Author Archives: F K

Buch-Rezi: Kein Dach über dem Leben – Biografie eines Obdachlosen

von Fabienne Kollien

In seiner Autobiografie erzählt Richard Brox von seinem Leben als Obdachloser. Dabei gewährt er Einblicke in die Höhen und Tiefen seiner Kindheit und Jugend sowie die Abgründe, die er in den drei Jahrzehnten auf der Straße kennengelernt hat. Durch seine Ratgeber-Website mit Tipps und Bewertungen sozialer Anlaufstellen wurde Brox in Deutschland bekannt.

Das Buch beginnt mit Brox’ Rauswurf aus der Wohnung seiner verstorbenen Eltern, deren Inhalt zugleich gepfändet wird. Zu dem Zeitpunkt ist er einundzwanzig Jahre alt, seiner Drogensucht bereits verfallen und steht zum ersten Mal allein auf der Straße, ohne Hab und Gut, ohne Dach über dem Kopf und ohne Angehörige. Von da an schlägt sich Brox als unabhängiger „Berber“, wie er sich selbst bezeichnet, durchs Leben. Auf diesem Weg trifft er auf Menschen, die ihn nur für kurze Zeit begleiten, ihn jedoch dauerhaft prägen. Nach und nach stellt er sich den Erinnerungen an seine frühe Kindheit. Ab einem Alter von fünf Jahren durchlief er eine „Heimkarriere“ und musste immer wieder vor Ausbeutung und sexuellen Übergriffen flüchten. Dazu kam die Beziehung zu seinen Eltern, die von der Nazi-Zeit schwer traumatisiert waren und Brox nicht die Liebe und Zuwendung bieten konnten, nach der er sich als Kind sehnte. Im Laufe des Buches erfährt man, wie sich Brox mit den Jahren aus der Spirale an Gewalterfahrungen befreit und seine Drogensucht zu bekämpfen versucht. Continue reading

Buch-Rezi: Glück und Leid am Bahnhof Zoo

von Fabienne Kollien

In dem Buch „Glück und Leid am Bahnhof Zoo: Ein Leben für die Bahnhofsmission“ erzählt Dieter Puhl, der die Bahnhofsmission am bekannten Bahnhof Zoo in Berlin leitet, von skurrilen Begegnungen mit Obdachlosen, von engagierten Helfer*innen und von seiner Überzeugung, selbst dazu beizutragen, dass im Kleinen etwas verändert werden kann. Mit bunten Fotos und einer FAQ-Liste im Anhang an Dieters Erzählungen ist das Buch ansprechend gestaltet und gewährt einen Einblick in die Soziale Arbeit in der Bahnhofsmission, der neugierig macht.

Über obdachlose Menschen sagt Dieter: „Sie kamen nicht im Raumschiff vom Mars, um unsere Städte zu belagern, so aber werden sie oft behandelt, wie Fremde von einem anderen Planeten. Bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe wird so schnell von persönlicher Schuld und Verantwortung gesprochen.“ Seinen Angaben nach sind in Berlin schätzungsweise 4.000 bis 6.000 Menschen obdachlos. Die Wohnungsnot in Berlin und die stetig wachsende Zahl osteuropäischer Menschen tragen zu dieser Zahl bei. Continue reading

Prostitution in St. Georg

von Fabienne Kollien

Wie hängen Wohnungs- und Obdachlosigkeit von Frauen in Hamburg mit Prostitution zusammen? Und wie gehen Sozialarbeiter/innen mit Betroffenen um? Um das herauszufinden, habe ich Josie, Sozialarbeiterin in der Beratung und Unterstützung von sich prostituierenden Frauen, in ihrer Einrichtung besucht und zu ihrer Arbeit befragt.

