Category Archives: Winternotprogramm 2017/18

Team: Ceren M., Sofia R., Caroline I., Lisa S., Natali A., Annika T.

Ein Bericht aus dem Winternotprogramm im Schaarsteinweg

Einige meiner Kommiliton*innen engagieren sich in der „Friese” – so nennen die Mitarbeiter*innen der Winternotprogramms die andere Einrichtung in der Friesenstraße. Ich hingegen bin in der Einrichtung im Schaarsteinweg aktiv, aber hier ist nach diesem Winter Schluss. Der Standort wird aufgegeben. Einen alternativen Standort für den nächsten Winter gibt es (meines Wissens) noch nicht. Klar ist nur, die „Friese” reicht längst nicht aus… man benötigt deutlich mehr Betten als dort vorhanden sind.

Noch ist es hier aber belebt. Und so ist wieder Sonntag, halb fünf. Draußen ist es fast dunkel und ich sehe schon bei meiner Ankunft eine lange Schlange vor der Tür des Winternotprogramms. Kalt ist es. Und es kommt mir komisch vor, an den wartenden Menschen vorbei zu gehen und herzlich von den bekannten Gesichtern des Sicherheitsdienstes begrüßt und sofort hereingelassen zu werden. Die Sozialarbeiter*innen, die heute Dienst haben, kenne ich schon. So können wir uns zeitig besprechen, denn in einigen Minuten gehen die Türen auf.

Eine klare Rollenverteilung ist wichtig.

Es gibt eine klare Aufteilung: Eine Person gibt Bettkarten und Essensmarken raus, die andere markiert die ankommenden Personen in einer Liste und die dritte Person gibt Hygieneartikel oder auch mal ein Paar Handschuhe raus, sofern welche da sind. Heute gibt es fast keine Bettwäsche mehr, denn die Wäscherei kommt mit der Reinigung nicht hinterher. Jede*r neue Bewohner*in bekommt ein frisches Set, aber was machen nun die Menschen, die ihre erste Nacht im Winternotprogramm verbringen? Wissen wir momentan auch nicht, vermutlich müssen wir sie ohne Bettwäsche auf die Zimmer schicken. So wird es dann auch sein. Morgen bekommen sie dann Lacken und Deckenbezug. Hoffentlich.

Ein geheizter Wartebereich wäre doch wenigstens möglich!

Die Türen gehen auf, und die ersten zwei Personen werden hereingelassen. Mehr sind es nicht, egal wie kalt es draußen ist – die anderen Menschen müssen vor der Tür warten. Sonst wird es schnell zu unübersichtlich in der Aufnahme. Ich kann es irgendwie nachvollziehen: Für den Aufnahmeprozess wäre ein überfüllter, lauter Vorraum sicher nicht förderlich. Aber ich ärgere mich über die Politik. Schließlich sind unsere Politiker*innen in der Verantwortung. Dann muss man halt einen warmen, separaten Aufenthaltsort schaffen, an dem die Menschen warten können, bis Sie ihre Bettkarte bekommen. Oder das Winternotprogramm einfach auch tagsüber öffnen. Oder Wohnraum für alle Menschen bereitstellen…

Reich genug ist die Stadt ja. Schließlich habe wir auch Geld für einen G20-Gipfel. Ich denke darüber nach, wie die Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft stundenlang (das kann in der Tat passieren!) vor der Tür des Winternotprogramms ohne wirklich warme Jacke stehen (oder ohne Schuhe, auch das habe ich an einem anderen Sonntag hier erlebt), um sich eine Bettkarte für ein Mehrstockbett in einem Acht-Personen Zimmer abzuholen, nachdem Sie tagsüber hungrig und halb erfroren zwischen Wärmestube, Hauptbahnhof und Reeperbahn hin und her gewandert sind. Aber was träume ich… Dafür ist gerade keine Zeit.

Namenslisten, Bettkarten, Essensmarken…

Es läuft gut in den ersten 30 Minuten. Die Bewohner*innen können uns alle fix mitteilen, in welchem Zimmer und in welchem Bett sie schlafen. Wir können ihre Ankunft in der Liste notieren, Bettkarten und Essensmarken verteilen, ab und an eine Frage beantworten und freuen uns, als ein Bewohner mitteilt, dass es seine letzte Nacht sei, da er ab morgen eine Unterkunft hat.

Wir verlieren dann aber viel Zeit, denn ein Mensch hat einige Tage nicht im Winternotprogramm übernachtet und sein Bett wurde geräumt. Alleine das herauszufinden hat mindestens 10 Minuten gedauert. Seine „Habe” (also die persönlichen Dinge, die er auf dem Zimmer gelassen hat), liegen im „Habekeller“. Ich suche dort die Tüte mit seinen Sachen, kann Sie aber nicht finden. Der Aufkleber mit seinem Namen hat sich gelöst, eine Kollegin hilft und wir finden schlussendlich die für ihn so wertvollen Sachen. Ein paar Hosen, ein paar Zettel und Stifte.

