht haben, sehe ich von Weitem Mitch und Rudi schon davor sitzen. Plötzlich läuft ein Mann auf sie zu und kickt den Becher, der vor ihnen steht, mit voller Wucht weg. Entsetzt laufen wir zu den beiden und sammeln das verstreute Kleingeld wieder ein. Wütend schaue ich zu dem Mann rüber, der sich zu einer größeren Gruppe ein paar Meter entfernt gesellt. Er hat kurz geschorene Haare und ein Hakenkreuz-Tattoo auf der Wade. Als er mit seinen Freunden weiterzieht, lasse ich erleichtert den schweren Rucksack auf den Boden fallen und setze mich. Ich reiche Rudi die Tüte mit den Sachen. Er nickt kurz, doch kann mir nicht in die Augen sehen. Die Situation muss ihm unglaublich unangenehm sein.

Jetzt heißt es wieder warten. Dieses Warten und von oben herab angeschaut werden ist echt anstrengend, demütigend. Ich merke, wie sich mein ganzer Körper anspannt.

„Warum suchst du dir keine Arbeit?“, frage ich Hansi. Er ist noch jung und körperlich fit, nicht so wie Rudi. Und im Gegensatz zu Mitch ist er eigenständig und macht sich nicht so stark abhängig von anderen. „Ich will frei sein!“, sagt er. „Einfach tun und lassen, was ich will.“

Hansi lebt seit drei Jahren in Deutschland. Er hat schon mehr Städte gesehen als ich, zieht ständig weiter, als wäre er auf der Suche nach etwas. Eine Wohnung hatte er während dieser Zeit nie. In Tschechien arbeitete er in einer Fabrik, in der aus alten Zeitungen Dämmmaterial hergestellt wird. Er erzählte mir, wie oft sie dort Drogen nahmen und in den Zeitungsschnipseln schwammen. Wie er sich abends herumtrieb und sich tagelang nicht bei seinen Großeltern blicken ließ, bei denen er wohnte. Der Kontakt zu seinen Eltern war damals schon schlecht. Er meinte, er sei immer das schwarze Schaf in der Familie gewesen. Seine Schwester starb bei einem Autounfall. Hansi saß am Steuer.

Ich glaube, verarbeitet hat er das bis heute nicht. Es dauerte lange, bis er sich mir gegenüber für einen kurzen Moment vollkommen öffnete und alles erzählte. Tränen standen ihm in den Augen. Hansi ist damals weggelaufen, weg von seiner Familie, von seinen Freunden, von all den negativen Erinnerungen. Nach Deutschland, wo er nur noch im Moment lebt. Nicht zurückblickt, nicht nach vorne schaut. Seine innere Unruhe ertränkt er im Alkohol. Er findet für sich keine Alternative, nichts, was ihn antreiben würde, etwas an seinem Leben zu ändern. Ich denke, dass er sich selbst belügt, wenn er sagt, dass das Leben auf der Straße Freiheit für ihn bedeutet. „Heee, schau doch nicht so“, sagt Hansi und holt mich zurück in die Gegenwart. Es ist Mittag und um uns herum herrscht ein hektisches Treiben. „Du brauchst dir keine Sorgen machen, ich komm schon klar!“

„Hey ihr vier!“ höre ich plötzlich die kratzige Stimme von Lippe, einem jungen Punker und blicke auf. „Ihr seht durstig aus“, sagt er, lässt sich vor uns auf den Boden nieder und zieht ein paar Bier aus seinem Rucksack. Seine kleine Freundin kommt zu mir und umarmt mich. Sie ist zierlich, nicht mal volljährig und hängt wie eine Klette an diesem verrückten Typen. Mit der Zeit gesellen sich immer mehr Leute zu uns, man kennt sich von den Tagestreffpunkten, den Schwestern und begegnet sich täglich auf der Straße.

