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Skript: Hinz&Kunzt. Das Hamburger Straßenmagazin

Skript zur Episode von Marina Schünemann.

Intro [leise Musik]:

Hallo! Mein Name ist Marina und ich durfte für das Seminar „Hamburg für alle – aber wie?“ einen Blick hinter die Kulissen von Hinz&Kunzt, Deutschlands größten Straßenmagazin, werfen.

Ich habe mit Mitarbeitern und Verkäufern gesprochen und durfte sogar einen Hinz&Künztler für einen Tag an seinem Verkaufsplatz begleiten.

Es war überraschend für mich, zu sehen, wie viel mehr dazugehört, als man von außen auf den ersten Blick erkennt. Das gilt für die Organisation „Hinz&Kunzt“ ebenso wie für die einzelnen Verkäufer, mit denen ich gesprochen habe.

[Musik]

Menschen, die von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen sind, befinden sich oft am sogenannten „Rande der Gesellschaft“. Der „simple“ Umstand, dass sie keine Wohnung haben, hindert sie an Tätigkeiten, die für uns Menschen „in der Mitte der Gesellschaft“ selbstverständlich sind. Und damit meine ich nicht etwa „Luxus“-Tätigkeiten wie ein Kinobesuch mit Freunden, sondern schon grundlegende Dinge, wie z. B. einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachzugehen. Dabei ist „Geh doch arbeiten“ ein Vorwurf, den sich obdach- oder wohnungslose Menschen immer wieder anhören müssen.

Warum das nicht so einfach ist, erklärt mir Stephan Karrenbauer, Sozialpädagoge und politischer Sprecher bei Hinz&Kunzt.

Naja, also für wohnungslose Menschen ist es natürlich wirklich schwierig von der Platte, von einer nicht vorhandenen Wohnung aus zur Arbeit zu gehen. Regelmäßig zur Arbeit zu gehen. Alle, die Arbeiten, wissen, dass man sich freut, wenn man nachhause kommt und sich ausruhen kann. Und die Menschen können sich nicht ausruhen. Die sind, den ganzen  Tag über mehr oder weniger im Stress und sind sogar nachts im Stress, weil man auch gar keine so richtigen Tiefschlafphasen hat. Wer da glaubt, nächsten Morgen, konzentriert, irgendeiner Arbeit nachgehen zu können, das ist vielleicht ein guter Wunsch, und einige Wohnungslose haben ja auch diesen Wunsch, aber es ist einfach nicht praktikabel, weil jeder einfach seine Ruhe braucht und die gibt es auf Platte nicht. Zum anderen kommt noch hinzu, alle Leute, die was gelernt haben, und eine zeitlang aus ihrem Job rausgeflogen sind, können nicht einfach so wieder einsteigen. Also jeder Radio- und Fernsehmechaniker, der zwei/drei Jahre aus dem Beruf draußen ist, findet ohne erst einmal eine Fortbildung nicht wieder in seinen Beruf zurück. Es ist einfach eine technische Entwicklung, die stattfindet, die so schnell ist, dass unsere Leute, die rausgekickt waren, nicht so ohne weiteres reinkommen, wie sich sich das manchmal selbst vorstellen. (Bürokratischer Teufelskreis) Es gibt dann natürlich auch einen bürokratischen Kreislauf, dass jeder Arbeitgeber, das ist egal wo man sich vorstellt, der fragt, wo ist deine Meldeadresse? Die Steuerkarte ist ausgeschrieben auf eine Meldeadresse. Und wenn du diese Sachen nicht vorweisen kannst, dann wird es schwierig. Und welcher Arbeitgeber stellt schon jemanden ein, der sagt: “Ich hab nichts, ich schlaf draußen”? Also, ich muss ganz ehrlich sagen, ich kenne niemanden. Es gibt vielleicht ein paar, die vielleicht nicht so intensiv nachfragen. Also ich kenn ja auch Leute, die es zumindest eine zeitlang versucht haben, von der Platte aus, dann einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, sind dann aber auch irgendwann gescheitert oder der Arbeitgeber hat es gemerkt, dass da irgendwas nicht stimmt – um es mal so auszudrücken – und hat sie dann entlassen. Über einen längeren Zeitraum kenne ich niemanden, der es geschafft hat, wirklich einen – ich sag mal – “normales Leben” fortzuführen.

Es gibt also viele verschiedene Gründe, warum das Arbeiten ohne einen festen Wohnsitz nicht so einfach ist. Deshalb versucht das Projekt Hinz&Kunzt genau an dieser Stelle, einen Übergang zu ermöglichen. Durch den Magazinverkauf können obdach- und wohnungslose Menschen auch ohne festen Wohnsitz oder Bankkonto eigenes Geld verdienen und sind nicht auf „Almosen“ angewiesen. Hinz&Kunzt begegnet ihnen auf Augenhöhe. Ich habe mit Christian Hagen, dem Vertriebsleiter von Hinz&Kunzt über dieses Prinzip des Magazins gesprochen.

Hinz&Kunzt wurde mal vor 25 Jahren unter anderem dazu ins Leben gerufen, dass Menschen in einer sozialen Notlage eine menschenwürdige Alternative zum Betteln haben. Der Verkauf von Straßenmagazinen oder von Magazinen auf der Straße ist etwas, was auf Augenhöhe stattfindet. Da gibt es nicht den großzügigen Spender und den bedürftigen Empfänger, sondern ich verkaufe ein tolles Produkt und bekomme gutes Geld für gute Ware. Das ist etwas, was im Austausch stattfindet und was auf Augenhöhe stattfindet.

Ein weiterer Mythos über obdach- und wohnungslose Menschen ist, sie seien faul und würden den ganzen Tag nur „abhängen“. Aber gerade für sie ist ein geregelter Tagesablauf besonders wichtig. Verkäufer Dennis erzählt mir, wie das bei ihm aussieht.

Ich stehe morgens auf, gegen neun und gehe dann in die Redaktion zu Hinz&Kunzt, trink meinen Kaffe, danach fahr ich los zum Arzt bzw. Ambulanz, hol da mein Substitut ab und wenn ich damit fertig bin, geh ich los, Zeitungen verkaufen. Und das mach ich manchmal sogar bis in die Nacht hinein. Also ich verkaufe meine Zeitungen auf der Reeperbahn, Gastronomie, meistens erst abends und tagsüber nehme ich da die Cafés und verkauf dort. In den Cafés mach ich immer so von mittags bis nachmittags und ab 18 Uhr mach ich abends Reeperbahn Gastronomie-Verkauf, Spielbudenplatz, Theater. Die betrunkenen Jugendlichen sind manchmal ein bisschen komisch, geben zum Teil auch blöde Antworten – da hör ich einfach drüber hinweg. Aber sonst sind die auf der Reeperbahn eigentlich relativ locker.  Es passiert ab und zu, dass ich, bei der Gastronomie, dass wenn ich da lang gehe, dass da vorher schon Leute waren, die einfach gebettelt haben. Natürlich umso mehr da vorbeigekommen sind, umso angenervter sind die Leute. Und dann bekomme ich schon manchmal ein paar komische Texte an den Kopf geknallt. Das ist schon nicht schön. Also wenn ich abends Zeitung verkaufe und es wird ein bisschen später, kann es natürlich vorkommen, dass ich verschlafe, dass ich groggy bin, dass ich Termine auch nicht einhalten kann, immer mal wieder wegschlafe. Aber im Großen und Ganzen versuche ich das irgendwie so zu machen, dass ich mir genügend Schlaf hole. Ich finde, das ist eigentlich auch wichtig.

Die „Redaktion“ wie Dennis es nennt, ist ein wichtiger Bestandteil von Hinz&Kunzt. In den Büroräumen in der Altstädter Twiete arbeiten rund 40 Menschen in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern, u. a. die Redaktion, aber auch z. B. auch Sozialarbeit und Öffentlichkeitsarbeit. 22 der Mitarbeitenden waren früher selbst obdachlos und wissen, worauf es für die Hinz&Künztler*innen ankommt. Einer von ihnen ist Siggi, Mitarbeiter im Vertrieb. Ich treffe ihn am „Tresen“, beim Ausgeben von Zeitungen.

[Geräuschkulisse „Siggi Intro“]

Jetzt soll ich dir erzählen, was ich hier so den ganzen Tag mach. Also, wie gesagt, Verkäufer und Angestellte von morgens bis abends ärgern. (Und ansonsten? Wenn du davon Pause machst?) Wenn ich davon Pause mach, mach ich hier halt Zeitungsausgabe, unterhalt mich mit Verkäufern, versuch zu helfen wo’s zu helfen ist.

[Schnitt]

Die kommen her mit nem Ausweis, dann müssen se Ausweis zeigen, dann tipp ich das eben in den Computer ein und dann müssen’se sagen, wie viele Zeitungen sie haben wollen; wenn sie dann die Zeitungen gekauft haben, dann frag ich noch nach Platz, wo sie eingetragen sind, wo ich sie abhaken soll oder eintragen soll.