Erst ab 20 Uhr wird´s ruhiger.

Ich kenne den Mann. Seitdem das Seminar und damit auch das Engagement im Winternotprogramm begonnen hat, übernachtet er im Schaarsteinweg. Der Mann ist vermutlich Ende 30 und gezeichnet von dem Leben auf der Straße. Ich denke darüber nach, wie sehr er körperlich und psychisch abgebaut hat in den letzten Monaten. Er wirkt – im Vergleich zum Herbst – abgemagerter und noch erschöpfter als er damals eh schon war. Zeit zum Nachdenken bleibt aber nicht, denn Bettkarten müssen weiter ausgeteilt werden. Erst ab 20 Uhr wird´s ruhiger. Die Schlange vor der Tür hat sich aufgelöst und vereinzelt kommen noch Menschen, die ihre Bettkarte abholen wollen oder ein Handtuch benötigen oder oder oder. Wir atmen durch.

Chaos in der Kleiderkammer

Es ist Freitag gegen 16:30 Uhr, ich beeile mich. Vor einer Tür auf einer abgelegenen Straße stehen Menschen in einer Schlange. Wie an jedem Freitag treffen wir uns, um uns im Winternotprogramm freiwillig für obdachlose Menschen zu engagieren. Seit knapp einem Semester kommen wir jede Woche, und jedes Mal haben wir den Eindruck, dass wir hier von den Mitarbeiter/innen nicht erwünscht sind. ,,Ach wieder diese Studenten,“ denken sie bestimmt. Jedes Mal müssen wir uns kurz vorstellen und erzählen, warum wir dort sind. Dann gibt es irritierte Blicke. ,,Jetzt muss man die auch noch unterbringen“ sagt einer.

Einweisung in die Kleiderkammer

“Wir machen immer die Kleiderkammer“ flüstert einer von uns. ,,Ach cool!“ Sofort sind alle begeistert. In der Kleiderkammer herrscht totales Chaos. Der Raum ist ziemlich klein und ohne Konzept eingerichtet. Er ist voll mit Säcken voller Spenden. ,,Tja, in der Kleiderkammer mag keiner arbeiten, deswegen sieht es hier so aus“, grinst der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Wir sind fassungslos – letzte Woche sah alles anders aus – wo fangen wir am besten an. Schuhe? Hosen? T-Shirts? Bevor wir in die Kleiderkammer dürfen, werden wir erst mal belehrt, wie wir uns zu verhalten haben.

Wir dürfen nicht alleine sein, nur zu zweit und müssen am besten immer ein ,,Walky-talky“ dabei haben. Die Obdachlosen sollen vor der Tür warten und uns sagen, was sie brauchen, wir suchen dann passende Kleidungsstücke und geben sie ihnen. Ist das eine Unterkunft für Obdachlose oder ein Hochsicherheitstrakt? Warum versuchen die Mitarbeiter/innen uns Angst zu machen? Wir haben unterschiedliche Antworten/Argumente, von ,,So sind wahrscheinlich die Vorschriften“ bis ,,Sie haben mehr Erfahrung.“

Rote Handschuhe und Adidasschuhe

Neulich hatten wir eine ,,Kundin“. Sie kam aus dem slavischsprachigen Raum, war Mitte 40 und sehr schick angezogen. Die Dame meinte, sie brauche neue Stiefel. Erstmal hat sie alles angeguckt, hat sich die schönsten ausgesucht und gefragt, ob diese aus echtem Leder seien. Wir schüttelten den Kopf. Sie legte die Stiefel wieder zurück. Leicht unzufrieden fragte sie, ob wir rote Handschuhe aus Leder oder einen roten Schal hätten. Nachdem sie alles angeschaut hatte, meinte sie, nichts davon, was wir ihr gezeigt haben, passe zu ihrer neuen Handtasche. Als sie gegangen war, kam ein Bewohner. Er wollte auch Schuhe haben – Turnschuhe und zwar nur von Adidas.

Wir haben darüber diskutiert, wie korrekt es wäre, Ansprüche zu stellen, wo man doch alles geschenkt bekommt. Am Ende sind wir zu dem Schluss gekommen, dass jede/r, auch wenn sie/er auf der Straße lebt, das Recht hat sich auszusuchen, was sie/er trägt. Wir tragen auch nicht alles und nehmen auch nicht alle Geschenke an – wir suchen es uns auch aus. Diese Menschen sind genauso wie wir – einfach mit mehr Schicksalsschlägen.

