Prostitution in St. Georg

von Fabienne Kollien

Wie hängen Wohnungs- und Obdachlosigkeit von Frauen in Hamburg mit Prostitution zusammen? Und wie gehen Sozialarbeiter/innen mit Betroffenen um? Um das herauszufinden, habe ich Josie, Sozialarbeiterin in der Beratung und Unterstützung von sich prostituierenden Frauen, in ihrer Einrichtung besucht und zu ihrer Arbeit befragt.

Ich erfahre im Gespräch, dass die Einrichtung sehr niedrigschwellig und das gesamte Beratungsangebot kostenlos ist. Die Klientinnen können ohne Termin zu den Öffnungszeiten vorbeikommen und müssen kein konkretes Beratungsanliegen mitbringen. Sie können sich auch einfach in der Einrichtung aufhalten, das Essenangebot nutzen, duschen, Wäsche waschen und sich ihre eigene Postadresse einrichten. Zudem gibt es Kleider- und Essensspenden von der Tafel. Die einzige Zugangsbedingung ist, dass man weiblich ist oder sich dem weiblichen Geschlecht zuordnet und dass man mit Prostitution zu tun hat bzw. hatte. Die Zuordnung zum weiblichen Geschlecht wird deshalb betont, da auch viele Transfrauen vorbeikommen.

Kein Zutritt für Männer

Männer haben keinen Zugang, da viele der Frauen negative Erfahrungen gemacht haben und die Einrichtung einen Schutzraum darstellt. Dadurch, dass es eine anonyme Beratungsstelle ist, besteht auch keine Zusammenarbeit mit der Polizei.

Außerdem können die Klientinnen auch Dinge besprechen, die sie mit sonst niemandem besprechen können, und treffen während der Öffnungszeiten andere Frauen, denen es ähnlich ergeht. „Manche verabreden sich hier und trinken dann einfach einen Kaffee zusammen“, erzählt Josie.

Der Großteil der Klientinnen hat Migrationserfahrung

In die Einrichtung kommen zu einem großen Teil wohnungslose Frauen aus St. Georg, wo die illegale Armutsprostitution sehr verbreitet ist. Der Großteil der Frauen, die in St. Georg der Prostitution nachgehen, kommt aus dem Ausland, beispielsweise aus Bulgarien oder Rumänien, in der Hoffnung, sich und ihren Familien ein schönes Leben in Deutschland zu ermöglichen. Jedoch braucht man selbst, um als Reinigungskraft arbeiten zu können, umfassende Deutschkenntnisse.

Wenn die Frauen hier ankommen, haben sie diese Deutschkenntnisse jedoch erstmal nicht, wie Josie aus Erfahrung sagen kann. Oftmals ist Prostitution dann der erste Schritt, um Geld zu verdienen und die Familie versorgen zu können: „Obwohl die Frauen in St. Georg permanent im Stress sind, dadurch, dass die Straßenprostitution hier illegal ist.“

Prostitution an sich ist legal

Daraufhin erklärt Josie mir, dass vielen Menschen die grundsätzliche Legalität von Prostitution in Deutschland nicht bewusst ist. Allerdings werden in Großstädten wie Hamburg sogenannte Sperrgebiete errichtet, in denen es illegal ist der Straßenprostitution nachzugehen. Zusätzlich gibt es in St. Georg das Kontaktanbahnungsverbot, welches sowohl dem/der Sexarbeiter/in als auch dem Freier verbietet, auf der Straße Kontakt zueinander aufzunehmen und mit hohen Bußgeldern geahndet wird. Dadurch, dass Prostitution jedoch immer rund um den Bahnhof stattfindet, hebt diese sich durch das Verbot nicht einfach auf oder verschiebt sich. Die Prostituierten sind trotzdem immer noch hier, auch weil die Freier hierherkommen. Durch die Illegalität werden sie daraufhin noch mehr kriminalisiert. Die Bußgelder verlängern den Armutskreis nach Josies Einschätzung dann noch weiter, da die Frauen erst recht arbeiten, um die Schulden begleichen zu können.