Was es mit diesen Verkaufsplätzen auf sich hat, erklärt mir Christian noch einmal genauer:

Dann ist ein ganz entscheidendes Prinzip bei Hinz&Kunzt, dass jeder seinen Stammplatz hat. Wir möchten, dass jeder Verkäufer seinen geschützten Verkaufsplatz hat – und jetzt kommt der wichtige Punkt dabei – an dem er bekannt ist. Wir machen die Erfahrung, dass eigentlich der Zuspruch und die Unterstützung des Verkäufers und aber auch genauso der Verkauf des Magazins sehr stark davon abhängig ist, wie groß das Vertrauen und die Sympathie gegenüber dem Verkäufer ist. Und […] Vertrauen und Sympathie kannst du nur aufbauen, wenn du immer am selben Verkaufsplatz stehst und langsam eine Beziehung zu den Menschen aufbaust. Weil bei Hinz&Kunzt geht’s ja nicht nur darum, dass der Verkäufer sich eine Überlebenshilfe erwirtschaften kann und dass er eine gewisse Struktur und Rhythmus in seinen Alltag bekommt, es geht auch darum, dass er wieder unter Menschen kommt und wieder in der Mitte der Gesellschaft ankommt und mit den Menschen ins Gespräch und in den Austausch kommt.

Einer der Hinz&Künztler, der zufälligerweise ebenfalls Christian heißt, lädt mich ein, ihn auf seinem Stammplatz beim Verkaufen zu begleiten.

Hallo Christian! Wir befinden uns hier am Hamburger Hauptbahnhof, und machen uns ja gleich auf den Weg zu deinem Verkaufsplatz. Magst du dich vorher vielleicht einmal noch selber vorstellen?

Ja, ich heiß Christian, bin 55 Jahre alt, gelernter Elektriker, meine Hobbies waren Skateboard-Fahren, hab ich aber mittlerweile aufgegeben, spiele noch regelmäßig Frisbee und Schach.

[Schnitt]

Und wie lange verkaufst du schon die Hinz&Kunzt?

Ja, fast eineinhalb Jahre jetzt. Das ging so los, als ich nach Hamburg gekommen bin und bis ich meinen Antrag durchhatte für Arbeitslosengeld II hatte ich ja bestimmt fünf/sechs Wochen bis ich das erste Geld bekommen hatte und da war ich froh, dass ich Hinz&Kunzt hatte, dass ich mir noch ein Taschengeld machen konnte.

[Schnitt]

Okay, dann lass uns jetzt mal losgehen.

[Geräuschkulisse „Schritte“]

Ich find meinen Platz recht gut, der war mir von Anfang an sympathisch, also ich kann mich erinnern, dass ich am ersten Tag, ich hatte gerade die Zeitung rausgeholt, ich hatte noch nicht mal mein Schild umgehängt, da kam schon die erste Frau “Ach, sie verkaufen Hinz&Kunzt, geben Sie mir doch mal bitte eine Ausgabe”. Anfangs lief’s dann auch noch ein bisschen schleppend, so die ersten ein bis zwei Monate, aber dann kamen immer mehr Stammkunden dazu und ich hab auch so den Eindruck das die Kunden mich mögen. Manche suchen das Gespräch mit mir, also da ist zum Beispiel der Willi, der lässt sich duzen, der unterhält sich mit mir und schickt seine Frau rein zum Einkaufen. Also ich komm da sehr gut klar.

[Schnitt]

Die Stammkunden haben mich auch sehr aufgebaut. Gerade Sabine, meine Lieblingskundin, also, es ist manchmal gar nicht das Geld, sondern das Gespräch, das mich aufgebaut hat. Weil ich gehör zu ner Randgruppe, aber ich sie hat mir das, wie soll ich sagen, sie hat mir das gezeigt, dass ich auch ein Mensch bin; dass ich nicht irgendwie Abschaum bin oder sonst was. Sie hat mich immer sehr aufgebaut. Außerdem hab ich ihr vielleicht sogar mein Leben zu  verdanken, weil mein erster Herzinfarkt ging ja da auf dem Platz los, mein zweiter. Und da waren die Symptome aber ganz anders als bei meinem ersten Herzinfarkt, deswegen konnte ich das nicht deuten. Und sie ist ehemalige Krankenschwester und dann hab ich ihr die Symptome erklärt, da hat sie gesagt “Christian, du musst sofort zum Arzt!” und ich hab dann gesagt, “Nein, ich bin nicht geduscht”, sag ich, “so geh ich nicht zum Arzt, ich muss erst duschen”. Und dann bin ich auch früher nachhause gegangen als sonst, bin dann noch in der Stadt zum Duschen gewesen und dann ins Krankenhaus und die haben dann sofort die Diagnose Herzinfarkt gestellt und dann war ich auch gleich auf dem OP-Tisch.

[Schnitt]

Ich hab ja nur zwei/drei negative Reaktionen gehabt. (Und was waren das dann für Reaktionen?) Also ein älteres Pärchen… er hat ihr etwas ins Ohr geflüstert – was er gesagt hat, weiß ich nicht – und daraufhin hat sie dann auf mich geguckt und gesagt “ja, so sieht er auch aus”.

Auch wenn Christian und ich nicht rekonstruieren können, was genau das Pärchen wohl getuschelt hat, sind diese Vorverurteilungen gegenüber Menschen, die obdach- oder wohnungslos sind, keine Seltenheit. Dabei kann man es ihnen anscheinend nicht recht machen: Entweder, „die Obdachlosen“ seien zu ungepflegt, oder „zu schick“ sodass sie ja offensichtlich keine Hilfe brauchen würden. Dabei legen gerade obdach- und wohnungslose Menschen häufig Wert auf ein gepflegtes Äußeres, um nicht negativ aufzufallen. Durch Kleiderkammern und andere soziale Organisationen kommen sie dabei teilweise auch an teure Bekleidung – das heißt jedoch nicht, dass sie nicht arm wären.

Darüber spreche ich auch mit Kai, einem anderen Hinz&Künztler. Die Körperpflege ist für ihn, genauso wie für Menschen, die in einer Wohnung leben, ganz normaler Teil seines Tagesablaufs.

Ich sach auch immer das ist wie jeder andere Alltag, der zur Arbeit geht, ist genauso. Ich stehe auf, mach mich frisch, wasche mich, mache meine Morgenwäsche, wenn’s nötig ist, zieh ich mir halt frische Unterwäsche an und halt einmal frisch angezogen, ansonsten mindestens 3x die Woche duschen und ansonsten so auf der Platte ist halt eigentlich das das normal ist ja. Das hört sich vielleicht doof an so, aber man geht dann halt entweder Zeitung verkaufen oder Schnorren, eins von beiden.

Diese Vorverurteilungen von außen sind nicht nur verletzend sondern auch gefährlich. Sie entmenschlichen die Obdachlosen, man blendet sie aus, wenn man an ihnen vorübergeht, wie sie da so sitzen, liegen oder stehen.

Immer wieder ist in den Nachrichten von Gewalt an obdachlosen Menschen zu hören. Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasste für das Jahr 2018 670 Gewalttaten, die an obdachlosen Menschen verübt wurde. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher ist, da viele der Delikte gar nicht erst zur Anzeige kommen.

Dabei hat jeder einzelne von ihnen eigene Gedanken, Vorlieben, Hobbies, Träume. Dennis liest für sein Leben gern und braucht deshalb einen Schlafplatz, der auch nachts noch beleuchtet ist – er schläft vor einem Antiquitätengeschäft. Jede Woche liest er ein bis zwei Bücher, er ist dann “wie in einer anderen Welt“. Norbert ist seit einigen Wochen in einer Unterkunft und kocht jetzt täglich. Das warme Essen bringt er einem Bekannten von ihm, der seinen Schlafplatz nur rund 500m von seiner Wohnung hat. Er schätzt den Kontakt zu seinen Bekannten auf der Straße und ist gesellig, zuhause mit seinen fünf Mitbewohnern wird es ihm aber manchmal zu viel und er fühlt sich eingesperrt. Kai und sein Nackthund King Louis sind unzertrennlich. Christian ist „schachsüchtig“ und Weltentdecker. Er war schon in ganz Europa unterwegs.

