Category Archives: Winternotprogramm 2018/19

Die Studierenden haben sich im Winternotprogramm von f&w fördern und wohnen AöR engagiert. Dabei handelt es sich um ein „staatliches Angebot zur Gefahrenabwehr bei kalten Tagen mit frostigen Nächten“. Das WNP war vom 1. November 2018 bis zum 31. März 2019 geöffnet. Standorte: Friesenstraße/ Hammerbrook, 400 Betten und Kollaustraße/ Lokstedt, 250 Betten

Ende und abschließendes Fazit

Es ist Mitte März 2091, und damit neigt sich nicht nur der Winter und damit das Winternotprogramm dem Ende zu, sondern auch unser Engagement für obdachlose Menschen. In den 50 Stunden Arbeit im Winternotprogramm haben wir viel gelernt, sodass wir immer noch dabei sind, alle Erlebnisse zu verarbeiten. Wir hatten die Möglichkeit, Einblicke in das Themenfeld “Wohnungs-/Obdachlosigkeit und Armut” zu bekommen, die uns anders nicht offen gestanden hätten.

Wir gehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge

Wir verlassen das Winternotprogramm mit einem lachenden und einem weinenden Auge – einerseits sind wir irgendwie erleichtert, da die Konfrontation mit Obdachlosigkeit oftmals emotional belastend war, andererseits sind wir traurig über das Ende, denn dieses Projekt hat uns so viel gelehrt und hatte in den letzten paar Monaten einen wichtigen Platz in unserem Alltag eingenommen.

Im November, als wir noch gar nicht wussten, was uns erwarten würde, haben wir über unsere bevorstehende Zeit am Winternotprogramm nachgedacht und uns einige Fragen gestellt, die wir nun beantworten möchten.

1. Wie sehr haben uns Vorurteile gegenüber Obdachlosigkeit bisher beeinflusst?

Ehrlich gesagt: es waren weniger Vorurteile, die uns bisher beeinflusst haben, sondern eher Unwissenheit. Viele Informationen, die wir erhalten haben, haben uns zutiefst schockiert und bei uns die Frage aufgeworfen, warum das alles nicht allgemein bekannt ist und öffentlich angeprangert wird.

Zum Beispiel haben wir erfahren, warum man bei obdachlosen Menschen oft ein amputiertes Bein sieht. Uns ist bewusst geworden, dass wir das zuvor oftmals unbewusst wahrgenommen haben, aber uns nie die Frage nach dem Warum gestellt haben. Wir haben die Antwort von der Krankenstube der Caritas [*], zu der wir eine Exkursion gemacht haben, erhalten:

Es kommt vor, dass obdachlose Menschen, die keine Krankenversicherung haben und mit einem schwer entzündeten Bein ins Krankenhaus kommen, von den dortigen Ärzten vor die Wahl gestellt werden: Bein amputieren oder gar keine Behandlung. Der Grund hierfür ist, dass eine Notfallbehandlung, die mit der Verabreichung von Medikamenten, regelmäßigem Verbandswechsel etc. möglich wäre, sehr kostspielig ist. Da der Patient keine Krankenversicherung hat, müsste das Krankenhaus das Geld für ihn ausgeben. Da die Amputation des Beines für das Krankenhaus die leichtere und kostengünstigere Möglichkeit ist, ziehen sie eine Rettung des Beines, die häufig durchaus möglich ist, gar nicht in Betracht. [**]

Geschichten wie diese sind es, die uns entsetzt und gelehrt haben, in Zusammenhang mit Obdachlosigkeit nach dem Warum zu fragen: Warum werden Menschen obdachlos? Warum haben sie keine Krankenversicherung? Warum fängt der Sozialstaat obdachlose Menschen nicht auf? Warum dürfen obdachlose Menschen sich nur nachts in den Räumlichkeiten des Winternotprogramms aufhalten, obwohl die Gefahr des Erfrierens auch tagsüber besteht?