So sitzen wir umgeben von Leuten vor dem Rewe. Es wird getrunken, gelacht, gestritten, vergessen. Freunde sind es nicht. Es gibt nichts wirklich Positives, was einen verbindet. Keine gemeinsamen Interessen oder Hobbys. Man redet nicht über Gefühle, nicht über Dinge, die einen beschäftigen. Das Zusammensein ist eher zweckmäßig. Zum Schutz. Um ein Gefühl der Zugehörigkeit empfinden zu können, sich nicht ausgestoßen zu fühlen. Um der Abwertung, die von Außen an einen herangetragen wird, nicht alleine gegenüber zu stehen. Um sich in der Gruppe zu vergessen, Orientierungsverluste zu kompensieren. Doch eigentlich verstärkt dieses Flüchten in die Gruppe die soziale Isolation nur. Wir benehmen uns so, wie es die Leute vielleicht auch von uns erwarten. Wir sind laut, pöbeln, stinken, trinken. Wir grenzen uns selbst ab. Die Menschen, die an uns vorbeilaufen, schauen abschätzig auf uns herunter, schütteln den Kopf.

Für die meisten sind wir wahrscheinlich alle gleich. Faul und alkoholabhängig. Ich schaue in die Gesichter der um mich Herumsitzenden. Jeder ist verschieden, hat seine ganz individuellen Probleme.

Ich höre ein Stöhnen neben mir und schaue zu Rudi. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. „Klara, Zigarette?“, fragt er mich und zeigt mir seine Hände, die ganz steif und verkrampft sind. „Rudi, lass uns zum Arzt gehen!“, sage ich. Er zuckt mit den Schultern. Auch Mitch und Hansi bekommen diese kleine Geste mit. Wir schauen uns verblüfft an. Es ist das erste Mal, dass Rudi sich nicht vehement weigert. Eine Stunde später stehen wir drei mit Rudi in der Praxis eines Allgemeinarztes, von dem ich weiß, dass er einmal die Woche eine Krankenstation extra für Obdachlose besucht. „Ist er versichert?“, fragt die Frau am Empfang und begutachtet Rudi. „Nein.“, antworte ich und erkläre ihr die Situation. „Es tut mir leid. Der Doktor hat gleich einen Termin außerhalb. Fahren sie doch  ins Krankenhaus“, beendet Sie das Gespräch. Enttäuscht laufen wir zur S-Bahn-Haltestelle und steigen ohne Ticket in den nächsten Zug. Ich weiß, wo das nächste Krankenhaus liegt. Eigentlich nicht weit entfernt, doch wir brauchen eine gefühlte Ewigkeit. Rudi schleicht langsam und gebückt hinter uns her. Er wirkt gestresst und kraftlos.

Endlich angekommen, betreten wir den weißen, sterilen Empfangsraum der Notaufnahme und stellen uns an das Ende der Warteschlange. „Gibt’s hier Freibier oder was?!“ höre ich eine Pflegerin grummeln, die mit schnellen Schritten an uns vorbeiläuft. Rudi ist angespannt. Er tritt von einem Bein aufs Andere und zieht mit zittrigen Händen einen alten tschechischen Ausweis aus seiner Hosentasche. Wenigstens etwas, denke ich mir. Die Frau am Empfang stellt fest, dass Rudi Alkoholiker ist und fragt uns, was sie denn hier für ihn tun sollen. Er sei kein Notfall. Wir können warten, aber das kann lange dauern, sechs Stunden oder länger. Dafür hat Rudi keine Nerven mehr. Er will nicht mehr. Das Zittern wird immer stärker, er braucht dringend Alkohol. Verzweifelt setzen wir uns nach draußen vor das große Gebäude.

Ich rufe die Krankenstation an, in der Obdachlose behandelt werden. Doch wie erwartet, können sie nichts tun. Sie haben keinen Arzt da, der die Situation einschätzen könnte. Der Pfleger erklärt mir am Telefon, dass erst vom Krankenhaus oder einem Arzt eine Anfrage gestellt werden muss, die dann innerhalb der nächsten Tage bearbeitet werden würde. Er rät mir zur Mobilen Hilfe zu gehen, einem Bus, welcher als Arztmobil umfunktioniert wurde und an verschiedenen Stationen in der  Stadt hält. Wir haben Glück, heute wird eine Station ganz in der Nähe angefahren. Der Arzt der  Mobilen Hilfe ist freundlich und der Erste, der uns ehrlich sagt, dass für Rudi nichts getan werden  kann. Er braucht eine intensive medizinische Behandlung, die ihm aber niemand bezahlen wird. Immerhin drückt er Rudi eine Packung Schmerztabletten in die Hand.