Ich bin ein Mensch, der von der Routine lebt: Mein Tag sieht fast ähnlich aus wie der andere, also ich steh halt sehr früh auf. Was ich morgens brauche ist Kaffee und ne Zeitung, das ist wichtig für mich. Ich muss wissen, was auf der Welt los ist. […] Dann geh ich halt zu meinem Verkaufsplatz, verkauf da bis mittags, fahr in die Stadt in die Redaktion, hau da ein paar Euro in mein Sparfach, kauf neue Zeitungen ein,

Manchmal spiel ich noch Schach dort, weil man kommt da ja umsonst ins Internet und ich bin auch ehemaliger Vereins-Schachspieler und spiele sehr gern Schach, also ich bin richtig schachsüchtig, aber ich seh das als positive Sucht. […] Und es macht mir großen Spaß [Verkaufsgespräch].

dann fahr ich nachhause, will meinen Rucksack loswerden […], dann […] geh ich gern in Park, wo ich Frisbee spielen kann, ich hab da auch n Partner, der mit mir regelmäßig spielt, das ist mein Hobby, schon seit über 20 Jahren. Skateboard fahren tu ich nicht mehr, das war früher mein Hobby.

Bevor Christian bei Hinz&Kunzt anfing, Zeitungen zu verkaufen, arbeitete er als Elektriker in Düsseldorf. Dort erlebte er allerdings einen Alkohol-Rückfall und kündigte seinen Job. Nachdem ihm im Krankenhaus in Düsseldorf gesagt wurde, sie seien nicht für ihn zuständig, da er dort nicht gemeldet war, kam er nach Hamburg zur Entgiftung.

Da geht’s dir drei Tage richtig dreckig, also das gönne ich keinem Menschen, so ein richtiger Alkohol-Entzug, also, ist wirklich schlimm. Also ich hab mal mit einem Heroin-Süchtigen gesprochen, der beide Entzüge kannte, den von Alkohol und den von Heroin und er sagte: “Christian, das ist nicht viel Unterschied”, ne. Und ist ja auch so. Ich bin einmal ins Delir gefallen, also das gönn ich keinem Menschen. Du hast Halluzinationen, aber du weißt nicht, dass es Halluzinationen sind. Du glaubst, du bist dabei. Du kannst das alles nicht mehr auseinander halten: Ist das die Realität? Träumst du? Bist du wach? Schläfst du? Oder was ist das überhaupt? Was ist hier los? Du kannst das nicht mehr auseinander halten. Mir hat mal ein Psychologe erklärt, was das ist: Das ist eine Überreaktion des Gehirns. Also wenn du jetzt über einen längeren Zeitraum Alkohol trinkst, meinetwegen über einem halben Jahr jeden Tag ‘ne Flasche Vodka leermachst, und dann auf einmal einen Schnitt machst – das kennt dein Gehirn ja gar nicht mehr, weil dein Normalzustand ist halt alkoholisiert. Und dann ist es eine Überreaktion des Gehirns. Und wenn du langsam runterdosiert, dann macht das nichts – du darfst halt nicht von heut auf morgen einen Schnitt machen. Und den hab ich damals gemacht. Das war ein großer Fehler von mir. […]

Den ersten Entzug hab ich mit dreißig gemacht, der war auch sehr erfolgreich: Ich war dann sieben einhalb Jahre trocken. Ich hab dann sieben einhalb Jahre überhaupt kein Alkohol getrunken. Ich hab geglaubt, dass ich überhaupt kein Rückfall mehr kriegen kann. Aber in Dortmund auf dem Hauptbahnhof ist es dann passiert: Da hab ich dann ein Bier getrunken. Das ging auch ein/zwei Wochen so, dass ich dann ab und zu mal ein Bier getrunken habe. Aber dann habe ich so eine deutsch-polnische Clique kennengelernt und die haben sehr viel Vodka getrunken und da war es dann auch wieder passiert. Wenn dann die ersten Entzugserscheinungen kommen, dann ist der Ofen auch wieder aus. (Und dann warst du im Krankenhaus und hast da Entgiftung gemacht?) Ja ja. Die holen mich dann mit Distraneurin runter und Krampfschutz, obwohl ich noch nie einen Krampf hatte, also Krampfanfälle kenne ich nicht. Ich habe Leute gesehen, die kriegen einen, wenn sie entgiften, aber Delir sind auch nicht schön… Das ist eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe, so ein Delir. Das sind zwar Halluzinationen, aber das ist so realistisch, also du glaubst wirklich, du bist da bei. Das ist so. Du bist dabei. Also du weißt nicht, dass das Halluzinationen sind. Das ist wahnsinnig schlimm, ja.

Einer geregelten Arbeit nachzugehen, ist ihm mit seiner Krankheitsgeschichte nicht mehr möglich, sagt Christian.

Jeder zweite guckt dich an, und nicht alle sind positiv, also ich kriege auch häufig negative Reaktionen. […] Ich finde das sind Vorurteile, ich meine, die wissen ja gar nicht die Hintergründe. Ich fühl mich auch nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Das was ich hier mache, hat mir eigentlich mein Arzt gesagt, also auf der Reha, wurde mir gesagt, dass ich maximal drei Stunden in der Woche […] bedingt arbeiten darf, also eigentlich das, was ich jetzt hier mache.

Gerade dieses Angeschaut-Werden, die Blicke der Vorbeigehenden, ist etwas, was für Christian gerade zu Beginn seiner Zeit als Hinz&Künztler sehr schwierig war.

Ich finde, das da ne ganze Menge Selbstbewusstsein dazugehört. Die ersten ein/zwei Wochen hatte ich da reichlich Schwierigkeiten mit, weil du bist da voll auf dem Tablett: Die Leute kommen von der Kasse und gehen an dir vorbei und jeder zweite guckt dich an, das ist schon ein komisches Gefühl. Aber man gewöhnt sich dran.

[…]

[Schnitt]

(Gibt es etwas, dass du den Hinz&Kunzt-Lesern mitgeben würdest?)

Ja, ich hätte gern, dass die Leute mehr Zeitungen mitnehmen. Viele drücken mir ihr Geld so in die Hand, das ist mir gar nicht recht. Mir wäre es lieber, die Leute würden ihre Zeitung auch mitnehmen, weil ich bin kein Egoist und die Redaktion muss ja auch leben, und ich leb von der Redaktion, deswegen wäre es mir lieber, wenn die Leser wirklich auch die Zeitung mitnehmen und nicht nur mir das Geld in die Hand drücken. Ich versuche schon, den Leuten immer aufzudrängen und viele kommen ja auch zu mir “Ja, ich hab schon die Zeitung”, sag ich: “Dann nehm’se trotzdem noch eine mit und tun’se bei dem Nachbarn in Briefkasten stecken oder so”. Mir ist das gar nicht recht, dass ich nur Geld in die Hand gedrückt bekomme. Aber ablehnen tu ich’s auch nicht. [Schnitt]

Und dann erzählte mir Christian noch, warum er vom Projekt Hinz&Kunzt so überzeugt ist:

Hinz&Kunzt hilft ja auch anderen. Also wenn Sie diese Zeitung kaufen, dann helfen sie ja praktisch drei Mal: Sie helfen mir persönlich, sie helfen der Redaktion, und sie helfen der Armut im Allgemeinen. Und der Inhalt dieser Zeitung ist ja auch nicht schlecht. Also ich finde, dass sie sehr gut geschrieben ist. […]

Damit beenden wir „unseren“ Verkaufstag auch schon und gehen gemeinsam in „die Redaktion“. Auf dem Rückweg bleibt mir Zeit zu reflektieren:

Durch meine Gespräche mit Stephan, Christian & Christian, Siggi, Kai und Dennis und vor allem auch durch diesen gemeinsamen Verkaufstag konnte ich einen genaueren Einblick in die Arbeit eines Hinz&Künztlers gewinnen. Über die Tagesstrukturen, die von außen vielleicht gar nicht vermutet werden. Über das Selbstbewusstsein, das dazugehört, um sich „wie auf dem Tablett“ zu präsentieren, wie Christian erzählte. Das viele Ignoriert-Werden und teilweise sogar negative Kommentare oder Anfeindungen, wie bei Dennis. Aber vor allem auch die positiven Erfahrungen im Verkaufsalltag: Die Gespräche mit Stammkund*innen wie Sabine oder Willi, der seine Frau zum Einkaufen schickt, um in Ruhe mit Christian schnacken zu können. Die Ankunft in „der Redaktion“ – bei vielen Verkäufer*innen fester Bestandteil ihrer Tagesroutine, wo sie auf Siggi oder einen seiner Kollegen treffen, der ihnen versucht „zu helfen, wo’s zu helfen ist“, sie einen Kaffee bekommen oder sich einfach eine Weile aufhalten können.

(Geräusche: Tür öffnet sich, Begrüßung)

So Marina, ich geh jetzt nochmal Schach spielen. (Verabschiedung)

(Musik)

Mein Engagement in der Antikältehilfe e.V.

Die Antikältehilfe ist ein Verein, der 2018 gegründet wurde und aus der Initiative und dem Engagement von Bürger*innen auf St. Pauli entstanden ist, die der Situation, der obdachlose Menschen ausgesetzt sind, entgegenwirken wollten. Die Initiative ist seit 2009 aktiv gewesen und zu der Zeit wurden u.a. zentral auf dem Spielbudenplatz Aktionen initiiert, zu denen mit anderen Gruppen gemeinsam Essen ausgegeben, Kleidung und Hygieneartikel verteilt und Lächeln geschenkt wurden. Die Initiative hat sich im Laufe der Jahre dann dezentralen Aktionen zugewandt, um eher Hotspots und bekannte Platten gezielt ansteuern zu können – dies war ein Ergebnis der Evaluation vorangehender Aktionen.

