Mein Engagement in der Antikältehilfe e.V.

Die Antikältehilfe ist ein Verein, der 2018 gegründet wurde und aus der Initiative und dem Engagement von Bürger*innen auf St. Pauli entstanden ist, die der Situation, der obdachlose Menschen ausgesetzt sind, entgegenwirken wollten. Die Initiative ist seit 2009 aktiv gewesen und zu der Zeit wurden u.a. zentral auf dem Spielbudenplatz Aktionen initiiert, zu denen mit anderen Gruppen gemeinsam Essen ausgegeben, Kleidung und Hygieneartikel verteilt und Lächeln geschenkt wurden. Die Initiative hat sich im Laufe der Jahre dann dezentralen Aktionen zugewandt, um eher Hotspots und bekannte Platten gezielt ansteuern zu können – dies war ein Ergebnis der Evaluation vorangehender Aktionen.

Kennengelernt habe ich Mitglieder der Antikältehilfe im Sommer 2018 während meiner Tätigkeit im Sankt Pauli Museum in der Davidstraße. Da die AKH zu dem Zeitpunkt in den Büroräumen über dem Museum „zuhause“ war, bin ich meinem heutigen Kollegen Vincent Schmidt dort öfter begegnet. Wir haben uns ausgetauscht, ich bin in den Verein eingetreten und habe im Februar 2019 an den ersten „Back to Bollerwagen“-Verteilaktionen teilgenommen. „Back to Bollerwagen“ deshalb, weil die Antikältehilfe sich nicht an großen Aktionen anderer Gruppen beteiligen möchte, die andere Konzepte verfolgen und eher „wahllos“ Kleidung oder Kuchen im großen Stil auf der Straße verteilen. Es sollte gezielter und effektiver geholfen werden.

Eine Verteilaktion sieht wie folgt aus: Ein kleiner Kreis aus Vorstand und erfahrenen Helfer*innen (die keinesfalls Mitglieder sein müssen – wir rufen öffentlich dazu auf, uns zu helfen) trifft sich am Tag gegen 9h und bereitet den Raum vor. Bereitgestellt werden dafür:

  • Lebensmittel, die wir im Laufe der Woche vor der Aktion z.B. in der Metro gekauft haben
  • Kaffee- und Teekannen
  • Drei Einkaufswagen, die wir erwerben konnten
  • Warme Unterwäsche, die wir im Laufe des Jahres gekauft haben
  • Socken, Schals und Mützen, die wir von den Wooligans (https://www.wooligans.net/) bekommen
  • Hygieneartikel, die wir gekauft oder gespendet bekommen haben
  • Praktische Gegenstände wie Handwärmer, Wasserflaschen aus Alu etc.
  • Spendendosen

Wenn alles bereitsteht, werden Brote geschmiert, die in Brottüten verpackt zusammen mit der Kleidung und allen anderen o.g. Dingen auf die drei Wagen verteilt werden. In Teams á max. 4-5 Leuten geht es dann raus auf die Straße. Da wir mittlerweile wissen, wo die Platten sich befinden, werden die üblichen Plätze aufgesucht, um den Nachbar*innen ohne Wohnung etwas von dem anzubieten, was wir zu verteilen haben. Dabei folgen wir dem Grundsatz, dass es nicht darum geht, möglichst schnell alles loszuwerden. Wir möchten den Menschen das Gefühl geben, dass an sie gedacht wird, dass sie wichtig sind und ihre Bedürfnisse gehört werden. Darum gehen wir auch dort ins Gespräch, wo es möglich ist: Um Bedarfe festzustellen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Ein klassisches Beispiel: Zu den ersten Aktionen wurden Äpfel und Glühwein verteilt – daraus sind Dosenfisch, Mandarinen und Tee, bzw. Kaffee geworden. Wir haben gelernt, dass Alkohol nicht ausgeschenkt werden sollte und Äpfel nicht von allen gebissen werden kann. Wir entwickeln uns weiter, sind offen für Kritik und haben stets im Blick, dass es nicht um uns geht – sondern um die Leute, denen wir etwas Gutes tun möchten.

Wir drängen uns nicht auf. Uns ist wichtig, Hilfe anzubieten, doch tun wir dies nicht um jeden Preis. Schlaf ist ein hohes und teures Gut auf der Straße, von daher wecken wir keine Leute, sondern legen eher ein paar Brote ab, in der Hoffnung, dass die*der Schlafende sich darüber freut.

Soviel zum Ablauf der Aktionen. Ich bin von Vincent Ende 2019 angesprochen worden, ob ich mir vorstellen könnte, Aufgaben im Verein zu übernehmen und mich für einen der freien Sitze im Vorstand zur Wahl zu stellen. Da ich eh vorhatte, im gesellschaftlichen Bereich wieder aktiver zu werden, habe ich mich über diese Anfrage sehr gefreut und habe nach kurzem Überlegen zugesagt. Nachdem ich anfänglich in einer Art Interimslösung eingesetzt war, wurde ich im Februar 2020 offiziell in den Vorstand der Antikältehilfe e.V. gewählt. Meine Aufgaben im Verein sind u.a.:

  • Vereinsrechtliche Aufgaben (z.B. Planung und Durchführung von Mitgliederversammlungen)
  • Koordination mit anderen Gruppen (z.B. Kontakt zu Wooligans oder der KWB)
  • Einbindung der Vereinsaktivitäten in meine studentischen Aktivitäten (z.B. Weiterleitung von Infos an interessierte Kommiliton*innen und darüber eine Gewinnung von Interessierten an unseren Tätigkeiten)

Der Vorstand besteht aus drei Menschen, die unterschiedliche Schwerpunkte haben (z.B. Finanzen oder Öffentlichkeitsarbeit), als Team fassen wir aber gemeinsam mit an. Vor kurzem konnten wir neue Räumlichkeiten auf St.Pauli beziehen, in denen wir nun einen großen Gemeinschaftsraum nutzen können, von dem wir unseren Verteilaktionen starten können.

Ich möchte gern noch auf die Verbindung zwischen den Seminaren an der Uni und meinem Ehrenamt eingehen. Durch den Input der Seminare und die Kontakte, die ich dort zu Dozierenden knüpfen konnte, war ich in der Lage, meine Arbeit effektiver zu gestalten und meinen Blick für das Wesentliche zu schärfen. Dies kommt den Menschen zugute, für die ich diese Arbeit verrichte und es hat ebenfalls meine berufliche Perspektive beeinflusst. Wenn ich auch nicht in der Obdachlosenhilfe tätig sein werde, sondern eventuell im Bereich der Antirassismusarbeit, so habe ich viel über die Diskriminierung und Marginalisierung von Menschen gelernt, die in einem System leben müssen, das nicht sie nicht angemessen wertschätzt, sondern ihre Situation kontinuierlich verschlimmert.

Benjamin Ruttke

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