Ich erfahre im Gespräch, dass die Einrichtung sehr niedrigschwellig und das gesamte Beratungsangebot kostenlos ist. Die Klientinnen können ohne Termin zu den Öffnungszeiten vorbeikommen und müssen kein konkretes Beratungsanliegen mitbringen. Sie können sich auch einfach in der Einrichtung aufhalten, das Essenangebot nutzen, duschen, Wäsche waschen und sich ihre eigene Postadresse einrichten. Zudem gibt es Kleider- und Essensspenden von der Tafel. Die einzige Zugangsbedingung ist, dass man weiblich ist oder sich dem weiblichen Geschlecht zuordnet und dass man mit Prostitution zu tun hat bzw. hatte. Die Zuordnung zum weiblichen Geschlecht wird deshalb betont, da auch viele Transfrauen vorbeikommen.

Kein Zutritt für Männer

Männer haben keinen Zugang, da viele der Frauen negative Erfahrungen gemacht haben und die Einrichtung einen Schutzraum darstellt. Dadurch, dass es eine anonyme Beratungsstelle ist, besteht auch keine Zusammenarbeit mit der Polizei. Continue reading

Buchrezi: Abseits

von Fabienne Kollien

Der Bildband „ABSEITS: Vom Leben am Rande der Gesellschaft in Hamburgs Mitte“ erzählt die Geschichten von Menschen in Hamburg St. Pauli, die von Armut betroffen sind. Susanne Groth und Markus Connemann haben darin dreißig Interviews mit Porträtfotos zusammengestellt von Menschen, die sie im CaFée mit Herz getroffen haben. Das CaFée mit Herz richtet sich mit seinem Angebot an die armen, arbeits- und obdachlosen Menschen auf St. Pauli und versorgt diese mit warmen Mahlzeiten, Kaffee und Kuchen. Es wird von Ehrenamtlichen unter der Leitung von Margot Glunz betrieben. Darüber hinaus sind dort Duschen, eine Kleiderkammer und sogar ein Raum für ärztliche Behandlung vorhanden.

„Die Zukunft gehört denjenigen, die an das Schöne ihrer Träume glauben.“

Mit diesem Zitat werden die Porträts vielversprechend eingeleitet. In den Texten erzählen die Besucher/innen des CaFée mit Herz nicht nur, welche Lebensgeschichte sich hinter ihnen verbirgt und wie sie in ihre gegenwärtige soziale Notlage geraten sind, sondern auch, welche Träume sie haben. Dabei sind manche Erzählungen schonungslos ehrlich und regen zum Nachdenken an. Continue reading

Slamtext: Auf den Straßen Hamburgs

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

 

Ich sehe den Mann, der durch die U-Bahn humpelt,

voller Falten um die Augen vom Alkohol

und flehentlicher Miene in dem hageren Gesicht,

er schwenkt einen Pappbecher vor uns her,

in dem ein paar Centstücke klimpern.

 

Die Passanten starren auf ihre Smartphones.

Einige kramen ihr Portemonnaie heraus.

Andere verlassen eiligst den Waggon

Angewidert von so viel nacktem Elend

Und so offensichtlich wenig Würde.

 

Ich sehe die Bettlerin vor der Europa Passage,

wie sie nach jedem ruft, der vorbeikommt,

kaum noch Zähne in dem schmalen Mund

und verdreckte Lumpen am Leib.

Ihr fehlt ein Bein, neben ihr liegt eine Krücke.

 

Die Passanten hetzen vorbei,

die Hände voller Einkaufstüten,

Von H&M und vom Alsterhaus

Den Blick auf die Armbanduhr geheftet.

Die To-Do-Liste für den Tag ist lang.

 

Ich sehe die Frau mit einem zugeschwollenen Auge,

die von Bahnwaggon zu Bahnwaggon wandert.

„Haben sie einen Euro oder fünfzig Cent?“

Immer und immer wiederholt sie ihr Mantra.

Ihr Blick aus dem gesunden Auge ist stumpf und leer.

 

Die Passanten wenden sich beschämt weg.

Das Elend ist hier fehl im Platz, denken sie.

In so einer Wohlstandsstadt wie Hamburg.

Von ihnen zur schönsten Stadt der Welt gekürt.

Wie kann es hier so viel Armut geben?

 

Ich eile morgens am Hauptbahnhof zu Gleis 8,

bahne mich durch die Menschenmassen.