Kennengelernt habe ich Mitglieder der Antikältehilfe im Sommer 2018 während meiner Tätigkeit im Sankt Pauli Museum in der Davidstraße. Da die AKH zu dem Zeitpunkt in den Büroräumen über dem Museum „zuhause“ war, bin ich meinem heutigen Kollegen Vincent Schmidt dort öfter begegnet. Wir haben uns ausgetauscht, ich bin in den Verein eingetreten und habe im Februar 2019 an den ersten „Back to Bollerwagen“-Verteilaktionen teilgenommen. „Back to Bollerwagen“ deshalb, weil die Antikältehilfe sich nicht an großen Aktionen anderer Gruppen beteiligen möchte, die andere Konzepte verfolgen und eher „wahllos“ Kleidung oder Kuchen im großen Stil auf der Straße verteilen. Es sollte gezielter und effektiver geholfen werden. Continue reading

Neues Lehrangebot im Projekt EngföLe

Liebe Interessierte,

leider wird das Studienprogramm „Hamburg für alle – aber wie? Engagiert für wohnungs- und obdachlose Menschen“ vorerst nicht fortgesetzt. Im Projekt “Engagementförderung durch universitäre Lehre” werden aber weiterhin Lehrveranstaltungen im Studium Generale/freien Wahlbereich angeboten.

Seit dem Sommersemester 2020 können Sie das Projektseminar „Ziviles Engagement und Studium verbinden“ besuchen (LV-Nr. 50-004, 5 ECTS). Schauen Sie doch mal auf dem Blog vorbei: https://civic-engagement.blogs.uni-hamburg.de/.

Im Wintersemester 2020/21 finden zudem zwei Lehrveranstaltungen in Kooperation mit der „Initiative Bildung Macht Rassismus“ statt:

  • „Bildung Macht Rassismus. Vortragsreihe zur Stärkung rassismuskritischen Denkens und Handelns an der Universität“ (LV-Nr. 50-002, 2 ECTS)
  • „Bildung Macht Rassismus. Projektseminar zur Stärkung rassismuskritischen Denkens und Handelns an der Universität“ (LV-Nr. 50-003, 5 ECTS)

Ich würde mich freuen, einige bekannte Gesichter wiederzusehen. Fragen zu den Studienangeboten sind jederzeit willkommen: cornelia.springer@uni-hamburg.de

Eine angenehme vorlesungsfreie Zeit!

Herzlich

Cornelia Springer

Winternotprogramm für Wohnungs- und Obdachlose

Katrin Wollberg, Bereichsleitung Spezialangebote Wohnungslose, Geschäftsbereich Aufnahme und Perspektive, f&w fördern und wohnen, gab einen Einblick in das Winternotprogramm von f&w. Welche Angebote stellt dieses für Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, bereit? Welche sind die zentralen Kritikpunkte, die von Öffentlichkeit und Medien häufig vorgebracht werden?

Das Winternotprogramm von f&w bietet obdachlosen Menschen einen Unterschlupf für die Nächte im Winter. Von November bis März sind die Menschen dort willkommen. Insgesamt bietet fördern und wohnen 650 Schlafplätze. Diese sind aufgeteilt auf zwei Standorte: In der Friesenstraße in Hammerbrook können bis zu 400 Obdachlose beherbergt werden, während die Kollaustraße in Lokstedt über rund 250 Schlafplätze verfügt. Die Notunterkünfte öffnen am Abend und schließen am darauf folgenden Tag um 9:00 Uhr morgens. Die Übernachtungsmöglichkeiten bieten neben einem Bett auch abschließbare Spinds, Waschmaschinen, Duschen und Sanitäranlagen sowie getrennte Paar- und Frauenbereiche. Zudem erhalten die Menschen am Abend Mahlzeiten aus Lebensmittelspenden von freiwilligen Helfer*innen. Die obdachlosen Frauen, Paare und Männer behalten ihr Bett, vorausgesetzt sie kommen jeden Abend aufs Neue. Die Mitarbeiter*innen der Unterkünfte beraten und unterstützen die Wohnungslosen bei der Verbesserung ihrer Lebenssituation. Sie sind Ansprechpartner*innen in Krisensituationen und versuchen den Wohnungslosen bei ihren Belangen zu helfen.

Die Notunterkünfte von f&w sind dazu verpflichtet zunächst einmal alle Menschen, die am Abend vor der Tür stehen, hereinzulassen. In den darauffolgenden Tagen finden (freiwillige) Beratungsgespräche mit den Wohnungslosen statt, in denen es um die Situation der Betroffenen geht sowie um Möglichkeiten aus der Wohnungslosigkeit zu entkommen. Diese Beratungen werden von vielen Menschen als Zwang empfunden. Sie stehen in der Kritik, weil einige Menschen, vor allem Ausländer*innen, nach den Gesprächen abgewiesen werden können. Dies ist der Fall bei Nichtdeutschen, die in ihrem Heimatland noch eine Unterkunft haben. Sie werden vorübergehend an die Wärmestube verwiesen. Zudem werden sie zurück in ihr Heimatland gelockt, indem ihnen z.B. Zugtickets für die Rückreise finanziert werden.

Einen weiteren Kritikpunkt stellen die Öffnungszeiten dar. Tagsüber hat die Unterkunft geschlossen, obwohl die Temperaturen im Winter oft auch tagsüber um den Nullpunkt oder sogar darunter liegen. Die Notunterkünfte rechtfertigen dies damit, dass es Tagesaufenthaltsstätten gibt, in denen die Wohnungslosen Unterschlupf finden können. Dennoch bleibt die Frage, wie vertretbar es ist, die Wohnungslosen morgens aus der Einrichtung zu jagen und bei kältesten Temperaturen im wörtlichen Sinne auf die Straße zu setzen.

– von Nora Andresen –

Kinder-und Jugendobdachlosigkeit in Hamburg

von Natalia Méndez

Deutschland zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Hamburg zu den reichsten Städten Deutschlands. Trotzdem müssen laut des Deutschen Jugendinstituts jedes Jahr 37.000 Jugendliche im Alter von einschließlich 26 Jahren auf Deutschlands Straßen leben. Die Hilfsorganisation Off Road Kids, die sich auf Kinder- und Jugendobdachlosigkeit fokussiert, geht davon aus, dass die Obdachlosigkeit der unter 27-Jährigen in drei Jahren auf über 100.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland steigen wird. Die Diakonie und Caritas schätzen, dass aktuell ungefähr 2.500 Menschen in Hamburg obdachlos sind. Wie viele davon minderjährig sind oder zu den Jugendobdachlosen gehören, ist jedoch unklar. Erwähnenswert ist zudem, dass die Grauziffer hoch ist. Trotzdem ist eindeutig: Die Obdachlosigkeit war in Hamburg noch nie so hoch wie heutzutage. Continue reading

Kleiderkammer XXL bei Hanseatic Help

„Helferheld*in“ werden geht, laut Hanseatic Help, ganz schnell und unkompliziert. Einfach vorbeikommen, anpacken und zack – Teil des wahnsinnig großen Teams sein. Ungefähr so lief unser Engagement bei Hanseatic Help auch ab. Sobald man einen Fuß in die Kleiderhalle in der Großen Elbstraße setzt, wird man freundlich begrüßt, herumgeführt und in die groben Abläufe der Kleidersortierung eingewiesen. Allzu konkret wird es aber nicht, denn learning by doing wird in der Kleiderhalle großgeschrieben. Oder „Einfach machen“, wie es der Leitsatz des Vereins bezeichnet. In der großen Halle stapelt sich Kleidung bis fast unter die Decke und jeden Tag kommen neue Spenden rein. Die Spendenannahme ist der erste Stopp für die Spenden in der Kleiderhalle.