2. Welcher Umgang mit dem Thema ist für uns angemessen?

Ein Umgang, der es wagt, die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Strukturen zu kritisieren – mit lauter Stimme. Ein Umgang, der obdachlose Menschen nicht zu selbstverschuldeten Opfern macht. Wir sollten uns empathisch verhalten und die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen, ihnen nicht ihre Rechte absprechen. Trotzdem ist es wichtig, seine Stimme für obdachlose Menschen zu erheben, wenn sie es gerade nicht können. Wenn wir mit Freunden oder Familie über Obdachlosigkeit gesprochen haben, sind wir häufig mit Vorurteilen konfrontiert worden. Dadurch, dass wir nun selbst in Kontakt mit obdachlosen Menschen waren, tangieren uns diese Vorurteile und wir versuchen, die Sicht der Betroffenen in den Fokus zu rücken.

3. In welche Position begeben wir uns als Studierende der Universität Hamburg, die im Rahmen eines Seminars in dem Winternotprogramm arbeiten werden?

Im Prinzip haben wir uns in die Rolle von passiven Beobachterinnen begeben. Gerne wären wir aktiver gewesen, hätten tatsächlich helfen können. Aber letztendlich konnten wir mangels Ausbildung und Erfahrung nicht mehr machen, als den obdachlosen Menschen mit Freundlichkeit, einem Lächeln und Wohlwollen zu begegnen – und wir glauben, dass das oft schon gereicht hat. Meistens hat uns diese Passivität allerdings zugesetzt, z.B. wenn uns jemand seine Probleme geschildert hat, konnten wir nur verständnisvoll zuhören und aufmunternde Worte erwidern, aber wir konnten nichts unternehmen, denn dafür waren die Sozialarbeiter/-innen zuständig.

Mit diesen Antworten möchten wir mit dem Projekt abschließen –  auch wenn uns das Thema Obdachlosigkeit sicherlich auch weiterhin begleiten wird.

[*] Interessanter Beitrag über die Hamburger Krankenstube der Caritas im DLF: “Einzige Pflegestation für Obdachlose. Zu uns kommen Menschen mit eingewachsenen Socken

[**] Übrigens: einen interessanten Beitrag zu vorschneller Amputation in Deutschland – unabhängig von Krankenversicherung oder Obdachlosigkeit, hat 2015 der SWR2 gesendet: “Bein ab ohne triftigen Grund. Leichtfertige Amputationen in Deutschland“.

Kollau vs Friese

Das Winternotprogramm Hamburgs verfügt über zwei Einrichtungen. Die Einrichtung in der Friesenstraße (Hammerbrook) ist auch 2018/19 wieder in Betrieb, während der zweite Standort zum ersten Mal in der Kollaustraße (Lokstedt) zu finden ist.

Wegen Überbelegung müssen teilweise Menschen aus der “Friese” in die “Kollau” wechseln.

Die „Friese“ ist mit etwa 400 Schlafplätzen die größere Einrichtung und die „Kollau“ verfügt über rund 250 Betten, die in Containern untergebracht sind. Obwohl aufgrund ihrer geringeren Größe und ihrer Lage in einem Wohngebiet die Einrichtung in der Kollaustraße als die ruhigere gilt (und ihre Bewohner/-innen dementsprechend auswählt), scheint sie bei Menschen, die das Winternotprogramm (WNP) in Anspruch nehmen wollen, der unbeliebtere Standort zu sein. Diese Erfahrung haben wir gemacht, da wir in der Einrichtung in der Friesenstraße arbeiten und regelmäßig, um einer Überbelegung entgegenzuwirken, Menschen davon überzeugen sollen, in die Kollaustraße umzuziehen.

Die “Kollau” ist ruhiger, liegt aber nicht zentral genug.