Lärm und Hektik durchfluten mich.

Auf dem Boden liegt eine zerbrochene Bierflasche.

Wie können die Obdachlosen das nur ertragen?

 

Die alten Damen vom Seniorenstift sind empört.

„Was hängen die den ganzen Tag draußen rum?

Und lärmen vor unseren Toren ohne Anstand?

Sollen sie mal einen Job suchen und arbeiten gehen.

Solch Faulheit gehört bestraft!“

 

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

 

Ich war sieben Jahre alt und wartete auf den Bus

Meine Freundin und ihre Mutter saßen neben mir

Wir blickten zu der Bordsteinkante

Dort saß ein Mann mit Irokesenkamm auf dem Kopf,

schwarz-weißes Schachbrettmuster auf dem rasierten Haar.

 

Ich starrte ihn an, befremdet und fasziniert zugleich.

„Der sieht cool aus, nicht wahr?“

Die Mutter der Freundin sah uns an,

während wir Rosinenbrötchen mampften.

Wir Kinder nickten und musterten den Mann.

 

Ich erwache morgens in meinem weichen Bett,

mein Kleiderschrank ist voller Kleidung,

mein Kühlschrank ist voller Essen,

ich kann so viel duschen, wie ich will.

Und meine Heizung andrehen, wenn ich friere.

 

Das ist das, was wir das bürgerliche Leben nennen.

Unser Tag hat feste Uhrzeiten, feste Struktur,

wird nicht bestimmt von der nächsten Dosis Heroin

und nicht von dem nächsten Tropfen Alkohol.

Wofür leben wir auch in einem Sozialstaat?

 

„Die Minusgrade säubert die Straßen von Pennern“

Den Satz meines Mitschülers machte mich sprachlos.

Auch Obdachlose sind Menschen wie wir,

auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen

und sie zum untersten Glied der Gesellschaft degradieren.

 

Auch sie hatten einmal eine Familie,

vielleicht sogar eine eigene Wohnung

bis sich ihr Leben tragisch änderte,

auf eine Weise, vor der jede Eltern ihre Kinder warnen:

„Pass ja auf, dass du nicht auf der Gosse landest!“

 

Sie gehen abends zum Hansaplatz anschaffen,

um sich die nächsten zehn Euro zu verdienen,

danach den kalten Leib mit Schnaps zu wärmen

und sich zu betäuben von diesem Leben,

um nicht daran kaputt zu gehen.

 

Kaputt zu gehen wie die nasskalten Schuhe im Regen,

kaputt zu gehen wie die Wodkaflasche im Alkoholrausch,

kaputt zu gehen wie die Gesichtszüge vom Drogenkonsum,

kaputt zu gehen wie die schönen Momente der Vergangenheit.

So kaputt, so tief gesunken, so geprägt von der Straße.

 

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

 

Hunderte von Füßen rennen jeden Tag vorbei,

Autos hupen und rasen über die Straße,

die Sonne geht in den Morgenstunden auf,

am Abend versinkt sie zwischen den Hochhäusern.

Sie sehen es jeden einzelnen Tag.

 

Die Partygänger vom Kiez setzen sich zu ihnen,

lassen die Bierflaschen herumgehen,

schießen ein Selfie nach dem nächsten

und gehen im Morgengrauen nachhause.

Die Obdachlosen bleiben, bis die Sonne aufgeht.

 

Die Straßen Hamburgs sind ihr Zuhause.

Sie leben zentraler als alle anderen Stadtbewohner

Und doch würden viele von ihnen mit diesen tauschen.

Im Mantel der Nacht fühlen sie sich geborgen

Und dem rauen Leben ausgeliefert zugleich.

 

Wenn sie unter der Brücke Platte machen,

einen Einkaufswagen voller Besitz

und eine versiffte Matratze am Boden

Sich mit ihresgleichen umgeben,

Dann wissen sie, das ist ihr Leben.

 

Sie sind gezeichnet von der Straße,

ausgemergelt von dem Elend,

der Perspektivlosigkeit geweiht.

Nur der morgige Tag zählt,

darüber hinaus ist alles ungewiss.