Dort haben auch wir uns hauptsächlich eingebracht und Kleidung grob aus- und vorsortiert. Es geht hauptsächlich darum, die Kleidung nach Art einzuteilen und Kleidungsstücke auszusortieren, Continue reading

Wohnungslosigkeit in Zeiten von COVID-19

von Sandra Kupilas

Hamburg im Frühjahr 2020. Ein kurzer Blick in die Straßen genügt, um festzustellen, hier stimmt etwas gewaltig nicht. Die Innenstadt wirkt menschenleer. Vereinzelt erhascht man ein paar vorbeiziehende Personen, die sich wohl auf dem Arbeitsweg befinden oder sich nochmals aus der Quarantäne trauen, um sich rasch mit Lebensmitteln einzudecken. Eine entschleunigte und fast gespenstische Atmosphäre hat sich breitgemacht. Der Alltag der Menschen ist lahmgelegt oder auf ein Minimum an Bewegungsfreiheit beschränkt. Das COVID-19-Virus hat den Weg aus dem fernen China recht schnell nach Europa gefunden. Seine Auswirkungen auf das Gesundheitssystem, die Politik und die Weltwirtschaft hat schnell unvorstellbare Dimensionen angenommen und das alltägliche Leben der Hamburger*innen immens eingeschränkt. Mensch muss sich nun in der vorherrschenden „Corona-Krise“ mit neuen politischen Maßnahmen auseinandersetzen, die gegen die Ausbreitung des Virus beschlossen wurden. Maßnahmen wie Social-Distancing, Selbst-Quarantäne und neue Schutz- und Hygieneregeln. Continue reading

„Typen“ weiblicher Wohnungslosigkeit

Frauen wurden lange Zeit in den Forschungsergebnissen der Wohnungslosenhilfe nicht gesondert betrachtet. Es wurde davon ausgegangen, dass Wohnungslosigkeit eher Männer betrifft als Frauen. In den 1970er Jahren änderte sich die Sichtweise. Frauen wurden ebenfalls in die Forschungen aufgenommen, da diese immer mehr in den bereits bestehenden Angeboten und Anlaufstellen für wohnungslose Menschen beobachtet wurden. Teilweise entstanden Einrichtungen und spezielle Angebote nur für Frauen, wie zum Beispiel Frauenhäuser, Tagesaufenthaltsstätten für Frauen usw. (vgl. Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 167). „Heute ist die besondere Lebenslage von wohnungslosen Frauen unbestritten und die Notwendigkeit eines frauenspezifischen Zugangs wird im Hilfesystem anerkannt.“ (Lutz/ Sartorius/ Simon 2017, 167). Dies ist von besonderer Bedeutung, denn die Zahl der wohnungslosen Frauen steigt. Continue reading

Großunterkünfte für obdachlose Menschen in Zeiten einer Pandemie?

„Corona ist schlimm, fördern und wohnen ist schlimmer“
– Zitat eines Nutzers des WNP Friesenstraße, 30.03.2020 –

“Inwiefern ist eine Großunterkunft für obdachlose Menschen – in Zeiten einer Pandemie – menschenrechtlich vertretbar?” habe ich mich gefragt. Und mich entschlossen, diesem Thema meinen Essay zu widmen. „Corona ist schlimm, fördern und wohnen ist schlimmer.“ Nachdem der Nutzer des Winternotprogramms in der Friesenstraße diese Aussage für sich getroffen hatte, verließ er das Winternotprogramm und entschied sich für die Straße. Dieser Mensch hatte Angst, Angst um die eigene Gesundheit. Eine Angst, die viele Menschen zurzeit hegen. Seit Ende Februar beeinflusst die Ausbreitung des Corona Virus das alltägliche und persönliche Leben der Menschen in Hamburg und überall auf der Welt. Eine Vielzahl von Maßnahmen sind erlassen worden und Unmengen von Empfehlungen werden ausgesprochen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Doch wie soll ich zuhause bleiben, wenn ich kein Zuhause habe? Continue reading

Post sortieren, Duschmarken ausgeben oder als Schnibbelhilfen einspringen – Engagement im herz as

Die vergangenen Monate haben wir uns freiwillig im herz as engagiert. Das herz as ist eine Tagesaufenthaltsstätte für wohnungs- und obdachlose Menschen. Da es sich um eine Tagesaufenthaltsstätte mit verschiedenen Angeboten handelt, gibt es auch viele verschiedene Bereiche, in denen wir uns einbringen konnten. Im Großen und Ganzen gibt es die Möglichkeit für 50 Cent Mittag zu essen, hygienische Einrichtungen oder die Poststelle zu nutzen, und selbstverständlich ist auch eine Beratungsmöglichkeit gegeben.

Zu Beginn ging es primär darum, dass wir und auch das herz as und seine Besucher ein Gefühl für einander bekommen mussten.

Daher haben wir uns zu Anfang vornehmlich im Hauptsaal aufgehalten, Spiele gespielt oder mit Peter und Gästen gemeinsam gezeichnet. Später schauten wir vor allem in die Hygiene und ab und zu auch in die Post rein und halfen dort mit. Bei der Poststelle können sich Gäste des herz as eine Postadresse einrichten. Continue reading

Das Leben kann sich innerhalb von wenigen Minuten ändern.

Das Leben kann sich innerhalb von wenigen Minuten ändern. Plötzlich hat man gar nichts, all das, was noch selbstverständlich erschien, ist jetzt nicht mehr greifbar. Dann stehst du da mit allem und nichts. Überfordert und ratlos, denn sowas ist dir fremd, sowas hättest du nicht erwartet. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt in deinem Leben, vielleicht wird es mit der Zeit leichter, vielleicht ist nicht für immer.

Ständig begegnen wir Menschen, denen etwas Ähnliches oder genau das gleiche passiert ist. Wir treffen sie auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg nach Hause zu unseren Familien oder beim Einkaufen, doch nehmen wir ihre Existenz nicht wahr bzw. nur für diesen einen Moment und vergessen sie spätestens an der nächsten Straßenecke wieder. Doch gerade in den kalten Jahreszeiten sollten wir uns mehr mit ihnen beschäftigen, denn es könnte uns allen passieren. Unsere Hand zu reichen und etwas tun, auch wenn es nur eine Spende ist, oder etwas Warmes kaufen, alles wäre mehr als genug. Wir alle kennen die Vorurteile und die Klischees, die Vorwürfe und die Feindseligkeit, die viele an den Tag legen, trotzdem schauen viele lieber weg oder haben Ausreden, weshalb sie nicht helfen können. Wir alle können uns in gewissen Momenten mit denen identifizieren, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Aber das sollte sich im vergangenen Winter ändern, denn ich habe mir zu Aufgabe genommen, dieses Milieu besser kennenzulernen, es anzutasten. Continue reading

Von der stationären Jugendhilfe in die Obdachlosigkeit?

von Larissa Reinke

In Deutschland leben nach einer Studie vom DJI schätzungsweise 37.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis einschließlich 26 Jahre auf der Straße oder haben nur kurzfristige Unterschlupfmöglichkeiten. Das sind 37.000 zu viele. Es gibt schon zahlreiche Handlungsempfehlungen zu dieser Problematik, doch sie scheint sich bislang nicht sonderlich zu verbessern.

Obdachlosigkeit: erhöhte Gefahr für Care-Leaver

Auffällig oft wird bei Ausarbeitungen über Straßenkinder und -jugendliche die erhöhte Gefahr für sogenannte Care Leaver angesprochen. Dieser Begriff bezeichnet Kinder und Jugendliche, die in Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe bis vor Kurzem eingegliedert waren oder diese bald verlassen. Man vermutet, dass die Kinder- und Jugendhilfe den Bedarf der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend abdeckt und es nicht schafft, ihre Schützlinge angemessen auf das selbstständige Leben vorzubereiten. Continue reading

Engagiert in der Kleiderkammer der Alimaus

Wir, Marie und Jen, haben uns in den vergangenen Monaten in der Kleiderkammer der Alimaus auf St. Pauli engagiert. Die Alimaus ist eine Tagesstätte für obdachlose und bedürftige Menschen, die im Jahr 1992 unter Gabriele Scheel und Pastor Alfons gegründet wurde. Das rote Blockhaus am Nobistor 42 bietet bis zu dreimal täglich für 60 Personen warme Mahlzeiten an. Durch den Einsatz von mehr als 200 freiwillig Engagierten kann dieses Angebot erst gewährleistet und somit dazu beigetragen werden, dass zumindest einigen Menschen der Zugang zu Nahrung und einer Grundversorgung geschaffen werden kann.

Neben der beschriebenen Essensausgabe befindet sich wenige Häuser weiter, am Nobistor 34, Don Alfonsos Kleiderkammer, die ebenso Bestandteil der Alimaus ist. Bedürftige können sich Dienstag von 11-13 Uhr und Samstag von 13-15 Uhr mit Kleidungsstücken jeglicher Art, Hygieneartikeln und „Outdoor-Artikeln“ ausstatten. Dadurch, dass die Kleiderkammer ein niedrigschwelliges Angebot ist, setzen sich die Spenden ausschließlich aus privaten Gaben zusammen.