Wohnungslosigkeit kommt unter Sexarbeitenden häufig vor

Die Mehrheit der Sexarbeitenden in St. Georg ist wohnungslos. Sie haben keine eigene Wohnung, kommen bei Freunden oder Bekannten unter, und manche sind richtig obdachlos. Im Sommer richten sich Letztere in Zelten im Park ein, im Winter können Winternotprogramme genutzt werden. Wenn sie Glück haben, bekommen sie einen Platz im Containerprojekt für Frauen, das vom Caritasverband im Stadtteil angeboten wird. Eine große Problematik besteht darin, dass die Wohnungssuche oftmals an einen legalen Job mit Gehaltsnachweisen und jener Job an eine vorhandene Meldeadresse bzw. Wohnung geknüpft ist.

Da die offizielle Registrierung, die nach dem Prostituiertenschutzgesetz festgelegt ist, oftmals zu hochschwellig für die Frauen in St. Georg ist und mit nicht geringen Steuerabgaben verbunden ist, setzt sich die Armutsprostitution in dem Stadtteil fort und bewegt sich weiterhin in der Illegalität.

Verlockend ist vor allem das schnell verdiente Geld

In St. Pauli hingegen sind die Frauen auf dem Straßenstrich größtenteils „deutschstämmig“ und angemeldet. Den Straßenstrich stuft Josie als die eher ungemütlichste Art von Prostitution ein, im Vergleich zu der Prostitution in Laufhäusern, über Escortagenturen oder über Internetplattformen. Man wird hierbei in der Öffentlichkeit gesehen und muss bei jedem Wetter draußen stehen.

Das schnell verdiente Geld ist die Haupteinstiegsmotivation. Es gibt aber auch Frauen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder im Studium, die sich trotz beruflicher Alternativen in der Prostitution ausprobieren wollen.

Josie arbeitet akzeptanzorientiert und pro Prostitution

In der Beratung werden die Frauen bei allen möglichen Sorgen unterstützt, die sie haben. Nicht selten geht es dabei um Dinge wie Wohnungssuche und Krankenversicherung, nicht ausschließlich um Anliegen, die mit der Arbeit als Prostituierte zu tun haben. Mir gegenüber weist Josie auch darauf hin, dass die Einrichtung im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen akzeptanzorientiert und pro Prostitution arbeitet. Das heißt, es wird nicht ausstiegsorientiert gearbeitet, sondern stringent am Willen der Klientin. Nur wenn die Frau explizit den Wunsch formuliert, aus der Prostitution aussteigen zu wollen, wird sie dabei unterstützt. Die Begleitung zu Behördenterminen, zum Arzt oder zum Jobcenter durch die Sozialarbeiterinnen sind auch in dem Angebot der Einrichtung inbegriffen.

Durch Straßensozialarbeit erfolgen viele Kontaktaufnahmen

Ergänzend geht Josie mehrmals die Woche mit Kolleginnen los, um in St. Pauli und St. Georg der Straßensozialarbeit nachzugehen. Hierbei geht es um die unkomplizierte Kontaktaufnahme vor Ort, ohne dass die Frauen den Weg in die Einrichtung finden müssen. Kondome, Gleitgel und Süßigkeiten werden verteilt, die Frauen erfahren vom Beratungsangebot, wobei die meisten Josie und die anderen Sozialarbeiterinnen bereits kennen und diese erwarten.

Ein weiterer Teil von Josies Arbeit besteht darin, Infogruppen zu betreuen und in Schulen zu gehen, um dort Präventionsarbeit zu machen, vor allem zum Loverboy-Phänomen. Als Loverboys werden Männer bezeichnet, die jüngeren Mädchen eine Liebesbeziehung vorspielen, um sie nach emotionaler Manipulation in die illegale Prostitution bzw. in die sexuelle Ausbeutung zu locken.

Erstmal geht es um Kleinigkeiten wie das Bearbeiten der Post

„Was denkst du, welche Kompetenzen sind nötig, um hier zu arbeiten?“, frage ich Josie beim Abschluss unseres Gesprächs. „Empathie ist wichtig und, den Menschen vorurteilsfrei zu begegnen“, erwidert sie. Besonders wichtig sei es, dass man es schafft, Erfolge anders zu definieren und realistisch zu bleiben: „Für mich ist es nicht das vorderste Ziel, dass die Frau sofort eine Wohnung findet und einen Job und die Familie nachholen kann“, erfahre ich. „Auch wenn es toll wäre, wenn das irgendwann so kommt. Es geht aber erst einmal um Kleinigkeiten, bei denen die Klientin unterstützt werden kann, wie beispielsweise das Bearbeiten ihrer Post.“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.