Ende und abschließendes Fazit

Es ist Mitte März 2091, und damit neigt sich nicht nur der Winter und damit das Winternotprogramm dem Ende zu, sondern auch unser Engagement für obdachlose Menschen. In den 50 Stunden Arbeit im Winternotprogramm haben wir viel gelernt, sodass wir immer noch dabei sind, alle Erlebnisse zu verarbeiten. Wir hatten die Möglichkeit, Einblicke in das Themenfeld “Wohnungs-/Obdachlosigkeit und Armut” zu bekommen, die uns anders nicht offen gestanden hätten.

Wir gehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge

Wir verlassen das Winternotprogramm mit einem lachenden und einem weinenden Auge – einerseits sind wir irgendwie erleichtert, da die Konfrontation mit Obdachlosigkeit oftmals emotional belastend war, andererseits sind wir traurig über das Ende, denn dieses Projekt hat uns so viel gelehrt und hatte in den letzten paar Monaten einen wichtigen Platz in unserem Alltag eingenommen.

Im November, als wir noch gar nicht wussten, was uns erwarten würde, haben wir über unsere bevorstehende Zeit am Winternotprogramm nachgedacht und uns einige Fragen gestellt, die wir nun beantworten möchten.

1. Wie sehr haben uns Vorurteile gegenüber Obdachlosigkeit bisher beeinflusst?

Ehrlich gesagt: es waren weniger Vorurteile, die uns bisher beeinflusst haben, sondern eher Unwissenheit. Viele Informationen, die wir erhalten haben, haben uns zutiefst schockiert und bei uns die Frage aufgeworfen, warum das alles nicht allgemein bekannt ist und öffentlich angeprangert wird.

Zum Beispiel haben wir erfahren, warum man bei obdachlosen Menschen oft ein amputiertes Bein sieht. Uns ist bewusst geworden, dass wir das zuvor oftmals unbewusst wahrgenommen haben, aber uns nie die Frage nach dem Warum gestellt haben. Wir haben die Antwort von der Krankenstube der Caritas [*], zu der wir eine Exkursion gemacht haben, erhalten:

Es kommt vor, dass obdachlose Menschen, die keine Krankenversicherung haben und mit einem schwer entzündeten Bein ins Krankenhaus kommen, von den dortigen Ärzten vor die Wahl gestellt werden: Bein amputieren oder gar keine Behandlung. Der Grund hierfür ist, dass eine Notfallbehandlung, die mit der Verabreichung von Medikamenten, regelmäßigem Verbandswechsel etc. möglich wäre, sehr kostspielig ist. Da der Patient keine Krankenversicherung hat, müsste das Krankenhaus das Geld für ihn ausgeben. Da die Amputation des Beines für das Krankenhaus die leichtere und kostengünstigere Möglichkeit ist, ziehen sie eine Rettung des Beines, die häufig durchaus möglich ist, gar nicht in Betracht. [**]

Geschichten wie diese sind es, die uns entsetzt und gelehrt haben, in Zusammenhang mit Obdachlosigkeit nach dem Warum zu fragen: Warum werden Menschen obdachlos? Warum haben sie keine Krankenversicherung? Warum fängt der Sozialstaat obdachlose Menschen nicht auf? Warum dürfen obdachlose Menschen sich nur nachts in den Räumlichkeiten des Winternotprogramms aufhalten, obwohl die Gefahr des Erfrierens auch tagsüber besteht?

2. Welcher Umgang mit dem Thema ist für uns angemessen?

Ein Umgang, der es wagt, die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Strukturen zu kritisieren – mit lauter Stimme. Ein Umgang, der obdachlose Menschen nicht zu selbstverschuldeten Opfern macht. Wir sollten uns empathisch verhalten und die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen, ihnen nicht ihre Rechte absprechen. Trotzdem ist es wichtig, seine Stimme für obdachlose Menschen zu erheben, wenn sie es gerade nicht können. Wenn wir mit Freunden oder Familie über Obdachlosigkeit gesprochen haben, sind wir häufig mit Vorurteilen konfrontiert worden. Dadurch, dass wir nun selbst in Kontakt mit obdachlosen Menschen waren, tangieren uns diese Vorurteile und wir versuchen, die Sicht der Betroffenen in den Fokus zu rücken.

3. In welche Position begeben wir uns als Studierende der Universität Hamburg, die im Rahmen eines Seminars in dem Winternotprogramm arbeiten werden?

Im Prinzip haben wir uns in die Rolle von passiven Beobachterinnen begeben. Gerne wären wir aktiver gewesen, hätten tatsächlich helfen können. Aber letztendlich konnten wir mangels Ausbildung und Erfahrung nicht mehr machen, als den obdachlosen Menschen mit Freundlichkeit, einem Lächeln und Wohlwollen zu begegnen – und wir glauben, dass das oft schon gereicht hat. Meistens hat uns diese Passivität allerdings zugesetzt, z.B. wenn uns jemand seine Probleme geschildert hat, konnten wir nur verständnisvoll zuhören und aufmunternde Worte erwidern, aber wir konnten nichts unternehmen, denn dafür waren die Sozialarbeiter/-innen zuständig.

Mit diesen Antworten möchten wir mit dem Projekt abschließen –  auch wenn uns das Thema Obdachlosigkeit sicherlich auch weiterhin begleiten wird.

[*] Interessanter Beitrag über die Hamburger Krankenstube der Caritas im DLF: “Einzige Pflegestation für Obdachlose. Zu uns kommen Menschen mit eingewachsenen Socken

[**] Übrigens: einen interessanten Beitrag zu vorschneller Amputation in Deutschland – unabhängig von Krankenversicherung oder Obdachlosigkeit, hat 2015 der SWR2 gesendet: “Bein ab ohne triftigen Grund. Leichtfertige Amputationen in Deutschland“.

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