Spendenannehmen und -sortieren

An einigen Tagen treffen sich Mitarbeiter*innen, um die erhaltenen Spenden nach Brauchbarkeit sowie Größen etc. zu sortieren. Continue reading

Zugang zu medizinisch-gynäkologischen Untersuchungen

von Daria Bieniek

Ich habe mich mit dem Zugang obdachloser Frauen zu medizinisch-gynäkologischen Untersuchungen in Hamburg befasst. Die Frage nach dem medizinischen Zugang ist von besonderer Bedeutung, da dieser grundlegend für präventive, beratende und selbstbestimmende Abläufe im Leben einer Frau ist. Die präventiven Früherkennungen und Kontrolluntersuchungen, z.B. von Brust- und Gebärmutterhalskrebs, können entscheidend sein, um Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen, gegebenenfalls frühzeitig zu behandeln oder gar zu verhindern. Dennoch erschwert sich dieser besonders für obdach-/wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Frauen auf Grund von rechtlichen, psychischen und infrastrukturellen Aspekten.

Durch den Gemeinsamen Bundesausschuss sind Richtlinien über die Nutzung von medizinisch-gynäkologischen Maßnahmen gesetzlich geregelt und festgehalten. Als Beispiel sind Vorsorge- und Kontrolluntersuchungen, Empfängnisregelungen, Mutter- und Schwangerschaft zu nennen. Auch die beratende Funktion von Frauenärzt*innen und der Zugang zu unabhängigen Informationen bei Themen wie Verhütung, Kinderwunsch, Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch sind entscheidend, um eine selbstbestimmende Lebensweise in Gesundheit und Sexualität führen zu können. Continue reading

Kinder- und Jugendobdachlosigkeit in Deutschland

von Rick M.

Worum geht es bei diesem Thema genau?

Wenn man über Kinder- und Jugendobdachlosigkeit in Deutschland spricht, geht es um Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene, die entweder dauerhaft oder nur temporär auf der Straße leben und somit keinen festen Wohnort haben oder in prekären Wohnverhältnissen untergekommen sind. Prekäre Wohnverhältnissen bedeutet, dass die Betroffenen in Zelten, Abrisshäusern o. ä. untergekommen sind. Die Anzahl der jungen Menschen in Deutschland, die kein festes Zuhause haben lässt sich nur schwer ermitteln. Doch Schätzungen zur Folge sind 37.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 Jahren in Deutschland von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen (Beierle / Hoch 2017). Dabei wird davon ausgegangen, dass ca. 1/3 obdachlos und die restlichen 2/3 wohnungslos bzw. in prekären Wohnverhältnissen sind. Es ist allerdings anzumerken, dass ca. 30.500 der geschätzten 37.000 Straßenjugendliche bereits das 18. Lebensjahr beendet und somit die Volljährigkeit erreicht haben (ebd. 11). Die restlichen ca. 6.500 Jugendliche sind unter 18 Jahre. Continue reading

Arbeitsplatz „Straße“

Aufsuchende Soziale Arbeit für obdachlose Menschen in Hamburg

In seinem Vortrag ging Johan Graßhoff u.a. auf Effekte defensiver Architektur und Verdrängung im öffentlichen Raum ein. Welche Rolle soll Straßensozialarbeit im Kontext der Verdrängung im öffentlichen Raum spielen? Welche Schwierigkeiten ergeben sich?

Die folgenden Überlegungen rekurrieren zum großen Teil auf die Ausführungen von Johan Graßhoff, der, in seiner beruflichen Rolle als Straßensozialarbeiter, am 17.12.2019 im Rahmen der Ringvorlesung Hamburg für alle – aber wie? zum Thema Arbeitsplatz „Straße“, im Sinne der aufsuchenden Sozialen Arbeit für obdachlose Menschen in Hamburg referiert hat. Daneben werden weitere Quellen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit und der Rechtswissenschaft herangezogen, in denen der thematische Fokus auf dem Öffentlichen Raum und entsprechenden Mechanismen von Verdrängung und der damit einhergehenden Einschränkung von Handlungsspielräumen liegt.

Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht, festgeschrieben in Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, der in Deutschland im Jahr 1973 ratifiziert wurde. Continue reading

Winternotprogramm

Katrin Wollberg gab einen Einblick in das Winternotprogramm von f&w fördern und wohnen AöR. Welche Angebote stellt dieses für Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, bereit? Welche sind die zentralen Kritikpunkte, die von Öffentlichkeit und Medien häufig vorgebracht werden? Was denken Sie darüber?

Engagiert im WNP. Zwischen Karten stempeln und Heiratsanträgen

Ein Bericht über mein freiwilliges Engagement im Winternotprogramm (WNP) 2019/2020. Von E.

Während die meisten von uns sich bei Nässe und Kälte in den eigenen vier Wänden verbarrikadieren, sich eine Netflix-Serie anschmeißen und eine große Tasse Tee trinken, ist uns oft nicht bewusst, dass nicht jeder Mensch das Glück hat, sich in einer so komfortablen Lage zu befinden. Und da rede ich nicht einmal von dem Netflix-Abo, das man im besten Falle monatlich selber zahlt oder von dem überteuerten Bio-Tee, der so toll gegen Schlaflosigkeit helfen soll – ich rede von den eigenen vier Wänden.

Wie viele Menschen in Hamburg von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen sind, lässt sich nur schätzen. Eine Befragung im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration ergab 2018 eine Zahl von 1910. Im Jahre 2009 handelte es sich noch um 1029 Wohnungs- und Obdachlose – eine klare Continue reading

Engagement in der Sozialen Beratungsstelle Eimsbüttel

Hi,

ich arbeite schon seit November 2019 in der Sozialen Beratungsstelle Eimsbüttel. Die Beratungsstelle hilft aktuell und ehemals wohnungs- und obdachlosen Menschen oder solchen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Diese Menschen haben meistens ganz viele Probleme, entweder bei der Suche nach einer Wohnung oder auf einer persönlichen Ebene, finanziell oder psychisch, und wenn sie Schwierigkeiten bei  Behördengängen haben. Um die Hilfe in Anspruch zu nehmen, muss man Einwohner_in von Eimsbüttel sein. Die Beratungsstelle sorgt dafür, dass diese Menschen ihre Leben noch einmal auf die Reihe kriegen können. Die Mitarbeiter_innen dort leisten einen tollen Job, meiner Meinung nach. Obwohl sie überfordert sind, versuchen sie, ganz vielen Menschen zu helfen. Die Mitarbeiter_innen sind sehr nett, und die Umgebung am Arbeitsplatz sehr freundlich, außerdem reden sie ganz gut miteinander.

Meine Aufgabe dort war, Klienten, die nicht richtig Deutsch sprechen, bei der Wohnungssuche zu begleiten. Continue reading

Abschlusssitzung Projektseminar 28. Januar 2020

Liebe Leute,

vielen Dank für die gemeinsame Abschlusssitzung heute! Wie besprochen, findet ihr hier nun

  1. die Vorlage für die 3. Reflexion eures Engagements
  2. eine Vorlage für den kleinen Abschlussbericht zu eurem Projekt auf dem Blog, als Anregung (diesen könnt ihr alleine oder im Team schreiben)
  3. die Vorlage für den Abschlussfragebogen zum Projektseminar

Ich würde mich freuen, einige (möglichst viele!) in einer kommenden Lehrveranstaltung wiederzusehen. Im Sommersemester gibt es wie erwähnt drei Veranstaltungen im Projekt “Engagementförderung durch universitäre Lehre” (Studium Generale), auf Stine zu finden unter:

  • 50-004 | Ziviles Engagement und Studium verbinden (mit eigenem Blog: https://civic-engagement.blogs.uni-hamburg.de/)
  • 50-002 |Bildung Macht Rassismus. Vortragsreihe zur Stärkung rassismuskritischen Denkens und Handelns an der Universität
  • 50-003 | Bildung Macht Rassismus. Projektseminar zur Stärkung rassismuskritischen Denkens und Handelns an der Universität

Wie erwähnt, könnt ihr ein Zertifikat für die Teilnahme an dem Projektseminar “Hamburg für alle – aber wie?” bekommen. Wenn ihr ein solches haben möchtet, schreibt mir bitte eine Mail: cornelia.springer@uni-hamburg.de

Einen angenehmen Semesterausklang wünsche ich euch. Meldet euch jederzeit, wenn ihr ein Anliegen habt 🙂

Herzlich

Cornelia

Reflexions-/Transferfragen zur Ringvorlesung, Teil 1+2

Liebe Teilnehmende der Ringvorlesung!

Mit dem gestrigen Beitrag von Velina Weber haben wir die Ringvorlesung “Hamburg für alle – aber wie? Wohnungs- und Obdachlosigkeit als gesamtgesellschaftliche Herausforderung” abgeschlossen. Ich hoffe, Sie haben durch Ihre Teilnahme wertvolle Impulse erhalten und freue mich, wenn Sie auch in Zukunft an dem Thema weiterdenken und -arbeiten und wir in Kontakt bleiben.

Wenn Sie Interesse haben, das Winternotprogramm in der Friesenstraße mit uns zu besuchen, besteht hierzu am 30. Januar 2020, 15 Uhr die Gelegenheit. Bitte melden Sie sich vorher per Email an: cornelia.springer@uni-hamburg.de.