Oft stößt dieser Vorschlag auf Ablehnung, denn die Nähe der Friese zum Hauptbahnhof überwiegt gegenüber dem Argument, dass die Kollau die angenehmere, ruhigere Einrichtung ist. Ein Bus-Shuttle ist zwar eingerichtet, fährt abends um 19 Uhr von der Friesenstraße aus in die Kollaustraße und morgens um 9:30 Uhr wieder zum Hauptbahnhof. Wer aber darauf angewiesen ist, ist jeglicher Flexibilität beraubt. So schaffen es einige nicht, die Abfahrts- mit ihren Arbeitszeiten in Einklang zu bringen.

Einmal haben wir in der “Kollau” hospitiert.

Im Gegensatz dazu ist die Kollaustraße bei Mitarbeiter/-innen des WNP ein attraktiver Arbeitsplatz, da es dort vergleichsweise weniger hektisch und aufgeladen zugeht. Aus diesem Grund wollten wir auch einmal im Standort in der Kollaustraße hospitieren, um einen eigenen Eindruck zu bekommen. Diese Möglichkeit haben wir letzte Woche bekommen.

Hier ist mehr Kontakt zu den Menschen möglich.

Obwohl wir dort im Grunde die gleiche Aufgabe wie in der Friesenstraße hatten (heißt: „Check-In“), hatten wir die Möglichkeit, mehr auf die Einzelpersonen einzugehen, da weniger Menschen zur gleichen Zeit ankommen. In der Friesenstraße ist uns oft aufgefallen, dass aufgrund der großen Zahl an Menschen, mit denen an der Aufnahme erst einmal die grundlegende Frage des: „Wo schläfst du?“ zu klären ist, oft die Zeit fehlt, auf einzelne Personen und ihre Bedürfnisse einzugehen. Es wäre natürlich wünschenswert, jeder Person gerecht werden zu können, besonders in schwierigen Lebenslagen wie diesen.

Versteckte Obdachlosigkeit

Wir alle haben eine genaue Vorstellung davon, woran man obdachlose Menschen erkennt. Wir kennen diejenigen Obdachlosen, die auf der Straße sitzen und mithilfe von Schildern um Geld bitten, diejenigen, die hier und dort einen Blick in Mülleimer werfen, um Pfandflaschen oder Essbares zu finden und diejenigen, die in die U-Bahn einsteigen und in einer kleinen Ansprache erklären, dass sie obdachlos sind und um finanzielle Unterstützung bitten. All diese Situationen, in denen wir obdachlosen Menschen im Alltag begegnen, brennen uns ein klares Bild von deren äußerlichem Erscheinungsbild in den Kopf.

Obdachlosigkeit lässt sich oft nicht auf den ersten Blick feststellen.

In meiner bisherigen Arbeit in der Winternotunterkunft habe ich festgestellt, dass sich Obdachlosigkeit eben oft nicht auf den ersten Blick feststellen lässt. Es kam nicht selten vor, dass ich einen Kunden, also obdachlosen Menschen, der auf ein Bett in der Unterkunft angewiesen ist, sei es für einige Nächte oder für den ganzen Winter, aus Versehen für einen mir noch nicht vorgestellten Mitarbeiter hielt. An dem Äußeren der Personen konnte man wirklich keine Obdachlosigkeit ausmachen. Ganz im Gegenteil sahen diese Personen aus wie du und ich. Bei einigen hat sich aus Gesprächen dann ergeben, dass sie bis vor Kurzem noch ein geregeltes Leben, Wohnung und Arbeit hatten – und dass unvorhersehbare Umstände dann dazu geführt haben, dass sie sich plötzlich auf der Straße wiederfanden.

Obdachlosigkeit kann jeden von uns treffen.