Kleiderkammer sortieren, “Mensch ärgere dich nicht” spielen… und Kontakt zu den Menschen bekommen

Wir, das Team vom Winternotprogramm– Sofia, Natali, Lisa, Annika und Caro – haben mittlerweile unsere ersten Erfahrungen dort gesammelt und sind nun sehr motiviert, unser Engagement fortzusetzen. Bei unserem ersten Termin beim Winternotprogramm am Standort Friesenstraße war zunächst erstmal eine kleine Einführung geplant. Wir waren zu viert dort und haben eine Führung durch das Gebäude bekommen, um uns einen Überblick davon zu verschaffen, wie die Unterbringungen gestaltet sind und wie dort eigentlich gearbeitet wird.

Da es auch für viele Mitarbeiter beim Winternotprogramm der erste Tag war, hatten wir zum Teil den Eindruck, dass niemand so richtig wusste, wo wir jetzt eigentlich genau mithelfen könnten und alle mit der Situation ein wenig überfordert waren.

Uns wurde dann angeboten, uns einfach bei der Aufnahme dazuzusetzen, um zumindest diesen Teil der Arbeit schon einmal kennenzulernen. Das war sehr spannend, da wir so mitbekommen haben, wie vielfältig die Menschen sind, die zum Winternotprogramm kommen – Menschen aller Nationalitäten und auch solche, die man z.B. aufgrund ihres gepflegten Erscheinungsbildes gar nicht für obdachlos halten würde.

Eine Woche später waren wir dann zum zweiten Mal dort und konnten dieses Mal zum Glück auch schon produktiver mithelfen, indem wir zuerst die Kleiderkammer des Winternotprogramms auf Vordermann gebracht haben und uns anschließend mit einigen der Bewohnern im Aufenthaltsbereich hingesetzt haben und eine Partie “Mensch ärgere dich nicht” gespielt haben.

Dieser zweite Termin hat bei uns allen einen sehr positiven Eindruck hinterlassen, da wir nun auch das Gefühl hatten, unsere Mithilfe sei willkommen und gebraucht und vor allem, da wir in den direkten Kontakt mit den obdachlosen Menschen gekommen sind. Dieser direkte Umgang ist es auch, was wir uns für unser Engagement zukünftig erhoffen und vorhaben – die Obdachlosen kennenzulernen und ihnen die Zeit dort ein bisschen angenehmer zu gestalten.

Projektstart… Zeit für Verantwortung

Hallo da draußen! Wir – Annika, Lisa, Ceren, Natali, Caroline und Sofia – engagieren uns diesen Winter im Winternotprogramm. Im Rahmen unseres Engagements vor Ort werden wir uns an der Essensausgabe und jeglichen dazugehörigen Aufgaben beteiligen. Wir werden den Kontakt zu Wohnungs- und Obdachlosen gewinnen, die wir so gut wir können unterstützen wollen.

Zum Beipspiel könnten wir uns vorstellen, abgesehen von der Essensausgabe, Freizeitangebote anzubieten und dadurch tiefgründigeren Kontakt zu den Gästen des Winternotprogramms herzustellen und dieses durch kreative neue Ideen zu bereichern.

Wir alle steigen mit unterschiedlichen Vorerfahrungen in die freiwillige Obdachlosenhilfe ein: Einige von uns haben sich in diesem Bereich bereits engagiert; für andere ist nun endlich der Moment gekommen, an dem das Welt-Verbessern und Endlich-was-tun in den Stundenplan passt.

Berührungspunkte mit Obdachlosigkeit haben wir als Hamburger/innen oder Jetzt-Hamburger/innen alle. Mein persönliches Ziel ist es, mich der Welt zu stellen, mit der ich mich regelmäßig konfrontiert sehe: Es gibt Wohnungs- und Obdachlose. Sie leben in Hamburg. Es ist Zeit, nicht mehr an Ihnen vorbeizugehen, sondern stehen zu bleiben und den Kontakt aufzunehmen. Ich möchte mich auf zwischenmenschlicher Ebene mit Obdachlosen auseinander setzen. Als von Natur aus sehr neugieriger Mensch interessiert mich die Lebensgeschichte der Menschen. Ich möchte Einzelschicksale kennenlernen, um herauszufinden, was im Einzelfall zu Obdachlosigkeit führt und geführt hat. Ich möchte wissen, wie es Menschen verändert obdachlos zu sein.

Ich möchte wissen, was sich Obdachlose von mir als privilegierter Bürgerin Hamburgs wünschen.Welche Erwartungen haben diese an mich? Wie kann ich diesen Erwartungen gerecht werden? Wir haben, meiner Auffassung nach, als Menschen ALLE eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Unsere Verantwortung als Student/innen, und damit Akademiker/innen, ist besonders.

Zeit sich dieser Verantwortung bewusst und ihr gerecht zu werden und die Welt zu verbessern, in der wir leben.