Für den Erwerb von zwei Leistungspunkten im Wintersemester 2019/20 bearbeiten Sie bitte zwei kleine schriftliche Aufgaben. Unter den gebenen Fragen können Sie zwei auswählen. (Wenn Sie bereits eine eingereicht haben, fehlt natürlich nur noch eine.): Download Transferfragen, Teil 1+2

Bitte reichen Sie Ihre Antworten bis spätestens 15.02.2019 per Email ein.

Eine flotte Woche noch und herzliche Grüße

Cornelia Springer

Öffentliche Räume als Voraussetzung für ein urbanes Leben

von Isgard Klein

Seit jeher werden die Zentren der großen Städte, sowie Straßen, Parks und Bahnhöfe von verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich genutzt. Das soziale Verhalten der Nutzer*innen und die gebaute Umwelt stehen in einer engen Beziehung zueinander und beeinflussen sich dementsprechend gegenseitig. Urbane Räume bieten Individuen einerseits die Möglichkeit anonym in der Masse zu verschwinden, aber auch Gleichgesinnte zu treffen und sich mit ihnen und dem Ort zu identifizieren. Durch die unterschiedlichen Vorstellungen von Aneignungsformen der einzelnen Nutzer*innen kommt es jedoch nicht selten zu Konflikten unter und zwischen ihnen. Der öffentliche Raum ist ein umkämpfter Bereich, der in der Theorie für alle zugänglich ist. In der Praxis ist dies jedoch häufig nicht der Fall, da Restriktionen zu einem Ausschluss einzelner Personengruppen aus dem öffentlichen Raum führen.

Der öffentliche Raum ist ein umkämpfter Bereich.

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Nachtrag zum 14. Januar 2020

Liebe Leute,

habt Dank für den spannenden Austausch gestern. Hier findet ihr die Präsentation:

Zu den Exkursionen in der kommenden Woche gebe ich euch nochmal eine finale Mitteilung. Vorläufig gehen wir davon aus, sie finden statt.

Wie immer: Bitte meldet euch jederzeit, wenn Bedarf besteht – und habt eine schwungvolle Restwoche!

Herzlichen Gruß

Cornelia

 

 

Projektseminar am 14. Januar 2020

Liebe Leute,

vielen Dank für die erfrischende Sitzung gestern! Ich freue mich, dass wir uns in so kurzem Abstand wiedersehen und kommende Woche direkt weiterdenken und -sprechen können. Wir werden uns noch weiter mit dem Thema „Helfen und Hilfe bekommen“ beschäftigen. Lest hierfür, wie gesagt, gerne mal in den Text von Manuela Brandstetter rein:

Brandstetter, Manuela. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 104-120. Manuela (2010): Die Soziologie des Helfens – Benefit für eine Theorienbildung Sozialer Arbeit? In: Brandstetter M., Vyslouzil M. (Hrsg.): Soziale Arbeit im Wissenschaftssystem

Im Anschluss haben wir uns auf zwei Themencluster verständigt, die in der (Freiwilligen-)Arbeit mit wol Menschen relevant sind, um sie noch ein bisschen zu vertiefen:

  1. Machtgefälle, Hierarchien, eigene Privilegien
  2. innere Konflikte, Überforderung, Berührungsängste, Menschenwürde

Macht euch dazu gerne in der Zwischenzeit ein paar Gedanken.

Habt eine beschwingte Woche!

Herzlichen Gruß

Cornelia

Helfende Hände gesucht: Verteilaktion “Back to Bollerwagen” am Samstag, 11.01.2020

Liebe Kommiliton*innen!

Am kommenden Samstag, 11. Januar 2020, steht die erste unserer drei Verteilaktionen “Back to Bollerwagen” an. Wie (zumindest im Theorieseminar) schon angekündigt, möchte ich euch einladen, dabei zu sein und uns zu helfen.

Was steht überhaupt an?

Ich bin in einem Verein (Antikältehilfe e.V.) tätig. Einfach ausgedrückt, helfen wir obdachlosen Menschen auf St. Pauli. Im Winter sieht ein Teil unserer Arbeit so aus, dass wir zu bestimmten Terminen im Januar und Februar Einkaufswagen bestücken und zu den Platten gehen, um den dort Angetroffenen einen Tee, Hygieneartikel, etwas zu Essen, ein Lächeln oder nen Schnack anzubieten. Wir haben 3 Wagen und gehen dann jeweils zu viert los (keine Bange, da sind immer Erfahrene dabei, die die Umgebung kennen – niemand wird ins kalte Wasser geworfen).

Bei Interesse bitte anmelden

Maximal können also 12-13 Leute rausgehen. Da wir aber den ganzen Tag auf den Beinen sind, haben wir verschiedene Schichten geschaffen, zu denen ihr euch bei Interesse eintragen könnt. Dafür geht ihr am besten über das Dokument in unserer Orga-Gruppe auf Facebook : https://www.facebook.com/groups/anitkaeltehilfe oder direkt hier: https://docs.google.com/document/d/1ILp1iL8nN6Be7-0Mo2Tpd4yaJ3OqU4So4IklLpCdi38/edit.

Im Februar 2020 gibt es auch noch Termine (08.02. und 29.02.), bei denen ihr euch einbringen könnt. Startzeit ist jeweils um 10 Uhr, am Sankt Pauli Museum, Davidstraße 17, Hamburg.

Meldet euch gern bei Fragen bei Cornelia, die leitet eure Nachricht an mich weiter (cornelia.springer@uni-hamburg.de).

Viele liebe Grüße,
Ben

Antikältehilfe e.V.
Davidstraße 17
20359 Hamburg
http://www.antikaeltehilfe.de

Projektseminar am 7. Januar 2020

Frohes Neues euch allen!

Hoffentlich habt ihr die Feiertage gut verbracht und kommt guter Dinge und voller Energie in ein gesundes und glückliches neues Jahr.

Seminar am 7. Januar 2020

Ich freue mich, euch am 7. Januar im Projektseminar wiederzusehen. Wie angekündigt, werden in dieser Sitzung alle Gelegenheit haben, aus den Praxisprojekten zu berichten. Überlegt euch bitte im Vorfeld, was ihr in der Gruppe teilen wollt. Gibt es Themen oder Fragen, die euch besonders beschäftigen? Erlebnisse, über die ihr euch austauschen möchtet? Beim Brainstorming hilft euch sicherlich die zweite Reflexion, die ihr bitte bis zum 15. Januar einreicht. Hier findet ihr die Vorlage Reflexion 2.

Im zweiten Teil der Sitzung wollen wir uns mit dem Begriff des Helfens beschäftigen. Schon vor einiger Zeit hatte ich euch das Chatprotokoll “Unser Obdachlose Hermann von der Plattform nebenan.de ausgeteilt und darum gebeten, es durchzulesen und ein paar Notizen dazu zu machen. Bringt die bitte auch mit. Außerdem könnt ihr einen Blick in den Text von Horst Frehe werfen: „Was Helfen bedeutet – eine kritische Auseinandersetzung mit der professionellen Helferrolle“ (hier als PDF).

Exkursionen im Januar 2020

Im Januar finden noch einige Exkursionen statt. Zwei davon am 21. Januar 2020. Morgens (9:00 Uhr) haben wir Gelegenheit zu einem Besuch im Drob Inn, einer Kontakt- und Beratungsstelle mit integriertem Drogenkonsumraum. Am Nachmittag (14:30 Uhr) sind wir auf dem Polizeikommissariat 11, St. Georg verabredet. Für diese Ziele bitte ich um Anmeldung bis zum bzw. am 7. Januar. (–> Übersicht der Exkursionen auf dem Blog)

Podcast “Hamburg für alle – aber wie?”

Von unserem Podcast “Hamburg für alle – aber wie?” hatte ich schon erzählt. Alle Episoden wurden von Studierenden im Sommersemester 2019 produziert. Inzwischen sind die ersten Folgen online: “Container-Projekt für Frauen – Caritas Hamburg”, “Engagiert im herz as”, “Stulpen, Strümpfe, Stirnbänder – Stricken und Häkeln bei den Wooligans” und “Bluten auf der Straße”.

Hört gerne mal rein – es lohnt sich, auch wenn die akustischen Konditionen nicht immer perfekt waren. Sie stehen auf unserem Blog, können über Spotify sowie über Apple Podcast angehört werden. Wir freuen uns natürlich über Bewerbung und Weiterempfehlung des Ganzen – sowie über kritische Anmerkungen.

Nun wünsche ich euch noch entspannte vorlesungsfreie Tage. Bitte meldet euch bei Bedarf: cornelia.springer@uni-hamburg.de

Herzlich

Cornelia

Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit

Welche Auswirkungen können Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf die Gesundheit eines Menschen und den Zugang zum Gesundheitssystem haben? Welche niedrigschwelligen Angebote gesundheitlicher Hilfe gibt es für die Zielgruppe wohnungs- und obdachloser Menschen in Hamburg und wie schätzen Sie dieses Angebot ein?