 

Ich laufe über die Brücke zum Dammtor-Bahnhof.

An einem Mann vorbei, der auf einer Decke am Boden sitzt.

Es sind noch zwanzig Minuten bis zu Seminarbeginn.

in den Händen hält er ein Schild „Ich habe Hunger“.

Zehn Minuten später bin ich zurück, Brötchen in der Hand.

 

Mir lächelt ein wettergegerbtes Gesicht entgegen,

als der Mann die Tüte entgegennimmt.

Ich wende mich um und laufe weiter über die Brücke.

Am Ende der Brücke wende ich mich noch einmal um.

Der Mann beißt in eines der Brötchen.

 

Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft.

Egal, ob wir ein Zuhause haben.

Egal, ob wir eine Familie haben.

Egal, ob wir Steuern zahlen.

Und egal, wie wir aussehen.

 

Die Alster erstreckt sich in aller Pracht vor uns,

doch unter ihren Brücken hausen die Außenseiter

im Schatten unserer Gesellschaft

als Schatten ihrer eigenen Person,

wo sie keinem seiner Illusion berauben.

F.K.

Kleiderkammer Caritas

Meinem ersten Tag innerhalb meines Ehrenamtes in der Kleiderkammer von Caritas in St. Georg sah ich sehr neugierig entgegen. Von den anderen ehrenamtlich Tätigen hatte ich bereits eine kleine Führung durch die Kleiderkammer bekommen und erfahren, wie die Kleidung sortiert wird und wie die Ausgabe an die Besucher/innen verläuft. Der längliche Raum befindet sich im Keller und ist in mehrere Bereiche aufgeteilt. Hinter dem Tresen sind die Regale und Kleiderstangen in zwei Bereiche unterteilt, einen für Männerkleidung und einen für Frauenkleidung. Im Raum am anderen Ende wird neu angekommene Kleidung gelagert und sortiert. Vor dem Tresen ist ein Bereich, in dem die vorhandenen Schuhe in Regalen aufgestellt sind und sich eine Umkleidekabine befindet. Die einzelnen Besucher/innen kommen hierhin, nachdem sie im Warteraum eine Nummer gezogen haben und der Reihenfolge entsprechend von uns Ehrenamtlichen hineingelassen werden.

Die Besucher/innen, darunter viele Männer, wurden von uns nacheinander in den Raum gelassen, und bekamen von uns Kleidung angeboten, wenn sie bestimmte Kleidungsstücke suchten und danach fragten.
Dass die meisten Besucher/innen Geflüchtete sind bzw. eine andere Muttersprache als Deutsch sprechen, hatte ich in dem Maße zuerst nicht erwartet. Wir Ehrenamtlichen begannen deshalb, unsere Kenntnisse in Englisch, Französisch und Italienisch anzuwenden, so minimal diese auch sein mochten. Gleichzeitig versuchten wir jedoch auch, mit den Besucher/innen Deutsch zu sprechen, wenn uns auffiel, dass sie nicht trauten, Deutsch zu sprechen. Einige der Besucher/innen  stellen sich als sehr wählerisch heraus und nehmen sich viel Zeit, das Passende zu finden, andere nehmen kaum etwas mit, während es wiederum Personen gibt, die fast alles mitnehmen wollen, was sie angeboten bekommen.

Ich denke, dass die Weitergabe von Ressourcen wie Kleidung etwas ist, woran sich unsere Gesellschaft mehr orientieren sollte und sich solche Einrichtungen wie Kleiderkammern sehr lohnen. Bei jungen Menschen meiner Generation ist der Kleiderschrank (und nicht nur der Kleiderschrank) oftmals überfüllt mit Kleidung, die noch dazu keinen funktionalen Zweck hat, sondern angezogen wird, weil sie farblich passt, zum Anlass passt oder gerade im Trend liegt, und wird oftmals als Wegwerfware gehandelt. Im Blick darauf finde ich es schön, wenn es Möglichkeiten gibt, mit diesen Ressourcen Menschen zu unterstützen, die sie wirklich nötig haben.