Mittlerweile ist es dunkel geworden und wir beschließen, uns mit etwas Bier und einem Film wieder aufzuheitern. Einige Zeit später sitzen wir betrunken und mit leerem Magen am Open Air Kino, hinter der Absperrung auf einer kleinen Steinmauer und sehen nur die Hälfte der großen Leinwand. Den Eintritt können wir uns nicht leisten.

Rudi hat Schmerzen in den Beinen und steht mit seinem Tetrapak Wein hinter uns. Vorsichtig tippt er mir an die Schulter und ich sehe in seine traurigen Augen. Er nimmt meine Hand, legt eine Kette hinein und umschließt sie fest mit seinen Händen. Die Kette hat er immer bei sich getragen, sie ist von seiner Tochter. Jetzt soll ich sie haben. Vielleicht erinnere ich ihn an sie.

„Guckt doch nicht so betrübt!“, ruft Mitch und zieht eine furchtbare Grimasse. Rudi fängt an zu lachen. Als er lacht, ist es, als würde alles aus ihm herausbrechen. Er bekommt kaum Luft, Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn, seine Augen tränen und sein ganzer Körper bebt.

Den Weg zu unserem Schlafplatz müssen Hansi und Mitch Rudi von beiden Seiten stützen. Er ist so betrunken, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Ich trage seine zwei Plastiktüten.

Beide sind mit Pfandflaschen gefüllt. Mehr als das, was er am Körper trägt, besitzt Rudi nicht. Unser Schlafplatz ist in einem heruntergekommenen Haus, in dem nur noch ein paar Räume von Bands genutzt werden, um dort zu proben. Als wir das riesige, graue Betongebäude erreichen, höre ich gedämpfte Gitarrenklänge. Ich drücke die Klinke der Eingangstür runter und wie jedes Mal überkommt mich ein Gefühl der Erleichterung. Die Tür ist offen.

Bevor Hansi und ich das Haus entdeckten und noch bevor wir Mitch und Rudi kennenlernten, haben wir draußen geschlafen. Unter einer Brücke, vor Geschäften, hinter den Planen einer Baustelle. Man findet keinen ruhigen Schlaf, hat Angst beklaut zu werden, hört ständig alkoholisierte Menschen vorbeilaufen. Privatsphäre, einen Rückzugsort gibt es nicht.

Auch in dem Haus gibt es keine Tür, die wir verschließen könnten. Doch es gewährt immerhin ein wenig Schutz. Ganz oben im fünften Stockwerk steht neben verstaubtem Sperrmüll eine riesige Couch. Hansi hat noch einen kleinen Tisch gebaut, den Müll weggeräumt, gefegt und nennt dieses Plateau des Treppenhauses jetzt liebevoll „Zuhause“.

Wir treten ein. Die Musik schallt laut durch das nackte Treppenhaus. Die obersten Stockwerke sind düster, hier gibt es kein Licht mehr. Müde kraxeln wir die Stufen hoch und legen Rudi auf die Couch. Er fällt sofort in einen tiefen Schlaf.

„Zähne putzen?“ fragt Hansi und grinst mich an. Ich lache. Wie oft habe ich auf ihn eingeredet, damit er sich regelmäßig die Zähne putzt. Vorher war ihm das schlicht egal. Dementsprechend geschädigt sind seine Zähne auch schon. Bewaffnet mit unseren Zahnbürsten tasten wir uns vorsichtig am Treppengeländer entlang, Mitch folgt uns. Zwei Stockwerke tiefer erreichen wir die abgenutzten und vergilbten Toiletten. Richtige Toiletten mit Türen, die man abschließen kann, ohne Geld bezahlen zu müssen. Luxus.