„Allem voran geht es um die Wahrung der Menschenwürde. Nur wer sich sicher fühlt und physisch und psychisch ‚normal‘ leben kann, der kann gesund bleiben bzw. schneller genesen.“

Durch Wohnungs- und Obdachlosigkeit haben Menschen schlechten bis gar keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Insbesondere diejenigen Menschen, die auf der Straße leben müssen und keine Unterkunft zum Schlafen, zum Aufwärmen (insbesondere in der kalten Jahreszeit) und für Hygienemaßnahmen haben, sind gesundheitlichen Risiken Tag für Tag ausgesetzt. Des Weiteren ist unumstritten, dass wohnungs- und obdachlose Menschen zumeist keinen Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung mehr haben. Ursachen können dafür persönliche Risikofaktoren sein. Darunter fallen beispielsweise Trennung, Gewalt, Sucht oder psychische Situationen.

Erkrankt oder verunfallt nun ein wohnungs- oder obdachloser Mensch, so ist die Scheu groß, einen Arzt aufzusuchen. Einerseits schämen sich viele der Menschen für ihre Situation, andererseits stoßen sie stellenweise auf Widerstand und werden sozusagen „vor die Tür gesetzt“. Außerdem fehlt es vielen der betroffenen Menschen an Wissen über ihre rechtlichen Ansprüche. Continue reading

Frauen auf der Straße

Erläutern Sie kurz den Begriff der verdeckten oder unsichtbaren Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit. Welche Auswirkungen hat diese Unsichtbarkeit? Welche besonderen Anforderungen sollte ein differenziertes und bedarfsgerechtes Hilfesystem für Frauen erfüllen?

“Die besonderen Anforderungen, die Frauen als Klientel haben, sollten sich in den Hilfsangeboten spiegeln. Diese sollten ressourcenorientiert sein, Beratung wertschätzend, geschlechtersensibel und niedrigschwellig erfolgen.“

Von einer verdeckten Wohnungs- und Obdachlosigkeit kann dann gesprochen werden, wenn das betroffene Individuum, um einem Schicksal auf der Straße zu entgehen, oder weil es nicht will, dass die vorhandene Not sichtbar wird, bei Verwandten, Freund*innen oder Bekannten unterkommt. Diese Form von Wohnungs- und Obdachlosigkeit wird oft nicht wahrgenommen und ist häufig einhergehend mit unterschiedlichen Formen körperlicher und/oder psychischer Ausbeutung. Die unsichtbare/latente Wohnungs- und Obdachlosigkeit definiert sich dadurch, dass Betroffene immer wieder von Obdachlosigkeit bedroht sind bzw. immer wieder in Situationen kommen, in denen es passieren könnte, obdach- oder wohnungslos zu werden. Continue reading

“Housing First ends homelessness. It’s that simple.”

Mit diesem Zitat von Sam Tsemberis schließt Karen Holzinger ihren Vortrag. Wie lauten die Kernprinzipien von Housing First, die sie vorgestellt hat? Für wen bietet das Projekt in Berlin eine Lösung – für welche Fälle hingegen nicht? Kann das Housing-First-Konzept also ein Ansatz zur Beseitigung von Wohnungs-/Obdachlosigkeit sein?

„Wohnungs- und Obdachlosigkeit muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen werden, um echte Teilhabe innerhalb der Gesellschaft und den Zugang aller Menschen in das System zu gewährleisten.“

Die Kernprinzipien, die im Vortrag zur Thematik „Housing First“ genannt wurden, lauten wie folgt: Holzinger sprach davon, dass im Ursprung acht Kernprinzipien festgehalten wurden. Sie betont, dass die einzelnen Kernprinzipien nicht voneinander als abgetrennte Einheiten umgesetzt werden, sondern stets miteinander verflochten seien.

Diese beinhalten, dass Wohnen als Menschenrecht gesehen wird, wodurch Wohnraum gestellt werden soll, ohne Erwartungsansprüche an Betroffene zu stellen. Damit soll gewährleistet werden, dass das Recht auf Wohnen nicht dem Prinzip des Verdienstes unterliegt und zur Sicherung eines menschenwürdigen Lebens beiträgt. Personen, die das Angebot „Housing First“ nutzen, wird eine eigenständige Entscheidungsmöglichkeit und Wahlfreiheit zugesprochen, sodass sie entscheiden können, wie sie leben wollen und welche Form von Hilfe sie annehmen und erhalten möchten. Continue reading

Reflexions-/Transferfragen zur Ringvorlesung

Liebe Teilnehmende der Ringvorlesung!

Um im Wintersemester 2019/20 im Rahmen der Ringvorlesung “Hamburg für alle – aber wie?” zwei Leistungspunkte zu erwerben, bearbeiten Sie bitte zwei kleine schriftliche Aufgaben. Bitte wählen Sie unter den folgenden Fragen zwei aus und senden Sie Ihre Antwort per Email an cornelia.springer@uni-hamburg.de.

  1. “Housing First ends homelessness. It’s that simple.”

Mit diesem Zitat von Sam Tsemberis schließt Karen Holzinger ihren Vortrag. Wie lauten die Kernprinzipien von Housing First, die sie vorgestellt hat? Für wen bietet das Projekt in Berlin eine Lösung – für welche Fälle hingegen nicht? Kann das Housing-First-Konzept also ein Ansatz zur Beseitigung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit sein?

  1. Frauen auf der Straße

Erläutern Sie kurz den Begriff der verdeckten oder unsichtbaren Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit. Welche Auswirkungen hat diese Unsichtbarkeit? Welche besonderen Anforderungen sollte ein differenziertes und bedarfsgerechtes Hilfesystem für Frauen erfüllen?

  1. Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit

Welche Auswirkungen können Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf die Gesundheit eines Menschen und den Zugang zum Gesundheitssystem haben? Welche niedrigschwelligen Angebote gesundheitlicher Hilfe gibt es für die Zielgruppe wohnungs- und obdachloser Menschen in Hamburg und wie schätzen Sie dieses Angebot ein?

  1. Arbeitsplatz „Straße“ – Aufsuchende Soziale Arbeit für obdachlose Menschen in Hamburg

In seinem Vortrag ging Johan Graßhoff u.a. auf Effekte defensiver Architektur und Verdrängung im öffentlichen Raum ein. Welche Rolle soll Straßensozialarbeit im Kontext der Verdrängung im öffentlichen Raum spielen? Welche Schwierigkeiten ergeben sich?

  1. Winternotprogramm

Katrin Wollberg gab einen Einblick in das Winternotprogramm von f&w fördern und wohnen AöR. Welche Angebote stellt dieses für Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, bereit? Welche sind die zentralen Kritikpunkte, die von Öffentlichkeit und Medien häufig vorgebracht werden? Was denken Sie darüber?

  1. Obdachlosigkeit in Hamburg – ein Fall für den europäischen Hilfsfonds?

Fachkräftemangel, Arbeitnehmerfreizügigkeit, EU-Zuwanderung. In welchem Zusammenhang stehen diese Themen zu Obdachlosigkeit in Hamburg? Und was kann der europäische Hilfsfonds (EHAP) in diesem Kontext bewirken?

AG-Treffen am 6. Dezember 2019

Nächstes Treffen der AG zum Thema “Obdachlose Menschen auf dem Campus”:

am Freitag, 6. Dezember 2019 , ab 18:30 Uhr
in der TAS Bundesstraße 101, 20144 Hamburg

Wir wollen ein Konzept für die potenzielle Umsetzung eines Wohncontainer-Projekts auf dem Uni-Campus entwickeln. Darum wird es in dieser Sitzung gezielt gehen. Wer Lust hat, mitzudenken und zu planen, ist herzlich eingeladen, dabei zu sein!

Die Veranstaltung ist auch auf Facebook zu finden: https://www.facebook.com/events/445262232804666/

Insgesamt ist jede Verstärkung für die junge AG willkommen: in Form von guten Impulsen, tatkräftiger Mitarbeit, Vermittlung von Kontakten o.a. 🙂

Kontakt: cornelia.springer@uni-hamburg.de bzw. 040/42838-4046

AG-Treffen am 27. November 2019

Mittwoch, 27. November 2019 , 18-20 Uhr c.t.
Uni Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Raum ESA W 209

Beim zweiten Treffen der AG haben wir einige Felder herausgearbeitet, denen sich die AG u.a. widmen könnte:

Beim nächsten Treffen, am 6.12.2019, wollen wir gezielter über ein mögliches Container-Projekt sprechen. Aber auch abgesehen davon, ist jede Verstärkung herzlich willkommen: in Form von guten Impulsen, tatkräftiger Mitarbeit, Vermittlung von Kontakten o.a. 🙂

Melden Sie sich gerne per cornelia.springer@uni-hamburg.de oder Telefon: 040/42838-4046, wenn Sie Interesse haben sich einzubringen.