Diese Beobachtung hat mich erkennen lassen, dass Obdachlosigkeit uns allen widerfahren kann. Für Obdachlosigkeit kann es viele Gründe geben, und wenn die Umstände unglücklich sind, kann sie auch uns treffen. Für mich ist diese Erkenntnis ein Anreiz dazu, mich mehr in obdachlose Menschen hineinzuversetzen. Ich stelle mir die Fragen: wenn ich in dieser Situation wäre, was würde ich brauchen, was würde ich mir wünschen, wie sollten Menschen mir begegnen?

Der Winter beginnt…

Im Winter tragen wir eine dicke Jacke, Mütze, Schal, Handschuhe und warme Winterstiefel. Trotzdem wird uns draußen schnell kalt und wir freuen uns, wenn wir zurück nach Hause kommen, wo wir uns wieder aufwärmen können. Doch nicht alle haben ein wärmendes Zuhause. Deshalb geraten Obdachlose gerade im Winter in unseren Fokus. Wir sehen Menschen, die nachts mit dünnen Decken draußen in der Kälte schlafen. Wir hören Berichte von obdachlosen Menschen, die keinen Schutz vor der tödlichen Kälte gefunden haben und auf einer Parkbank erfroren sind, so wie im Fall von Johanna, die bereits Ende Oktober 2018 der Kälte erlag.

Winternotprogramm – Rettung vor dem Kältetod

Weil diese Not uns allen bekannt ist, gibt es besondere Wintereinrichtungen für Obdachlose, damit diese der Kälte entkommen können. Das Winternotprogramm von fördern und wohnen ist eine solche Einrichtung. Es öffnet seine Türen vom 1. November bis zum 31. März und stellt Obdachlosen an zwei Standorten in Hamburg kostenlos Betten bereit. Tagsüber müssen sie zwar wieder raus auf die Straße. Aber wenigstens wartet ein “Zuhause” auf sie, in dem sie sich nachts wieder aufwärmen können. Für viele Obdachlose ist das staatliche Winternotprogramm die Rettung vor dem Kältetod.

Viele nehmen das Angebot bewusst nicht an.

Doch nicht alle Obdachlosen nehmen dieses Angebot in Anspruch. Für viele obdachlose Menschen kommt eine Übernachtung in den Räumlichkeiten des Winternotprogramms nicht in Frage, etwa weil sie ihren Hund nicht dorthin mitnehmen können und ihn nicht alleine in der Kälte zurücklassen möchten. Auch eine mangelnde Privatsphäre in den Gemeinschaftsschlafräumen und Misstrauen sprechen für sie dagegen.

Der erste reale Kontakt mit Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind.

Wir werden diesen Winter über im Winternotprogramm mitarbeiten. Was genau uns dabei erwartet, werden wir dann sehen, denn obwohl wir alle in einer Großstadt wohnen und ohne Zweifel nahezu täglich am Rande mit offensichtlicher Armut bis Obdachlosigkeit konfrontiert sind, hat keine von uns bisher in konkretem Kontakt mit Obdachlosigkeit oder Menschen, die in Obdachlosigkeit leben, gestanden.

Obdachlosigkeit kann man im Alltag leicht ausblenden.

Es ist leicht, die Tatsache auszublenden, dass Menschen ohne einen festen Wohnsitz und bisweilen ohne irgendeinen schützenden Wohnraum, aber ganz in unserer Nähe leben. Zudem bildet Obdachlosigkeit außerhalb von Straßenmagazinen wie Hinz&Kunzt keinen markanten Teil eines öffentlichen Diskurses, obdachlose Menschen selbst kommen so gut wie nie zu Wort.

Wir sind gespannt, wie der Einsatz im WNP verläuft

Wie sehr haben uns Vorurteile gegenüber Obdachlosigkeit bisher beeinflusst? Welcher Umgang mit dem Thema ist für uns angemessen? In welche Position begeben wir uns als Studierende der Universität Hamburg, die im Rahmen eines Seminars in dem Winternotprogramm arbeiten werden? Wir werden sehen, welche Antworten wir in ein paar Monaten geben können. Ob sich uns neue Fragen stellen werden.