Wir geben wohl ein amüsantes Bild ab, wie wir dort zu dritt vor dem kleinen Waschbecken stehen, mit schwarzen, nackten Füßen und weißem Schaum, der uns aus den Mündern läuft. Der Mann, der plötzlich den Raum betritt, bleibt erst abrupt stehen, sieht uns an und prustet los. „Was macht ihr denn hier?“ fragt er lachend. Eine Antwort will er gar nicht hören. Er ist gut gelaunt, genießt die Nacht mit seinen Bandkollegen und lädt uns auf ein Bier ein. Unsere Augen strahlen. Gratis Bier und live Musik, besser könnte der Tag nicht enden.

Die drei Bandmitglieder werden die Einzigen bleiben, die nicht zu dieser außergewöhnlichen Gruppe von Menschen gehören, welche sich tagtäglich auf der Straße herumtreiben, die uns einladen, Zeit mit ihnen zu verbringen. Es ist ein lustiger, abwechslungsreicher Abend. Der Schlagzeuger versucht vergeblich, mir das Schlagzeugspielen beizubringen, doch ich habe absolut kein Taktgefühl. Am Ende sind nur noch wir zwei übrig. Er holt noch zwei Bier aus dem Kühlschrank, setzt sich dicht neben mich auf die Couch und legt mir seinen Arm um die Schulter.

„Wenn du magst, kannst du heute hier schlafen. Hier bist du sicher“, sagt er und schaut mir in die Augen. Ich spüre, wie seine Hand mein Knie berührt und den Oberschenkel weiter hochgleitet.

„Lass das!“ sage ich und rutsche weg von ihm. Doch das ermutigt ihn nur noch mehr. Er umklammert meine Handgelenke und presst mich mit seinem Körper gegen das Sofa. Ich spüre die Angst durch meinen Körper fließen, befreie mich aus seinem Griff und verschwinde schnell aus dem Raum.

Als ich wie eine Blinde durch das dunkle Treppenhaus nach oben steige, frage ich mich, ob ich auch die Kraft gehabt hätte, nein zu sagen, ohne einen sicheren Schlafplatz und das Wissen, dass ich bei den drei Jungs, zwei Stockwerke über mir, geborgen bin.

Erschöpft quetsche ich mich neben Hansi auf die Couch und schlafe ein.

„Leute, Leute, schlaft ihr oder was?“ eine fremde Stimme reißt mich aus meinem unruhigen Schlaf. Ich blicke hoch und sehe einen jungen Mann mit blonden, kurzen Haaren und kräftiger Statur an dem wackligen Tisch sitzen. Er rollt einen Geldschein zusammen und zieht damit die weiße Line, die er sich auf dem Tisch gelegt hat, durch die Nase. Auch Hansi ist wachgeworden und richtet sich auf. Er schaut auf sein Handy. „Es ist fünf Uhr morgens. Was machst du hier?“, fragt er.

„Wollt ihr auch n’ bisschen Crystal?“ entgegnet der Fremde, legt sich noch eine Line und zieht sie durch die Nase. Dann fängt er an zu reden. Er redet ohne Punkt und Komma, über Ausländer, Hitler, Arme, Reiche und hört nicht auf. Hansi und ich sitzen schlaftrunken vor ihm und können es nicht fassen. Anscheinend sind wir nicht die Einzigen, die diesen Ort nutzen.

Als er endlich weg ist, liegen wir beide noch eine Weile da und lauschen den Geräuschen des verlassenen Hauses.

„Guten Morgen! Hallo! Aufstehen!“ Wieder werde ich von einer fremden Stimme geweckt. Diesmal ist sie laut und bestimmt. Es ist der Vermieter. Er scheucht uns auf und droht damit, die Polizei zu rufen, sollte er uns hier nochmal sehen. Keine Zehn Minuten später stehen wir noch ganz benebelt vor dem schäbigen Haus. „Scheiße!“ flucht Hansi und ein neuer Tag beginnt. Was wird uns heute wohl erwarten?

Rudi stirbt einige Wochen später alleine auf der Straße. Mitch wird verhaftet. Er hat Schulden wegen des Schwarzfahrens. Und Hansi? Er zieht weiter, in eine andere Stadt…

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